Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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XAVER LÖHNER UND SEINE GEWERKSCHAFT
Xaver Löhner, 38, ist Mitglied der IG Metall. Vollmitglied schon
fast 20 Jahre. So lange läßt er regelmäßig den Beitrag vom Lohn-
konto abbuchen. Dieses Verfahren haben die mal eingeführt, um die
Beitragsmoral zu stärken, wie sie sagten. Aber schon vorher war
er bei der Gewerkschaftsjugend dabei. Das kam so: Der Meister hat
zu ihm gesagt, er sei doch ein heller Kopf. Ob er sich nicht en-
gagieren wolle. Die IG Metall sei eine große Organisation und
könne was für die Lehrlinge tun. Traditionsgemäß würden die mei-
sten Lehrlinge dieses Betriebs zur Gewerkschaftsjugend gehen. Der
Pauli sei auch jüngst erst eingetreten. Da könne man sich bilden,
habe Geselligkeit und lerne gleichaltrige Kollegen kennen und
wisse, wo man wäre. Eine gute Sache sei's auch, denn die Arbeit-
nehmer müßten zusammenhalten und solidarisch sein, sonst machten
die Bonzen mit ihnen, was sie wollten... Ungefähr so ähnlich war
es dann auch bei der Gewerkschaftsjugend. Feten gab's immer mal
wieder. Auf ein paar Bildungsseminaren am Wochenende hörte Xaver
zum ersten Mal von Ausbeutung und daß die Unternehmer nur auf
Profit aus seien; daß dagegen nur Kampf um gerechten Lohn und er-
trägliche Arbeitsbedingungen etwas helfe; daß nur die Gewerk-
schaft diesen Kampf konsequent führe. Xaver erfuhr von der mühe-
vollen Geschichte der Gewerkschaft, aus der sie aber fast immer
gestärkt hervorgegangen sei. Ihm wurde die Gliederung des DGB er-
klärt und was dieser seit Kriegsende alles geleistet habe. Das
konnte und könne er aber nur, wenn die Arbeitnehmer solidarisch
seien. Das Wort 'Solidarität' kam überhaupt sehr oft vor. Klar,
Probleme der Jugend, der Lehrlinge wurden auch diskutiert. Einmal
ging es sogar über die gesellschaftlichen Gründe für die unglei-
che Behandlung von Mann und Frau. Xaver ist sogar aktiv geworden,
hat an drei bis vier Demonstrationen teilgenommen und Papperl für
die 1. Mai-Kundgebung gemalt: "Wenn wir dem Meister Semmeln ho-
len, bleibt uns die Ausbildung gestohlen." Oder Ungereimtes: "Für
eine qualifizierte Ausbildung." Na ja, das ist für Xaver Löhner
lange her und längst vorbei. Mitglied der IG Metall ist er noch,
aber sonst! Das hat er bald rausgekriegt, wie der gewerkschaftli-
che Laden läuft, damals, als er, nachdem er in der Jugend wär,
mit 22 einen Job bei einem anderen Betrieb fand, wo ihm schon im
Personalbüro der Betriebsrat erzählte, daß 60% der Belegschaft in
der IG Metall seien, obwohl Xaver ihn gar nicht danach gefragt
hatte. Also war Kollege Löhner jetzt selbstverständlich gewerk-
schaftliches Vollmitglied. Die dafür noch notwendigen Lernpro-
zesse hat er nach 1 bis 3 Monaten voll mitgekriegt. Hatte er bei
der Gewerkschaftsjugend gelernt, daß gewerkschaftliche Betriebs-
räte und Vertrauensleute die überaus wichtige Vertretung der Ar-
beitnehmerinteressen vor Ort in die Hand nähmen, so mußte er
jetzt feststellen, daß sich seine Gewerkschaft im Betrieb vor al-
lem dadurch auszeichnete, daß sie nicht in Erscheinung trat. Als
Xaver damals seine noch naive Vorstellung einem Kollegen mit-
teilte, man dürfe sich den Dreck und Krach in der Halle nicht
länger gefallen lassen und müsse dagegen etwas tun, bekam er von
diesem nur einen ungläubigen Blick zurück. Später erfuhr Xaver
dann, daß der Kollege ein Vertrauensmann war.
