Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 51, 08.02.1982
Der Veranstaltungskommentar
DGB: POLITIK AUF KOSTEN DER ARBEITER
Dies war das Thema der Diskussionsveranstaltung der MG in der gut
besuchten Stadthalle. Die deutsche Gewerkschaft, so die These im
Vortrag
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will ihre Mitglieder, die ihren Lebensunterhalt durch Arbeit für
Lohn verdienen müssen, nicht dagegen schützen, daß Staat und Ka-
pital den Lohn als Selbstbedienungsladen benutzen und mit der Ar-
mut die Arbeiter zu ruinösen Leistungen erpressen. Dabei handelt
es sich nicht um eine Panne. Vielmehr sieht der DGB seine Aufgabe
in einer Politik, deren Ziel heute "Beschäftigung" heißt. Be-
schäftigung, und nicht etwa das Geld zum Leben, soll den 1,9 Mil-
lionen Arbeitslosen fehlen. Geld o h n e Arbeit ist dieser Or-
ganisation ein Übel. Das Umgekehrte weniger: Arbeit mit
Lohn v e r l u s t verträgt sich für diesen Verein sehr wohl -
weil es der Wirtschaft gut bekommt, was dem Arbeiter das Leben
schwer macht. Wo die Gewerkschaft für "Arbeit" eintritt, ist de-
ren Erträglichkeit und Einträglichkeit f ü r d i e
A r b e i t e r daher auch nicht ihr Maßstab. Bei Videocolor in
Ulm hat die Gewerkschaft sogar einen Streik in die Knie gezwun-
gen, mit dem eine Belegschaft den Verlust ihres Einkommens durch
Betriebsstillegung abwehren wollte. Die IG Metall hat zuerst den
Leuten das Streikgeld verweigert, dann den Entlassungen zuge-
stimmt, weil sie darüber mitbefinden durfte, daß sich f ü r
d e n B e t r i e b die weitere Beschäftigung nicht so sehr
lohnt. Unter dem Titel "Beschäftigung" sorgt sich der DGB darum,
daß sich für das Kapital die Ausbeutung lohnt, und opfert dafür
das Einkommen seiner Mitglieder, dessentwegen sie überhaupt auf
Arbeit angewiesen sind.
Die Diskussion
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Einige der ca. 900 Besucher widersprachen. Sie führten die Abhän-
gigkeit der Arbeiter von der Wirtschaft dafür an, um zu begrün-
den, daß Arbeiter und ihre Organisation ihre Interessen nicht ge-
gen das Kapital durchsetzen dürften.
- Es lohnt nicht, höhere Löhne durchzusetzen, weil dann die
Preise steigen müssen. (Lohn-Preis-Spirale)
Erstens: Nicht nur bei den Löhnen, auch bei den Preisen bekommen
Lohnarbeiter ihre Abhängigkeit vom Kapital zu spüren. Ergebnis
von beidem in den letzten Jahren: Reallohnsenkung. Zweitens: Des-
halb stimmt der behauptete Zusammenhang, höhere Preise würden
durch höhere Löhne erzwungen, schon gar nicht. Höhere Löhne mögen
ein Abzug vom Profit sein. Dann hat ein Arbeiter im Geldbeutel,
was vorher der Unternehmer in der Brieftasche hatte. Kein einzi-
ger Preis ist d a d u r c h gestiegen! Außer dem Lohn. Aber das
sollte er ja auch. Zu höheren Warenpreisen fährt das nur, wenn
die Unternehmer sich ihren Profit nicht nehmen lassen, sondern
bei den Preisen zulangen. Drittens: Das tun sie immer, ganz ohne
gestiegene Kosten, ja sogar bei sinkenden Löhnen. Sie kassieren
für ihre Waren, was sie kriegen können und langen da am meisten
zu, wo sie den Kunden damit erpressen können, daß er diese Ware
braucht, beim Lebens n o t w e n d i g e n eines Arbeiters also
auf jeden Fall. Komisch: Die Arbeiter und der DGB glauben bei den
Preisen der U n t e r n e h m e r an ein Gesetz, das sie sich
selbst nicht zubilligen. Die Löhne, die Preise der
A r b e i t e r, "müssen" wohl gar nicht steigen, wenn die Ko-
sten fürs Leben gestiegen sind?! Und schon gar nicht wollen die
Arbeiter verfahren wie die Unternehmer: So viel Lohn herauszuho-
len, wie es geht, und die Unternehmer damit erpressen, daß sie
die Arbeit brauchen!
