Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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       "Armut macht Familie kaputt" -
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       eine falsche Kritik am Sozialstaat
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       Der "Arbeitskreis  arbeitsloser Gewerkschafter"  hatte  zu  einer
       Veranstaltung mit dem Titel "Bedürftigkeitsprüfung zerstört Fami-
       lien" geladen:  Betroffene sowie Politiker. Auf dem Ankündigungs-
       flugblatt hieß es:
       
       "Wer auf staatliche Hilfen wie Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe ...
       angewiesen ist, muß sich der Bedürftigkeitsprüfung unterziehen...
       Eltern und Kinder, aber auch die Partner von Lebensgemeinschaften
       werden zur Kasse gebeten. Die Höchstgrenzen für das anzurechnende
       Einkommen der  Angehörigen von  Hilfeempfängern werden  staatlich
       festgelegt... Die  Familie und  die Angehörigen werden so für die
       Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht, die sie in ihren eigenen
       vier Wänden  auszubaden haben  -  nicht  aber  die  Verursacher."
       (Ankündigungs-Flugblatt)
       
       Festgestellt wird  hier, daß  es  s o z i a l s t a a t l i c h e
       R e g e l u n g e n   sind, die dafür sorgen, daß Leute, die kein
       Unternehmen mehr  beschäftigen will, in Armut leben. Festgestellt
       wird auch,  daß nach  dem Willen des Gesetzgebers hier Sippenhaft
       gilt: wer  sich nach  Recht und Gesetz mit einem Arbeitslosen zu-
       sammengetan hat  - und  auch, wen  der Staat als "eheähnliche Ge-
       meinschaft" beurteilt - hat "in guten und schlechten Zeiten" des-
       sen ökonomische Lage mitzutragen. Offenbar ist es so, daß Politi-
       ker in  unserem schönen  Gemeinwesen fest damit rechnen, daß jede
       Menge Leute  ohne Geld  dastehen, wenn sie vom Kapital nicht mehr
       gebraucht werden;  und daß  sie den Lebensunterhalt solcher Leute
       als Kost  für die  Staatskasse betrachten,  die niedrig  gehalten
       werden muß.  Grund genug,  den hohen  Herren die allerherzlichste
       Feindschaft entgegenzubringen!
       Auf der  Veranstaltung lief es anders. Betroffene beschrieben Är-
       gernisse und  Peinlichkeiten, die  sich aus  dem Umstand ergeben,
       daß "Stiefvater  Staat" (eine  Betroffene) Familienmitglieder zur
       wechselseitigen Bewältigung  der Armut  heranzieht, und  befragen
       die anwesenden Politiker (SPD, Grüne, CDU und FDP) nach ihren Lö-
       sungsvorschlägen.
       
       Da ist der Bock zum Gärtner gemacht:
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       Erstens: Wer  Politiker die  eigene Notlage  ausmalt, tut so, als
       seien denen  die Wirkungen ihrer eigenen Taten auf die Lebenslage
       ihrer Bürger nicht bekannt. Das können die versammelten Betroffe-
       nen eigentlich  selbst nicht  glauben. Sie  möchten aber offenbar
       den Politikern  zugute halten,  daß sie  doch diese schlechte Le-
       benssituation ihrer  Bürger nicht  wollen könnten  - also nur aus
       Unwissenheit handeln.  Eine sehr  harmlose Sichtweise des Sozial-
       staates.
       Zweitens: Wer  die Zerstörung von  F a m i l i e n  für ein Argu-
       ment hält,  das die  Politiker doch  endgültig  davon  überzeugen
       müsse, daß  sie den Betroffenen unter die Arme zu greifen hätten,
       glaubt offenbar selbst nicht daran, daß der schlichte Verweis auf
       die   e i g e n e   Not bei den Machern des Sozialstaats Eindruck
       macht. Der  will ja  den Politikern  nahelegen, daß  sie doch aus
       i h r e m   Interesse an der Funktionsfähigkeit solcher Lebensge-
       meinschaften etwas  für Bedürftige  tun müßten.  Auch damit liegt
       man schief.  Als seien  die Familien noch etwas anderes als genau
       die Verhältnisse,  die der Staat im Familienrecht den Leuten auf-
       zwingt!
       Drittens ist  also die Frage nach "Lösungsvorschlägen" ausgerech-
       net an  die, die  den Leuten die Armut aufhalsen, sehr untertänig
       und schädlich.  Damit macht  man den  Machern das  A n g e b o t,
       alternative Umgangsweisen  mit der Armut auszubreiten - an Abwen-
       dung des Schadens ist nicht mehr gedacht. SPD und Grüne ergriffen
       denn auch  prompt  die  Gelegenheit,  schlugen  andere  Zumutbar-
       keitsregelungen  vor   und   empfahlen   den   Ersatz   der   Be-
       dürftigkeitsprüfung durch eine "Grund- und Bedarfssicherung". Ein
       sehr zynischer Standpunkt! Diese Herren maßen sich ja genauso wie
       die Bedürftigkeitsprüfer  an zu  definieren, was  so ein Dauerar-
       beitsloser zum Leben "bedarf" - das liegt dann ungefähr genau bei
       dem Geld, mit dem diese Leute heute schon auszukommen haben.
       Die Gewerkschaft  hatte auch ein "Angebot". Sie bietet eine Bera-
       tung für  die "Betroffenen",  einen "Erwerbslosenpaß" sowie einen
       "bedarfsorientierten Mindestlohn"  an. Das  ist schon ein starkes
       Stück! Erst  den von  ihr Vertretenen  mit ihren  "wirtschaftlich
       verantwortungsvollen" Tarifabschlüssen Verzichtskunststücke zumu-
       ten, die für einen Großteil der arbeitslos Gemachten ganz fix das
       Abrutschen unter  die Sozialhilfe-Schwelle  bedeuten,  dann  auch
       noch jede  Entlassung "im  Interesse des  Unternehmens" mitunter-
       schreiben -  und dann  feststellen, daß es in unser schönen Repu-
       blik so massenhaft Armut gibt, daß sie doch glatt ein neues Betä-
       tigungsfeld für die Gewerkschaft abgibt.

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