Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter


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       Kritik der westdeutschen Gewerkschaften Nr. 2
       

DER DEUTSCHE GEWERKSCHAFTSBUND

Die Partei der Arbeit im Dienste von Wirtschaft und Nation ---------------------------------------------------------- Copyright 1982 by: Resultate Gesellschaft für Druck und Verlag wissenschaftlicher Literatur GmbH, Barerstr. 60, 8000 München 40 Verantwortlich: Dr. Karl Held Druck: HBM-Druck GmbH, Kobergerstr. 37, 8500 Nürnberg 10 Vertrieb: MHB Gesellschaft für Druck und Vertrieb wissenschaftli- cher Literatur mbH Amalienstr. 67 Rgb., 8000 München 40 ISBN 3 - 922935 - 02 - 8 "O h n e Gewerkschaft sind die Lohnabhängigen wehrlos" - so lau- tet heute wie vor hundert Jahren das Argument für die Organisa- tion der Arbeiter. Allerdings ist es heute immer dann fällig, wenn K r i t i k a m D G B laut wird. Aktive Gewerkschafter, die sich für "fortschrittlich" und "links" halten, nehmen die deutsche Einheitsgewerkschaft, an der sie ansonsten auch manches auszusetzen haben, sehr prinzipiell in Schutz, sooft die Frage gestellt wird: Wie ergeht es eigentlich den Lohnabhängigen m i t ihrem DGB? Als ob es nicht wichtig wäre, was die Organisation mit ihrer Politik für die Arbeiter leistet, wofür sie eintritt und wen sie tur ihre Partner bzw. Feinde hält! Wenn die arbeitende Menschheit schon auf eine Gewerkschaft angewiesen ist, dann darf wohl auch einmal geprüft werden, was diese "gesellschaftliche Kraft", die "Säule der Demokratie" eigentlich taugt! Für alle, die daran interessiert sind, werden hier einmal die Fragen gestellt und beantwortet, die i m D G B so unerwünscht sind: Was stellt der DGB mit der vielgepriesenen Tarifautonomie an? Was nützt ein Gewerkschafter im Aufsichtsrat, was im Betriebsrat? Was hat die Lohngruppe VI von einer Auslandsreise des IGMetall-Vor- standes? Warum lobt der DGB die deutsche Arbeit? Wären mehr Lohn und Erleichterung der Arbeit nicht besser als ihr Lob? Warum ver- zichtet der DGB auf kein Opfer seiner Basis? Soll sich die Basis den DGB noch leisten? Organisiert diese Gewerkschaft die Interes- sen der Arbeiter - oder einfach deutsche Arbeit? Der Deutsche Gewerkschaftsbund ------------------------------ Die Partei der Arbeit im Dienste von Wirtschaft und Nation ---------------------------------------------------------- Kapitel I Was an einer nationalen Gesinnung auszusetzen ist - und was sie kostet Kapitel II Der praktische Nationalismus des DGB: Arbeit für Lohn und Nation 1. Wie billig ist der Lohn? 2. Lohnkampf als Tarifrunde 3. Fortschritte der Tarifbewegung Taktik '82 Realismus '82: Gewerkschaftliche Null-Lösung 4. Das reale Scheingefecht 5. "Ein Betrieb - eine Gewerkschaft" Die humane Rationalisierung Vom Recht der Arbeitnehmer - auf ihre Ausbeutung Kapitel III Die soziale Gegenmacht - Wirtschafts- und Sozialpolitik des DGB Kapitel IV Die Mitbestimmung der Gewerkschaft Die Einheitsgewerkschaft = überparteiliche Staatsgewerkschaft Die Basis - das Arbeitsvolk des DGB Kapitel V Der DGB und die Weltpolitik: Offensiver Nationalismus im Namen der deutschen Arbeit 1. Der Internationalismus des DGB 2. Ein deutsches Europa 3. Unsere Interessen in der "Dritten Welt" 4. Solidarität mit Polen 5. Deutsche Friedenspolitik 6. Die Gewerkschaft und Bundeswehr; Kriegs-und Arbeitsdienst Kapitel I --------- Was an einer nationalen Gesinnung auszusetzen ist - --------------------------------------------------- und was sie kostet ------------------ Die Vorwürfe, die in dieser Auseinandersetzung mit der Politik des DGB erhoben werden, lassen sich in der Kritik zusammenfassen, daß es der westdeutschen Einheitsgewerkschaft weniger um das I n t e r e s s e d e r A r b e i t e r zu tun ist als um das der N a t i o n u n d i h r e r W i r t s c h a f t. Diese Kritik wäre keine, würde das Wohlergehen der Lohnabhängigen mit dem Geschäftserfolg der deutschen Industrie und der Stärkung des bundesrepublikanischen Staates zusammenfallen. Sicher - be- hauptet wird dies oft genug, und nicht nur von den berufsmäßigen Sachwaltern des Allgemeinwohls, von den Politikern. Auch die Ge- werkschaften lassen aus dem Munde ihrer Vorsitzenden regelmäßig verlauten, daß das Wohl deutscher "Arbeitnehmer" prinzipiell und dauerhaft nur durch das G e l i n g e n d e u t s c h e r P o l i t i k - im Innern wie nach außen - gesichert werden könne. Seltsamerweise fällt den Vertretern des Volkes ebenso wie denen der arbeitenden Menschheit ihre Weisheit immer dann ein, wenn sie nach guten Gründen dafür suchen, daß eine gerade fällige Maßnahme genau das Richtige für die sei, die den Schaden von ihr haben. Stets beharren sie darauf, daß O p f e r nicht nur sein müssen, sondern sich letztlich auch immer l o h n e n, wenn sie im Namen der eigenen Nation verordnet und für sie geleistet wer- den. In diesem Sinne gilt ihnen noch jede durch Gesetz oder im Betrieb beschlossene Beschränkung als "vernünftig", und dem Ver- ständnis für die "Betroffenen" fügen sie die Mitteilung hinzu, daß die verfügten Maßnahmen "notwendig" seien und ihrerseits Ver- ständnis verdienen. 1. So wenig diese demokratische Art, vom Benzinpreis über die Er- höhung der Mehrwertsteuer bis zur Aufrüstung alles als Auftrag der Bürger und allein in ihrem Wohl ersonnene "Politik der Ver- nunft" darzustellen, mit irgendeinem Versprechen aufwartet; so wenig da der L o h n f ü r d i e O p f e r beziffert wird, so geläufig ist doch e i n e Begründung geworden: die "Betroffenen" in dieser unserer Demokratie hätten in der FREIHEIT noch allemal einen sehr einleuchtenden Grund, sich auf die Verän- derung ihrer Lebensbedingungen einzulassen. Zunächst fällt am Lob der FREIHEIT eines auf: als Kompliment an den Staat, in dem wir leben und der uns dieses hohe Gut beschert, läßt dieses Lob k e i n e U n z u f r i e d e n h e i t gel- ten. Regt sich einer über die Teuerung der Lebenshaltung auf, so erscheinen seine Anstrengungen beim Einteilen seiner Lohntüte recht banal und weiter nicht der Rede wert, ist erst einmal klar- gestellt, daß er immerhin in einem freiheitlichen Lande zu Hause ist. D a n k b a r k e i t für die Gunst, in FREIHEIT leben zu dürfen, fordern die Festredner der politischen Ordnung bei jeder Gelegenheit - und insbesondere dann, wenn Ansprüche irgendeiner Art erhoben werden. Nichts geht ihnen leichter von den Lippen als der Hinweis auf den Genuß von Rechten, die Bürgern hierzulande g e w ä h r t werden. Und kaum haben sie betont, was sie - im Unterschied zu drüben "den "Menschen" alles "z u g e s t e h e n", erläutern sie die G r e n z e n der Freiheit und warnen vor ihrem M i ß b r a u c h. Wohltaten und materielle Vorteile werden also nicht aufgezählt, wenn für Freiheit und damit um Einverständnis mit dem eigenen Staat geworben wird. Auch sind die Zeiten vorbei, als mit dem "Mut zu mehr Demokratie" die Freiheit zumindest als eine Aufgabe des Staates hingestellt wurde, durch deren Erfüllung er seinen Bürgern mehr M ö g l i c h k e i t e n, mehr Lebenschancen er- öffnet. Die Vertreter dieser Politik haben es über ein Jahrzehnt an Tatkraft nicht fehlen lassen, und die unangenehmen Wirkungen ihrer freiheitlichen Sozial-, Konjunktur- und Außenpolitik be- schwören sie heute als "schwere Zeiten". Niemand erliegt irgend- welchen Illusionen darüber, wie es gemeint ist - wenn zur Schonung der Staatskasse mehr Steuern und Beiträge für Versicherungen aller Art erhoben werden und aus demselben Grund beim Unterhalt von Arbeitslosen, Rentnern und bei der medizini- schen Versorgung von Kranken ein "Sparprogramm" veranstaltet wird; - wenn im Interesse u n s e r e r - freien - Marktwirtschaft die Einkünfte von Staat, Unternehmern und Banken gar nicht hoch genug sein können, also die Preise kräftig steigen müssen, wäh- rend die Löhne fallen: sie sind nämlich Kosten; - wenn zum Schutz derselben Marktwirtschaft und unserer Freiheit das Verhältnis zum Ausland wieder gründlich erneuert wird. Aus- länder, die sich in die Bundesrepublik flüchten in der Hoffnung, hier ginge es ihnen besser als in ihren Staaten, müssen sich fra- gen lassen, ob sie auch wirklich wegen der Freiheit kommen. Wenn sie sich Vorteile ausrechnen, sind sie "Wirtschaftsflüchtlinge" und wir können sie nicht "verkraften". Ausländer, die in Japan leben und billig für den japanischen Export arbeiten, sind ein Vorbild für uns "verwöhnte" Deutsche. Ausländer in der amerikani- schen Regierung sind unsere F r e u n d e, die einen Anspruch auf unseren "Verteidigungsbeitrag" haben, der nicht zu knapp aus- fallen darf. Weil nämlich die Ausländer in den Ostblockländern unsere F e i n d e sind, vor denen wir nur dann keine Angst ha- ben müssen, wenn wir so gut gerüstet sind, daß wir sie in die Freiheit zwingen können. Offenbar verträgt sich die Freiheit nicht nur sehr gut mit Not und Gewalt - zwei Dinge, die die Freunde der Freiheit immer nur auswärts entdecken -; Bescheidenheit und die Bereitschaft zur Un- terwerfung unter den Staat, der sie schützt, werden als der ganz selbstverständliche P r e i s d e r F r e i h e i t gefor- dert. 2. Mit dem Bekenntnis zur Freiheit ist der erste und wichtigste Schritt zu einer nationalen Gesinnung vollzogen. Wer nämlich die A b h ä n g i g k e i t von seinem Staat zum Anlaß nimmt, d a f ü r zu sein, wird bei der Suche nach guten Gründen für seinen Entschluß noch allemal fündig. Man braucht sich ja nur von den Anwälten der Freiheit die passenden Vergleiche an die Hand geben zu lassen, und schon weiß man, daß der täglich entrichtete Preis für die großzügige politische Führung, die man genießt, wahrlich nicht zu hoch ist. Da gibt es - das Fernsehen macht sogar farbige Bilder davon - Länder, in denen die Menschen keine Arbeit, geschweige denn etwas zum Beißen haben. Diktatoren schlagen bei jedem Anflug von Oppo- sition mit Waffengewalt zu, so daß einem die nächste Frühschicht eigentlich ganz gemütlich vorkommt. Nur auf eine Kleinigkeit darf ein moderner, demokratisch eingestellter Nationalist nicht ver- fallen: daß die mit Abscheu vorgeführten auswärtigen Zustände meist in den Zuständigkeitsbereich der eigenen Herren Politiker fallen; daß die deutschen Kanzler und Außenminister Diktatoren durchaus zu ihrem politischen Freundeskreis rechnen und höchstens die bange Frage stellen, ob das Volk irgendwo dahinten oder da unten "reif" für eine "Rückkehr" zur Demokratie sei! Umgekehrt ist es richtig, wenn man keinem Zweifel an den Leistungen der Freiheit erliegen will: Zu vergessen hat ein moderner Bürger auf alle Fälle, daß die geschäftlichen und politischen Beziehungen, die seine einflußreichen Landsleute mit dem Ausland pflegen, ir- gendetwas mit den "unmenschlichen Verhältnissen" dort zu tun ha- ben könnten. Nur wer diese Übung beherrscht, ist zu einer ge- scheiten n a t i o n a l i s t i s c h e n K r i t i k fähig. Die eigenen Herrschaften sind unschuldig, also liegt es an den fremden - wenn nicht gar am Volk, das es nicht besser verdient. Zum Beweis dafür, daß man es selbst nicht nur g u t g e- t r o f f e n hat mit seinem freiheitlichen Staatswesen, sondern ein solches Regiertwerden auch v e r d i e n t, taugt dann die deutsche Wertarbeit. Deren Siegeszug auf dem Weltmarkt muß ja schließlich etwas mit den eigenen Fähigkeiten zu