Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


       zurück

       Die Gewerkschaft kämpft sich durch
       

VON DER SOZIALLIBERALEN ZUR CHRISTLICHEN ORDNUNGSMACHT

"Streik" - das ist der 'Schlag' (engl. strike), den organisierte Lohnarbeiter gegen das Kapital führen, das ihre Arbeitskraft be- nutzt. Mit der Waffe, die sie haben: der Verweigerung - der orga- nisierten, auch gegen Streikbrecher durchgesetzten Verweigerung - der Dienste, die das Kapital nun einmal braucht für seine Vermeh- rung. So etwa planen IG Metall und IG Druck für den Mai, mitten hinein in den Aufschwungfrühling der sozialfriedlichsten Republik, die je auf deutschem Boden... Das Echo fällt entsprechend aus. Den Aufschwung dürfte man doch nicht kaputtstreiken - sagen die politischen Anwälte und die Nutznießer des Geschäftslebens, das da gerade seinen Aufschwung nimmt. Streik wäre ein Verbrechen, gegen die Arbeitslosen - war- nen die Vertreter des produktiv und immer produktiver eingesetz- ten Eigentums und die politischen Sachwalter seiner Macht und Freiheit, Arbeitskräfte rein nach Geschäftsgesichtspunkten zu be- nutzen, also auch wieder wegzutun. Rückfall in einen überholten Klassenkampf - zetern genau die Experten, die bei jeder Gelegen- heit dem Publikum vorrechnen, daß Wirtschaftsblüte nur und immer auf Kosten der Lohn-"Empfänger" geht. Bei all diesem öffentlichen Geschrei fällt eins allerdings auf: Die Sorgen um die Zukunft des bundesdeutschen "Arbeitsfriedens", die Warnungen vor unabsehbaren Schäden für die Wirtschaft und öf- fentliche Ordnung, klingen allesamt sehr geheuchelt. Mit einem 'Schlag', der irgendetwas in dieser Republik zum Wackeln bringt, rechnet im Ernst niemand. Am wenigsten, so scheint es, die Gewerkschaften selbst, die den Streik vorbereiten. Streik - eine demokratisch-rechtliche Streikaktion -------------------------------------------------- Zu ihrem eigenen Vorhaben, die bundesdeutsche Metall- und Druck- industrie ein wenig lahmzulegen, um den Unternehmern eine Verkür- zung der Regelarbeitszeit abzupressen, verhalten sich die IG Druck und IG Metall distanziert. - Ihre Vorsitzenden und Experten waren die ersten, die vor einer "Streikgefahr" gewarnt haben. Mit einer Warnung an die Adresse des Gegners: einer Androhung schwerer Schäden für sein Geschäft, war das nicht zu verwechseln. Mit Nachdruck haben sie beteuert, daß ihnen nichts ferner liegt als Geschäftsschädigung. Ihre War- nung ergeht vom Standpunkt und im Namen der durch die gewerk- schaftlichen Kampfmaßnahmen betroffenen "deutschen Wirtschaft". "Wir wollen alles tun, um die Tarifbewegung 1984 ohne Urabstim- mung und Streik beenden zu können" und: "Wir haben nicht leicht- fertig entschieden, weil wir wissen, was auch politisch auf dem Spiel steht!" (Mayr) - in solche Einschätzungen eines Streiks als wirtschaftliches und politisches Ü b e l, kleiden die streikbe- reiten Gewerkschaften die öffentliche Kundgabe ihrer Streikbe- reitschaft! - Und das war und ist noch nicht einmal Heuchelei. Die Gewerk- schaften haben die Verhandlungen mit den Unternehmern Woche für Woche in die Länge gezogen, nachdem deren Kampfposition längst feststand. Statt eine wirksame Erpressung zu planen und einzulei- ten, haben sie ihre Mitglieder an ein paar Stellen zu absichtlich unwirksamen "Warnstreiks" auf ein Viertelstündchen unverbindlich vors Werkstor gebeten. Nach abschließenden - oder immer noch nicht abschließenden? - "Spitzengesprächen", das Osterfest ist inzwischen da, zelebrieren sie das selbstauferlegte Ritual einer demokratie- und rechtsförmlichen Streikvorbereitung: offizielle Erklärungen des Scheiterns der Verhandlungen, Beratungen