Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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DER DGB ERKLÄRT DEN ZONIS DEN LOHNKAMPF

Eines weiß der DGB ganz genau: In der neuen deutschen Ostzone sind Gewerkschaften saunötig. Denn die Marktwirtschaft hat so ihre "Härten für die abhängig Beschäftigten". Mit entsprechenden Berichten pinseln die DGB-Gewerkschaften hierzulande seit Jahren ihre Mitgliederblätter voll. Und für die Zonis gibt es neuerdings Sonderblätter, in denen die westdeutsche Gewerkschaft sie vor "Illusionen über die soziale Marktwirtschaft" warnt; so nach dem Motto: "Die Großkopferten tanzen auf dem Opernball, die Omas ste- hen vorm Sozialamt Schlange..." Keine Frage, es braucht also Gewerkschaften, und zwar genau sol- che und n u r solche wie die DGB-Vereine. Die Restbestände des DDR-FDGB haben sich endgültig zu verpissen; dafür haben die hie- sigen Gewerkschaften gesorgt. Denn "die Gewerkschaften in der DDR haben leider nie gelernt, was Vertretung von Arbeitnehmerinteres- sen heißt." (Steinkühler) Der DGB dagegen schon - seit 40 Jahren betreibt er dieses Ge- schäft so erfolgreich, daß ihm das Material für die Elendsbe- richte in seinen bunten Mitgliederzeitungen nicht ausgeht. Seine altgedienten westdeutschen Mitglieder stören sich daran absolut nicht. Soweit muß die ostzonale Kundschaft erst noch gebracht werden. Eventuell hat die - marktwirtschaftlich unerfahren, wie sie nun mal ist - ja noch lauter gewerkschaftsschädliche Flausen im Kopf: "Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fragen uns, warum wir ihnen nicht stärker helfen können. Die Angst vor Arbeits- platz- und Einkommensverlust nimmt zu und damit auch die Gefahr enttäuschter Hoffnungen. Es ist nicht auszuschließen, daß in die- ser Situation die Menschen nicht nur den DDR-Gewerkschaften den Rücken kehren, sondern den Gewerkschaften insgesamt." (Steinkühler in "metall") Das wäre ja fatal. Wenn ausgerechnet jetzt, wo die Menschen drü- ben wegen ihres Elends freie Gewerkschaften dringend brauchen, sie nichts von der guten westdeutschen Gewerkschaft wissen woll- ten. Und zwar bloß, weil die gar nichts gegen ihr Elend unter- nimmt. Da müssen sich verantwortungsbewußte Arbeitnehmervertreter schon Sorgen machen; nicht um die verarmten "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" - da ist nix zu machen - dafür aber umso mehr um die Stärke der Gewerkschaften in der neuen deutschen Zone. Denn ohne starke demokratische Gewerkschaften bringen die da drü- ben es nie zu einer ordentlichen Tariferfahrung: "Ich denke, daß auch unter den DDR-IG-Metallern eine Lohn- und Gehaltsforderung von hundert Prozent als unrealistisch angesehen wird. Denn selbst, wenn die Arbeitnehmer weniger Tariferfahrung haben als wir, eins werden sie sicherlich einsehen: Die Lohnhöhe und die Leistungsfähigkeit der Betriebe müssen in einem gewissen Verhältnis stehen." (Steinkühler im "Spiegel") W a s mit dem "gewissen Verhältnis" gemeint ist, ist klar: Zwar ist die Freiheit unteilbar, die Marktwirtschaft unteilbar, die Parteienlandschaft sowieso - aber die Löhne der DDR-Arbeiter müs- sen auf jeden Fall beträchtlich niedriger sein. Warum das so sein muß? "Wegen der Leistungsfähigkeit". Darf man auch fragen, zu w e l c h e r Leistung Betriebe fähig sein müssen? Nein, für Gewerkschaften keine Frage. Klar doch: Leistung muß sich l o h n e n - für den Betriebs-E i g e n t ü m e r. Und d a s hält ein deutscher Gewerkschafter für so notwendig wie ein Naturgesetz; denn d a r a n mag er nicht rütteln. Der Mann hat nämlich "Tariferfahrung". Er weiß, daß in Tarifverhandlungen im- mer alle Notwendigkeiten und Interessen der Unternehmerseite be- rücksichtigt werden müssen. Deshalb müssen Lohnforderungen äu- ßerst behutsam und wirtschaftlich vernünftig aufgestellt werden; schließlich haben sie die Eigenschaft an sich, etwas vom Profit abzuknapsen. Und ohne den klappt bekanntlich gar nichts. Ohne den kriegt noch nicht mal ein Zonen-Arbeiter seinen Mickerlohn und ein Arbeitsloser seine Stütze. Gewerkschaftler halten das nicht für einen Einwand gegen den marktwirtschaftlichen Laden, sondern für das Walten von "wirtschaftlicher Vernunft". Nach dieser Ver- nunft hält man als Arbeiter am besten gleich die Schnauze und kümmert sich erst gar nicht um Lohnfragen, sondern überläßt die Sorge um die "Ertragskraft der Wirtschaft" seiner Gewerkschaft. Das ist "Tariferfahrung". D i e haben westdeutsche Arbeitnehmer 40 Jahre sammeln können. Das heißt natürlich nicht, daß die Gewerkschaft aufs Fordern ver- zichtet. Denn wenn es sie mit ihren hochgradig vernünftigen Ta- rifforderungen nicht gäbe - da könnten ja Dinger passieren: "Wenn die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und die damit zusammenhängenden Hilfen nicht kommen, dann wird das Chaos in der DDR noch größer und politisch nicht mehr beherrschbar." (Steinkühler in "metall") "Politisch nicht mehr beherrschbar" - eine Horrorvorstellung für den obersten Metaller. Denn sozialer Friede muß sein, sonst läuft nichts in der Zone oder alles schief. Ohne Ruhe und Ordnung krie- gen die nämlich nie das prächtige "Zusammenwirken von Kapital und Arbeit" hin, auf das die Gewerkschaft in der Westzone schon lange stolz ist: Die einen machen die Profite, die anderen arbeiten zu wirtschaftlich vernünftigen Löhnen für die Profite - solange sie d a f ü r eben gebraucht werden. Tatkräftige Hilfe für die Gestaltung und Sicherung eines gesamt- deutschen sozialen Friedens - das ist das gewerkschaftliche Ange- bot des DGB. In der BRD klappt das alles aufgrund jahrelanger Übung reibungs- los. Westdeutsche Arbeiter sind "tariferfahren": Sie versprechen sich von Tarifrunden überhaupt keine Verbesserung ihrer Lebens- umstände. Das sollen die Zonis gefälligst auch lernen, sonst wer- den die nämlich nie "Deutsche erster Klasse". zurück