tun haben - auch wenn sich der Arbeitstag eines guten Deutschen von dem seines gastarbeitenden Kollegen gar nicht unterscheidet. Spätestens an den Unsitten der Ausländer, die "wir" auch noch beschäftigen, wird ja wohl klar, wer da wem überlegen ist. Der Auslandsurlaub liefert die restlichen Beweise! Durch die vorzügliche Waffe des Vergleichs verschafft sich freilich nur die politische Führungsgarnitur in Staaten wie der Bundesrepublik i h r e F r e i h e i t. Wer sich dieses nationalen Blicks in die Welt befleißigt und sich ständig die V e r u r t e i l u n g des Auslands, der Staaten wie der Völker, zum Anliegen macht; wer je- des Fußball-Länderspiel, jeden Streik und jeden Volksaufstand samt seiner gewaltsamen Unterdrückung auswärts zur Bestätigung dafür heranzieht, wie gut man mit seinem "eigenen" Land fährt - ein solcher Bürger legt seiner Regierung bestimmt kein Hindernis in den Weg. Wer sich als Untertan der offiziellen vergleichenden Besichtigung der Welt anschließt, der will ja seine Minister nicht daran messen, was sie f ü r i h n l e i s t e n. Er hat sich vielmehr entschlossen, die "Bewältigung" der politischen Probleme, die als die entscheidenden "seiner" Nation aufgemacht werden, sehr prinzipiell mit seinen eigenen Anliegen zu verwech- seln. Und dieser Entschluß trägt Früchte nicht erst dann, wenn das Va- terland verteidigt werden muß, weil die Nation in der Macht einer anderen ein untragbares Hindernis entdeckt. Ein anständiger Na- tionalist fängt bei sich zu Hause an, und zwar damit, daß er sich ein R e c h t s b e w u ß t s e i n zulegt. Daß sein Staat mit Recht und Polizei sämtliche Gegensätze in der Gesellschaft unter Kontrolle hält, damit sich niemand störend gegen das "große Ganze" bemerkbar macht, leuchtet ihm ein. Aber natürlich nicht deswegen, weil i h m da einiges aufgehalst und verboten wird, weil e r einen "Rahmen des Erlaubten" serviert kriegt, der ihm zumindest dann einiges verwehrt, wenn er von Arbeit lebt; viel- mehr deswegen, weil er die Einschränkung a n d e r e r für den besten Schutz seines Interesses hält. Mit Klarheit über die Natur einer Rechtsordnung, die für die Nutzung von Eigentum und die Be- nutzung von Arbeit sorgt, hat dieser Gerechtigkeitssinn aber we- nig zu tun. Er ist auf die angemessene Behandlung anderer Bürger gerichtet, die sich angeblich mehr herausnehmen, als ihnen zu- steht. Aus der Unzufriedenheit mit dem mäßigen Erfolg, der sich bei aller Pflichterfüllung noch nicht einmal sicher einstellt, wird da der Anspruch auf ganz viel R e c h t & O r d n u n g. An Gesetzesbrechern, aber auch an Hausbesetzern und Demonstran- ten, an Gammlern und Studenten - freilich nicht an erfolgreich Studierten wie den Machern von Bonn - entdeckt da mancher private Anwalt der Gerechtigkeit seine Vorliebe für einen sauberen und s t a r k e n S t a a t, der ohne zuviel Umstände seine Macht geltend macht. Dann muß der "ohnmächtige" Staat s i c h s c h ü t z e n vor all dem gefährlichen Volk - im Namen und Auftrag der anständigen Leute, die dann auch nicht mehr vom Leben haben, aber immerhin in einem Lande wohnen, wo keiner zuviel d a r f! Ganz als wäre das Recht, die von der Staatsgewalt durchgesetzten Pflichten, eine Waffe des kleinen Mannes bei seiner längst been- deten Karriere, erklärt er sich mit seinem Ordnungssinn zum treuen Gefolgsmann "seiner" Nation. Dabei macht es ihm auch wenig aus, daß er sämtliche Illusionen über Freiheit verabschiedet. Mit der kritisch gegen seine engere und weitere Umgebung gerichteten Frage "Wenn das alle täten?" steht ihm schließlich die verant- wortliche Prüfung all dessen offen, was er für unerlaubt hält. Empfehlungen an die Staatsmacht, mit ihren Untertanen öfter mal so umzuspringen, wie es in unfreien Ländern Sitte ist, gehören natürlich dazu... 3. Es ist auch kein Zufall, daß ein Bürger, der aus seiner Be- troffenheit zum Parteigänger seines Staates wird, mit der natio- nalen Geschäftswelt nicht allzu hart ins Gericht geht. Immerhin entnimmt er seiner Sorge um eine gelungene Politik auch die Weis- heit, daß ohne eine gelungene Wirtschaft schon gleich nichts geht. Also gesteht er seinem Staat auch zu, alles für den Nutzen derer zu tun, die "die Wirtschaft" heißen. Wenn eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für den Aufschwung gut ist, wird sie eben bezahlt. Wenn die Stärke der deutschen Exportindustrie Steuererleichterun- gen und Investitionshilfen erfordert, dann muß eben der Staats- haushalt dafür gerade stehen. Daß sich kräftige Lohnerhöhungen nicht mit dem Erfolg der nationalen Wirtschaft vertragen, leuch- tet einem Menschen mit nationalem Verantwortungsbewußtsein ohne weiteres ein. Er will ja auch nicht die kommunistische Auffassung vertreten, daß zwischen dem Interesse von Staat und Kapital ei- nerseits und dem von Arbeitsleuten ein G e g e n s a t z be- steht, den die letzteren immerzu a u s b a d e n müssen - als Lohntütenempfänger, als "König Kunde" und als Steuerzahler. Nein, es ist ihm darauf angekommen, die A b h ä n g i g k e i t von "uns allen" zu betonen - vom Erfolg des deutschen Geschäftsle- bens. Und dafür taugt dann auch von Seiten eines Geschädigten die Frage, wieviel Lohn und andere Ansprüche die Nation eigentlich verträgt. Oder: ob "wir nicht alle über unsere Verhältnisse le- ben?" Daß Abhängigkeit der beste Grund für Vorsicht beim Anmelden der eigenen Wünsche sei, läßt sich ein Nationalist nicht zweimal sa- gen. Diese "Vernunft", die er teuer bezahlt - am Arbeitsplatz wie auf dem freien Markt ", leidet auch nicht unter dem sinnfälligen Zuwachs von Reichtum, der sich als Kapital anhäuft oder vom Staat für Rüstung ausgegeben wird. Gegen die gewaltsame Absicherung sämtlicher nationaler Interessen, die sich mittlerweile über den ganzen Globus erstrecken, läßt sich schon deshalb nichts einwen- den, weil es u n s e r e sind und "wir alle" eben vom Erfolg unseres Staates in der Welt abhängen. Also muß die Aufrüstung sein. Was das Privateigentum, das sich da anhäuft, anbetrifft, so ist nur dann ein Einwand fällig, wenn sich einer als "z u r e i c h" erweist. Dann also, wenn Luxus und Verschwendung von Kapitalisten und Politikern öffentlich breitgetreten werden - oder eine Betrugsaffäre, etwas Unrechtmäßiges also, ruchbar wird. Ansonsten verfressen Unternehmer ihr Kapital ja nicht, sondern legen es an und "schaffen Arbeitsplätze", von denen wiederum alle leben. Anders steht es wiederum für den nationalistischen Sachverstand mit der Beurteilung von Leuten, denen das Bewußtsein ihrer Abhän- gigkeit von Staat und Wirtschaft noch nicht recht einleuchten will. Ihnen muß entgegengehalten werden - so als ob man von der Bescheidenheit anderer leben könnte, weil es einem die Nation großzügig zugute kommen läßt, was sie an anderen Bürgern spart", daß der "S t a a t k e i n S e l b s t b e d i e n u n g s l a d e n" ist. An Studenten und Rentnern, Krankgeschriebenen und Arbeitslosen läßt sich die Logik von Nationalisten studieren, die da in Kraft tritt: die Miß- brauchs- und Schmarotzerdebatte in unserer Republik setzt konse- quent die Unverschämtheit fort, die mit der Lüge von den "sozialen L e i s t u n g e n" in die Welt gesetzt wurde. Von wem der Staat zwangsweise die Gelder einkassiert, wird getrost vergessen - er "verteilt" milde Gaben und jeder Bürger hält sich für befugt, sich wie eine Kontrollinstanz zu gebärden. Zur freien Diskussion steht erstens nicht, warum der Staat ausgerechnet dann kein Geld für die Versicherten hat, wenn die Beitragszahler auf ihre "Ansprüche" angewiesen sind. Zweitens ist die Frage über- flüssig, wieso so viele Leute krank und arbeitslos sind - wenn sie doch gestellt wird, dann mit der postwendenden Antwort vom "ungesunden Leben" (das mit der gesunden Arbeit nichts zu tun hat!) und der "Arbeitsscheu" und den Ausländern, die Ar- beitsplätze klauen. Drittens ist die Sorge um die Staatsfinanzen fällig, an denen auf Kosten der Abhängigen g e s p a r t werden muß. Und viertens ist - der Gerechtigkeit halber - immer zu prü- fen, ob die Empfänger der "Leistungen" diese auch v e r d i e n e n! Unter dem Rechtstitel des "S t e u e r z a h l e r s" und allge- mein des anständigen Bürgers, der seine P f l i c h t tut, kla- gen dann an der Erhaltung nationaler Wirtschaftskraft interes- sierte Menschen die Beschränkung ihrer Mitbürger ein! Daß man an dieser Wirtschaftskraft hauptsächlich selbst durch D i e n- s t e, und das eben nicht zu knapp beteiligt ist, gilt als der Ausweis der guten Staatsbürgergesinnung - und d i e berechtigt zum Protest gegen die "Genüsse" anderer im "sozialen Netz". Daß der Staat dieses Ding als s e i n e G e l d q u e l l e erhalten will, also mehr dafür kassiert und weniger davon auszahlt, behauptet so schnell keiner. Eher wird die wachsende Staatsschuld so betrachtet, als wäre sie dasselbe wie die Schuldenlast eines Privatmannes, der sich nicht einzuteilen wußte; allerdings ohne den Vorwurf an die "M a ß l o s i g- k e i t" d e r P o l i t i k e r, sondern mit vernichtenden Urteilen über die Unbescheidenheit ihres Volkes! Insofern feiert die nationale Einstellung derer, die für Politik und Wirtschaft geradezustehen haben, einen weiteren Triumph über Freiheitsillusionen. Und sie gefällt sich darin, die für ihre Na- tion Z u s t ä n d i g e n klar von den B e t r o f f e n e n zu unterscheiden. Den einen gestehen sie die F r e i h e i t zu, über die anderen zu verfügen. Den anderen halten sie den P r e i s d e r F r e i h e i t vor Augen, den sie zu entrich- ten haben - ganz als gehörten sie nicht selbst zu ihnen. Von de- ren Nationalismus ist nämlich hier die Rede, nicht von den öf- fentlichen Beamten der staatlichen Notwendigkeit. 