- Es schadet, höhere Löhne durchzusetzen, weil dann das Geld für
Arbeitsplätze fehlt. (Lohn-Arbeitsplatz-Spirale)
Erstens: Sinkende Löhne bei den Arbeitenden und eine wachsende
Zahl von Leuten ganz ohne Verdienstquelle, so sieht die Abhängig-
keit der Arbeiter von der Profitproduktion aus. Zweitens: Schon
deshalb kann die behauptete Spirale nicht stimmen. Weder haben
steigende Löhne den Unternehmern Geld weggenommen, das sonst zum
"Arbeitgeben" eingesetzt worden wäre; noch haben die Unternehmer
Geld, das ihnen die Reallohnsenkungen eingespielt haben, in Ar-
beitsplätze und Lohn für mehr Leute gesteckt. Drittens: Geld
fehlt den Unternehmern gar nicht. Sie investieren laufend in die
Rationalisierung ihrer Arbeitsplätze. Sie sparen sich Löhne von
Leuten, die sie rauswerfen, und holen sich die gewinnbringende
Arbeit von den Verbleibenden. Dafür kaufen sie neue Maschinen
und/oder verändern den Produktionsgang. Ihre Rechnung ist ganz
einfach: die Kosten für die Rationalisierung müssen von der Loh-
nersparnis und dem Mehr an profitabler Arbeit der Verbliebenen
übertroffen werden. Viertens: Schenkt ihnen die Gewerkschaft noch
Lohnsenkungen drauf, umso besser. Arbeiter mit niedrigem Lohn
sind für billige Zuschläge dafür zu haben, Überarbeit zu leisten.
Da braucht man schon gar keine neuen "Lohnempfänger" einzustel-
len. Die kostenlose, aber wirksame Drohung mit den Arbeitslosen,
die es noch billiger machen, tut noch das ihre. Und in Geldnöte
für weitere Rationalisierungsmaßnahmen kommt der Betrieb schon
gar nicht.
Warum kommt kein Arbeiter auf die Idee, mit seiner Arbeit so zu
kalkulieren, wie die Unternehmer mit ihren Arbeitsplätzen: die
gibt es nur, wenn sich die Sache lohnt?!
- Wenn die Personalkosten steigen, gibt es kein Wachstum und am
Ende wird die Wirtschaft ruiniert, von der wir alle abhängen.
Erstens soll man sich also sagen: o h n e das Florieren der
Wirtschaft kann der Arbeiter seinen Lebensunterhalt schon gar
nicht verdienen. An den kommt er ja nur heran, wenn er vom Kapi-
tal für dessen Wachstum in Zahlung genommen wird. Zweitens: Damit
sich das Kapital den Lohn leistet, den andere brauchen, muß er
wie alle anderen unproduktiven Ansprüche der Arbeiter niederge-
macht werden. Eine schöne Logik: um sich die Wirtschaft als Be-
dingung für sein Einkommen zu erhalten, müssen alle Ansprüche
a u f g e g e b e n werden, für deren angebliche Erfüllung man
sich um das Wohl der Wirtschaft sorgen soll. Drittens: schöner
kann man den G e g e n s a t z von Wachstum des Kapitals und
Wohlstand des Einzelnen kaum aussprechen. Viertens: was der här-
teste E i n w a n d gegen die Lohnarbeit ist, daß man mit ihr
für den Reichtum des Kapitals arm und deswegen fleißig bleibt,
gilt hierzulande als Bekenntnis zu ihr. Auch das ist eine heraus-
ragende Leistung der Gewerkschaft. Was nach eigenem Beschluß für
die Wirtschaft alles unbekömmlich bis unverträglich ist, das ver-
tragen die Arbeiter auf jeden Fall: höhere Kosten (durch gestie-
gene Löhne), das verträgt die Wirtschaft nie. Höhere Kosten
(durch gestiegene Preise und erhöhten Verschleiß), das hat ein
Arbeiter auf jeden Fall zu vertragen. Denn das ruiniert ja keinen
Geschäftsaufschwung sondern bestenfalls die Existenzgrundlage ei-
nes Menschen.
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