Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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       Tarifperspektive der IG Metall:
       

DEUTSCH-DEUTSCHER LOHNAUSGLEICH

Franz Steinkühler, Chef der IG Metall, hat das Stichwort für die nächste Tarifrunde bekanntgegeben: "Die IG Metall will über einen Solidarbeitrag der westdeutschen Arbeitnehmer für eine 'beschleunigte Einkommensangleichung` ihrer Kollegen in der ehemaligen DDR nachdenken." Sie hat nachgedacht und sie hat auch etwas gefunden. Sie hat eine Quelle entdeckt, aus der sie östliche Löhne finanzieren will. Es sind die westdeutschen Arbeiter, die sie in die Spendierhosen stecken will! Die sind nämlich seit dem 3. Oktober "Spitzen- verdiener". Nicht, weil sich ihr Geldbeutel gefüllt hätte. Sondern weil sie seitdem m e h r verdienen a l s ihre ost- deutschen Kollegen, nämlich doppelt so viel. Also können die jetzt locker und solidarisch was abgeben. Wovon? Von den Loh- nerhöhungen, die die IG Metall im Westen wegen der blendenden Ge- winnlage der Unternehmer für möglich und vertretbar hält. Von diesem Geld wird "der kleinere Teil für Einkommensverbesserungen in Westdeutsch- land reklamiert, der größere Teil soll für die Einkommensanglei- chung in Ostdeutschland reserviert werden." (Steinkühler) "Reserviert" ist gut. Wie sollen die drüben denn an dieses Geld rankommen? Sollen vielleicht die westdeutschen Unternehmer ihre gesparten Lohngelder an Leute überweisen, die gar nicht auf ihren Lohn- und Gehaltslisten stehen? Aber so praktisch ist das mit dem "Reservieren" sowieso nicht gemeint. Praktisch folgt aus dem Vor- schlag der Gewerkschaft ganz etwas anderes. Nämlich erstens, daß die nächste Tarifrunde ein Lohnopfer bringt. Und zweitens, daß die Gewerkschaft schon heute stolz darauf ist: Sie sieht in ihrer "Bereitschaft zu Lohneinbußen die moralische Grundlage dafür, einen realen Solidaritätsbeitrag der westdeutschen Arbeitgeber anmahnen zu können." (Steinkühler) Und bekanntlich bestreiten ja westdeutsche Arbeitnehmer ihren Le- bensunterhalt mit ihrer großartigen Moral. Und die ostdeutschen Arbeiter: Was haben die von Steinkühlers ge- planter "Umverteilung"? E r s t e n s die Genugtuung, daß die Unternehmer künftig auch in der Westzone durch kräftiges Strei- chen am proletarischen Lebensstandard Extragewinne verdienen sol- len. Z w e i t e n s mit Sicherheit kein taugliches Einkommen. Denn das soll ja als ein einziger Anreiz fürs Investieren extra niedrig sein und bleiben. D r i t t e n s eine Perspektive: Ihr Lohn mag noch so armselig sein, er steigt - immer in Richtung auf das leuchtende westliche Vorbild. So dürfen sich beide Seiten, die West- und die Ostarbeiter, im wechselseitigen Vergleich reichrechnen. Und der Witz bei der Sa- che ist: Je mehr der Lohn im Westen gesenkt wird, um so schneller verdienen die Ostler genau so viel wie die Westler! Wenn das kein passendes nationales Gewerkschaftsprogramm fürs nächste Jahrzehnt ist: viel Solidarität plus Gerechtigkeit für die zu- sammenwachsenden Arbeiter, und ein neues gesamtdeutsches Billig- lohnland für schwarz-rot-goldenes Wirtschaftswachstum. Eben jedem das Seine. zurück