Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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DER RIESENUNTERSCHIED
Da sind sich alle einig: Der FDGB der DDR muß sich schleunigst
ändern. Wie? Er muß so etwas werden wie der DGB hier. Das wissen
die vom DGB hier sofort, und die vom FDGB drüben sehen das auch
ungefähr so. Der FDGB war nämlich überhaupt keine ordentliche Ge-
werkschaft, also meilenweit von dem entfernt, was wie der DGB
eine gute demokratische Einheitsgewerkschaft ist. Die Unter-
schiede zwischen den beiden sind enorm.
FDGB
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"In der DDR-Volkskammer stellt der FDGB die zweitstärkste Frak-
tion; er ist allein verantwortlich für die gesamte Sozialversi-
cherung in der DDR und organisiert Ferienreisen zu Billigpreisen.
Der FDGB war deshalb - neben SED und Staatsapparat - die dritte
tragende Säule des politischen Systems der DDR." (Quelle 1/90)
"Die Gewerkschaft muß echter Kontrahent der staatlichen Leitung
sein." (Kimmel, Ex-Chefin des FDGB)
"Nein, es wurden (vom Tarifpartner, einem Minister der DDR) nur
Globalziffern genannt, und dahinter verbargen sich die Probleme.
Wenn Du dann zu Tarifverhandlungen gegangen bist, hieß es nur:
"Mein lieber Freund, Du überziehst." Und dann hast Du versucht,
Deinen Werktätigen zu erklären, wieso etwas nicht geht, hast was
von gesellschaftlicher Verantwortung und überzogenen Forderungen
erzählt und davon, daß in der Sozialpolitik ja alles Bestens ist
- wir waren perfekt im Erklären von Gesamtzusammenhängen..."
(Peplowski, Chef der IG Druck und Papier der DDR)
"Ich habe mich von meiner Gewerkschaft nicht mehr vertreten ge-
fühlt. Zu viele Anfragen, Vorschläge, Hinweise und Kritiken zu
den Bedingungen unserer Arbeit blieben unbeantwortet." (Kollegin
Monika, DDR)
"Der FDGB ist lediglich eine Erklärungsgewerkschaft gewesen."
(Kimmel)
DGB
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So viele DGB-Funktionäre und noch mehr sitzen im Bonner Bundestag
auch. Für die Sozialversicherung ist der DGB nicht verantwortlich
und Billigreisen organisiert er auch nicht.
Neben den politischen Parteien und dem Staatsapparat ist der DGB
eindeutig die dritte tragende Säule des Systems der B R D.
So wie der DGB, den die Herren in Bonn mehr fürchten als alles
andere.
Die Arbeitgeberverbände in der BRD dagegen legen offen auf den
Tisch, was an Lohn und Freizeit ihre Wirtschaft nie und nimmer
verträgt und warum die Forderungen des DGB überzogen sind. Die
Gewerkschaften im DGB erklären dann ihren Mitgliedern, warum we-
gen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, der Sturheit der
Arbeitgeber und der gesellschaftlichen Verantwortung für die Ar-
beitslosen mehr nicht drin war.
Der DGB ist derart perfekt im Erklären von Gesamtzusammenhängen,
daß jedes Mitglied schon vor jeder Tarifrunde weiß, weshalb auch
dieses Mal für ihn wieder nichts herausspringt.
Freilich, an der Bonner Sozialpolitik meckert der DGB ständig
herum. Mit jedem "Sozialabbau" macht er s o seinen Frieden.
Für die Mitglieder des DGB steht fest, daß ihre Gewerkschaft hö-
here Ziele vertritt als ihre Interessen. Deshalb geben sie erst
gar keine Vorschläge, Anträge, Hinweise und Kritiken bei ihrer
Gewerkschaft ab. Ausnahmen landen bei der im Papierkorb.
Die Sprücheklopfer des DGB geben dagegen nur sachliche Erklärun-
gen ab, die sich allein mit den Wünschen und Interessen der Mit-
glieder befassen. So z.B. Steinkühler:
"1990 wird ein spannendes und ereignisreiches Jahr. Nach den
tiefgreifenden Umwälzungen in den Ländern Osteuropas wird sich
jetzt entscheiden, ob die Vollendung der Demokratie erfolgreich
sein wird. ...
Ein Verzicht auf unsere tarifpolitischen Forderungen würde den
Menschen in der DDR nicht helfen. ... Es liegt nun an den Arbeit-
gebern zu zeigen, ob sie kompromißfähig sind oder ob sie es auf
einen gesellschaftlichen Großkonflikt anlegen." (metall 1/90)
Ein DGB hat der DDR gerade noch gefehlt!
