Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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Reichsbahnstreik in Westberlin
VIEL FEIND, VIEL EHR
"Wir sind von allen verlassen worden", ist das ziemlich bittere
Fazit der streikenden Eisenbahner, welche an ihrem Leibe die un-
angenehme Kombination von Ostberliner Arbeitgeberschaft und frei-
heitlicher Westberliner Senatsverwaltung zu spüren kriegten ohne
daß sie sich über diese anders als in diesem bitteren Fazit Klar-
heit verschaffen wollten. Resultat des nahezu zweiwöchigen Ar-
beitskampfes ist die Besiegelung exakt dessen, was er abwehren
sollte: Kündigungen, Lohnausfall mit gedrohten Kürzungen von Zu-
lagen wie Weihnachtsgeld etc.; von Erfolg kann keine Rede sein.
Gezeigt hat die
Reichsbahn
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im Umgang mit ihren (Fremd-)Arbeitern, daß der "einzige soziali-
stische Betrieb Westberlins", gezeichnet "der Arbeiter- und Bau-
ernstaat", im Umgang mit Arbeitern keine Hemmungen kennt, das ka-
pitalistische Argument mangelnder Rentabilität ganz im Sinne sei-
ner Erfinder zu praktizieren: mehr Leistungen für weniger Lohn,
durchgesetzt durch Einsparung von Fahrpersonal, wo sein Einsatz
nicht lohnt, Streichung von Nachtschichten und Überstunden, um
sie andernorts einzuführen, und das alles ohne Rücksicht darauf,
welche Nöte dies den Bahnern neben dem eh schon niedrigen Lohn
beschert. Aufgeräumt hat die Reichsbahn mit dem alten Reichsbah-
nerglauben, daß lange Betriebszugehörigkeit über Generationen
hinweg vor i h r e n Kalkülen, sprich Entlassung schützt, und
die Ideologie widerlegt, sie mache sich irgendwie von dem Ge-
schick der Rangierer und Lokfahrer abhängig. Wohlvertraut zeigte
sich die Reichsbahnleitung mit allen Finessen der Streikniederbü-
gelung und des Streikbruchs: Auswechselung des Fahrpersonals bei
der S-Bahn, Einsatz von Bahnpolizei und Transportkriminalpolizei,
Lohnauszahlung nur bei Rückgabe des Dienstbuches, fristlose Ent-
lassungen und sehr unbürokratische, gar nicht staatsozialistische
Umleitung des Personenverkehrs über Ostberlin. Die dazugehörige
Ostberliner Hetze, die streikenden Arbeiter wären Terroristen und
Kriminelle (gegen den Arbeiterstaat Streikende können gar keine
richtigen Arbeiter sein), mit denen ganz gemäß westlicher Staats-
und Bürgerlogik keine Verhandlungen zu führen sind, machte die
Reichsbahnverhandlungsposition unmißverständlich klar - und aus-
gerechnet d i e s e r Vorwurf hat die Eisenbahner so sehr in
ihrer Ehre verletzt, daß sie mit der DDR gar nicht mehr verhan-
deln wollen. Die Westberliner Journalisten jedenfalls wußten
gleich, wie dieser Vorwurf mit den Terroristen gemeint war: näm-
lich als Methode der Arbeitskampfführung. In Sachen Kommentierung
von Arbeitskämpfen gewieft, fällt ihnen gleich ein, daß die Me-
thoden der Reichsbahn "frühkapitalistisch" sind. Mit diesem Plä-
doyer für moderne Klassenkampfführung haben sie nicht nur im Sy-
stemvergleich einen Punkt gewonnen - sondern überdies dem Streik-
management des Westberliner Senats bestens vorgearbeitet.
