Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
zurück
GEWERKSCHAFTLICHE LEHREN AUS DREI MILLIONEN ARBEITSLOSEN
Die IG Metaller des VW-Betriebsrates liegen voll im Trend. Daß
man sich von angeblichen "Illusionen" in der Politik der
Arbeitsplatzsicherung zu verabschieden habe, ist inzwischen schon
gewerkschaftliches Allgemeingut geworden. Richtig angeben tun die
Gewerkschaftsfürsten mit ihren 'neuen Einsichten':
"Riester (Bezirksleiter der Stuttgarter IG Metall) sprach deut-
lich aus, daß die IG Metall nicht mehr wie bisher (!) jeden Ar-
beitsplatz und jede Branche auf Teufel komm raus verteidigen
wolle. ... Derartige Bereinigungen auf den internationalen Märk-
ten seien nicht aufzuhalten, auch nicht von der IG Metall, sagte
Riester." (Frankfurter Rundschau, 23.6.88)
Da deutet die IG Metall also auf die Arbeitslosen, die einfach
nicht weniger werden wollen, und 'schließt' ausgerechnet daraus
messerscharf, daß sich ihre Politik ab sofort n i c h t m e h r
an der Meßlatte der Sicherung von Arbeitsplätzen messen lassen
will. Das ist nur auf den ersten Blick verblüffend: Wer nämlich
meint, eine Gewerkschaft, die sich der Schaffung und dem Erhalt
von Arbeitsplätzen verschreibt, müßte doch eigentlich ihre An-
strengungen verdoppeln, wenn sie schon ihr 'Scheitern' konsta-
tiert, der kennt eben die IG Metall schlecht.
Das war's doch noch nie, was die Gewerkschaft getrieben hat: "auf
Teufel komm raus Arbeitsplätze verteidigen" zu wollen! Aber diese
Lüge macht sich gut bei ihrer selbstkritischen Diagnose. Die lau-
tet im Klartext: 'Wenn es immer mehr Arbeitslose gibt bzw. wir
den Arbeitslosen keine Arbeit beschaffen können, dann haben wir
doch ganz offensichtlich mit unserer Beschäftigungsforderung die
Betriebe total überfordert. Wie man an den Arbeitslosen sieht,
haben wir v o m Gewinn der Betriebe U n m ö g l i c h e s
v e r l a n g t, statt erst einmal alles Nötige f ü r den Ge-
winn zu tun.' Sie tut fast so, als habe sie sich mit ihrer Be-
schäftigungspolitik mitschuldig gemacht an den Entlassungen im
Stahl- oder Werftbereich.
Wie kommt sie denn da drauf?
----------------------------
Jahrelang hat die Gewerkschaft die kapitalistische Produktion von
Arbeitslosen mit der hoffnungsfrohen Parole begleitet, Gewinne-
macherei und Vermeidung von Arbeitslosen sei eigentlich aufs
Schönste v e r e i n b a r. Entlassungen seien nämlich völlig
u n n ö t i g, wenn nur eine a n d e r e V e r t e i l u n g
der vorhandenen Arbeit auf die Arbeiterklasse stattfinden würde.
Also hat die Gewerkschaft Arbeitszeitverkürzung zur "Umverteilung
der vorhandenen Arbeit" auf die Tagesordnung gesetzt. Dabei hat
sie immerzu beteuert, dies führe nicht zu Kostenerhöhung für die
Unternehmer, sondern sei ziemlich umsonst zu haben. Wer Gewinn
und Beschäftigung vereinbar machen will, der muß auf den Gewinn
auch R ü c k s i c h t nehmen.
Deshalb hat der Gewerkschaft umgekehrt auch die Unumgänglichkeit
von Entlassungen immerzu eingeleuchtet: Kaum konnte ein Betrieb
plausibel machen, daß der Rausschmiß von Leuten dem
"Betriebsergebnis" dienlich ist, hat auch die Gewerkschaft einge-
sehen, daß die geforderten Entlassungen sein müssen - zur Siche-
rung der verbleibenden Arbeitsplätze.