4. Wenn die vielen, die vom Dienst am Eigentum anderer leben, sich den kostspieligen Irrtum leisten, die Staatsgewalt wäre für sie da und nicht für die reibungslose und effektive Benutzung ih- rer Leistung; wenn sie den Beschränkungen, die ihnen die freie Marktwirtschaft in Arbeit und Einkommen auferlegt, die "Einsicht" entnehmen, es hätte ihnen darüber hinaus noch auf einen geschei- ten Staat anzukommen - dann sind sie r e i f f ü r d i e D e m o k r a t i e. Diese Sorte politischer Herrschaft hono- riert den Fehler, so zu tun, als wäre man ihr nicht ausgeliefert, sondern hätte ein Recht auf sie. In den politischen Parteien tum- meln sich berufsmäßige Politiker, die ausschließlich das Inter- esse an einem funktionierenden Staatswesen verfolgen, weil sie die Vertretung dieses Bürgerwillens an die Macht bringt. Sie stellen sich allen, die bereit zur Unterwerfung sind, "zur Verfü- gung". Vorschriften lassen sich diese Volksvertreter von denen, die sie regieren wollen, keine machen - aber man darf sie w ä h l e n. Alle, die sich gescheit regieren lassen wollen, kommen in den Genuß, darüber entscheiden zu dürfen, von welcher Mannschaft ihre Abhängigkeit vom Staat organisiert wird. In der Konkurrenz um diese Zustimmung werben umgekehrt die Kandidaten der Staatsmacht um das Kreuz auf dem Stimmzettel. Dabei kommt es ihnen sehr darauf an, sich von den jeweils anderen, die dasselbe wollen, zu unterscheiden. Also behaupten sie, die Konkurrenz be- herrsche das politische Handwerk nicht richtig und würde den Staat versauen bzw. hätte ihn durch ihre bisherige Amtsführung in die "Krise" gebracht. Wenn die Mehrheit des Volkes die "Krise des Staates" oder einer Partei mit ihrem eigenen Mißerfolg verwech- selt, so ist es ihnen recht. Was ihre Wahlversprechen betrifft, so sind sie nicht geeignet, diese Verwechslung zu provozieren: die Stärkung oder Rettung des Staates wird versprochen - nicht ein Leben in Saus und Braus. In der Bundesrepublik halten sich Wahlkämpfer seit Jahren an das solide Grundsatzprogramm, das je- dem Nationalisten einleuchtet: - ganz viel Recht und Ordnung - alles für die Wirtschaft - alle nötigen Abstriche beim Einkommen der "sozial Schwachen" - Vermehrung der Staatsschulden für wichtigere Dinge - Erhaltung der Freiheit Um bereits vor der Wahl zu beweisen, was durch sie entschieden wird: wer die "Verantwortung" zurecht trägt, pflegen die in ihren Programmen so einmütigen Charaktermasken der Politik das B i l d von sich, so wie sie sich es im Volk verankert wünschen. Diese Veranstaltungen sind eigentlich hervorragend dafür geeignet, die Illusion der Wähler zu zerstören, mit der Bitte um ihre Stimme würden sich Politiker von ihren Bürgern a b h ä n g i g machen: Da wird öffentlich auf Parteitagen, wie sie in Moskau nicht sche- matischer und keimfreier organisiert werden könnten, darüber "diskutiert", daß die jeweilige Partei "einheitlich" sei, noch "geschlossener" werden müsse, damit "Führungskraft" unter Beweis stelle - und daß man das "Vertrauen" und die "Glaubwürdigkeit" der eigenen Mannschaft wiederherstellen wolle. Die dabei öffent- lich bekannt gemachten Mittel reichen vom Farbfoto der Kandida- tenfamilie über die deutsche Fahne bis zur Frisur, deren Verände- rung aus dem Kanzler in spe einen Frauenliebling verfertigen soll. Da wird ganz offen die Berechnung ausgesprochen, daß man bei der Stimmenwerbung weder auf das materielle Interesse noch auf die Intelligenz der Wähler setzen dürfe, weil aus beiden kein guter Grund für das Kreuzchen zu gewinnen ist - und mit purer An- maßung, mit Gesten und Worten einer im sonstigen Verkehr nicht empfehlenswerten Arroganz und Heuchelei um S y m p a t h i e geworben. Da wird unverhohlen darüber beraten, wie man s i c h d a r s t e l l t, also so tut, als ob! Für die Jugend einen Wahlslogan, einen anderen für die Frauen, für die Intellektuellen einen Dichter im Reisegepäck, für die Arbeiter einen Gewerkschaf- ter - und ein Kandidatenbesuch im Altersheim, in der Fabrik, in der Grube - "vor Ort"! Der Erfolg gibt den Staatsschauspielern, die allerdings das Volk nicht ergötzen, sondern beherrschen wollen, dann Recht - und die Macht, an der die unterlegenen Parteien, in ihrer Eigenschaft als Opposition und auf die nächste Wahl spekulierende Alternative ebenfalls beteiligt sind. Vorausgesetzt, die kritischen Bürger behaupten, daß sie den Laden "durchschauen", aber "trotzdem" wäh- len, weil sie sich diese einzige Gelegenheit zur "Einflußnahme" auf die politischen Geschäfte - nicht auf deren Gang, aber immer- hin auf die Verteilung des Personals - nicht entgehen lassen wol- len. Vorausgesetzt, sie wollen ihrer "Enttäuschung" über die ge- laufenen Regierungskünste durch die Zustimmung zu den künftigen "Luft machen", und sie halten den S t i m m z e t t e l für einen D e n k z e t t e l. Dann haben nach dem Wahltag die Politiker die F r e i h e i t, Gesetze zu erlassen und für ihre Durchsetzung und Erfüllung sor- gen zu lassen. Das Volk lernt die N o t w e n d i g k e i t der Politik und ihrer "Sachzwänge" kennen wie immer - und kann sich am letzten Zipfel der Freiheit, der i h m reserviert bleibt, bedienen. Durch seine f r e i e M e i n u n g hält sich zwar keiner schadlos, immerhin vermag er sich - bei der Zeitungslek- türe, an der Tankstelle, vor dem Fernseher und am Stammtisch - seine U n z u f r i e d e n h e i t über den Lauf der Welt mit ihren Ungerechtigkeiten zu bestätigen. Also in seiner Rolle als B e t r o f f e n e r weiterhin theoretisch so zu tun, als wären seine Berechnungen irgendwie von Belang. Er kann sich vor allem vor seinesgleichen darüber beschweren, daß er nur als M i t m a c h e r gefragt ist in dem Staat, dem er seit seiner Geburt - und ohne daß man ihn länger um Beitritt zu dieser Verei- nigung freier Menschen gebeten hätte - angehört. 5. Mit einem kritisch-pflichtbewußten und zuverlässigen Volk läßt sich gut Politik machen. Auf der einen Seite bemüht es sich nach Kräften, durch Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen, also mit den Anforderungen des Kapitals zurechtzukommen, weil es in seiner Mehrheit kein anderes Mittel h a t. Dadurch i s t es Mittel des Privateigentums, auf dessen Wachstum der Staat scharf ist; von dieser Sorte Reichtum fällt nämlich das Nötige für ihn ab, weil er sich bei jeder Art Einkommen und Geschäft bedient - es sei denn, das Geschäft würde darunter leiden. Auf der anderen Seite ergänzt das Volk seinen Dienst, zu dem es durch seine Mit- tellosigkeit und auf seine Brauchbarkeit berechnete Entlohnung erpreßt wird, um die nationale Gesinnung - so daß zwar nicht sein Leben, wohl aber die Politik eine krisensichere, rundum gelungene Sache wird. Ein so regierter, reicher und mächtiger Staat freilich ist in ei- ner Hinsicht mit Land und Leuten unzufrieden: wenn sie bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit ausgenutzt werden, entdeckt er die Grenzen dessen, was sie hergeben. Längst nicht alle Gaben der N a t u r sind auf seinem Hoheitsgebiet versammelt - und die von außerhalb wären so nützlich für Produktion und Markt. Und wird nicht auch außerhalb Reichtum g e s c h a f f e n, mit dem ein Geschäft zu machen ginge? Kurz: eine moderne, nach allen bisher besprochenen Techniken der Kunst verwaltete Nation betätigt sich auch i n t e r - n a t i o n a l. Und je mehr sie in aller Welt G e s c h ä f t e abwickelt, also auch Land und Leute außerhalb zum Mittel ihres Reichtums macht, desto mehr G e w a l t braucht sie, um ihre I n t e r e s s e n zu verteidigen. Schließlich sind "wir" durch die auswärtigen Beziehungen von fremden Staaten abhängig, die ja auch ihre Interessen aus ihrem Umgang mit ihrem Volk in die "Beziehungen" einbringen. Da kann es schon vorkommen, daß die hohen Herren der Weltpolitik und des Weltmarkts befinden, daß ihre Freiheit durch die ihrer Partner beschränkt wird - und dieses Hindernis aus dem Weg geräumt ge- hört! Die Mittel dazu sind ja vorhanden: das eigene Volk und der Reichtum, den es schafft. Kein Wunder also, daß im Namen der Freiheit die nationale Gesin- nung eines modernen Bürgers auch ihre i n t e r n a t i o n a l e Bewährungsprobe abzulegen hat. Eine Notwendigkeit, die dem guten Mann den l e t z t e n Preis der Freiheit deutlich macht: - Ein stattlicher Teil des nationalen Reichtums wird in die R ü s t u n g gesteckt. - Der Staat erlaubt es sich, auf eine ansehnliche Masse genutzter Arbeitskraft zu verzichten, indem er sich S o l d a t e n aus- bildet. - Der Staat stellt also seinem Volk den K r i e g in Aussicht, in dem es d i e F r e i h e i t v e r t e i d i g t. In Sachen K r i e g u n d F r i e d e n erteilen die Regie- renden ihrem Volk die eindeutigste Auskunft darüber, für wen sich die Freiheit lohnt. Sie liefern ihm damit einen unübersehbaren Grund dafür, das Mitmachen aufzukündigen, das sie sich im demo- kratischen Alltag des Vaterlandes angewöhnt haben. Schließlich wird ja für den Ernstfall nicht versprochen, daß das Vaterland die Bürger, ihre Wohnung und ihren Lebensstandard schützt. Umge- kehrt wird verlangt, daß man unter Einsatz des Lebens das Vater- land rettet! Staatsmänner scheinen zu wissen, was sie ihren Untertanen da zu- muten. Deshalb setzen sie alles daran, auch die Taten, die die S t a a t s g e w a l t in aller Welt vollbringt, als eine Auf- gabe ihres Volkes darzustellen, die i n s e i n e m I n t e r e s s e liegt. Auch hier, wo das Volk sehr offensicht- lich nichts zu melden hat, soll es seine A b h ä n g i g k e i t nur als Anlaß für die Erfüllung seiner n a t i o n a l e n P f l i c h t nehmen. Zur Aufrechterhaltung nationaler Treue bis zum "Ernstfall", über den selbstverständlich die Regierung ent- scheidet, werden also die entsprechenden Lehren verabreicht. Das geht so: - Die im und mit dem Ausland abgewickelten G e s c h ä f t e darf man sich nach Auskunft derer, die sie abwickeln, erstens als eine wegen und für die einfachen Leute veranstaltete Wohltat den- ken. Export und Import nützen "uns allen", weil sie Südfrüchte auf den Tisch, billige japanische Autos in die Garage und öl an die Tankstellen und in die Heizung bringen. Sie schaffen Ar- beitsplätze, ernähren "uns" also. Getrost darf man die Tatsache übersehen, daß der ganze Welthandel um des Geldes willen gemacht wird, die schönen Dinge ihren Preis haben, den der Staat zusätz- lich zu dem, was die Multis an ihm verdienen wollen, kräftig steigert. Erlaubt sind Bedenken gegen die multi-nationalen Ge- schäftemacher, weil sie nicht lauter deutsche Kapitalisten sind! An die Geschichte mit den Arbeitsplätzen soll man schon wegen der 2 Millionen Entlassenen glauben und sie als Notwendigkeit akzep- tieren: gerade wegen "unserer Exportabhängigkeit" müssen "wir" konkurrenzfähig bleiben, also rationalisieren, ganz viel im Aus- land investieren und daheim die Lohnkosten niedrig halten - so wird aus dem G e s c h ä f t eine einzige Leidensgeschichte von Bankiers, Industriellen und Politikern, die ihr Volk trotz aller "Sachzwänge" versorgen wollen, dabei aber nicht umhin können, es zur Kasse zu bitten. Zusätzlich darf das Volk die Armen bedauern, die der internatio- nale Handel auf dem Globus schafft: Nicht als W i r k u n g "unserer" Beziehungen soll es das Verhungern in den Ländern auf- fassen, wo VW, Siemens und Bosch investieren, sondern als v o r g e f u n d e n e "Unterentwicklung". Kapitalanlagen sind nicht rentabel eingesetztes Geld, sondern wie jeder zielbewußt vergebene Kredit an afrikanische und lateinamerikanische Diktatu- ren eine menschenfreundliche "Entwicklungshilfe". Die Waffen, die an sie verkauft werden, dienen nicht der Unterdrückung, sondern schaffen - Arbeitsplätze. M i ß t r a u e n gegen diese Lügen darf ein guter Deutscher allerdings auch hegen - wir leben doch in einer Demokratie! -, aber bitte n a t i o n a l b e w u ß t. Man darf also Bedenken anmelden, ob sich denn Kredite überhaupt rentieren, so tun, als würde man höchstpersönlich einem Neger- häuptling Geld schenken, das einem dann fehlt. Man darf auch zweifeln, ob es gut ist, mit kommunistischen Staaten Handel zu treiben - aber erst, nachdem man sich 10 Jahre lang angehört hat, der Osthandel diene dem Frieden und schaffe - Arbeitsplätze! Kurz und gut: ein lohnabhängiger Deutscher soll sich zu allen D i e n s t e n am imperialistischen Geschäft hergeben, weil er d a v o n b e t r o f f e n g e m a c h t wird - und sich im- mer dabei denken, daß er zumindest so gut bedient wird, wie es geht! - Die R ü s t u n g, die viel kostet - nämlich das Volk, von dem der überschüssige Reichtum produziert wird, den der Staat da zu Waffen umschmilzt -, darf ein anständiger Deutscher als B e w e i s f ü r d e n F r i e d e n s w i l l e n seiner Regierung begreifen. Eine Zeitlang deswegen, weil kein "G l e i c h g e w i c h t" mit den Russen war, dann wegen A f g h a n i s t a n, wo unsere Freiheit auf dem Spiel steht, etwas später