der re- gionalen Spitzengremien, Anträge auf Urabstimmung, Beratung die- ser Anträge mit viel Schweiß und Mineralwasser, Genehmigung durch die Zentrale, Festlegung der ersten Termine, der 1. Mai ist in- zwischen vorüber... als ginge es um eine diplomatische Haupt- und Staatsaktion. Und offenbar geht es diesen Gewerkschaften auch nicht um die Einleitung eines Kampfes: Durch die Bewältigung zahlloser künstlicher Form-Hindernisse wollen sie sich ein förm- liches (Quasi-) R e c h t auf die Ausrufung eines Streiks ver- schaffen. - W a s da ausgerufen werden soll, ist, wen wundert's, so markt- wirtschaftlich matt wie die Vorbereitung demokratiemäßig und ju- ristisch umständlich. Gewaltsame Durchsetzung ist nicht vorgese- hen; ein Grund dafür wird in den Urabstimmungen auch gar nicht zur Debatte gestellt. Als "noch nie dagewesene" Kampfmaßnahme preist IG Metallboß Mayr den Plan an, nicht schwerpunktmäßig in einer ganzen Region, sondern in ausgewählten Betrieben verschie- dener Tarifbezirke zu streiken - im Klartext: eine bunte Kette von Sympathiestreiks um ausgesucht wenige Dauerstreiks herum soll harmlose D e m o n s t r a t i o n e n an die Stelle wirkungs- voller Kämpfe setzen. Und eine zynische Öffentlichkeit weiß gleich schon über die "Hintergründe" Bescheid: Ähnlich wie die IG Druck mit ihren drei bis vier unauffälligen Streiktagen muß die IG Metall sich im ganzen Bundesgebiet die paar Betriebe zusammen- suchen, die sich dank der Disziplin des dortigen Fußvolks über- haupt lahmlegen lassen. Denn dahin hat diese Gewerkschaft es mit ihrem absurden Streik- theater auf alle Fälle gebracht: den eigenen Mitgliedern ist ge- nauso wie der Gegenseite, dem Politikervolk und dem demokrati- schen Publikum jede Erinnerung daran abhanden gekommen, daß Streik nicht bloß dem Wortsinn nach 'Zuschlagen' heißt, sondern das auch sein muß, um sich zu lohnen. Stattdessen widmen sich Journalisten im Gespräch mit DGB-Funktionären der Frage, ob die reichste Gewerkschaft der Welt auch genügend Geld hat, um den Kampf zu finanzieren. Ein Hinweis auf die Perspektive, die den Aktivisten als einzig realistische vertraut ist: Ohne Schaden für die Streikenden wird das Ganze nicht abgehen! Wie auch anders? Noch der radikalste IG Metall- oder Druck-Gewerkschaftler teilt ja ganz offiziell noch mit dem reaktionärsten Gewerkschaftsfeind das Urteil, daß geschäftsschädigende Unordnung, erpresserische Gewalt gegen die Macht des Eigentums, am Ende gar Rangeleien vor den Werkstoren sich eigentlich überhaupt nicht gehören. Die Aus- sicht, den "Aufschwung" zu stören, macht für gewerkschaftliche Kämpfer hierzulande das Streiken nicht etwa extra reizvoll, son- dern wird als gewichtiger Einwand gegen jedes Streikvorhaben ge- würdigt. Und im Namen eines solchen wirtschaftsdienlichen Ord- nungsfanatismus, nach quasi-amtlich ausgezählten Urnengängen und gerichtlich überwachten Beratungszeremonien, soll dann Bundes- deutschlands Wirtschaft schlicht und ergreifend lahmgelegt wer- den?! Nein: Lahmlegen, den Geschäftsqanq wirksam stoppen, den Reichtum und seine Umtriebe empfindlich treffen - das geht nicht ohne den Willen von genügend Lohnarbeitern, ihre Arbeit f ü r s i c h l o h n e n d zu machen, und nicht ohne deren Wissen, daß sich das mit der marktwirtschaftlich-demokratischen Ordnung und ihren Anstandsregeln nicht verträgt. Beides ist nicht die Sache von Ge- werkschaften, die ein wohlgeordneter und ordentlicher Ordnungs- faktor des demokratischen Kapitalismus sein wollen. Deren Streiks sind tatsächlich, was ihre Führer nicht müde werden zu versi- chern: "Maßnahmen", zu denen die "Sturheit" der anderen Seite