Mit ihrer Forderung, beim Gewinnemachen a u c h die
"Beschäftigung" zu b e r ü c k s i c h t i g e n, spricht die
Gewerkschaft ja offen aus, daß der Gewinn seinen Maßstab
n i c h t in der Beschäftigung von Arbeitern hat. Aber den
Schluß, dann eben den Lohn gegen den Gewinn zu verteidigen, den
wollte sie nicht ziehen. Ihr Urteil hieß schon immer umgekehrt:
Weil "Beschäftigung" ihr Maß im Gewinn hat, muß die Gewerkschaft
den Unternehmen e r m ö g l i c h e n, mehr Arbeiter lohnend zu
beschäftigen.
Auf diese Weise ist in schöner Zusammenarbeit von Kapital und Ge-
werkschaft eine Massenarbeitslosigkeit in Millionendimensionen
produziert und zur D a u e r e i n r i c h t u n g gemacht wor-
den.
Und was lernt die Gewerkschaft heutzutage aus diesem Resultat ih-
rer Politik?
Nur eines: Wenn das Gewinnemachen immer mehr Arbeitslose produ-
ziert, dann spricht das nicht etwa gegen das Gewinnemachen, son-
dern umgekehrt dafür, daß deutsche Unternehmer in ihren Betrieben
einfach z u w e n i g G e w i n n e m a c h e n k ö n n e n,
um die ganze nationale Arbeiterklasse zu beschäftigen! Arschklar
ist es ihr, daß sie nicht radikal genug gewesen ist in ihrer
Sorge um die besten Konkurrenzbedingungen für deutsche Betriebe.
Die IG Metall wird radikal
--------------------------
Warum ist es den Geschäftemachern - laut IG Metall - nun nicht
möglich, das gewerkschaftliche Beschäftigungsideal einzulösen?
Die können nichts dafür, sagt die IG Metall, und will auf
d e u t s c h e s Unternehmertum nichts kommen lassen. Die ande-
ren sind's, verkündet sie. Die Auslandskonkurrenz hat unsere be-
dauernswerten deutschen Betriebe in der Zange ("Wachstums-
schwerpunkte haben sich nach Japan und Südostasien verschoben",
"immer schärferer Verdrängungswettbewerb" herrsche, These 2)! Die
nationale Geschäftemacherei ist in Not, klagt sie. Beleg: Wenn
die Gewinne deutscher Unternehmer stimmen würden, gäbe es ja
keine Massenarbeitslosigkeit. Oder?
Deshalb denkt die Gewerkschaft bei "Beschäftigung" an durchschla-
gende nationale Kapitalstrategien, die "eine Bereinigung der in-
ternationalen Märkte" für d e u t s c h e s Kapital sichern und
damit den "Standort Deutschland" garantieren sollen. Wenn deut-
sches Kapital im Ausland investiert wird, zeigt das der IG Metall
also nur, daß in Deutschland die Verantwortlichen in Politik und
Gewerkschaft für den Gewinn zu wenig getan haben.
Vergessen muß man dabei allerdings die Wahrheit, daß es
e r f o l g r e i c h e r Profit ist, der den Unternehmern die
Mittel für Rationalisierungsmaßnahmen in die Hand spielt, mit
denen sie Lohnkostgänger überflüssig machen. Vergessen muß man
weiterhin, woher der "Verdrängungswettbewerb" auf dem Weltmarkt
kommt, als dessen armes Opfer die Gewerkschaft deutsche Unterneh-
mer hinstellen möchte. War es nicht in Deutschland
g e m a c h t e r Profit, der es deutschen Unternehmen erlaubt
hat, weltweit mit Standorten zu kalkulieren, also auf allen Märk-
ten der Welt einen "Verdrängungswettbewerb"
a u f z u m a c h e n? Das alles muß man eben vergessen, um aus
der Massenarbeitslosigkeit eine g e m e i n s a m e
B e d r o h u n g deutscher Konzerne und deutscher Arbeiter
durch die bösen Schlitzaugen in Japan ableiten zu können.