Der Westberliner Senat
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hat im Einvernehmen mit der Presse so tiefes Einverständnis mit
den streikenden Arbeitern zu zeigen gewußt, daß kein Streikender
auch nur auf die Idee kam, er sollte Streikgeld zahlen, statt die
LKW's und Panam-Tickets zur Abwicklung des Verkehrswesens zu fi-
nanzieren. Stobbe hat diesen Arbeitskampf in bewährt antikommuni-
stischer Manier ausgeschlachtet - Tenor: Das hat man davon, wenn
man einen kommunistischen Arbeitgeber hat, und d e s h a l b
sind die Eisenbahner sehr zu bedauern. Die Problematik der
"geteilten Stadt" kam schwer ans Tageslicht, in Ansehung der vom
Streik am Güterbahnhof überhaupt nicht tangierten Lebensmittel-
versorgung der Stadt betonte Bürgermeister Stobbe, daß e r
d i e L a g e unter Kontrolle habe. Die gesamte Presse stimmte
in die fiktive Beschwörung von Blockadezeiten ein, so schlimm sei
es gottlob n o c h n i c h t (auch eine Art, den Streikenden
eine Warnung auszusprechen), und demgegenüber war der drohende
Verlust der beruflichen Existenz der Eisenbahner, noch dazu von
den Ostlern verursacht, ein typisches B e r l i n s c h i c k-
s a l. So hat der Herr Bürgermeister, flankiert von der
Westberliner Presse das Argument Nr. 2 vorbereitet, daß er
bitteschön in diese Sache nicht hineingezogen zu werden wünscht.
An i h n Forderungen zu stellen ist realitätsblind und tatsa-
chenfremd, so daß sich die Arbeiter mit ihrer "Umwandlung von
sozialen in politische Forderungen" s e l b s t ins Abseits
gestellt haben. Die streikenden Arbeiter haben verstanden, wie es
gemeint war. Der ideologische Erfolg, nach Polen zumal, gegen
DDR-Arbeitgeber zu streiken, war nach ein paar Tagen
eingestrichen, die Karten im Westberliner Bahnpoker mit der DDR
um eine Kostenbeteiligung am Defizit der S-Bahn neu gemischt, -
das zur politischen Seite dieser "ganz normalen, tarifpolitischen
Auseinandersetzung". Da hält sich der Senat ganz heraus. Nun, die
streikenden Bahner waren enttäuscht und genau das d u r f t e n
sie sein, Motzen war e r l a u b t, schließlich sind wir ja im
freien Westen. Und da beschimpft man seine streikenden Bürger
nicht als Terroristen, sondern erzählt ihnen, daß man das, was
man gar nicht w i l l, gar nicht k a n n. Was hat nicht der
Senat schon seit Jahren an Sorgen mit der S-Bahn (hier darf kei-
nem einfallen, daß der Senat im Verbund mit der Presse und DGB
gegen die S-Bahnbenutzung gehetzt hat), die Rechtslage bindet ihm
die Hände, - und überhaupt sind da doch die Alliierten.
Vom Bankett der hohen Politik aus betrachtet konnte dann auch
schon kein Eisenbahner mehr auf Helmut Schmidt, Bundeskanzler,
sauer sein. Helmut Schmidt hatte zu Beginn des IG-Metall-Kongres-
ses in Berlin staatsmännisch verlauten lassen: "Wir üben keinen
Druck aus, auf wen auch immer", und mit dieser Gelassenheit zu
erkennen gegeben, daß Brechung des Streikwillens durchaus zum Re-
pertoire demokratischer Staatsführungskunst gehört, in diesem
Falle aber gar nicht opportun ist. Er wollte der Illusion Einhalt
gebieten, s e i n e staatlichen Kalküle im normalen erpresseri-
schen Umgang mit der DDR, die er als Bundeskanzler so betreibt -
allgemein in Bestrebungen, den "Menschen hüben wie drüben Er-
leichterungen zu verschaffen" getauft - würden sich von den erbo-
sten Eisenbahnern beeinflussen lassen, und verstand es sehr sou-
verän, die Bewältigung des Arbeitskampfes als Prüfstein der Ver-
tragstreue der DDR einzusetzen. Es bleibt als Frucht der SPD-Ent-
spannungspolitik zu loben, daß die DDR "ihre vertraglichen Ver-
pflichtungen im Zusammenhang der Beeinträchtigung des Transitper-
sonenverkehrs durch den Streik" eingehalten hat, wofür i h n
nicht zu bekümmern braucht, daß diese Einhaltung mit ziemlich rü-
dem Polizeieinsatz und Rücksichtslosigkeit gegen die Streikenden
zusammenfällt. Denn R u h e u n d O r d n u n g der Unterta-
nen, als Voraussetzung für das Gerangel der Regierenden muß bei
aller verständnisinnigen Betrachtung der Eisenbahnersorgen ge-
wahrt bleiben - und in diesem Punkt sind sich die Alliierten, der
Senat, die Bundesregierung, die DDR samt Reichsbahn einig.