wegen P o l e n, wo unsere Freiheit hinexportiert werden muß, jetzt also wegen der Ü b e r l e g e n h e i t, die allein den Frieden garantiert! Unter dem F r i e d e n, der die Werbung im Wahlkampf um einen Posten erweitert hat, darf sich ein Mensch mit nationalem Gewissen "k e i n K r i e g" denken, dankbar sein dafür, daß 30 Jahre Aufrüstung eben ein einziges Zuckerschlecken waren und jede Waffe der NATO - in der ist er nämlich - ein Instrument zur Sicherung des Friedens ist. Kriegs- mittel, so soll er beteuern, sind die einzigen Mittel dieser Welt, die nie eingesetzt werden - außer zur Abschreckung. Deswe- gen brauchen "wir" auch so viel von dem Zeug, ganz abgesehen da- von, daß ein Deutscher ein Freund der USA ist, also sich nach Kräften zu beteiligen hat an der S i c h e r u n g "u n s e r e r" E i n f l u ß s p h ä r e n. Die muß sein, weil wir abhängig sind davon, daß die Geschäfte auf jedem Kontinent nicht durch widerspenstige "Machtpolitiker" durchkreuzt werden. Kurz und gut: Jeder Schritt der K r i e g s v o r b e r e i t u n g ist eine F r i e d e n s t a t. Erschrecken darf man als erprobter Natio- nalist zwar über die W a f f e n, aber nicht über die, die Ra- keten aufstellen - Russen ausgenommen. Entsetzen ist erlaubt über den "Kriegsschauplatz Deutschland", nicht aber darüber, daß der schon 30 Jahre vor Afghanistan in der NATO-Strategie feststand. Die "Kriegsgefahr" darf einem Angst machen, aber nur, um nach ih- ren Urhebern nicht zu fragen. Vertrauen in die Friedenspolitik ist geboten; Vorschläge für Alternativen der Rüstung sind er- laubt, aber unrealistisch, weil die Regierung schon die beste "Sicherheitspolitik" betreibt. Die NATO ist eben die größte Frie- densbewegung, weil sie wie jede Armee zwischen den Kriegen den Frieden sichert. Sagt der Außenminister. - Der Verteidigungsminister stärkt inzwischen das Vertrauen des Volkes zu "seinen" Soldaten, und umgekehrt zeigt er den Soldaten, daß das Volk hinter ihnen steht. In öffentlichen, durch Fackel- schein g e z i e r t e R e k r u t e n - V e r e i d i g u n- g e n wird das O p f e r, das Soldaten für die Nation bringen, g e f e i e r t. Wer fragt, ob sich der Dienst oder gar das Sterben lohnt, muß sich fragen lassen, ob er ohne deutsche Soldaten überhaupt die Freiheit hätte, das Maul aufzureißen. Deswegen muß er es dann halten. Diese einleuchtende Begründung für den staatlichen Tötungsauftrag im Militärdienst braucht ein guter Demokrat aber nicht so aufzufassen, daß sich bei der Verteidigung der Freiheit ihr Gebrauch aufzuhören hat. Dem g u t e n W i l l e n z u r K r i t i k eröffnet die Republik durchaus ihre Möglichkeiten. Es ist erlaubt zu fragen, ob denn auch die Finanzierung der Bundeswehr gesichert sei, ob denn der Leopard wirklich der beste Kampfpanzer wäre, ob die Tornados endlich das miserable Zeitalter der abgestürzten Starfighter beenden usw. Kurz und gut: Jede Sorge um die T a u g l i c h k e i t der Friedenstruppe ist - wo sie "uns" schon so viel kostet! - ein be- rechtigtes Anliegen jedes Deutschen, der sich den "Sparhaushalt" im Namen der Aufrüstung gefallen läßt, kein feiger Kriegsdienst- verweigerer ist und sich eine Welt ohne Militär "nicht vorstel- len" kann. Er sieht ja an den Beschlüssen seiner Regierung, daß es nicht geht. Was Bedenken gegen die großen Zapfenstreiche an- geht, so sind auch sie erlaubt, wenn der N u t z e n d e r "T r a d i t i o n s p f l e g e" im Auge behalten wird. Dann darf man einwenden, die öffentlichen Aufmärsche würden an die Mi- litarisierung der vorigen deutschen Nation erinnern und Abneigung hervorrufen, was die Bundeswehr absolut nicht vertragen kann. Die alte Nation hat nämlich einen Krieg geführt - und verloren! - Zu guter Letzt ist die Zuverlässigkeit der nationalen Gesinnung auch noch an den Punkten zu sichern, wo noch dem treuesten Unter- tan der Verdacht kommt, so weit her könne es mit der russischen Gefahr doch nicht sein. Das diplomatische Auftreten des US-Präsi- denten und seiner Mannschaft zeugt ja nicht gerade davon, daß der "freie Westen" - zu dem gehört ein Deutscher eben auch! - Sorgen hätte mit einer russischen Überlegenheit, die die Sowjets auf- grund "unserer" Schwäche zu einem Krieg verleiten könnte. Die Ab- fuhren, die ein deutscher Kanzler im Zusammenhang mit östlichen Verhandlungsangeboten und Bereitschaft zum Rüstungsstop erteilt, sind ja nicht gerade ein Zeichen von Angst vor der SS 20-Rakete. Die Sprüche und Beschlüsse der NATO-Politiker über das "Ende des Weltkommunismus", an dem sie arbeiten würden, deuten auch nicht gerade auf Vorsicht im Umgang mit der ach so gefährlichen Welt- macht Sowjetunion. Zur Einstimmung auf die offiziell verkündete P o l i t i k d e r S t ä r k e, die den Russen mit Hilfe der Abhängigkeit vom Westen zuleibe rückt, in der sich ihre Wirt- schaft längst befindet; zur Begründung jeder E r p r e s- s u n g, die dem "unberechenbaren" Osten seit Polen aufgemacht wird; und zur Verpflichtung auf das schöne Programm des "Totrüstens", das der Sowjetunion die K a p i t u l a t i o n anträgt und zugleich von ihr behauptet, sie wolle sich als W e l t m a c h t bewähren - zu allen Fortschritten der NATO- Politik also, die einen Hinweis auf den U r h e b e r d e r "K r i e g s g e f a h r" geben könnten, will ja eine plausible Erklärung gegeben sein, mit der sich ein anständiger Nationalist auch zufrieden gibt. Diese Erklärung, die den Westen, die USA und die Bundesregierung so richtig g l a u b w ü r d i g macht, wenn sie das "Ende der Entspannung" durchführen, ist nicht schwer. Sie lautet: Der Osten ist 1. ein System der Unfreiheit und 2. ein kaputtes, morsches Wirtschaftssystem dazu. Insofern wir es bei denen mit einer z u m U n t e r g a n g v e r u r t e i l t e n S o r t e Staat zu tun haben, steht es uns auch zu, u n s e r U r t e i l z u v o l l s t r e c k e n. Da sie sich nicht freiwillig auf- geben - wir kennen sie ja - müssen wir Aufrüstung total betrei- ben. Wozu wir ja b e r e c h t i g t sind, weil unser Nationa- lismus der überlegene i s t. Das tut gut und eröffnet jedem in Freiheit lebenden Menschen eine Bestätigung seiner nationalen Gesinnung. Als Manövriermasse "seiner" Politiker darf er diese Gesinnung praktizieren, auf die Freiheit für sich verzichten und sie dem Feind bringen. Daß die Anliegen eines deutschen "Arbeitnehmers" mit den Interes- sen von Wirtschaft und Nation zusammenfallen, können nur Nationa- listen behaupten. Im DGB gibt es nicht wenige - die maßgeblichen Figuren zählen alle dazu -, die ihre Politik auf diese Lüge grün- den. Deshalb organisiert die deutsche Einheitsgewerkschaft nicht die Arbeiter g e g e n Kapital und Staat, sondern die D i e n s t e der d e u t s c h e n Arbeiter e n t s p r e c h e n d den Zwängen und maßlosen Ansprüchen der d e u t s c h e n Wirtschaft und Politik. Kapitel II ---------- Der praktische Nationalismus des DGB: ------------------------------------- Arbeit und Lohn für die Nation ------------------------------ Mit dem erhebenden Gefühl, ein Deutscher zu sein, braucht ein Ar- beiter nicht jeden Tag in die Fabrik zu marschieren. Er braucht nicht mit dem hoffnungsvollen Stolz seine Arbeit zu tun, steter deutscher Fleiß und sein Ergebnis, die "deutsche Wertarbeit", würden sich in der Welt schon durchsetzen. Auch braucht er nicht ständig daran zu denken, daß er, wenn er den Reichtum der Nation produziert, hehre Dienste verrichtet für die (kleine) Betriebsge- meinschaft und die (große) Volksgemeinschaft. Er geht nämlich in die Fabrik, weil er Geld für seinen Lebensun- terhalt braucht. Er unterwirft sich all den unangenehmen "Wechselfällen" der Arbeit, weil es für ihn zur Lohnarbeit als dem Mittel seiner Existenzsicherung keine Alternative gibt. Seine materiellen Notwendigkeiten und der ökonomische Zwang des Unter- nehmens in Gestalt des Arbeitsplatzes, den die Firma durchkalku- liert hat, sorgen dafür, daß er arbeitet - und zwar so, daß es den Reichtum mehrt. Dafür, daß die Arbeit der Millionen Arbeitnehmer ohne Abstriche der nationalen Wirtschaft zum Segen gereicht, ist allerdings eins erforderlich: Die Arbeitskräfte müssen die unternehmerischen Kal- kulationen mit profitbringenden Arbeitsplätzen akzeptieren. Sie müssen den Unternehmern die Freiheit dieser Kalkulation mit Lohn und Leistung einräumen und die entsprechenden Arbeitsumstände für selbstverständlich halten, obwohl sie ihnen das Leben schwer ma- chen. Dagegen wurden einmal Gewerkschaften gegründet, aus der Einsicht heraus, daß Lohnarbeiter von ihrem Dienst für das Kapi- tal nicht leben können, wenn sie sich nicht organisiert zur Wehr setzen: gegen den rücksichtslosen Verschleiß ihrer Gesundheit am Arbeitsplatz; gegen die Techniken der Leistungssteigerung im Be- trieb; gegen die Minderung ihres Lohnes im Betrieb und durch Preissteigerungen, Inflation sowie Steuern, also durch die kon- zertierte Aktion von Kapital und Staat. Heute dagegen hat sich der DGB einer anderen Aufgabe verschrie- ben. Er legt an die Arbeit den Gesichtspunkt des nationalen Fort- schritts an und berücksichtigt die Konkurrenzfähigkeit der d e u t s c h e n W i r t s c h a f t als unumstößliche Leitli- nie, wenn er sich an der Vertretung der A r b e i t e r zu schaffen macht. Die G e w e r k s c h a f t handelt tatsächlich aus dem erhebenden Gefühl, d e u t s c h e Gewerkschaft zu sein. S i e repräsentiert den Stolz über die Ergebnisse deut- schen Fleißes in der Welt. Deshalb sind auch die A r b e i t e r, die tagtäglich in die Fabrik marschieren, vollauf beschäftigt, mit den Zwängen des Arbeitsplatzes zurecht- zukommen. Sie haben es mit einer gewerkschaftlich besiegelten Un- ternehmerfreiheit zu tun. 1. Wie billig ist der Lohn? --------------------------- Während jeder, der von der Arbeit leben muß, nicht umhin kann, sich das ganze Arbeitsleben die praktischen Fragen zu stellen: Wieviel Lohn bekomme ich, was kann ich mir dafür leisten, was muß ich dafür tun, halte ich die Arbeit aus und wie lange?, weiß der DGB genau und besser, was die Arbeiter und Angestellten, die er vertritt, brauchen: "Um ein menschenwürdiges Leben führen zu können, haben die Ar- beitnehmer und ihre Familien Anspruch auf ein Arbeitseinkommen, das ausreicht, sie wirtschaftlich zu sichern und ihnen die Teil- nahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen." (DGB-Grund- satzprogramm) Läßt man einmal beiseite, was man sich denn unter einem menschen- würdigen Leben vorzustellen hat (etwa Lohngruppe 4 oder einen Ak- kordarbeitsplatz bis zum Rentenalter; gar ein Eigenheim, für das man sich kaputtschuftet; oder nur die Zufriedenheit, Arbeit zu haben und mit dem Lohn über die Runden zu kommen?); läßt man ein- mal beiseite, was man sich bei der Teilnahme am gesellschaftli- chen Leben denken soll (Fernseher, Fußballstadion, Bundestagswahl und Teilnahme an einer Gewerkschaftskundgebung?); läßt man all diese schönen Worte beiseite, unter denen sich jeder vorstellen kann, was er so tut, dann bleibt doch die Frage, was denn nun ausreicht zur wirtschaftlichen Sicherung. Eine solche Frage will der DGB nicht stellen und erst recht nicht die Antwort geben, daß der Lohn der Arbeitnehmer nicht und nie ausreicht. Das Ideal, das die Gewerkschaft hinschreibt, ist eben ein Ideal und soll gerade nicht in Heller und Pfennig