den Ordnungsanwalt DGB "zwingt" - das lächerliche Unterfangen also, die Gegenseite in eine Art gewerkschaftlicher "Beugehaft" zu neh- men, bis sie von ihrer halsstarrigen "Unvernunft" abläßt und "zur Raison kommt". Und zu welcher? Die Streitfrage --------------- Die bundesdeutschen Gewerkschaften haben etliche Tarifrunden hin- ter sich gebracht, deren Ergebnis sie in ihren Mitgliederzeit- schriften beklagen: "Neue Armut" heißt das Stichwort. Wie eine Entdeckung aus einem fernen Land wird da mitgeteilt, daß eine deutsche Arbeiterfamilie von 1.800,-- DM netto eigentlich nicht leben kann. - und daß mittlerweile nicht bloß Arbeitslose im Mo- nat weniger Geld auf die Hand bekommen. An Streiks, um das zu än- dern, hat keine DG B-Gewerkschaft in den vergangenen Jahren auch nur gedacht; und die Jammerberichte aus neuester Zeit beweisen, daß ihr ein solcher Einfall auch 1984 denkbar fern liegt. Dabei handelt es sich nicht um das Ergebnis von Versäumnissen oder Niederlagen, sondern um das Vereinsprogramm. "Lohnmaschine" haben die verschiedenen IGs der Nation nicht sein w o l l e n; also belaufen sich die Tariflöhne auch nicht auf Summen, mit denen man über die Runden kommen kann. Jetzt steuern IG Druck und IG Metall auf Streiks zu. Die Forde- rung, die sie damit verbinden, ist die inzwischen allgemein be- kannte 35 mit der lachenden Sonne darüber. Die Beteuerungen der Führung, an materielle Vorteile für die Arbeiter sei dabei nicht gedacht, ist - nicht nur nach Jahren der Lohnsenkungspolitik - unbedingt glaubwürdig. Die Gewerkschaften wollen mit ihrer 35 ein volkswirtschaftliches Rechenexempel lösen, das sie sich als Grund der massenhaften Arbeitslosigkeit im neuen Jahrzehnt ausgedacht haben. Es ist zwar überhaupt nicht wahr, daß das Elend der Ar- beitslosigkeit deswegen so viele von Lohnarbeit Abhängige trifft, weil "die Arbeit nicht reicht" - die geleisteten und bezahlten Arbeitsstunden sind schließlich kein gesellschaftlicher Topf, den die "Arbeitgeber" verwalten, sondern Mittel kapitalistischer Ge- schäfte und von deren schwankendem Bedarf abhängig. Die Gewerk- schaft ist jedoch so frei, es andersherum zu sehen. Sie addiert die Arbeitsstunden und befragt die gefundene Zahl, ob man sie statt durch 40 nicht auch durch 35 hätte teilen können. Und siehe da: man hätte; und nach vollendeter Bruchrechnung hätten ein paar hunderttausend mehr hinterm Gleichheitszeichen gestanden. Auf solche Rechenkunststücke verfällt eine bundesdeutsche Gewerk- schaft nicht aus volkswirtschaftlicher Gelehrsamkeit - auch wenn ihre gebildeten Anführer gerne diesen Anschein erwecken. Aus Är- ger über massenhafte Entlassungen und das Elend der Entlassenen aber erst recht nicht. In Lohnarbeitern, die den öffentlichen Kassen zur Last fallen, statt sie mit Abgaben von ihrem Lohn zu füllen - die entsprechenden Summen haben die DGB-eigenen Experten genau ausgerechnet! -, entdeckt diese Gewerkschaft eine himmel- schreiende volkswirtschaftliche Verschwendung. Die will sie ab- stellen helfen, und zwar durch eine geglücktere Verteilung der "nötigen" Arbeitsdienste auf das dienstbare Menschenmaterial. Von ferne grüßt das faschistische Ideal eines wohlgeordneten Arbeits- dienstes - aber natürlich nur als Ideal; das Vertrauen in die se- gensreichen Wirkungen eines verantwortungsbewußten Unternehmer- tums und einer allseits erfolgreich geführten freien Konkurrenz ist bei den Demokraten des DGB ungebrochen. - Dafür steht die sonnige 35. Und dafür sind die Unternehmer überhaupt nicht zu haben. Schließ- lich stellen sie die praktisch maßgeblichen Rechnungen an, deren Erfolg wie Mißerfolg immer für die einen Arbeiter