Beim Betriebsrat ist Kollege Löhner nur zweimal gewesen, um sich
über irgendetwas zu beschweren. Das erste Mal bekam er zur Ant-
wort: "Da können wir nichts machen, da haben wir keine rechtliche
Handhabe." Beim zweiten Mal war der Betriebsrat schon richtig un-
gehalten: "So viel zu tun... ...wenn wir uns um alle Querulanten
kümmern wollten." Ach so, dachte Xaver, der Betriebsrat ist gar
keine Beschwerdeinstanz. Inzwischen weiß Xaver Löhner, daß ein
starker gewerkschaftlicher Betriebsrat in seinem eigenen Büro
sitzt, mit der Firma über wichtige und unwichtige Dinge einver-
nehmlich oder nach vielen härten Verhandlungen Vereinbarungen
trifft und damit auf Betriebsversammlungen angibt, wie sehr er
sich um das Beste für die Arbeiter und Angestellten bemüht habe.
Obwohl übrigens die Betriebsversammlungen immer gleich ablaufen -
die Betriebsleitung lobt die Belegschaft und sagt, welche Maßnah-
men unumgänglich sind; der Betriebsrat gibt an mit seinen Lei-
stungen und ein wenig Kritik am Management der Firma; ein herge-
holter Funktionär der Gewerkschaft ruft zu gewerkschaftlicher So-
lidarität auf und redet dazu unverständliches Zeug von struktu-
reller Arbeitslosigkeit oder dem Dilemma gewerkschaftlicher
Kampfbedingungen - geht Xaver Löhner doch meistens hin. Und je-
desmäl ärgert er sich nachher, weil er geglaubt hatte, doch etwas
Neues, für ihn Wichtiges über den Gang des Betriebs zu erfahren.
Nun gut, auf jeden Fall weit Xaver Löhner über seinen starken ge-
werkschaftlichen Betriebsrat Bescheid. Bei zwei Anlässen rechnet
Xaver schon damit, daß der BR rühriger wird: Wenn größere Entlas-
sungen anstehen, verbreitet der sein Gejammer über die schlimme,
aber jetzt nicht mehr zu umgehende Arbeitslosigkeit, vielleicht
sogar auf einer extra Versammlung vor dem Fabriktor. Vor allem
aber vor den Betriebsratswahlen legt er los und versucht zu be-
weisen, wie sehr die Belegschaft starke gewerkschaftliche Be-
triebsräte braucht. - Vertrauensleute erkennt Xaver Löhner inzwi-
schen so: 1. überhaupt nicht; 1. vor Betriebsratswahlen; 3. weil
sie die Zeitung der IG Metall auslegen, die Xaver nicht liest. Er
kann damit nichts anfangen. Was hätte seine Gewerkschaft ihm auch
schon Wichtiges mitzuteilen? Daß noch mehr Solidarität vonnöten
ist; daß deutsche Unternehmer immer schlechter wirtschaften und
ihr Geld in Steuerparadiesen anlegen; daß Kohl nichts gegen die
Arbeitslosigkeit tut; daß die Fußballer für ihr Geld zu wenig
leisten...?
Trotzdem weiß Xaver Löhner, was er seiner Gewerkschaft schuldig
ist. Fast jedes Jahr ist er zur Maikundgebung gelatscht, nicht
mit Transparenten in der extra Demo der Metaller zum Kundgebungs-
platz, aber er ist hingegangen. Das gehört sich, sagt sich Xaver.
Nur einmal, da lag der 1. Mai auf einem Montag, ist er mit Fami-
lie für drei Tage aufs Land gefahren und hat auch nicht gerade
ein schlechtes Gewissen bekommen. Auf der Maikundgebung interes-
siert ihn ein wenig, welcher Politiker von der SPD da ist und ob
der gute Klöpse gegen die Schwarzen landet. Da klatscht Xaver
schon mal. Ansonsten ist es gut, daß die Sache auch wieder rum
ist: Ach, sieh da, der Dings ist auch hingekommen. Der Brandt war
letztes Jahr besser. Wieviel sind eigentlich insgesamt hier auf
dem Platz, mehr als letztes Jahr? Hallo Ernstl, auch hier? Ernstl
verkauft Maiabzeichen, ist also auch ein Vertrauensmann, denkt
Xaver insgeheim.
Letztes Jahr hat Xaver Löhner seinen ersten ordentlichen Streik
mitgemacht. Nun ja, besonders fest hat er nicht daran geglaubt,
daß eine Arbeitszeitverkürzung der Arbeitslosigkeit abhilft.