und in den dafür erhältlichen Ge- brauchsgegenständen ausgerechnet werden. Für eines allerdings ist es gut: es taugt für eine doppelte Lüge über die Leistungen der Gewerkschaft. Erstens und vor allem ist Lohnarbeit nämlich nach Aussagen der Gewerkschaft k e i n Problem mehr. Genau dem An- spruch, den der DGB aufstellt, wird in der BRD Genüge getan, weil die Arbeiter so vorbildlich fürs Kapital gearbeitet und die Ge- werkschaften sich so vorbildlich am Ausbau des Staates beteiligt haben: "Die allgemeine Anhebung des Lebensstandards, die vor allem der Schaffenskraft (!) und dem Fleiß (!) der Arbeitnehmer und nicht zuletzt dem Kampf der Gewerkschaften um soziale und wirtschaftli- che Reformen zu verdanken ist, hat vielen Arbeitnehmern neue Mög- lichkeiten der Lebensgestaltung eröffnet. Aber..." (Grundsatzprogramm) Die b l e i b e n d e Notwendigkeit der Verteidigung der Le- bensansprüche, für die gerade Schaffenskraft und Fleiß im Dienste einer blühenden Wirtschaft keine Garantie sind, gilt dem DGB nur noch als eine schöne, a b g e s c h l o s s e n e Tradition, auf die er sich selbstzufrieden beruft: Wie schlecht stünden Ar- beiter o h n e die geschichtlichen Leistungen "der" Gewerk- schaft da; deutsche Arbeitnehmer können stolz auf sich und ihre Vertretung sein, es geht ihnen g u t, w e i l b e s s e r als in den früheren s c h l e c h t e n Zeiten; sie können zufrie- den mit dem DGB sein, weil frühere Gewerkschaften Kämpfe geführt haben, von denen der DGB heute nichts mehr wissen will. Zweitens "a b e r" geht die Gewerkschaft natürlich nicht so weit festzustellen, es bleibe für sie nichts mehr zu tun. Umge- kehrt gilt alles, was den Arbeitern heutzutage m i t ihrer Ge- werkschaft zugemutet wird, als Nachweis dafür, wie nötig auch heute noch die "Solidarität" mit dem DGB ist, der über die Ar- beits- und Lebensbedingungen der von ihm vertretenen Klasse jetzt mit einem "aber" getreulich Klage führt. Da wird angeführt, daß zunehmend Arbeiter ihre Arbeit und damit ihren "gehobenen Lebens- standard" verlieren; daß die laufende Intensivierung der Arbeit ihre Wirkung tut; daß es mit der Gesundheit bei fortschreitendem Arbeitsalter rapide bergab geht; daß durch Preiserhöhungen und Steuern laufend der Lebensstandard gesenkt wird usw. usw. Aber das alles ist eben nur ein "aber", nachdem man festgestellt hat, daß die Löhne schon stimmen. Ein Versäumnis will die Gewerkschaft damit also nicht eingestehen und als Einwand gegen die "sozialen und wirtschaftlichen Reformen" und die "neuen Möglichkeiten der Lebensgestaltung" will sie das schon gar nicht verstanden wissen. Ganz im Gegenteil! Das alles gilt als Argument dafür, daß heute, in der demokratischen BRD der 80er Jahre, im Prinzip die deutsche Wertarbeit ihren Mann anständig ernährt. Was nach Aussagen der Gewerkschaft zu tun bleibt, ist daher auch nicht die Gegenwehr gegen die von ihr "a u c h h e u t e n o c h" festgestellten Unannehmlichkeiten des Arbeiterdaseins. Denn die hat sie ja in einen G e g e n s a t z zu den finsteren Zeiten gesetzt, da man noch für Lebensnotwendigkeiten kämpfen mußte. Heute sonnt sich der DGB in dem Glanz, s t a t t einer Organisation zur Verteidigung der Arbeiterexistenz eine aner- kannte und machtvolle Instanz im "Modell Deutschland" zu sein, die allenfalls auf noch v e r b l i e b e n e "M i ß s t ä n d e" hinweist: "Die Akzente der gewerkschaftlichen Arbeit haben sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten verschoben. Aus der 'Lohnmaschine', die zu Beginn des Maschinenzeitalters antrat, um die Hungerlöhne der Arbeiter zu verbessern, ist der Anwalt der gesellschaftlich bedeutendsten Interessengruppe geworden. Der Deutsche Gewerkschaftsbund mit seinen 16 Einzelgewerkschaften vertritt heute nahezu 7 Millionen Mitglieder in allen politi- schen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen." U m f a s s e n d e r A n w a l t der größten I n t e r e s- s e n g r u p p e i n Staat und Gesellschaft statt "bloß" L o h n maschine d e r A r b e i t e r k l a s s e g e g e n Wirtschaft und Staat, das steht auf einem silbernen Werbe- faltblatt des DGB. Das Bild vom Anwalt ist passend gewählt. Anwälte gewähren als Rechtsinstanz ihren Mandanten nur so und nur soweit Unterstützung, wie es rechtens erlaubt ist; sie respek- tieren also die staatliche Festlegung, was erlaubte Interessen und Freiheiten und was verbotene Ansprüche und notwendige Pflichten sind; sie kümmern sich also darum, die Erwartungen ihrer Klienten mit den herrschenden Maßstäben in Einklang zu bringen. Genauso hält sich der DGB zugute, sich im Namen seiner Mitglieder mit ihren Anliegen in den Rahmen des politisch Erlaubten einzufügen und die Millionen Arbeiter zu einem konstruktiven Teil des staatlichen Lebens zu machen. Er vertritt sie in "politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Fragen", definiert also i h r e Lebensnotwendigkeiten um in eine Frage der politischen Gestaltung der Nation, an der e r sich unbedingt beteiligen möchte. Das Interesse der Arbeiter spielt insoweit eine Rolle, wie Lohn und Leistung dem Fortschritt der Wirtschaft, der Sicherung des sozialen Friedens und der Sta- bilität der Demokratie dienlich, also unterzuordnen sind. Für den Lohn eintreten ohne wenn und aber, dafür mit der Kampfkraft der 7 Millionen Mitglieder zu drohen und sie einzusetzen, all das ist nicht im Sinne des mächtigen deutschen Gewerkschaftsbundes. Und er findet von Jahr zu Jahr neue und unverschämtere Weisen, dies seinen Mitgliedern vorzuführen - selbstredend sind sie dabei die Vorgeführten. 1979 läßt er die Drucker und Stahlarbeiter zu matten Schwer- punktstreiks antreten, die weder den "Rationalisierungsschutz" bei den Druckern noch Arbeitszeitverkürzungen bei den Stahlarbei- tern gebracht haben, und feiert das als Erfolg. 1980 bedauert er die erhebliche Belastung, die i h m die Streiks aufgeladen ha- ben und nicht etwa den mangelnden Erfolg. Mit zynischer Berech- nung auf die wirklich opfervoll gelaufenen Streiks wiegelt der Verwalter der Streikkasse etwaige Wünsche nach einer härteren Gangart ab und kleidet das in ein hohes Lied von Kampf, Gefahr und Opfer: "Der Streik, die gemeinsame Arbeitsniederlegung, ist das w i r k s a m s t e Mittel unseres Kampfes um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Wir reißen ihn nicht leichtfertig vom Zaun. Er ist mit hohen persönlichen Opfern und großen Risiken für die Arbeitnehmer und ihre Familien verbunden: Sie müssen E i n k o m m e n s e i n b u ß e n und M a ß r e g e l u n- g e n befürchten. Aber die Arbeitnehmer nehmen diese Opfer bereitwillig auf sich, denn sie wissen, daß es keine Alternative gibt." (Vetter, Quelle 2/80) Der Gewerkschaftsvorsitzende merkt schon gar nicht mehr, daß er erst vom "wirksamsten Mittel" spricht, dann aber klarstellt, daß diese Waffe so nicht eingesetzt werden soll. Sonst erübrigte sich nämlich das Gerede von Einkommenseinbußen - ein Streik würde dann das Einkommen so erhöhen, daß er sich gelohnt hat. So aber prahlt Vetter lieber mit der Kampfmoral seiner Mitglieder, so als sähen die einen Streik der Gewerkschaft als ihre einzige Alternative an, ausgerechnet da, wo ein Arbeitskampf gar nicht zur Debatte steht. Die Gegenseite versteht die friedliche Botschaft gut - die Gewerkschaft ist zum Nachgeben bereit. Und genau so sollen die Mitglieder sie verstehen und ja keine zu hohen Erwartungen hegen. 1981, nachdem über die neueste Erfindung gewerkschaftlichen Kampfes, die "neue Beweglichkeit", mit ein wenig Beteiligung der Kollegen an der Basis eine deutliche Lohnsenkung geregelt war, sieht die Erfolgsmeldung so aus: "Es ist bewiesen worden, daß die IG Metall willens und fähig ist, die Interessen der organisierten Arbeitnehmer auch unter den ver- schlechterten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Gegenwart wirksam zu vertreten. Das läßt sich zunächst an den erreichten Ergebnissen ablesen. Es steht fest, daß ihr materielles Volumen eindeutig über fünf Pro- zent liegt, daß wir die von Gesamtmetall gewollte Wende der Ta- rifpolitik am Beginn der achtziger Jahre verhindert haben und das Arbeitgeberkonzept der sogenannten produktivitätsorientierten Lohnpolitik nachhaltig durchkreuzt worden ist. Es steht aller- dings nicht fest, ob die nunmehr vereinbarten Lohn- und Ge- haltserhöhungen die von der IG Metall gewollte Sicherung der Re- aleinkommen gewährleisten. Das wird zuallererst von der unterneh- merischen Preispolitik abhängen. Deswegen muß mit Nachdruck un- terstrichen werden, daß auch die Metallindustriellen mit der Un- terschrift unter den Tarifverträgen nicht aus ihrer preispoliti- schen Verantwortung entlassen sind." (Loderer, metall 10/81) Ein schönes Ergebnis, das alles auf den Kopf stellt! Mit der Be- hauptung, den Unternehmern einen Strich durch ihre - von der Ge- werkschaft extra dazu erfundene - Rechnung gemacht zu haben, ver- kündet die IG Metall die Fortsetzung i h r e r Tarifpolitik-Li- nie auch in den 80er Jahren: Lohnabschlüsse, die keine Leistungs- steigerung und Preiserhöhung kompensieren; und als Gratisgabe de- monstrative Appelle an die andere Seite, sie solle sich doch bitte zurückhalten bei den Preisen, deren Steigen im vergangenen Jahr die IG Metall ganz verantwortlich nicht zum Argument für Lohnerhöhungen gemacht hat. Die Zeit, da die Arbeiter auf gute Ergebnisse in der Tarifrunde besonders angewiesen sind, wird zum Beleg für den Erfolg unter den schwierigen Bedingungen, die man sich zuallererst zu Herzen nimmt; was sie für die Mitglieder be- deuten, steht nicht zur Debatte. Der Erfolg für die arbeitenden Menschen liegt eigenartigerweise genau "eindeutig über fünf Pro- zent". Dieses Maß kommt natürlich nicht zustande, weil man er- rechnet hat, daß die Arbeitnehmer 1981 genau so viel brauchen, um wenigstens die Lohnverluste des letzten Jahres auszugleichen. Nein, das volkswirtschaftlich V e r t r ä g l i c h e liegt so hoch und ist lang vorher von den Sachverständigen, Regierungsver- tretern und Kapitalverbänden als volkswirtschaftliches 'Rahmen- datum' prognostiziert worden. Der Sprung über die 5% bezeichnet den Punkt, an dem die Gewerkschaft "ihr Gesicht wahrt". (Letzteres gehört auch zum Programm des DGB.) Daran soll es dann auch liegen, daß sich die Unternehmer, die mit dem 5%-Abschluß zufrieden sind, mit ihrer Wende nicht durchgesetzt haben, obwohl offensichtlich ist, daß ihre Ideologie: Was nicht produziert ist, kann nicht verteilt werden, von der Gewerkschaft längst beherzigt wird. Denn der bekannte "Produktivitätszuschlag", mit dem sie einen Teil ihrer Tarifforderung begründet, setzt doch wohl vor- aus, daß die Gewinne größer geworden sind und damit die Ausbeu- tung gestiegen ist. Deutlicher könnte der DGB seine Verantwortung für das Wohl der deutschen Wirtschaft nicht zur Schau stellen als durch das Einge- ständnis, daß sein angebliches Ziel, die Sicherung der Realein- kommen, n i c h t erreicht ist. Die Gewerkschaft hat einen Ta- rifabschluß unterschrieben, bei dem es vom "guten Willen" des Gegners abhängt, was er schließlich für die Arbeiter bedeutet: die sichere Lohnsenkung nämlich. Diese Verantwortung übernimmt die Unternehmerriege gern - bewußte Preispolitik in ihrem Sinne hat sie schon immer betrieben, zumal wenn die Gewerkschaft jeden Druck unterläßt. Für 