Maximalleistung und für andere Entlassung heißt. Und dabei kennen sie kein an- deres "Verteilungsproblem" als ihr Interesse, die eingekaufte Ar- beitszeit mit möglichst viel Leistung zu füllen und ihre Firma möglichst wenig stillstehen zu "Dogmatiker" der 40-Stunden-Woche sind sie dabei keineswegs. Ihre Parole heißt "Flexibilität". In der betrieblichen Praxis führen sie längst vor, daß es überhaupt keine Bruchrechnung für die 24 Stunden des Tages und die 7 Tage der Woche gibt, die nicht "technisch machbar" wäre. Die Freihei- ten, die sie sich da schon immer über ihre Arbeiter herausgenom- men haben, wollen sie in der diesjährigen Tarifrunde von der Ge- werkschaft fest zugesichert und nicht gleichzeitig in feste ver- tragliche Schranken gezwängt haben. "Arbeit auf Abruf" - das ist der betriebsnützliche Inhalt, den sie der gewerkschaftlichen 35 geben möchten. Daß dabei 40 Stunden pro Woche die Normalarbeitszeit bleiben sol- len, ist für die Unternehmer eine Lohnfrage. Muß nicht doch am Ende die Arbeitsstunde teurer werden, wenn die Arbeiter im Regel- fall ihre Existenz über 7 Tage die Woche mit dem Entgelt für nur noch 35 Stunden bestreiten müssen? Bietet nicht umgekehrt eine betriebsspezifische oder individuelle Arbeitszeitverkürzung bei fortbestehender 40-Stunden-Norm die schönste Handhabe für "individuelle" Lohnsenkung? Ganz zu schweigen von den Zuschußzah- lungen der Bundesanstalt für Arbeit bei Kurzarbeit, die auch von der 40-Wochenstunden-Regel abhängen..., Gegenüber einem so soliden Unternehmermaterialismus sind die Ge- werkschaften zu jedem Zugeständnis bereit. Die freien Wochenen- den, die ganze Nacht, jede Schichtdauer zwischen 6 und 12 Stunden bieten sie an, um den Flexibilitätswünschen der Unternehmer nach- zukommen. Mit der Forderung nach Lohn-"Ausgleich" bei der Ar- beitszeitverkürzung räumen sie ein, daß natürlich eigentlich ei- nem weniger beanspruchten Arbeiter auch weniger Geld zusteht. Deswegen haben sie diese "Forderung" auch von Anfang an zum "kompromißfähigen" Teil ihres Tarifpakets erklärt. Und ganz auto- nom haben sie die wissenschaftliche Entdeckung gemacht: "Wir wissen, daß jede Mark, die die Arbeitszeitverkürzung kostet, nicht noch einmal für Lohn verausgabt werden kann." Weiter: Mit ihrer "Theorie" vom "induzierten Produktivitätsef- fekt", wonach eine kürzere Arbeitszeit ganz von selbst die Ar- beitsleistung hochtreibt - Janssen von der IG Metall: In der 8. Stunde würde sowieso bloß noch die halbe Leistung gebracht... -, trompeten sie ihre Billigung jeder betrieblichen "Rationa- lisierungs"-Maßnahme hinaus. Und überhaupt - auch das haben sie von Anfang an klargestellt - sei bei der 35 ja gar nicht an 5 Stunden weniger gedacht, sondern an einen "Einstieg in...". Verhandeln wollen sie über einen auf Jahre erstreckten "Stufenplan", der überhaupt jede "Kostenbelastung" von den Unter- nehmen fernhalten soll. Da rechnen die Gewerkschaftsunterhändler seit Wochen der Gegenseite deren Heuchelei vor, wenn die über einen unglaublichen Kostenschub infolge der Arbeitszeitverkürzung jammert und gleichzeitig jeden "Beschäftigungseffekt" leugnet. Was soll man dann aber von ihrer eigenen umgedrehten These hal- ten, der "Beschäftigungseffekt" wäre auch so zu haben, daß man den Unternehmern durch eine gestaffelte Verkürzung der Arbeits- zeit jeden Zwang zu Neueinstellungen erspart? Sogar von dem aus Ordnungsfanatismus geborenen Gewerkschaft- sideal, alle Lohnarbeiter möglichst gleichmäßig dienen zu lassen, bleibt so bloß noch der Titel übrig: das "Tabu der 40 Stunden" soll "gebrochen" werden. Als "Entschädigung" dafür bieten die Ge- werkschaften langfristige