Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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Endlich Lohngerechtigkeit für Frauen
JE LEICHTER DIE ARBEIT, DESTO LEICHTER DER LOHN
Die IG Metall in Baden-Württemberg hat sich in der letzten Ta-
rifrunde mit den Arbeitgebern darauf geeinigt, daß aus den Nied-
riglohngruppen I, II und III, in denen vor allem Frauen zu finden
sind, leichter in die Lohngruppen IV, V und VI eingruppiert wer-
den k a n n - so der jeweilige Betrieb es will. Ein paar Be-
triebe haben das zum Anlaß genommen, mit der Abschaffung dieser
Niedriglohngruppen Betriebsklima zu machen. Die IG Metall hat
eine Werbekampagne für sich und ihre Spitzen-Tarifverträge aufge-
macht.
Niedriglohn - schlecht aber Recht
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Erst handelt sie den Unternehmern ein ganzes Regelwerk der
"Lohngerechtigkeit" ab, mit einem bis aufs kleinste geregelten
Oben u n d Unten der Löhne. Noch für jeden Mickerlohn legt sie
ein ganzes Sortiment von Merkmalen der Arbeit fest, warum er gar
nicht höher sein k a n n, als er nun einmal ist.
Da ist Arbeit, die "nur" ruinös ist, "einfach". Sie belastet nur
die "Sinne und Nerven", aber nicht die "Muskeln". Und überhaupt
steht ein ganzes Lohnsystem mit 100 Lohnkriterien dagegen, daß
diejenigen, die so arbeiten müssen, auch nur 20 Pfennig mehr ver-
dienen, als sie kriegen. Ihnen steht vielmehr Niedriglohn in
Lohngruppe I zu. Und wer gebietet das? Die Unternehmer und deren
gültiges Interesse? Nein, das gebietet - ganz neutral und unan-
fechtbar - ein Spitzen-Manteltarifvertrag, Anhang Tarifbeispiele,
eine "soziale Errungenschaft" ersten Ranges eben. Damit das auch
jeder merkt, betreibt die Gewerkschaft Werbung.
Hart, aber nicht herzlos
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Die Gewerkschaft "stellt fest", daß es "trotz" ihrer, im Prinzip
doch nur segensreich gedachten Lohnskala, glatt jede Menge Leute
gibt, die ganz unten liegen in ihrem Scheiß-System und behauptet
frech, das wäre n i c h t der Sinn der ganzen Chose. Wenn das
dann auch noch Frauen sind, dann blutet der IG Metall ihr warmes
Gewerkschaftsherz. Sie muß ganz einfach Partei ergreifen. Gegen
schlechten Lohn? Von wegen!
Da wird gelogen und geheuchelt, daß sich die Balken biegen: Viel-
leicht hat man sich einfach bisher "getäuscht" beim Kriterienba-
steln, und Frauenarbeit ist doch schwerer als man sich bisher ge-
dacht hat. Vielleicht ist man ganz einfach einem Vorurteil aufge-
sessen und muß sich entschuldigen? Auf alle Fälle muß man das
erst einmal prüfen.
Das Ergebnis der Anteilnahme: aufpolierte Niedriglohnkriterien
Da müssen erst Gutachten eingeholt werden, wissenschaftliche na-
türlich, für die Öffentlichkeit und um den Tarifpartner zu
"überzeugen". Dabei müssen natürlich auch die Betroffenen mithel-
fen und sich ganz kräftig für die Gleichung "Mehr Lohnge-
rechtigkeit = mehr Lohn" engagieren. Daneben will natürlich jede
Änderung einzelner Arbeitsplatzkriterien auf ihre mögliche Lohn-
folge überdacht sein.
Das geschieht dann natürlich wieder nicht öffentlich, sondern in
vertrauter Expertenrunde. Das dauert Jahre, und herauskommt dann
sowas: Die "Bewegung der Finger und statische Muskelarbeit oder
Haltearbeit" fallen jetzt auch unter "Belastung der Muskeln". Au-
ßerdem wird die Möglichkeit eröffnet von der "Einzelplatz-
bewertung", die immer noch Niedriglohngruppe I "nahelegt", zur
Bewertung des "Arbeitsbereichs" zu kommen, weil dieses Kriterium
vielleicht eine Höhergruppierung erlaubt...
So steht es dann im neuen Tarifvertrag. In dem ist jetzt neu
festgelegt, wann Unternehmer gar nicht anders können, als Nied-
riglöhne zu zahlen, und unter welchen Bedingungen vielleicht die
Chance auf 40 Pfennig mehr gegeben ist. Und die Gewerkschaft ist
stolz. Sie sieht das so, und alle Welt soll das auch so sehen,
daß sie ihrem Ideal eines gerechten Oben und Unten, wo es - weil
gerecht - fast schon kein Unten mehr gibt, ein Stück näher gekom-
men ist. Dabei ist nichts herausgekommen als ein paar neue Recht-
fertigungsgründe für Niedriglöhne. Was auch sonst.
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