Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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       Was ist eigentlich los, wenn...
       

...UNTERNEHMER SONDERPRÄMIEN ZAHLEN, DIE NIEMAND VON IHNEN VERLANGT HAT?

Denn einen Aufstand hat es nicht gegeben in den Konzernen, die jetzt ein paar Hunderter extra springen lassen und dazu "Nachschlag" sagen. Noch nicht einmal ein höfliches Anklopfen der Belegschaften bei ihren Chefs hat stattgefunden. Die Unternehmer haben von sich aus, ohne Not, ohne "Druck von unten", einen Son- derzuschlag geleistet - die eingefahrenen Gewinne geben es locker her, und außerdem stehen bis Weihnachten noch ein paar Samstags- Sonderschichten an; die sind mit dem "Nachschlag" auch gleich angekündigt. S o e i n s e i t i g ist hierzulande die Lohnfrage geregelt. Da bestimmen gleich a l l e s die Unternehmer - nicht bloß, was, wieviel, wie intensiv und wie lange gearbeitet wird, sondern auch, was es dafür an Geld gibt. Und die Lohnempfänger? Die sind sich offenbar viel zu gut, um auch bloß als gleichrangige P a r t e i anzutreten, dem Unter- nehmerinteresse i h r I n t e r e s s e e n t g e g e n z u- s e t z e n und Löhne durchzudrücken, die n i c h t gleich wieder an den "Lebenshaltungskosten" zuschanden werden. So unwichtige Sachen wie die Endsumme auf ihrer Lohn- und Gehalts- abrechnung überlassen gute Arbeitnehmer dem freien Ermessen der Firma, von der sie sowieso mit Haut und Haaren abhängen. Und die Unternehmen zahlen das ganze Jahr über so wenig im Ver- gleich zu ihren Einnahmen und Gewinnen. Arbeit ist für sie so billig zu haben und so lohnend, daß sie sich ganz einfach tun, auch mal g r o ß z ü g i g zu sein - mit einem ganzen oder hal- ben Tausender! ...die Gewerkschaft empört ist, ------------------------------- weil die Lohnempfänger ein Stück Geld extra kriegen? ---------------------------------------------------- Denn verärgert sind sie, die Kollegen Steinkühler und Co; sie sa- gen das auch offen und öffentlich. Und das nicht wegen der Bil- liglöhne, die den Unternehmen explodierende Gewinne bescheren - die sind ja tarifvertraglich festgelegt und abgesegnet. Auch nicht wegen dem Witz von einem "Nachschlag", den manche Großun- ternehmen da auswerfen. Deutsche Gewerkschaftler ärgern sich kom- plizierter. Und wenn sie sich öffentlich ärgern, dann ist das im- mer ein Stück hochkomplizierte T a r i f p o l i t i k. Die hatten sich die Jungs von der IG Metall so schön zurechtge- legt: Jetzt nur ja nichts fordern; eisern zu dem über drei Jahre laufenden Tariflohnsenkungsvertrag stehen; keine Nachschlags- diskussion hochkommen lassen - d a n n kann man im nächsten Frühjahr ganz furchtbar auftrumpfen. Dieses Drehbuch s t ö r e n die paar Extra-Kröten einiger Unternehmer ganz enorm. - Und wieso? Inwiefern ist ein E x t r a z u s c h l a g h e u t e ein Hindernis für T a r i f f o r d e r u n g e n i m n ä c h s t e n J a h r? - Weil eine IG Metall eben nichts ein- fach fordert, sondern sich immer ganz von hinten rum an ihre Tarifforderung heranschleicht. Die darf nämlich nie einfach mehr Geld für weniger Arbeit verlangen; das fände die Gewerkschaft un- anständig. Und auf Anstand kommt es ihr ganz furchtbar an, weit mehr als aufs Geld. Deswegen denkt die IG Metall so: Wenn sie bis zum nächsten Frühjahr lauter V e r z i c h t übt, jeder Lohn- senkung durch steigende Preise im Laden und steigende Leistungsanforderungen im Betrieb unerschütterlich zuschaut, und wenn sie gleichzeitig auf explodierende Gewinne der andern Seite verweisen kann - d a n n k a n n e s i h r n i e m a n d ü b e l n e h m e n, wenn sie zum fälligen Termin dann auch mal etwas furchtbar Vernünftiges verlangt. Wenn aber jetzt die Unter- nehmer den Abstand zwischen steigenden Gewinnen und sinkenden Re- allöhnen um eine Einmalzahlung verringern, d a n n hat sie beim Verhandeln über die Tariflöhne nächstes Jahr "schlechte Karten". Eine verrückte Kalkulation - und das Schönste daran ist, daß sie sowieso noch nicht einmal aufgehen kann. Denn wer so auf den g u t e n E i n d r u c k setzt, der macht den dann doch wieder kaputt, wenn er ü b e r h a u p t eine Forderung aufstellt. So verbietet sich die Gewerkschaft mit ihrem Interesse an einem guten Eindruck das Fordern - und mit den Forderungen, die sie dann doch stellt, verstößt sie gegen ihr eigenes Interesse am guten Eindruck. So ist diese Gewerkschaft Tarifpartner der Unternehmer, ohne ih- nen irgendwie als Partei entgegenzutreten. ...die Arbeitnehmer schon heute ihren Jahresurlaub für 1990 ----------------------------------------------------------- möglichst so planen, daß sie an möglichen Arbeitskämpfen bei ------------------------------------------------------------ der Tarifrunde möglichst vorbeikommen? -------------------------------------- Denn, mal ehrlich: So oder so ähnlich stellt sich doch ein norma- les Belegschaftsmitglied hierzulande zu den Unternehmungen seiner Gewerkschaft und deren Konflikten mit den Arbeitgebern. Und be- weist damit, wie vollständig einem bundesdeutschen Arbeitnehmer der Sinn für sein I n t e r e s s e abhanden gekommen ist. Um so besser versteht er sich auf die k l ä g l i c h e B e r e c h n u n g, wie aus dem größten Mist dann doch noch das relativ Beste zu machen ist. Und läßt damit allen Instanzen, die über sein Wohl und Wehe entscheiden, freie Hand. Auf der Basis kommen dann alle prächtig miteinander klar: die Un- ternehmer mit dem Volk, das für sie arbeitet; die Gewerkschaft mit ihrer Rolle als ehrenwerte Gesellschaft zur Bewältigung von Arbeiterinteressen und die arbeitende Basis mit den verlangten Arbeitsleistungen und dem Geld, das nie langt. zurück