Lohnfestlegungen an - also den Verzicht darauf, jährlich über eine Kompensation der gelaufenen Lohnsen- kungen - durch Leistungs- und Preissteigerungen das ganze Jahr über! - auch nur zu verhandeln. Auf dem einen und einzigen Punkt: den Schein einer Arbeitszeit- verkürzung auszuhandeln und so bestätigt zu bekommen, daß sie volkswirtschaftlich und beschäftigungspolitisch mal wieder gold- richtig liegen, allein auf diesem Unsinn bestehen IG Druck und IG Metall und DGB nun allerdings mit allem Nachdruck, der ihnen zu Gebote steht. Gerade w e g e n d e r A b s u r d i t ä t die- ses Streitpunkts, der dem Gegner überhaupt kein Interesse strei- tig machen will, wissen sie sich absolut i m R e c h t. Und dieses eingebildete Recht exekutieren sie, sonst nichts, wenn sie mit der gebührenden Feierlichkeit zu ihrer letzten demokratisch- rechtsstaatlichen Abmahnungs- und "Strafaktion" gegen die "sture" Unternehmerschaft stolzieren und "Streiks" anzetteln. Machtkampf - ohne Gegensatz in der Sache ---------------------------------------- Dabei nützen die Gewerkschaften jede Gelegenheit zu der Be- schwerde, ihr Gegner zwinge ihnen diese ungeliebte Maßnahme auf, und zwar noch nicht einmal aus Gründen des Profits - die IG-Me- tall spricht vornehm von "ehrbaren kaufmännischen Argumenten"! -, sondern in dem bloß politischen Interesse, die bundesdeutsche Ge- werkschafts-"Bewegung" zu schwächen. Und irgendwie haben sie da auch recht - wenn auch ganz anders, als Mayr, Janßen, Steinkühler und Co. es meinen. Unternehmer denken - im Unterschied zu bundesdeutschen Arbeiter- führern - immerzu an ihren zählbaren Vorteil: an ihr Geld und dessen Mehrung. Einen politischen a n s t e l l e eines materi- ellen Vorteils zu verfolgen, ist ihnen ganz fremd. Immerhin fällt aber auf, daß sie mit der Gewerkschafts-"Forderung" ein A n g e b o t zurückweisen, das ihnen keine materiellen Lasten auferlegt; das ihnen im Gegenteil Freiheiten in Aussicht stellt, nach denen sie sich sonst, da haben die beschwerdeführenden Ge- werkschaftler durchaus recht, "alle Finger lecken". Es ist schon ein übergeordneter p o l i t i s c h e r Wille, mit dem die um mehr "Vollbeschäftigung" besorgten Gewerkschaften es in dieser Tarifrunde zu tun haben. Der Regierung und den Unternehmern ge- meinsam geht es um Korrektur einer bundesdeutschen "Errungenschaft", die von Adenauers Wiederaufbau-Sozialpakt über Schillers "konzertierte Aktion" bis zu Schmidts "Modell Deutsch- land " eine Hauptrolle gespielt hat. Der quasi ö f f e n t l i c h - r e c h t l i c h e n S t e l l u n g d e s D G B sagen sie den Kampf an - gerade so, als hätte aus- gerechnet das die Klassenordnung der bundesdeutschen Gesellschaft durcheinandergebracht. Der "Zwang", sich über die Fortschritte der Ausbeutung mit einer rechtsstaatlich eingeführten Arbeitnehmerorganisation tarifver- traglich ins Benehmen setzen zu müssen, hat die Unternehmer hier- zulande zwar nie sonderlich gedrückt. Mit der gewerkschaftlichen Gegenleistung: einem bombenfesten Betriebsfrieden, sind sie sogar glänzend gefahren - da hat so mancher Boß "seine" Gewerkschaft schätzen gelernt. Ebenso ist noch keine bundesdeutsche Regierung in ihrer klassenbewußten Wirtschaftspolitik durch den DGB behin- dert worden. Im Gegenteil: Ohne das politisch anerkannte Vertre- tungsmonopol des DGB für Arbeiterinteressen wäre so mancher "Aufschwung" und "Abschwung" der zuständigen Herrschaft sicher weniger leicht gefallen. Eben deswegen steht für den weiteren Fortschritt der bundesdeutschen Marktwirtschaft jetzt aber eine neue Etappe an. Staat und Unternehmer verlangen den gewerkschaft- lichen D i e n s t, o h n e ihrerseits