Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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       Die Gewerkschaft hat ihre:
       

ÜBERSTUNDEN-PROBLEME

Diesen Schlager im Verhandlungshickhack der kommenden Tarifrunde hat die Gewerkschaft auch am Wickel: "Das Überstundenproblem ge- hört mit auf den Tisch." Und damit jeder weiß, wo es bei diesem "Problem" langgeht, hat sie sich "10 Thesen zum Thema" einfallen lassen: "Thesen der IG Metall 1 Die Mehrarbeit nimmt wieder kräftig zu. 1988 wurden allein in der Metallverarbeitung 283 Millionen Überstunden gefahren - 75,3 pro Beschäftigtem im Schnitt. In vielen Betrieben mehr als der Tarif- vertrag erlaubt. 2 Mehrarbeit schadet Arbeitnehmern und verletzt die Solidarität mit Arbeitslosen. Sie verhindert Neueinstellungen und belastet die Gesundheit durch überlange tägliche Arbeitszeiten. 3 Mindestens zwei Drittel der Überstunden könnten abgebaut werden, wenn Mehrarbeit nur noch im Ausnahmefall geleistet würde - etwa bei Störungen im Betriebsablauf oder Unfällen. Doch die Unter- nehmer halten die Personaldecke so dünn, daß Überstunden in großem Stil praktisch von vornherein eingeplant sind. 4 In der Metallverarbeitung könnten rein rechnerisch weit über 100 000 Vollzeitarbeitsplätze entstehen, wenn Mehrarbeit auf das notwendige Maß zurückgeführt würde. 5 Betriebsräte können die Zustimmung zu vermeidbarer Mehrarbeit verweigern und auf Freizeitausgleich und Neueinstellungen pochen. Doch viele Betriebsräte scheuen die damit verbundenen Konflikte. 6 Dauerhafter Überstundenabbau setzt einen langfristigen Prozeß der Umgewöhnung voraus. Der Betriebsrat muß seine Überstundenpolitik gegenüber dem Unternehmen konsequent verfolgen. Und zusammen mit den Vertrauensleuten in intensiven Diskussionen die Belegschaft hinter sich bringen. 7 Die meisten Beschäftigten sind bereit, bei entsprechender Politik des Betriebsrats ihre Mehrarbeit zu verringern. Eine Minderheit wehrt sich, weil sie sich an den Zuverdienst gewöhnt hat. 8 Regelmäßige Überstunden tragen dazu bei, die Grundlagen einer er- folgreichen Lohnpolitik zu zerstören. Die Gewöhnung an den Zuver- dienst verdeckt, daß reguläre Arbeit in vielen Fällen unterbe- zahlt ist. 9 Initiativen von Betriebsräten zeigen, daß der Überstundenabbau zwar schwierig und langwierig ist, aber sich lohnt. Neueinstel- lungen folgen. Ist der Freizeitausgleich erst durchgesetzt, wird er immer beliebter. 10 In der Tarifbewegung ist ein neuer Anlauf fällig, die Mehrarbeit zu senken und Freizeitausgleich zu vereinbaren, betrieblich und am Verhandlungstisch. Sonst mindert sie die Beschäftigungseffekte der 35-Stunden-Woche, und die Arbeitszeitpolitik der IG Metall wird unglaubwürdig." Richtigstellung --------------- 1 Die Mehrarbeit nimmt zu und ab, je nach den Konjunkturen des Ka- pitals. Tarifverträge erlauben das; und wenn nicht, macht das auch nichts. 2 Mehrarbeit nützt den Unternehmern, schadet den Arbeitnehmern und hat mit den Arbeitslosen überhaupt nichts zu tun. Arbeitsplätze, an denen die Gesundheitsschädigung erst mit der Überarbeit anfängt, gibt es nicht. 3 Leute zu beschäftigen, ist nicht Sinn und Zweck unternehmerischer Kalkulation. Arbeitgeber setzen die Belegschaft an, die sich ge- schäftlich auszahlt. Wenn es sich lohnt, ordnen Unternehmen Über- stunden an oder stellen neue Leute ein oder tun beides zugleich - keines schließt das andere aus. Was anders sein "könnte", ent- springt allein einer gewerkschaftlichen Wunschvorstellung. 4 In der Metallverarbeitung gilt überhaupt keine andere Rechnungs- art als sonst im Kapitalismus: Es gibt genau so viele Vollzeitar- beitsplätze und Mehrarbeit, wie das Kapital für notwendig erach- tet. 5 Betriebsräte geben normalerweise ihre Zustimmung zur Mehrarbeit. Verweigern sie ihre Zustimmung, entscheidet eine Einigungsstelle normalerweise, daß es die Überstunden trotzdem gibt. Das ist für einen Betriebsrat normalerweise der Anlaß, die Wichtigkeit ge- werkschaftlicher Positionen hochzuhalten. 6 Arbeiter und Angestellte machen Überstunden, weil sie der Betrieb anordnet. Weil ihr Lohn nicht reicht, können sie das bißchen mehr Geld gut gebrauchen. Sogar daran kann man sich gewöhnen. Die Gewerkschaft läßt sich dagegen ein Erziehungsprogramm einfal- len. Sie will nicht den Unternehmen ihr Interesse an Mehrarbeit abgewöhnen, sondern die Arbeitnehmer ihrer Bereitschaft zu Über- stunden entwöhnen. So hören weder die Überstunden auf noch der gewerkschaftliche Einsatz für einen "dauerhaften Überstundenab- bau". 7 Die meisten Beschäftigten sind bereit, alles mitzumachen, was Ge- schäftsleitung und Betriebsrat aushandeln. Eine Minderheit, die sich dagegen wehrt, ist uns leider nicht bekannt. 8 Die erfolgreiche Lohnpolitik der Gewerkschaft legt die Grundlagen für regelmäßige Überstunden. Die Abhängigkeit vom Zuverdienst deckt auf, daß die Gewerkschaft dafür sorgt, daß der Normalver- dienst für den Lebensunterhalt nicht reicht. 9 Überstunden sind zwar Scheiße, aber wie der kapitalistische Laden so läuft, lohnt sich ihr Abbau für die Betroffenen auch nicht - wegen Geld. Wenn allerdings der Betrieb einen Freizeitausgleich anordnet, machen deutsche Arbeitnehmer auch daraus wieder einen Vorteil, pfeifen aufs Geld und entdecken ihre alte Liebe zur Freizeit - bis zur nächsten Sonderschicht. 10 Für die Tarifbewegung 90 hat die Gewerkschaft ein klares Kampfziel. Sie will gemeinsam mit allen Menschen guten Willens öffentlich über Beschäftigungseffekte der 35-Stunden-Woche grü- beln. Das ist eine extrem glaubwürdige Art und Weise, den Unter- nehmern freie Hand zu lassen beim Löhne-Senken, Leistung-Steigern und Überstunden-Anordnen. zurück