Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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Der DGB gegen Lafontaine
WENN KUMPANE SICH STREITEN
Man könnte Lafontaines Vorschlag eines solidarischen Lohnopfers
der Beschäftigten für die Arbeitslosen, der zugleich die Erfolgs-
lüge beinhaltet, weniger Lohn sichere mehr Arbeitsplätze, auch so
abtun: Erstens können sich Arbeitnehmer kein Lohnopfer leisten,
und zweitens ist die Vorstellung, geringerer Lohn würde Arbeits-
losen Arbeit verschaffen, ein einziger Quatsch. Obendrein könnte
die Gewerkschaft den Lafontaine damit abblitzen lassen, daß sie
schon wüßte, daß von einem Politiker nichts Gutes für die Inter-
essen der Arbeitnehmer zu erwarten ist. Also für die Gewerkschaft
kein Thema, was sich der Oskar von der Saar da ausgedacht hat und
womit eröffentlich angibt!
So ist es nicht gelaufen. Der DGB hat eine ziemlich umfangreiche
Verteidigungsaktion in Wort, Schrift und Plakat unternommen, so
daß jeder merken kann, wie sehr sich die Gewerkschaft auf den
Schlips getreten fühlt. Warum? Weil der DGB Lafontaines Vorschlag
im Prinzip gar nicht für so abwegig hält; weil die Gewerkschaft
den Geist des angeblichen "Verrats" des Oskar Lafontaine längst
zu einem festen Bestandteil ihrer Tarifpolitik gemacht hat. Ent-
sprechend sieht die Verteidigung gegen den Angriff aus der Poli-
tik aus: lauter Argumente, die Lafontaine recht geben und der
krampfhafte Versuch, etwas zu finden, womit der Vorschlag Lafon-
taines für unmöglich befunden werden könnte.
Lohnsenkung - Ja, aber anders!
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Ziemlich kompliziert, die gewerkschaftliche Ermittlung des Unter-
schieds ihrer praktizierten Tarifstrategie zum Ansinnen Lafontai-
nes:
"Gesetzt wird auf die konsequente tarifpolitische Prioritätenbil-
dung zugunsten arbeitszeitpolitischer Forderungen für die Arbeit-
nehmerschaft als Ganzes und damit notwendigerweise zu Lasten ein-
kommenspolitischer Forderungen für die beschäftigten Arbeitneh-
mer.
Eine solche tarifpolitische Strategie nimmt die Solidarität der
sogenannten Arbeitsplatzbesitzer praktisch beim Wort. Mit der
Verwendung des Produktivitätszuwachses (gut, daß es den gibt!)
für die teilweise Finanzierung der 35-Stunden-Woche mit vollem
Lohnausgleich, wird ein Solidarbeitrag der Arbeitnehmer geleistet
- nicht durch den Verzicht auf Lohn
- wohl aber durch den Verzicht auf ansonsten mögliche Lohnerhö-
hungen."
"Rein rechnerisch haben die Arbeitnehmer der Metallindustrie 1985
bis 1989 uni 9,4 Prozent geringere tarifliche Einkommensverbesse-
rungen zugunsten der Wochenendarbeitszeit mit vollem Lohnaus-
gleich in Kauf genommen." (Positionspapier der IG Metall)
Diese Argumentation ist nicht so sehr schwierig zu verstehen,
sondern einfach frech: Verzicht auf Lohnerhöhungen sei kein Lohn-
verzicht, wird da behauptet. "Rein rechnerisch" wird dabei noch
davon abgesehen, daß die 5 Jahre vor 1985 alle von der Gewerk-
schaft bestätigt - Reallohnsenkungen brachten, daß alle aktuellen
Lohnabschlüsse im ganzen DGB über mehrere Jahre laufen und somit
notwendig langfristige Lohnsenkung bedeuten (siehe Artikel zu den
Laufzeiten der Tarifverträge). Kurz: Was Lafontaine fordert,
praktiziert die Gewerkschaft längst. Den "vollen Lohnausgleich"
kann jeder Arbeitnehmer vergessen, weil jede halbe oder ganze
Stunde Verkürzung der Wochenarbeitszeit in einer Lohnsenkung ih-
ren "Ausgleich" fand und findet. Um so absurder das Argument der
Gewerkschaft g e g e n Lafontaine, ohne "vollen Lohnausgleich"
würde die K a u f k r a f t der Arbeitnehmer abnehmen und damit
der Erfolg der Wirtschaft Schaden leiden. (Bekanntlich gehört ja
zu den fixen Ideen des DGB auch die, daß die Kaufkraft der Ar-
beitnehmer die Gewinne der Unternehmer realisiert, so daß diese
wieder Arbeitsplätze schaffen können.) Wo hat denn die Gewerk-
schaft mit ihren tarifpolitischen Solidaraktionen für die Ar-
beitslosigkeit die Kaufkraft der Arbeitnehmer gestärkt? Der Ver-
zicht auf Lohnerhöhungen kann es ja wohl nicht sein. Es sei denn,
man denkt sich aus, daß die Real-Lohnsenkung ohne den "vollen
Lohnausgleich" noch höher hätte ausfallen können.
Das beste Argument der Gewerkschaft:
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Die Unternehmer machen nicht mit
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Es kommt noch besser. Die IG Metall gibt in ihrer Auseinanderset-
zung mit Lafontaine zu, daß der von ihr erfundene Kaufkrafteffekt
gar nicht von der gewerkschaftlichen heiligen Kuh des vollen
Lohnausgleichs herkommt. Ob die Kaufkraft der Arbeitnehmer stark
ist, hängt ganz von der Entscheidung der Unternehmer ab.
"Was heißt Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich? Das
heißt, daß die Einkommen bei verkürzter Arbeitszeit gleichbleiben
und bei steigenden Preisen, höheren Steuern oder Sozialbeiträgen
Kaufkraft verlieren.
Das heißt auch, daß zusätzliche Kaufkraft nur in dem Maße ent-
steht, wie die Unternehmer Neueinstellungen vornehmen." (metall,
6/88)
Das ist gut. Die IG Metall straft ihr blödes Argument "Kaufkraft"
selbst Lügen, indem sie bei dem schlagendsten Einwand gegen
Lafontaines Lohnverzichtsthese landet, daß nämlich die ganze
Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen sowieso vom Willen der
Unternehmer abhängt.
"Neue Arbeitsplätze könnten nur die privaten und öffentlichen Ar-
beitgeber schaffen. Ob sie's aber tun und ob sie's im Umfang ei-
nes Lohnverzichts tun, dis liegt in ihrer Macht." (metall, 6/88)
So erklärt die Gewerkschaft bei dem krampfhaften Versuch, Lafon-
taines Vorschlag madig machen zu wollen, ihre Jahrhundertidee,
mittels Arbeitszeitverkürzung und Solidaropfer in Sachen Lohn (=
"Verzicht auf Lohnerhöhungen") Arbeitslosen Arbeitsplätze zu be-
schaffen, selbst für einen einzigen Quatsch.
Ein schöner Streit. In der Sache ist sich der DGB völlig einig
mit Lafontaine. Nur möchte der DGB sich nicht hineinreden lassen
in die autonome Praxis und Propaganda seiner Lohnsenkungsmaschi-
nerie.
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