feste tarifliche Bin- dungen einzugehen, die durch ihren allgemeinen Rechtscharakter der notwendigen Willkür einer modernen Betriebsführung Schranken setzen könnten. Das ist der politische Schlag - überhaupt nicht im geringsten Gegensatz zu den gültigen Geschäftsinteressen! -, den die Gewerkschaftsgegner anläßlich der 35-Forderung des DGB führen. I d e o l o g i s c h bestreiten sie diesem Verein seine öffent- liche Geltung und sein Selbstbewußtsein als unentbehrlicher demo- kratischer Ordnungsfaktor, indem sie ihm wider besseres Wissen, absichtlich taub gegen alle seine konstruktiven Angebote, den Ma- kel der Unverantwortlichkeit anheften: "Dumm und töricht" (Kohl), "eine Mit Schmierseife eingefettete Rutschbahn für die deutsche Wirtschaft" - (Lambsdorff in Japan), "ein Hagelschlag für den Aufschwung" (Genscher), "eine Ohrfeige für die Arbeitslosen" (Blüm) usw. Solche rhetorischen Angriffe dienen der propagandi- stischen Kundgabe und Aufbereitung des praktischen p o l i t i s c h e n A n g r i f f s: Der Gewerkschaft, die mit ihrer Sozialordnungspolitik die regierungsamtliche Marktwirt- schaft nicht kritisieren, geschweige denn behindern, sondern ver- bessern will, und das mit tiefstem Respekt vor sämtlichen "Sachzwängen" des Profits, dieser Gewerkschaft wird das ange- strebte gemeinwohldienliche E i n v e r n e h m e n v e r- w e i g e r t. Sonst nichts - das aber hart und demonstrativ. Die IG-Metall und ihr DGB-Flügel sehen sich dadurch politisch an- gegriffen, was stimmt, aber die halbe Wahrheit wegläßt. Zu einem s o l c h e n Angriff gehört nämlich das auserlesene Opfer dazu: eine vollständig a b s u r d e G e w e r k s c h a f t, der nichts so wichtig ist wie das, was die Gegenseite ihr aufkündigt, nämlich das Recht auf Gehör und konstruktives Mittun in eigener Regie. Eine Gewerkschaft, der es auf nichts so sehr ankommt wie darauf, öffentlich anerkannt, mit der Unternehmerseite gleichbe- rechtigt, von oben zu Rate gezogen zu sein. Wenn die IG Metall über die Einseitigkeit der Regierung im gegenwärtigen Tarifstreit jammert, sogar in ihrer Mitgliederzeitschrift den Kanzler als parteiischen Schiedsrichter karikiert, dann zeigt sie damit öf- fentlich vor, wie vollständig sich für sie gewerkschaftliche Macht erschöpft in der gesellschaftlichen Bedeutung, die die Re- gierung ihr zuweist. Darin ist die Gewerkschaft durchaus der gleichen Auffassung wie ihre christlich-liberalen Gegner; auf dieser Grundlage findet der gegenwärtige Streit statt. Von wegen also "aufgezwungener Kampf": für eine solche Auseinandersetzung muß eine Gewerkschaft sich erst einmal h e r g e b e n! Regierung und DGB wissen voneinander, daß sie sich darüber einig sind, was volkswirtschaftlich geboten ist, nach welchen Maßstäben Lohnarbeiter benutzt und entlohnt gehören, daß Wachstum d a s Gemeinwohl ist usw. Für den DGB folgt aus dieser Einigkeit in der Sache das Recht, an der politischen Macht b e t e i l i g t zu werden - ein Recht, das ihm bislang noch immer gewährt worden ist. Die Regierung der christlichen Wende zieht aus derselben Ei- nigkeit den entgegengesetzten Schluß: Wenn man sich in der Sache einig ist, dann ist eine besondere Rolle der Gewerkschaft über- flüssig - und außerdem hat sie das dadurch zu beweisen, daß sie ihre Macht als Organisation vollständig abliefert bei der Regie- rung. Eine nationale Kolpingsfamilie, der weltlichen Obrigkeit so hörig wie das katholische Vorbild der kirchlichen; ein Arbeiterverein, der Tarifverträge nur abschließt, um den Unternehmern alle Frei- heiten zu garantieren: Das ist die gewerkschaftspolitische Leit- linie, um die Regierung und Unternehmer den