Schon gar nicht hat er drauf gehofft, daß er selbst einen Batzen
mehr Freizeit bekommt. Er selbst ist ja auf die Forderung dieser
Tarifrunde auch gar nicht gekommen. Aber wenn die Gewerkschaft
zum Streik aufruft, da heißt es zusammenstehen. Wenn die Unter-
nehmer so hart bleiben und hart zurückschlagen - das lassen wir
uns nicht gefallen bzw. da müssen wir unserer Gewerkschaft den
Rücken stärken. Xaver Löhner sind zwei Dinge aus diesem Arbeits-
kampf irgendwie sitzengeblieben, also die hat er noch nicht ganz
vergessen: Einmal wurde in seinem Betrieb - dieser war nicht un-
mittelbar vom Streik betroffen - zwischen 12 und 13 Uhr zum Soli-
daritäts-Warnstreik aufgerufen. Da hat er um 12 seine Kollegen
angeschaut, diese haben sich angeschaut, und sie sind zögerlich
nach draußen gelatscht. Dort standen sie rum, ein Gewerkschafts-
funktionär hat auf die bösen Praktiken der Metall-Industriellen
schwer geschimpft, Rechtsbruch und so. Um 13 Uhr liefen die Bän-
der wieder Xaver Löhner kam sich bei dieser Aktion ziemlich blöd
vor. Dann hat Xaver Löhner an einem Samstag vor einem Kaufhaus
Flugblätter verteilt, worin die Bevölkerung um Verständnis gebe-
ten wurde für den Streik. Zufällig kam die Frau eines besseren
Bekannten (mit dem man öfter einen säuft) vorbei. Sie hat den
Streik-Aktivisten Xaver gesehen. Da hat sich Xaver Löhner ge-
schämt. Über den Rest hat er sich schon nicht mehr gewundert: daß
seine Gewerkschaft das Arbeits-Kampf-Ergebnis doch noch als Er-
folg ausgibt na, das müssen die wohl so machen; daß schon wieder
eine Lohnsenkung rausgekommen ist - wär wohl nicht mehr drin, ein
paar mehr freie Tage im Jahr sind ja auch nicht schlecht...
Solche Höhepunkte im Leben des Gewerkschaftsmitglieds Xaver Löh-
ner kommen natürlich nicht so oft vor. Aber mitbekommen von sei-
ner Gewerkschaft tut er so gut wie jeden Tag etwas, in Presse,
Funk und Fernsehen. Da wundert er sich schon oder wundert er sich
nicht mehr? -, wenn der etwas hölzerne, quasi postalische, DGB-
Vorsitzende Breit die 33. Ruhrfestspiele eröffnet und ein paar
gescheite Sätze über den Zusammenhang von Arbeit und Kultur dre-
xelt. Genaugenommen kann Xaver Löhner damit nichts anfangen, aber
er meint wohl, daß Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, wie
der Breit einer ist, so etwas wohl machen müssen. Da kriegt Xaver
Löhner mit, daß der halbe Vorstand seiner IG Metall mit Bangemann
in Japan war und dort weltpolitische Äußerungen getan hat, die
Bangemann nicht besser hätte tun können. Fragt Xaver Löhner noch,
was seine gewerkschaftlichen Vertreter eigentlich in Ostasien zu
suchen haben?
Oder beim Kohl, dem sie doch so vehement vorwerfen, er täte
nichts gegen die Arbeitslosigkeit? Xaver Löhner hat sich längst
damit abgefunden, daß die Gewerkschaft in die höhreren Sphären
der Politik gehört. Manchmal fällt es ihm auf, daß es ihm schwer-
fällt, seine Gewerkschaftsfunktionäre in Gestalt und Wort von den
Politikern in der TV-Runde zu unterscheiden - es sei denn er
kennt sie alle genau. Den Steinkühler kennt er zwar, seine schul-
terklopfenden markigen Sprüche für die Kollegen Metaller findet
er gut, aber seine psycho-soziologischen Windungen und Wendungen
(Klar, Respekt, das könnte Xaver Löhner nicht!) in der Talk-Show
hält er dann doch für ziemlich affig bzw. er kann nichts damit
anfangen.
Xaver Löhner ist eben ein ganz normales Mitglied seiner IG Me-
tall, so, wie ihn seine Gewerkschaft gut gebrauchen kann.
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