"Aus diesen Gründen" entnimmt die Gewerkschaft "stattgefundenen
Verlagerungen bei Opel und Ford nach Spanien und Großbritannien"
(These 4) ebenso wie den Plänen von VW, die Polo-Produktion nach
Spanien zu exportieren, einen einzigen beinharten Auftrag:
Ihre Macht, über die Arbeitsbedingungen der hiesigen Arbeiter-
klasse mitzuentscheiden, die muß einzig und allein dafür einge-
setzt werden, um den Standort BRD für das Geschäft deutscher Un-
ternehmer optimal auszustatten.
Woran es denen wohl fehlt, mag man sich da fragen. Die IG Metall
nicht. Sie hat eben untrügliche Zeichen dafür, daß der Standort
BRD Mängel in Sachen Ausbeutungseffizienz aufweist: Es gibt doch
wirklich deutsche Betriebe, die produzieren im Ausland oder dro-
hen das an. Eine saubere Logik, zu der die IG Metall sich hier
vorgearbeitet hat: Immer wenn die Kapitalisten sich neue Frech-
heiten im Umgang mit den Arbeitskräften herausnehmen wollen, ist
für die Gewerkschaft d a d u r c h bewiesen, daß sowas im In-
teresse der Standortsicherung längst ü b e r f ä l l i g war.
Würde VW sonst so etwas verlangen?
Und der Überlegung deutscher Kapitale, Profite im Ausland anzule-
gen, entnimmt die IG Metall nur, daß sie Lohn und Leistung immer
noch nicht genug zur Disposition der Unternehmerinteressen ge-
stellt habe. Diese Einladung zur Erpressung mit angedrohtem
Standortwechsel wird das Kapital sich kaum entgehen lassen!
Letztlich hat die Gewerkschaft damit für jede Forderung, die mit
dem Standort-Hammer daherkommt, einen Blanko-Scheck ausge-
schrieben.
Wie sichert man also den Polo-Standort?
---------------------------------------
Wenn also VW "droht", die Polo-Produktion nach Spanien zu verle-
gen, dann ist das für die IG Metall gar keine "Drohung", sondern
der Hinweis darauf, daß VW in Wolfsburg zu hohe Kosten hat -
sprich: zu viele Löhne in der Produktion. Dann ist die Schließung
ganzer Betriebsteile, die "unrentabel arbeiten", das Hinaus-
"Fluktuieren" von einigen tausend Beschäftigten, das ordentliche
Anziehen der Leistungsschraube usw. usf. ein n a t i o n a l e s
"M u ß" zur Erhaltung der nationalen VW-Standorte.
Nichts ist also blöder, als sich die Gewerkschaftsparole "Polo-
Standort sichern" in einen großen Haufen schöner und einträgli-
cher Arbeitsplätze zu übersetzen. Wenn der Polo hier und nicht
außerhalb Deutschlands zusammengekloppt wird, dann werden das
wohl Leute machen müssen. Aber erst dann, wenn VW von der Gewerk-
schaft grünes Licht in Sachen Lohn, Leistung und Entlassungen be-
kommen hat. Na und das hat das Werk ja nun bekommen, in Form die-
ses Blankoschecks. Jetzt wird es sich entscheiden, ob die
Standortverlegung sich unter den neuen Bedingungen noch rechnet.
Oder ob sich hier nicht noch mehr herausholen läßt. Dafür wird VW
die Entscheidung noch ein wenig offenhalten müssen.
Der VW-Arbeiter hat sich also zu entscheiden: Ist er ein Fan kon-
kurrenzloser deutscher Industriestandorte, dann darf er sich
nicht über die Kostensenkungeprogramme beschweren. Hat er gegen
diese etwas, dann darf er nicht auf die neue Erfindung der Ge-
werkschaft, mit der die zu (fast) jedem Anschlag des Konzerns auf
Lohn und Leistung Ja und Amen sagen will, hereinfallen.
zurück