Tarifkonflikt führen. Die "neue Dimension" des Arbeitskampfes 84: ------------------------------------------- Streik als Beschwerde gegen eine politische Degradierung -------------------------------------------------------- Die Streitfrage, die dafür Anlaß und Stoff hergibt, eignet sich ausgezeichnet für einen solchen Prinzipienstreit. Eben deswegen nämlich, weil die Gewerkschaft mit ihren Kampfzielen so entschie- den gar nichts anderes geltend machen will als ihre völlige Ei- nigkeit mit der Gegenseite - aber unter dem Vorzeichen der 35, des gewerkschaftlichen S y m b o l s, mehr ist es ja nicht, ei- ner volkswirtschaftlich erzvernünftigen Arbeitsmarktordnungspoli- tik. Wo nun allerdings so offensiv jeder Unterschied im sachli- chen Anliegen geleugnet wird, bleibt an Gegensatz und Streit gar nicht mehr übrig als g e w e r k s c h a f t l i c h e R e c h t h a b e r e i. Und damit stehen IG Metall, IG Druck und DGB-Führung in jeder Hinsicht blöd da. - I h r e n M i t g l i e d e r n nützt sie gar nicht mit ihrem Kampf. Deren Interessen sind nicht ihr Ausgangspunkt und Anlie- gen; so wenig, daß der Gewerkschaftsapparat sich wie ein soziolo- gisches Forschungsinstitut bei seinen Leuten erkundigt, wie sie eigentlich so zurechtkommen - um dann wie eine politische Partei auszukundschaften, wie populär ihre Tarifmanöver sind und wie hoch die "Akzeptanz" ihrer "Forderungen". Denn umgekehrt sind na- türlich auch ihre Vorhaben nichts, worum ein Mitglied sich ehrli- che Sorgen macht. Ständig besprechen Gewerkschaftsfunktionäre ihr Verhältnis zur "Basis" - und beweisen schon damit ihre berechtig- ten Zweifel daran, ob ihre Politik noch "in den Massen verankert" sei. Wenn's dann auf die Streiktage zu ans Mobilisieren geht, se- hen die "Argumente" der Agitation entsprechend aus. Ganz formell, im Namen eines proletarischen "Wir"; ohne wirkliches gemeinsames Interesse als Inhalt, legt die Gewerkschaft s i c h: ihre ehr- würdige Existenz, den Mitgliedern als wichtigsten Zweck ans Herz. Ohne erkennbaren weiteren Vorteil sollen sie sich zur Manövrier- masse ihrer Gewerkschaft machen: ein Ansinnen, das statt aufs In- teresse auf eine f a l s c h e g u t e M e i n u n g von der "Körperschaft" DGB baut. - Diese gute Meinung wird von der Regierung nicht widerlegt, aber sehr wirksam untergraben - einfach dadurch, daß sie mit den Ge- werkschaften Streit sucht. Es geht den Gewerkschaften in der Sa- che ja um nichts, worin sie sich nicht prinzipiell einig wären oder sein wollen mit der Regierung - außer eben um ihre eigene Bedeutung. Das ist aber für einen wohlerzogenen d e m o k r a t i s c h e n V e r s t a n d ein denkbar schlechter Rechtstitel für einen Streit mit der Obrigkeit. Ihr eigenes Mobilisierungsargument - Steinkühler: "Es geht um Sein oder Nicht-Sein der Gewerkschaften!" - bekommen die Funktionäre mit einem "bloß!" versehen als Vorwurf zurück: Nur um des öffent- lichen Ansehens und der gerechten Anerkennung des eigenen Vereins willen stört man doch nicht den inneren Frieden! - Die perfiden Verlängerungen dieses Angriffs lassen sich nicht nur in der Bildzeitung nachlesen, die sich wie immer aufs Lob des anständigen Deutschen im Arbeiter versteht. Solche Arbeiter- freunde, die jahrzehntelang wider besseres Wissen den DGB als "Lohnmaschine" bekämpft haben, entdecken auf einmal, daß die of- fenbare Untauglichkeit der Gewerkschaften für die Existenzsiche- rung der Arbeiter sich genausogut polemisch verwenden läßt: 'Ohne den Arbeitern zu nützen, gefährdet ihr Aufschwung und Ord- nung...!' Der m o r a l i s c h - f a s c h i s t i s c h e S c h l u ß liegt auf der Hand: Da muß es 'marxistischen