Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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BRAUCHEN DDR-ARBEITER EINE DEMOKRATISCHE GEWERKSCHAFT?

"Aber klar!" - meint die westdeutsche Gewerkschaft. Und hat eine seltsame Begründung dafür: "Private und staatliche Arbeitgeber sehen in den von ihnen abhän- gig arbeitenden Menschen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül nur Kostenfaktoren. Arbeitnehmer haben weder menschenwürdige noch si- chere Arbeitsplätze." "Marktwirtschaft und Arbeitslosigkeit sind siamesische Zwil- linge... Auch eine Marktwirtschaft, die sich sozial nennt, ist nicht in der Lage, allen Menschen auf Dauer Arbeit und Lohn zu geben." "Heute leben nach Angaben der Paritätischen Wohlfahrtsverbände sechs Millionen Bürgerinnen und Bürger in der reichen Bundesrepu- blik in Armut. Immer mehr Dauerarbeitslose, Rentnerinnen und al- leinerziehende Mütter stehen in den Sozialämtern Schlange." Und so weiter. Das ist zwar nur eine kleine Auswahl ungeschmink- ter Wahrheiten über die großartige westdeutsche D-Mark-Wirtschaft (hier aus einem Werbeblatt der IG Metall/West für die DDR). Die Gewerkschaft kann aber auch die vielen Niedriglohngruppen aufzäh- len. Oder die Massen von Überstunden, ohne die westdeutsche Lohn- arbeiter ärmlich daständen. Oder den Leistungsdruck, der bisher noch jede Arbeitszeitverkürzung aufgefressen hat. Und so weiter. Lauter Gründe - denkt man -, das Mitmachen in einem solchen Sy- stem zu k ü n d i g e n. Gute Gründe jedenfalls für Arbeiter, die keine Lust haben, ihr Leben als abhängige Größe in anderer Leute Gewinnrechnung zu verbringen. Grund genug, sich darum zu kümmern, daß die von den Arbeitgebern aufgemachten "Sachzwänge" einer rentablen Wirtschaft mal aufhören. Und lieber mal das ei- gene Wohlergehen zum obersten Sachzwang der Ökonomie zu machen. Genau den Schluß zieht eine demokratische Gewerkschaft aber nicht. Bei der geht die Sache so weiter: "Die Arbeiter und Angestellten kommen zu uns, weil sie wissen, daß sie nur in einer starken Gewerkschaft dem Kapital widerstehen können." (aus demselben Werbeblatt) Das mag ja ein feiner "Widerstand" sein, wenn nach wie vor die Arbeitsplätze unsicher sind, die Löhne als Kosten kalkuliert wer- den, Armut an der Tagesordnung ist - könnte man denken. Wäre auch logisch. Ist so aber nicht gemeint. Die Gewerkschaft l o b t sich selbst: "Das Stärkste, was die Schwachen haben." Das mag ja eine prima Stärke sein - wenn ausgemacht ist, daß die Arbeiter die Schwachen sind und bleiben. Genauso gut hätte die Werbezeitung des DGB schreiben können: Das Klügste, was die Dum- men machen können! Oder: Das Sozialste, was die Sozialfälle krie- gen! Aber so ist es natürlich wieder nicht gemeint. Die Gewerkschaft ist stolz auf sich - ganz einfach, weil sie immer dabeigewesen ist, wenn es mit dem westdeutschen Kapitalismus rundgegangen ist. W a s sie da hingekriegt hat, läßt sich ihren Schilderungen der marktwirtschaftlichen Arbeitswelt entnehmen; da kommen keine Gründe zur Zufriedenheit vor. Aber d a ß s i e das alles mit hingekriegt hat; daß es im westdeutschen Kapitalismus nichts gibt, was die Gewerkschaft nicht zur Würde eines Tarifvertrags erhoben hat: D a s vergoldet offenbar noch die größte