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Da kennt sich Herr Hermann Rappe aus. Immerhin ist er Präsidiums-
mitglied der SPD, Bundestagsabgeordneter, Chef der IG Chemie und
in dieser Funktion Mitglied diverser Aufsichtsräte - also einer,
der über jeden Verdacht einer Verfilzung der unabhängigen Gewerk-
schaft mit Industrie und Politik erhaben ist: Die DDR braucht
"Eine marktwirtschaftliche Entwicklung ohne Experimente, die wie-
derum in eine soziale Marktwirtschaft münden muß." Und hierzu
"gehören freie Gewerkschaften systemimmanent, sonst wird es keine
soziale Marktwirtschaft." (Handelsblatt, 11.1.)
Damit ist klar, was ansteht. Der "Transmissionsriemen" der SED,
namens FDGB hat sich zu einem selbstbewußten Transmissionsriemen
namens DGB zu wandeln, damit er wie hier frei und ungegängelt die
Ansprüche von Wirtschaft und Politik an die Arbeiter rüberbringen
kann.
Die Arbeiter in der DDR brauchen also eine Gewerkschaft,
- die bei ihrer Tarifpolitik nie die wirtschaftlichen Eckdaten
und Rahmenbedingungen, dafür aber immer den Geldbeutel ihrer Mit-
glieder aus den Augen läßt,
- die also das Kriterium "Verträglichkeit" nur für die Wirtschaft
und nicht für die Leute kennt,
- die es für die natürlichste Sache der Welt hält, daß es solche
gibt, die für viel unangenehme Arbeit einen miesen Lohn bekommen;
und andere, die für dieselbe Leistung einfach mehr verdienen,
weil ihnen Verantwortung und Qualifikation zugesprochen werden;
die Fanatiker des Glaubens sind, daß der Lohn genau die Leistung
abgelten würde, die vorliegt, und dafür mit den Unternehmern ein
ausgeklügeltes System der leistungsgerechten Lohnhierarchie aus-
gehandelt haben,
- der zu Arbeitslosigkeit nichts Besseres als das "solidarische"
Opfer derjenigen einfällt, die Arbeit haben,
- die sowieso den Besitz eines Arbeitsplatzes für das höchste Gut
hält, so daß man kaum noch fragen darf, wie der aussieht und was
man dafür kriegt,
- die auf die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung verfällt, weil
es angeblich ein gesellschaftliches Problem zu lösen gäbe, näm-
lich die Arbeitslosigkeit, und für die es logisch ist, daß für
das bißchen mehr Freizeit Arbeiter weniger Lohn zum Leben brau-
chen,
- die Arbeitskämpfe zu demonstrativen Zwecken inszeniert, bei
denen Arbeiter dafür anzutreten haben, daß das Ansehen ihrer Ge-
werkschaft nicht leidet,
- die alle Methoden effektiver kapitalistischer Ausbeutung gut-
heißt, wenn sie dabei mitbestimmen darf,
- die ein blinder Fanatiker des westdeutschen Kapitalismus und
bedingungsloser Anhänger seiner demokratischen Obrigkeit ist,
- die die Freiheit für den besten aller Gründe hält, auf ihre Ko-
sten nicht zu schauen.
Dafür haben
"die Metaller Ost/West ein Trainee-Programm für Funktionäre der
Ost IG Metall schon vereinbart." (Quelle 1/90)
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Auch dafür braucht die DDR
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freie Gewerkschaften und echte Betriebsräte
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"...unter der Belegschaft in Unterwellenborn (Thüringen) geht die
Angst vor Kündigungen um, weswegen die Frage beherrschend ist,
wie denn möglichst schnell eine schlagkräftige Gewerkschaft orga-
nisiert werden könne. Dabei wollen die Betriebsräte aus Sulzbach-
Rosenberg den Metallgewerkschafter in Unterwellenborn kräftig un-
ter die Arme greifen...
Schließlich könnte der Maxhütte-Ost ein Schicksal drohen, wie es
die Maxhütte-West bereits erlitten hat: Als das Sulzbach-Rosen-
berger Stahlwerk am Gründonnerstag 1987 in Konkurs ging, kämpften
die Beschäftigten mit aufsehenerregenden Protestkundgebungen, De-
monstrationen und Arbeitsniederlegungen für das Überleben des Un-
ternehmens. Freilich konnten sie nicht verhindern, daß die
Maxhütte am 1. Juli 1990 nur noch 1600 Menschen (statt 4500 zum
Zeitpunkt der Konkursanmeldung) beschäftigen wird." (Süddeutsche
Zeitung, 10./11. Februar)
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