1982 schließlich sieht die Vorbereitung der Tarifrunde so aus, daß die IG Metall schon bei der Aufstellung der Forderungen die Prüfung fordert, "wie groß zu ihrer Durchsetzung das wahr- scheinliche Risiko eines Arbeitskampfes ist". Forderungen, für die man nicht zu streiten braucht, die also der Gegner von vorn- herein für verträglich hält, das ist gewerkschaftliches Kampfpro- gramm! Die Gewerkschaft verzichtet also sehr freigiebig darauf, die ein- zige Möglichkeit für die Arbeiter zu nutzen, gegen die laufende Verschlechterung des Verhältnisses von Lohn und Leistung anzuge- hen. Das g a n z e J a h r über behandeln Kapital und Staat den Lohn als eine Geldsumme, die zu ihrer Verfügung steht: Die Unternehmer verändern laufend die Arbeitsplätze, steigern die An- forderungen und drücken die Lohnkosten; sie machen jeden Pfennig Lohn von der Erfüllung betrieblicher Ansprüche abhängig und ent- werten auf der anderen Seite den Lohn durch Preissteigerungen. Der Staat bedient sich immer großzügiger bei seinem Arbeitsvolk und streicht auf der anderen Seite immer mehr "unproduktive" So- zialausgaben zusammen. Kurz: Der Lohn wird ganz selbstverständ- lich als einziger Selbstbedienungsladen der Nation behandelt. Und was macht die Gewerkschaft aus der e i n e n o f f i z i e l l z u g e s t a n d e n e n G e l e g e n h e i t i m J a h r, bei der die Arbeiter diese Anschläge durch gewerkschaftliche Härte ausgleichen könnten und sich für die erlittene Schädigung schadlos halten könnten, ohne gleich neue Verpflichtungen bezüg- lich ihrer Leistung und ihres politischen Gehorsam eingehen zu müssen? Sie macht aus der Lohnfrage einen Streit um die gemeinsame Ver- antwortung von Gewerkschaften und Unternehmern für eine einver- nehmliche Regelung des Lohns. Sie übernimmt dabei den Part "lohnpolitische Verantwortung" und hält sich mit Förderungen er- klärtermaßen zurück. Für die Gegenseite aber, die längst ihre Kalkulationen in die Tat umgesetzt hat, erfindet sie die morali- sche Verpflichtung, das Entgegenkommen der Gewerkschaften zu ho- norieren. Wie es nun einmal mit der Moral ist: Die Gewerkschaft bleibt immer Sieger, der moralische nämlich, und ihre Mitglieder haben den Schaden davon. Für die Kapitalisten, die mit der Anwen- dung der Lohnarbeiter ihr Geschäft machen, hält die Gewerkschaft nämlich so gut wie keine Kosten für tragbar; für die Arbeiter, die von ihrem Lohn ja nur leben müssen, aber so gut wie jeden Verlust für verschmerzbar. Mit ihren Abschlüssen liefert sie die Unterschrift unter ein Jahr gelaufene und einen Freibrief für ein Jahr weitere Lohnsenkung. Für diese Wirkungen der Tarifrunde erklärt sie sich dann in der nächsten wieder nicht für zuständig: "Wir wissen, daß weder die negativen Folgen der Sparbeschlüsse noch die Steuerprogression durch unsere Tarifpolitik ausgeglichen werden können. Realeinkommenssicherung heißt Ausgleich der vor- hersehbaren (!)" (also nicht der vergangenen!) "Preissteige- rungsrate bei den Bruttoeinkommen. Es ist dann eine Frage der unternehmerischen Preisdisziplin, nicht eine Frage der gewerkschaftlichen Lohnpolitik, ob am Ende der Laufzeit des Ta- rifvertrags das von uns angestrebte Ziel tatsächlich erreicht sein wird." (Hans Janßen, metall 1/82) Ausgerechnet den Lohnstreit, bei dem diese gegensätzlichen An- sprüche aufeinandertreffen und die Kapitalisten ihre billige Be- nutzung der Arbeiter geschlossen verteidigen, hält die Gewerk- schaft nämlich für eine einmalige Gelegenheit, mit lauter Entge- genkommen die Überflüssigkeit dieses Streits zu beweisen. An i h r soll es nicht liegen, daß noch um Lohnprozente gerungen werden muß. Angesichts der Unnachgiebigkeit der Unternehmer, die noch die bescheidensten Forderungen für zu hoch befinden, beteu- ert sie ein ums andere Mal, daß sie der tagtäglichen Erpressung der Betriebsmannschaften nicht entgegentreten will. Auch und ge- rade dann nicht, wenn sie das organisierte Interesse der Arbeiter am Lohn vertritt und mit der geschlossenen Macht ihrer Mitglieder eine Gegenerpressung aufmachen könnte. Das einzige M i t t e l, die für den einzelnen Arbeiter bedrohliche Abhängigkeit vom Wil- len seines Anwenders wenigstens teilweise außer Kraft zu setzen und die Unternehmer zu Zugeständnissen zu bewegen, die gemeinsame A r b e i t s v e r w e i g e r u n g bzw. die ernsthafte Dro- hung mit ihr, hält die Gewerkschaft für eine einzige Gefährdung der schönen sozialen Ordnung. Sie w e i ß also um die W u c h t der Drohung, die ihre 7 Millionen Mitglieder aufmachen könnten - und versichert gerade deswegen laufend, damit auf k e i n e n Fall Ernst machen zu wollen; ja nicht einmal den An- schein will sie erwecken, es könnte ihr irgendwie doch einmal ernst sein. Der soziale Friede soll von uns nicht gestört werden, versichert sie öffentlich immerzu, während die Gegenseite dieses Angebot nach Kräften ausnutzt. Die Gewerkschaft macht aus dem Lohnstreit also eine einzige Demonstration ihrer Staatstreue und einen einzigen Beweis ihrer Abneigung gegen jede Sorte Streit um Lohn. Dementsprechend sieht er auch aus. 2. Lohnkampf als Tarifrunde --------------------------- "Die deutschen Gewerkschaften sind von Anbeginn weder Tarifma- schinen noch Umstürzler gewesen. Sie haben in ihrer Gestaltungs- funktion die Schutzaufgabe immer genauso ernst genommen wie die Rolle als Gegenmacht. Das läßt sich nicht voneinander trennen." Wohl aber läßt sich bemerken, daß der DGB sich als positive ge- sellschaftliche Kraft versteht; daß er den "Schutz" der Arbeiter dieser mitgestalterischen Aufgabe unterordnet; daß er Lohnforde- rungen deshalb schon für einen halben Umsturz hält; daß er keine Gegenmacht, sondern Teilhaber an der M a c h t sein will; und daß er deshalb die kleine Lüge für richtig hält, deutsche Gewerk- schaften wären schon immer die treuesten Sozialstaatsdiener gewe- sen. Für den störenden Eindruck, den die Gewerkschaft trotz allem auf den Gegner macht und den sie so gerne vermeiden möchte, kann sie jedenfalls nichts. "Die Arbeitgeber bestreiten diesen gesellschaftlichen Auftrag und politischen Anspruch der Gewerkschaften schon deswegen, weil ge- rade sie bei unveränderten gesellschaftlichen Bedingungen um ih- ren wirtschaftlichen und politischen Einfluß nicht zu fürchten brauchen. Darin liegt ja das eigentliche Ungleichgewicht in unse- rer Gesellschaft: Die Gewerkschaften müssen auf gesellschaftliche Veränderungen drängen und können daher leicht als Unruhestifter dargestellt werden. Die Arbeitgeberverbände können sich darauf beschränken, ihren vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Einfluß zu nutzen, um solche Veränderungen zu verhindern, ja: Er- reichtes rückgängig zu machen." (Vetter, 1981 auf dem Bundeskon- greß) Man merkt den Wunsch, der hier geäußert wird. Statt Widerspruch einlegen zu müssen, ersehnt man getreu dem Vorbild der Unterneh- mer bleibenden Einfluß - man wäre also die dumme Sache los, aus- gerechnet wegen der Arbeiter, die eine Gewerkschaft nun einmal vertritt, als Gegenmacht angesehen zu werden. Kein Wunder, daß man sich an das Bild gewöhnt hat, einen Gewerkschaftsführer, den Bundeskanzler und den Chef der Industriellen friedlich vereint beieinander zu sehen. Die Gewerkschaft i s t eine anerkannte politische Macht, die sich etwas darauf zugute hält, wesentlich zum Wiederaufbau der BRD beigetragen zu haben und sich um das wirtschaftliche Wachstum und die politische Stabilität der nun schon dreißigjährigen Demo- kratie verdient gemacht zu haben. Die Kapitalisten hält sie nicht mehr für den K l a s s e n g e g n e r (so als würden in der modernen Industriegesellschaft die Gewinne nicht mehr mittels der Ausbeutung der Arbeiter gemacht), sondern für den "S o z i a l p a r t n e r", der auf seine Art zum Gedeihen des Landes beiträgt. Die deutsche Gewerkschaft sieht ihre Rolle also genauso wie der Staat, der mit seinen Rechtsvorschriften und der entsprechenden politischen Gewalt dafür sorgt, daß der Gegensatz von Kapital und Arbeit möglichst friedlich im Sinne des wirtschaftlichen Fort- schritts und der öffentlichen Ordnung, also gegen die eine Seite erledigt wird. Sie betrachtet sich selbst als Partei vom "überparteilichen" Standpunkt. Deshalb stellt sie an sich selber und an die Wirtschaftsvertreter den Anspruch, die eigene Position im Streit auf den "übergeordneten" Gesichtspunkt zu beziehen und das Begehren der Gegenseite gleich verständnisvoll mitzubedenken. Für die Unternehmer bedeutet das eine einzige Aufforderung, ihre Erwartungen an die Arbeitervertretung ohne Abstriche geltend zu machen. Schließlich sind s i e sich von vornherein mit der po- litischen Oberinstanz darin einig, daß das Arbeitsvolk für ihren Fortschritt einzustehen hat und daß ihre Interessen die "Notwendigkeiten" der Wirtschaft und Politik, also des Allgemein- wohls sind. Für die Gewerkschaft bedeutet es umgekehrt, daß sie sich bedingungslos darauf verpflichtet, eben dies anzuerkennen und peinlichst zu beherzigen. Was sonst bei keinem Geschäft oder gar Geschäftsstreit einer der beiden Parteien in den Sinn käme, nämlich die Berücksichtigung, was der Preis ihrer Ware für die Gegenseite bedeutet, das macht ausgerechnet die Gewerkschaft und ausgerechnet beim Preis der Ware Arbeitskraft, von dem der Arbei- ter leben muß. Je mehr die Kapitalisten auf ihrer Kalkulation be- harren, umso mehr bekundet die Gewerkschaft daher ihr Einver- ständnis. Und bittet nur noch um das Zugeständnis, daß ihr die Zustimmung durch das wenigstens dem Schein nach zugebilligte Ver- ständnis für ihr spezielles Anliegen erleichtert werde. Sie ver- steht sich also als eine Instanz, die im Kampf um den Lohn s e l b e r eine V e r m i t t l e r p o s i t i o n einzuneh- men hat. Deshalb stellt sie für die Berechtigung und Vertretung ihrer Forderungen gleich alle Kriterien des "Partners" in Rech- nung, die diesen Forderungen entgegenstehen. Sie behandelt - als einzige der streitenden Parteien - den Lohn als ein Problem, des- sen man gemeinschaftlich Herr werden muß. Das Ideal, wenn es um den Lohn für die Mitglieder geht, heißt Kompromiß. Kompromiß ist deshalb auch nicht das mindeste Ergebnis, weil gar nicht mehr von der Gewerkschaft gestritten wird. Sie verpflichtet sich ja vorab auf eine für die andere Seite kompromißfähige, d.h. genehme Lohnforderung, nimmt also die "Kompromißbereitschaft" der Wirt- schaftsvertreter gar nicht in Anspruch. Sie erledigt statt dessen die "Abstimmung" der Prozente mit den Forderungen des Gegenüber gleich selber. Sie zeigt also grenzenloses Verständnis für die ökonomische Rationalität des Gegners und ordnet dem jeden eigenen Anspruch unter. Deswegen hält die Unternehmerseite den "kompromißfähigen" Angeboten der Gewerkschaft auch regelmäßig ge- nau die Kriterien noch einmal kompromißlos entgegen, welche die Gewerkschaft selber schon in Anschlag gebracht hatte. Umgekehrt aber hält dem die Agentur der Lohnarbeiter nur eines entgegen: Daß sie Lohnforderungen schon gar nicht mehr anders vortragen will als mit Idealen über ihren wirtschaftsfordernden Charakter. Die Erträge der Arbeitnehmer sollen sich für die Wirtschaft loh- nen; Tarifpolitik ist genaugenommen Wirtschaftspolitik, heißt es: "Die aktive Tarifpolitik soll dazu beitragen, daß u.a. Vollbe- schäftigung und stetes Wirtschaftswachstum