Scheiße. Und das darf den Werktätigen aus Honeckers Betrieben auf gar kei- nen Fall vorenthalten bleiben: "Die Menschen in der DDR haben den Anspruch auf eine ebenso starke Interessensvertretung, in der ihre Sorgen und Nöte, ihre Hoffnungen und Wünsche gut aufgehoben sind." Na, das ist ja mal eine Leistung: Die Gewerkschaft hebt Sorgen und Wünsche auf. Auf Verlangen kriegt man sie unversehrt zurück, oder wie?! Die westdeutsche Gewerkschaft empfiehlt sich als Verein für Leute, die nichts in die eigenen Hände nehmen wollen; schon gar nicht die Einrichtung der Arbeit, die sie machen müssen und die sich für ganz andere Leute lohnt (deshalb heißt sie "Lohnarbeit"...). Für Leute, die gerne Vertreter haben, die zu allem, was das Kapital mit den Arbeitern anstellt, ihren Senf da- zugeben, einen Vertrag schließen - also das großartige R e c h t a u f M i t b e s t i m m u n g wahrnehmen. Am Ende ist alles genauso wie ohne Gewerkschaft; nur eben mitbestimmt, von der Ge- werkschaft unterschrieben - a l s o i n O r d n u n g! So bil- lig macht's der DGB: aus dem "menschenfeindlichen Kapitalismus" die arbeiterfreundlichste Marktwirtschaft, der Lohnarbeiter je haben dienen dürfen! * DDR-Arbeiter halten Gewerkschaften eher für überflüssig - Leider nicht aus den hier genannten, sondern aus lauter falschen Gründen. Bei den Hinterbliebenen des SED-Staats ist nämlich die Auffassung verbreitet, es gäbe für alle Probleme auf dieser Erde e i n e Lösung, das wäre die D - M a r k - von den Problemen, die diese starke Währung s c h a f f t, wollen sie lieber nichts wissen. Sie meinen, die gäbe es gar nicht, wenn man nur wild entschlossen ist - und das sind sie -, sich jede Menge D-Mark zu v e r d i e n e n. Daß D i e n s t b e r e i t s c h a f t et- was ganz anderes ist als ein anständiger V e r d i e n s t, ge- hört zwar zu den Grundprinzipien der freien Lohnarbeit. Aber so sachlich scheinen DDR-Arbeiter das Geldverdienen gar nicht zu be- trachten. Sie meinen eher, mit ihrem vorauseilenden Diensteifer hätten sie sich auf alle Fälle, ganz ohne Gewerkschaft, ein ab- grundtiefes R e c h t auf eine so großartige Währung wie die harte D-Mark verdient; und das nimmt ihnen nun kein Kommunist mehr weg. Stimmt ja auch. Und wer nur mit dem R e c h t auf die D-Mark glücklich werden will, der braucht dann ja auch nicht so v i e l e davon; schon gar nicht genug für ein anständiges Le- ben. Und einen DGB brauchen Arbeiter für dieses blöde Recht auch nicht. Der Treppenwitz ist bloß: Für nichts als genau dieses R e c h t auf einen schönen, weil deutschen Lohn treten die westdeutschen Gewerkschaften seit jeher ein. Mit ihrem Fanatis- mus, für Deutsch-Mark einfach alles zu tun, s i n d viele DDR- Arbeiter geistig bereits in die westdeutsche Gewerkschaft einge- treten. Und außerdem, ob sie eintreten wollen oder nicht: Sie k r i e g e n die DGB-Gewerkschaften sowieso. Die brauchen sie gar nicht zu gründen; die kommen ganz von selbst. Und zwar nicht, weil die wiedervereinigten Zonen-Arbeiter sie im Quelle-Katalog bestellt hätten, sondern weil zu einem anständigen Kapitalismus, der seine Leute effektiv ausnutzt und nach Bedarf wegschmeißt, eine Arbeitervertretung, die das alles unterschreibt, ganz ein- fach dazugehört. zurück