Die Alliierten
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im Allgemeinen und in Gestalt des britischen Offiziers "Mr. Hen-
essy" im Besonderen haben festgestellt, daß gemäß der Rechtslage
der Einsatz der Bahnpolizei gegen die Streikenden rechtens ist,
die Besetzung des Containerbahnhofes an der Heidestraße umgekehrt
illegal. Sie haben deshalb die Streikenden höflich gebeten, sel-
bigen zu räumen und zur Unterstreichung dieser Bitte den Contai-
nerbahnhof mit ansehnlicher Westberliner Polizei umstellt. Die
Eisenbahner haben Besonnenheit gezeigt. Sie wollten sich schließ-
lich zuallerletzt von den Westagenturen als Terroristen beschimp-
fen lassen, haben zähneknirschend den Containerbahnhof geräumt -
und damit ihr letztes Druckmittel gegen die Reichsbahn aufgege-
ben. Sie haben sich nicht entblödet, der Westberliner Polizei für
den Geleitschutz ihrer Demonstration durch nachttote Schering-
und Bewag-Betriebsgebäude zu d a n k e n, sich von ihnen ein
Mikrophon geliehen und bis zum Schluß glauben wollen, daß die
Bahnpolizei mit ihren zwanzig Mann auf den Gleisen, die einer ge-
sehen haben will, den Bahnhof stürmen wollte, und das Riesenar-
senal Westberliner Polizei zu ihrem höchstpersönlichen Schutz vor
der Bahnpolizei aufgefahren worden ist.
Das Fazit
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der Eisenbahner, "wir sind von allen verlassen worden", stimmt
also überhaupt nicht. Als d e u t s c h e Arbeitnehmer sind sie
gegen ein f e i n d l i c h e s Regime in den Streik getreten
und haben darauf gesetzt, daß die offizielle P o l i t i k ge-
gen den Hauptfeind des freien Westens ihnen bei der Durchsetzung
ihrer ö k o n o m i s c h e n Forderungen hilft. Den Jubel über
den Streik in Polen, den die westliche Presse angestimmt hatte,
hat wohl so mancher Reichsbahner mit Sympathie für Arbeiterinter-
essen verwechselt. Getäuscht haben sie sich bis zuletzt darin,
daß die in Westberlin besonders gepflegte Feindschaft gegen den
Osten ihnen in irgendeiner Weise nützen könnte. Stattdessen sind
sie für diese Feindschaft b e n u t z t worden. Und daß sie da-
mit einverstanden zu sein haben, diese letzte "bittere Wahrheit"
haben die Eisenbahner zu ihrem moralischen Erfolg gemacht.
Die Westberliner Bevölkerung, so das Fazit der Streikleitung am
Weddingplatz, weiß endlich,
- daß "wir keine Kommunisten sind". "Wir können uns sehen lassen
und gehen mit geradem Rücken aus diesem Streik hervor", womit die
Streikleitung die m a t e r i e l l e n G r ü n d e ihres
Streiks gegen die Reichsbahn zu einem bloßen Anlaß herunterge-
wirtschaftet hat, der Bevölkerung mal zu zeigen, daß sie auch was
gegen die DDR hat (worauf die Westberliner Bevölkerung bekannt-
lich schon seit 1961 wartet, als sie mit dem Spruch im Herzen,
jeder Pfennig für die S-Bahn ist ein Millimeter Stacheldraht an
der Mauer, die S-Bahn gemieden hat wie der Teufel das Weihwas-
ser);
- der DDR haben die Reichsbahner endlich gezeigt, daß man mit Ar-
beitern so nicht umspringen kann und sichergestellt, daß "niemand
mehr zur Reichsbahn geht" - man kann also gespannt sein, ab wann
die jetzt gefeuerten Eisenbahner die verbliebenen bzw. verblei-
benden Kollegen und Neuhinzukommenden ebenso als "Menschen zwei-
ter Klasse" behandeln, wie sie es kennen.
Daß sie sich von der getretenen Eisenbahner e h r e und deren
Schutz vor Ostberliner Hetztiraden auf den Westberliner Ar-
beitsämtern nichts kaufen können, das wissen sie selbst zur Ge-
nüge, aber gerade deshalb kommt es so verflucht auf diese an.
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