gesichert, eine ge- rechte Einkommens- und Vermögensverteilung erreicht und die Preisstabilität gefördert wird." (DGB 1967) Der Lohn darf keinesfalls zum Wirtschaftshindernis werden, bedeu- tet das in Wirklichkeit. Schließlich weiß die Gewerkschaft nur zu gut, daß der einzig wirtschaftsgerechte Lohn ein möglichst nied- riger Lohn ist. Sie richtet sich daher nach der Konjunktur und wacht darüber, daß ihre Tarifpolitik dem wirtschaftspolitischen Fortschritt keine Steine in den Weg legt. Und das immergleiche Bemühen kleidet sie in sehr konjunkturgerechte Angebote und Be- gründungen. Heute ist es konjunkturgerecht, wenn die Erhaltung der Funktionsfähigkeit der Arbeiterklasse für die Anwendung durch das Kapital und zum Nutzen der Wirtschaft - in den Worten der Ge- werkschaft "eine angemessene Verbesserung der Löhne und Gehälter der Arbeitnehmer" - in folgendem großzügigen Angebot besteht: "Angesichts der absehbaren sozial- und arbeitsmarktpolitischen Situation, die sozialen Sprengstoff (!) in einer für die Nach- kriegszeit neuen Größenordnung anzuhäufen droht, fordert die IG Metall von den Arbeitgebern die Rückkehr zu einer Tarifpolitik gesellschaftspolitischer Vernunft und sozialer Verantwortung." Die Sicherung des sozialen Friedens stellt eben die höchste Lei- stung der deutschen Einheitsgewerkschaft dar. Mit der erfundenen Gefahr eines drohenden sozialen Unfriedens gibt sie den Unterneh- mern von vornherein zu verstehen, daß sie auf dem Gebiet der ma- teriellen Forderungen zu beträchtlichen Zugeständnissen bereit ist, wenn die Gegenseite sie dabei gut aussehen läßt. Das Opfer einer Lohnsenkung, ja bitte schön, aber in partnerschaftlicher, sozialer Verantwortung: "Angesichts der absehbaren wirtschaftlichen und beschäftigungspo- litischen Perspektiven erklärt die IG Metall aufgrund ihrer ta- rifpolitischen Ziele ihre Bereitschaft, in Gesprächen und Ver- handlungen zu Lösungen zu kommen, die die Eskalation der sozialen Konflikte und ihre explosionsartige Entladung zu vermeiden hel- fen. Dies wird jedoch nur dann möglich sein, wenn Gesamtmetall von der bisher praktizierten totalen Konfrontations- und Verwei- gerungsstrategie abrückt. Die IG Metall betrachtet die Tarifbewe- gung 1981 als Testfall dafür, ob und wieweit die Metall-Arbeitge- ber in der Lage sind, ihren Beitrag zur Lösung der drängenden so- zialen Probleme in den 80er Jahren gemeinsam zu leisten." (beide Zitate: Janßen, Dez. 1980) Die Gewerkschaft erklärt sich bereit, in "schweren Zeiten", also ausgerechnet da, wo es die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß die Löhne sinken und weniger wert sind, der Nation ein Lohnopfer zu bringen und die sozialen Konflikte zu verhindern, die sie sor- genvoll an die Wand malt. Daß das Verlangen, die Unternehmer sollten dieselbe Verantwortung zeigen, ein hohler Appell ist, weiß dabei jeder Gewerkschaftsfunktionär. Die Wirtschaft soll schließlich die behaupteten schweren Zeiten bewältigen, und des- halb hat man ihr gleich jede "Verantwortung" in Sachen Preise und Arbeitsplätze erlassen. Damit ist die Marschroute festgelegt. Die Gewerkschaft behandelt die Tarifrunde als einen Testfall für ihre bedingungslose soziale Friedensstrategie. Die Berechnung der Lohnforderung kann also be- ginnen - ein Akt, der der modernen deutschen Arbeitsfront, die um Himmels (der Demokratie und freien Marktwirtschaft) willen keine "Lohnmaschine" sein will, alle Ehre macht. Auf einer "Klausurtagung" werden da in ehrlicher Souveränität gegenüber den Wünschen der Mitglieder alle taktischen Raffinessen ausgelotet, wie man ein angepeiltes Ergebnis mit propagandistischem Geranke und viel Gerechtigkeitsphrasen versieht. Die Mitglieder zu fra- gen, was sie brauchen und ob sie es durchzusetzen bereit sind, gehört in die Klamottenkiste des DGB. Wie sollen auch einfache und fleißige Arbeiter wissen, was der wirtschaftliche und politi- sche Sachverstand von DGB-Funktionären weiß, die in Gesprächen und auf Reisen mit hohen Politikern und in Aufsichtsräten die Luft mächtiger Verantwortung geschnuppert haben! Genau anders- herum läuft es: Man führt die Basis ins Feld, ohne daß sie irgen- detwas für die Führung bedeuten würde. Sogar die traditionellen Tarifforderungen in Betriebsbelegschaften, die entweder traditio- nell auf der Linie der Gewerkschaftsforderung oder traditionell maßvoll darüber liegen, gibt es kaum noch. Selbst auf diesen frü- her so gepflegten durchsichtigen Schein demokratischer Meinungs- bildung glaubt man inzwischen verzichten zu können. Heute bekommt nur noch jeder, der gegen die aufgestellte Forderung den Mund aufmacht, weil sie ihm zu niedrig ist, eins auf die Schnauze. So einer kennt nicht die schwierige Lage, weiß nichts von der man- gelnden Kampfbereitschaft der Kollegen im Norden (im Norden wird das gleiche mit anderer Himmelsrichtung erzählt), ist schließlich unsolidarisch und am Ende schon ein Kommunist, der in der Gewerk- schaft nichts zu suchen hat. Die Mitglieder werden wie ein an- spruchsvolles Volk behandelt, das man zurechtweist, und dessen Wünsche zu dämpfen sind: "Im Vorfeld tarifpolitischer Entscheidungen dürfen nicht Erwar- tungen geweckt werden, die nachher selbst unter Aufbietung unse- rer organisationspolitischen Kraft nicht eingelöst werden kön- nen." (Mit "nicht können" ist 'nicht wollen' gemeint.) "Eine Kor- rektur verteilungspolitischer Fehlentwicklungen aus mehreren Jah- ren" (was hat denn die Gewerkschaft in den letzten Jahren getan? - wahrscheinlich dasselbe gesagt!) "kann nicht die Aufgabe einer einzigen Tarifbewegung sein." (Klausurtagung IG Metall, Herbst '79) Dieser wichtigste Grundsatz der politischen Behandlung der Ar- beitnehmerinteressen räumt mit der Vorstellung auf, der DGB wäre auch nur im entferntesten so etwas wie ein Interessenverband al- ler Arbeitnehmer. Zu den Sorgen seiner Mitglieder - und die haben sie wahrlich dank solcher Tarifpolitik genug - stellt sich die Gewerkschaft durch und durch berechnend. Getreu der Devise: "Wir fordern, was für die Selbstdarstellung des DGB taugt" wird ausge- heckt, worauf man diesmal den "Schwerpunkt" legt. Was gibt es denn da? Arbeitszeit, Urlaub, vermögenswirksame Leistungen, Ab- gruppierung, untere Lohngruppen, Gerechtigkeit, Leistungsbeurtei- lung, Lohn und Gehalt oder ein wenig von mehrerem; mit solidari- schen Kampfmaßnahmen - diesmal im Bezirk ......, auf dem Verhand- lungswege, aber mit starker Solidarität ....? Oder einfach Ein- kommensverbesserungen, sprich "Erhaltung des sozialen Besitzstan- des"? Genau, das ist jetzt Sache. Denn der Einstieg in die 35- Stunden-Woche ist schon gewesen, läuft vertraglich festgelegt bis 1984 und hat viel Streikgeld gekostet. In der Sicherung der Ab- gruppierung haben vergangene Runden das Ihre getan - war' jetzt ungut, wo doch die Rationalisierungen gerade jetzt so notwendig sind. Soziale Gerechtigkeit für die unteren Lohngruppen könnte man erwägen - sieht immer gut aus. Kampfmaßnahmen? Unmöglich an- gesichts der Streikkasse und bei der angespannten Wirtschaftslage - würde unserem Ansehen in der Öffentlichkeit nur schaden. Also ergeht folgender Beschluß: "Anhand seiner Beurteilung der aktuellen Wirtschaftslage, vor al- lem aber mit Blick auf die Schwerpunkte der aktuellen Meinungs- bildung in der Mitgliedschaft," (die nicht gefragt wurde) "ist der Vorstand zu der Auffassung gekommen, daß am Beginn des näch- sten Jahres Einkommensverbesserungen für die Arbeitnehmer der Me- tallindustrie Vorrang haben sollten. Unter den gegebenen Bedin- gungen" (dies immer die Entschuldigung für die zurückhaltenden Forderungen) "ist dieses Ziel erreichbar über die Erhöhung von Löhnen, Gehältern und Ausbildungsvergütungen sowie über eine Ver- besserung der Einkommensstruktur. Der Vorstand stimmt darin über- ein, daß eine Aufstockung der tariflichen Sonderzahlungen (13. Monatsgehalt) nicht von uns aus in die kommende Tarifbewegung eingebracht wird." (Seht, Unternehmer, wir überziehen nichts!) "Die aktuelle Prioritätenbildung zugunsten von Einkommensverbes- serungen bedeutet keinen Bruch mit dem Grundsatz einer wachsenden Bedeutung qualitativer Forderungen in der Tarifpolitik der Zu- kunft." (Klausurtagung IG Metall, Herbst 79) So geht das also. Nachdem die Gewerkschaft mit ihren Streiks zu Abgruppierung und Arbeitszeit zwar keine bessere Qualität für die Arbeitnehmer erreicht hat, aber einigen Zirkus veranstaltete, sucht sie sich ganz frei den Lohn heraus, nicht weil die wirt- schaftliche Lage der Arbeiter und Angestellten dies erforderlich machen würde, sondern weil die Gewerkschaft ihre eigene Lage so einschätzt. Daß sie keine wirklichen Lohn e r h ö h u n g e n durchsetzen will, kündigt sie schon mit dem Dogma von der großen Wichtigkeit qualitativer Forderungen an. Und erst die Berechnung der Höhe! Weder in der letzten noch in der vorletzten Tarifrunde wurden die steuerlichen Mehrbelastungen und die Abnahme der soge- nannten staatlichen Leistungen irgendwie in Anschlag gebracht, genausowenig wie die Lohnsenkungen, die während eines Jahres durch Leistungssteigerungen zustandegekommen sind. Die Zahlen- spielereien, die den Schein einer objektiv errechneten Größe vor- täuschen, haben nichts mit der wirklichen Lohnhöhe und der Not- wendigkeit von Lohnerhöhungen zu tun. Die Gewerkschaft e r f i n d e t Formeln und wirtschaftliche Daten als Gründe der anstehenden Lohnforderung. Die Summe steht vorher fest und ist zustandegekommen aus dem verantwortlichen Kriterium, was denn der Volkswirtschaft zuzumuten sei und wie der DGB dabei gut aussehen kann. Steht so die Forderung - etwas mehr als die Hälfte soll dann wirklich herauskommen ", tut man so, als hätten bestimmte unverrückbare Daten zu diesem Ergebnis geführt: "Inflationsausgleich", "Anteil am Produktivitätsfortschritt", "Verteilungskomponente" oder "Anteil am Gewinnzuwachs". Die Zah- lenspielereien mit Inlands- und auslandsbedingter Inflationsrate, Steuerprogression, Gewinnzuwachs und Produktivitätssteigerungs- rate - all das soll G e s e t z m ä ß i g k e i t e n für eine bestimmte Lohnhöhe vorgaukeln, justament wo die A u s e i n a n- d e r s e t z u n g um seine Höhe stattfindet. Wenn sich schon die Arbeitervertretung laufend bemüßigt fühlt, jedes Lohnprozent gesondert zu rechtfertigen, und sich nicht auf das Argument beruft, daß mehr Lohn gebraucht wird, dann ist jeder dieser angeblichen guten Gründe auch ein Argument gegen die N o t- w e n d i g k e i t von Lohnerhöhungen. Die verschiedenen Posten sind das gewerkschaftliche Mittel, Lohnverhandlungen von der erzwungenen Rechnung des Arbeiters mit seinem Lohn zu trennen und an ganz anderen Maßstäben zu messen. Daß mit Tarifrunden kein Lohn zu s i c h e r n ist; daß viel- mehr jährlich neu die Anschläge auf den Lohn korrigiert werden müssen; daß jede neue Lohnfestsetzung die alltäglichen Methoden der Lohndrückerei und Leistungssteigerung auf der Gegenseite pro- voziert - diese traurige Wahrheit über die Abhängigkeit des Lohn- arbeiters hält die Gewerkschaft für eine Beleidigung. Sie ver- tritt unbekümmert die Ideologie von der Lohnsicherung. Daß mit der Geldsumme, die ein Arbeiter bekommt, nichts entschieden ist, was sie bedeutet, bestreiten die Tarifrundenexperten beharrlich. Daß diese Summe nichts über die Leistung aussagt, die dafür zu erbringen