Funk- tionären' um die böswillige 'Zerstörung unserer guten Marktwirt- schaft' gehen! - Mit diesem Vorwurf schlägt d i e G e w e r k s c h a f t sich herum - und hat damit schon verloren. Vor jedem Ideal des Gemeinwohls, das sie als ihren Rechtstitel beschwört, blamiert sie noch allemal zuerst ihre eigene Streiterei. Und was hilft ihr der noch so gelungene Nachweis, die Gegenseite hätte auf stur ge- schaltet und damit eine Machtprobe erzwungen? Damit räumt sie ja bloß selber ein, daß es sich bei ihren Streikvorhaben um eine "bloße Machtfrage" handelt. "Funktionärsherrschaft!" heißt der folgerichtig anschließende nächste Vorwurf." Ein paar Monate regierungsamtliche Abfuhr für die gewerkschaftli- chen Mitverantwortungsansprüche haben bereits genügt, um Gegen- sätze zwischen der Gewerkschaft und ihren Mitgliedern zu wecken. Der Vertretungsanspruch des DGB für die deutschen Lohnarbeiter ist genauso wirksam in Zweifel gezogen wie sein Anspruch auf wirtschaftspolitische Bedeutung. Und innerhalb des DGB ist längst der Streit zwischen "radikalen" und "gemäßigten" IGs im Gange, ob man der von Regierung und Unternehmern angestrebten Herabstufung des Vereins Widerstand leisten oder nicht besser entgegenkommen sollte - auch wenn die gewerkschaftliche Solidarität diesen Streit fest zudeckt, solange die Kampfaktionen der IG Druck und der IG Metall noch nicht verlorengegeben sind. So kommt die sozialfriedliche Republik mitten im Aufschwungsfrüh- ling womöglich noch in den Genuß einiger Streiktage. Statt Kampf wird dort die Demonstration geboten, daß die größte Einzelgewerk- schaft der freien Welt und ihr "radikaler" kleiner - Bruder aus der Druckbranche nur unter Protest hinnehmen, daß die Regierung der Wende mit ihrem Programm des totalen inneren Friedens für au- tonome Sozialfriedensstifter keinen prominenten Platz mehr be- reithält. Das war's dann - der "Kampf um die 35-Stunden-Woche." *** Kürzere Arbeitszeit - ein Rechenexempel --------------------------------------- Der Betriebsrat, den man gerade wieder einmal gewählt hat, wird in Zukunft immer wichtiger. Als ein Mann nämlich, der exakt Aus- kunft geben kann, wie lange man in den letzten Wochen gearbeitet hat. Denn wann der deutsche Arbeiter zum Dienst anzutreten hat und wann er Freizeit hat, das richtet sich zunehmend nach komplizier- ten Einsatzplänen, die schon beinahe so unverständlich sind wie das Kursbuch der Bundesbahn: Bei AGFA beispielsweise plant man 2 Spätschichten, 2 freie Tage, 7 Frühschichten (davon einmal 12 Stunden), 3 Tage frei, 2 Spätschichten, 7 Nachtschichten (davon einmal 12 Stunden), 3 Tage frei, usw. Beim Gummiwerk Fulda wurden jetzt abwechselnd eine Woche Früh-, Spät- und Nachtschicht einge- führt, wobei in den ersten beiden Wochen 43,5 Stunden gearbeitet wird, in der dritten 45 Stunden, in der vierten nur 22,5 Stunden, und dann hat. Man exakt 3,5 Tage frei. Bei BMW könnte das so aus- sehen: Am Freitag und Samstag 9 Stunden Frühschicht, Sonntag frei, und am Montag und Dienstag 9 Stunden Spätschicht, dann das Wochenende am Mittwoch und Donnerstag usw. - das Ganze natürlich im Wechsel mit je 9 Stunden von Montag bis Donnerstag... Und solche komplizierten Systeme sollen einem das Arbeitsleben ausgerechnet leichter machen?! Das behaupten nämlich die Be- triebsräte. Aber auf die Erleichterungen kommen sie ja auch bloß, weil sie auf dem Taschenrechner herausgefunden haben, daß die Ar- beitszeit u n t e r d e m S t r i c h von 40 auf 38,5 oder 36 oder 37,9752 Stunden gesunken ist. Bloß kann eben niemand unter dem Strich bequemer leben, vor allem nicht, wenn er dabei 45- Stunden-Wochen ableisten muß! zurück