ist, und nichts darüber, was man sich dafür leisten kann, hält sie geradezu für eine infame Verleumdung gewerkschaft- licher Erfolge. Ihre Forderung nach "Inflationsausgleich" ist nämlich nicht ein Angriff auf die unternehmerische und staatliche Übung, den Lohn laufend zu entwerten und zur Grundlage von Lei- stungssteigerungen zu machen. Für die Gewerkschaft ist der Nomi- nallohn schon in Ordnung, wenn nur nicht die 5% Preissteigerung gewesen oder zu erwarten wären. Auf der einen Seite tut sie so, als ob die fixe Lohnsumme einem jeweils fixen Quantum Waren und Warenpreisen gegenüberstünde, und nicht der Arbeiter mit der lau- fenden Schmälerung seiner Lohnsumme durch die Warenpreise und die finanzpolitischen Manöver des Staates zu kämpfen hätte. Wo sie auf diese Praktiken zu sprechen kommt, da rechnet sie jenseits jeder realen Verteuerung der Lebenshaltung und jenseits jeder re- alen Schröpfung des Arbeiters durch den Staat mit statisti- schen Durchschnittswerten, die pure Ideologie sind. Da rechnet sie säuberlich auslandsbedingte Inflationsprozente ab, für die unsere armen Unternehmer nichts können, will nicht vergangene, sondern künftige offizielle Preissteigerungsangaben zugrundele- gen, klammert die politische Beschneidung des Lohns ganz aus. Kurz: Ihre Ausgleichsberechnungen sind nur die Methode, eine be- stimmte niedrige Prozentzahl zum Maß eines zufriedenstellenden Lohnes zu erklären. Auf der anderen Seite tauchen die vermehrten Leistungen, die Unternehmer für den Lohn verlangen, ganz anders auf, nämlich als Wirtschaftsdaten, die über die "Lohnsicherung" hinausgehende Zusatzprozente begründen, als Fortschritte der Wirtschaft, an denen die Gewerkschaft Teilhabe fordert für ihre Mitglieder. So als ob Produktivitätsfortschritt, steigende Ge- winne und Konzentration des Reichtums in der Hand der Privatei- gentümer nicht auf Kosten der Lohnarbeiter - durch ihre billige Ruinierung und ihren Ausschluß von den Produkten ihrer Arbeit - zustandekämen, beruft sich die Gewerkschaft auf die Erträge guter deutscher Arbeit, auf die die Arbeiter einen gewissen berechtig- ten Belohnungsanspruch hätten. Der künstliche Bezug auf irgend- welche volkswirtschaftlichen Daten verleiht diesen paar geforder- ten Prozenten also den Charakter eines Extra, einer zusätzli- chen Belohnung für erfolgreiches Werkeln - und zwar unabhängig davon, was diese Prozente für den Arbeiter bedeuten. Die Gewerk- schaft erfindet einerseits einen festen Lohnfonds, den es zu si- chern gilt, und andererseits lauter zusätzliche Prozente, die eine einzige Bereicherung der Arbeiter darstellen, weil sie Über- tragungen aus allen möglichen anderen Fonds an die Arbeiter sind. Dabei stört es die Gewerkschaft keineswegs, daß sich ihre ganze Prozentrechnerei schon daran blamiert, daß die Abschlüsse einge- standenermaßen schon seit Jahren nicht einmal mehr die von ihr behauptete Inflation ausgleichen. Denn sie wird ja nicht unter dem Gesichtspunkt aufgeführt, was der Arbeiter braucht, sondern um auf der einen Seite die Forderungsprozente als objektiv ökono- misch vernünftige und sozial berechtigte Zahl zu demonstrieren, und auf der anderen Seite die geplanten wirklichen Prozente als Ergebnis harter Auseinandersetzungen und als relativen Erfolg darzustellen: Umverteilung konnte nicht erreicht werden, Real- lohnsicherung in etwa. Die ganzen "Komponenten" sind also nur er- schwindelte Größen für die Berechnung, mit wieviel Geld weniger die Arbeiter wieder auszukommen haben. Im Ergebnis ist gerecht und durchsetzbar, was zur aktuellen wirtschaftlichen Lage paßt. In Zeiten der aufrüstungsbedingten Staatsverschuldung redet die Arbeitnehmervertretung fast nur noch von der "schwierigen wirt- schaftlichen Lage", weil sie sich sicher ist, daß in solchen Zei- ten das Angebot eines Opfers die Forderung der Arbeitnehmer zu sein hat. Denn wichtig ist doch nur, daß die Wirtschaft "wieder in Gang kommt", für die Gewerkschaft die einzige Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Dies gegen den geltenden ökonomi- schen Sachverstand, der niemals Arbeitslosigkeit als Problem im Kopf hat, sondern im Gegenteil mittels ihrer sein Geschäft ge- staltet. Aber dem Staat liegen die Arbeitslosen auf der Tasche. Um so mehr erscheint es dem DGB geboten, daß die Arbeiter den Nicht-Arbeitern nicht in den Rücken fallen, als ob es in ihre Macht und Verantwortung fiele, daß andere auf die Straße gesetzt werden. Solidarität durch Lohnsenkung heißt der gewerkschaftliche Beitrag zur "Lösung des Arbeitslosenproblems" und zum "Erhalt des sozialen Netzes". Das kommt der offiziell geforderten "Lohnpause" schon ziemlich nahe - und die Gewerkschaft schweigt sich darüber keineswegs aus. Denn selbst von "Reallohnsicherung" spricht sie nur noch wie von einem unerfüllbaren Wunsch. Genau die Gründe, die eine Lohnerhöhung gebieten, führt die Gewerkschaft als Gründe dafür an, daß beim Lohn nichts zu sichern "geht". Alles, wofür eine Lohnforderung entschädigen müßte, wird gegen sie ins Feld geführt. Die Gewerkschaftsfunktionäre ergehen sich in öffentli- chen Klarstellungen, daß "Reallohnsicherung" bloß ein Spruch im Tarifzirkus ist. Das beginnt bei den verräterischen Absichtser- klärungen, "die Realeinkommen der Arbeitnehmer - insbesondere (!) die der unteren Einkommensgruppen - zu erhalten" (Janßen, IGM), erklärtermaßen die der "oberen Einkommensgruppen" insbesondere nicht! Das setzt sich fort mit Warnungen vor falschen Erwartun- gen: "Lohn- und Gehaltsabschlüsse in der Nähe oder gar oberhalb von 5% sind ohne massive Arbeitskonflikte, für die aber unter den zur Zeit obwaltenden Bedingungen sowohl das Verständnis der Öffent- lichkeit wie auch die notwendige Kampfbereitschaft der Kollegin- nen und Kollegen fehlen würde, nicht durchsetzbar." Das endet mit dem Hinweis, daß schon in den vergangenen Jahren der Lohn nach diesem Muster gesunken worden ist: "Die Preise im Inland stiegen um durchschnittlich über 6% an." (Die Gewerkschaft kennt also die unternehmerische "Preis- disziplin" und rechnet die Preiserhöhungen nicht zufällig nur im Durchschnitt!) "Die durchschnittlichen Lohnsteigerungen von 5 % konnten daher eine Senkung der realen Kaufkraft nicht verhindern." (Pfeiffer in "Quelle" 1/82) Und zuguterletzt beglückwünscht dieser Pfeiffer die Mitglieder noch zu mehr Reichtum - weil die Unternehmerklasse angeblich we- niger Gewinne gemacht hat: "Infolge des privaten und öffentlichen Nachfrageausfalls schrumpften die Unternehmergewinne sogar um etwa 3% ... Aufgrund der sehr viel geringeren Reallohnsenkung hat sich trotz des Kauf- kraftverlustes die Einkommensverteilung wieder zugunsten der Ar- beitnehmer verändert." (Pfeiffer in "Quelle" 1/82) Das ist keine Kritik an den gängigen Berechnungen, die die Löhne als volkswirtschaftliche Gesamtgröße den Gewinnen gegenüberstel- len. Es ist das Eingeständnis, daß die Gewerkschaft genauso und nur so rechnet. Nicht einmal mehr eine bestimmte Lohnsumme wird hier veranschlagt, sondern ihr Verhältnis zu einer angeblich ge- fallenen Gewinnsumme angeführt, die das Einkommen der Kapitali- sten sein soll. Nach dieser Logik ist jeder Konkurs steigendes Einkommen für die Arbeiterklasse. Hier wird also eine höhere volkswirtschaftliche Gerechtigkeit jenseits und gegen den materi- ellen Sinn von "Einkommen" ins Spiel gebracht - und zwar um zu bekunden, daß man sich beim Lohn durchaus zurückhalten kann: "Es ist also nicht zu bezweifeln, daß nach 1980 auch 1981 eine Umverteilung zugunsten der Arbeitnehmer stattgefunden hat. Diese Umverteilung ist jedoch zuallerletzt das Ergebnis der Lohnpoli- tik. Sie ist zuallererst das Resultat von Einkommensübertragungen an das Ausland und von gesunkener Kapazitätsauslastung... Es liegt angesichts der verteilungspolitischen Entwicklung 1980/81 in der Gesamtwirtschaft und in der Metallverarbeitung nahe, auf die Einbeziehung einer Umverteilungskomponente zugunsten der Ar- beitnehmer in das Forderungsvolumen 1982 zu verzichten." (Gewerkschafter 1/82) Eine Lohnsenkung läßt sich also lässig volkswirtschaftlich als Gewinn verbuchen und auf der anderen Seite den Mitgliedern mit Gerechtigkeit beibringen: "Wenn wir also 1981 alle (?) den Gürtel enger schnallen müssen (?), dann müssen wir fragen, wer das auch noch kann." (Das fragt die Gewerkschaft natürlich nicht; stattdessen:) "Wir fordern eine soziale Komponente." (Steinkühler) Nach gelaufenem "Tarifkampf" berufen sich die Unterhändler dann gegenüber ihren M i t g l i e d e r n darauf, "das Schlimmste" verhindert zu haben. Einmal die nominelle Null-Runde als drohen- den Maßstab eingeführt, dann hat jedes nominelle Lohnprozent als Erfolg zu gelten, unabhängig davon, was man dafür mehr zu leisten hat und sich weniger leisten kann. Gegenüber S t a a t und U n t e r n e h m e r n aber führen dieselben Gewerkschaftler zynisch ihre aktive Mithilfe ins Feld und verlangen Anerkennung für sich - für die Opfer, die ihre Mitglieder zu bringen haben: "Vom Arbeiter verlangen wir (!), daß er die betriebswirtschaftli- chen Notwendigkeiten einsieht, die vielleicht seinen Arbeitsplatz kosten. Dann können wir (!) ihn (!) aber nicht von der Entschei- dung ausschließen." (Pfeiffer in "Bild am Sonntag") Die Unternehmer rationalisieren, wenden Arbeitskräfte profitabel an und schaffen deshalb Arbeitslose. Die Gewerkschaft aber hält das für ein Zeichen wirtschaftlicher Schwierigkeiten, denen abge- holfen werden muß - durch Lohnverzicht. Zwar wird dadurch auch nach Aussagen der Gewerkschaft kein einziger Arbeitsplatz ge- schaffen, dafür aber die Arbeitskraft verbilligt. Der Staat er- höht die Steuern, verschärft die Zumutbarkeitskriterien der Ar- beitsvermittlung und spart bei der Auszahlung des Zwangserspar- ten. Die Gewerkschaft entdeckt darin eine ungebührliche Belastung der Nation, der Rechnung zu tragen ist - durch Lohnzurückhaltung. Zwar wird dadurch der politische Zugriff auf den Lohn gewerk- schaftlich abgesegnet statt kompensiert, aber die Arbeitskraft wird verbilligt und der Staat bereichert sich trotzdem an ihr. Das Ganze läuft unter dem Stichwort "schwere Zeiten", das die Ge- werkschaft nicht nur eifrig nachplappert. Die verheerenden Wir- kungen staatlicher Bereicherung und unternehmerischer Welt- marktoffensiven auf das arbeitende Volk gelten da auch noch als Beweise dafür, welche Probleme "wir" - und das heißt der Staat - zu bewältigen haben. Die Gewerkschaft teilt also nicht nur die unverschämte Ideologie vom "verwöhnten Volk"; sie entscheidet auch praktisch, daß der "zu hohe" Lohn Abstriche verträgt. 3. Fortschritte der Tarifbewegung --------------------------------- Die deutsche Gewerkschaft kennt offenbar keine Grenzen beim Um- gang mit den von ihr Vertretenen. Sie läßt sich signalisieren, was dieses Jahr an Billiglöhnen fällig ist und klappert in ihren Überlegungen die offiziellen wirtschaftspolitischen Begründungen nach. Wo alle Welt alles mit dem Hinweis auf die Arbeitslosen be- gründet, mag auch der DGB nicht zurückstehen, der schließlich an ihrer Schaffung mitbestimmend ist. Die Tarif runden finden heuer als Beschäftigungsprogramm-Runden statt. Entlassungen verhindern will die Gewerkschaft auf keinen Fall. Aber mit Hinweis auf das Arbeitslosenheer den Kapitalisten die Lohnkosten noch niedriger machen als im letzten Jahr, das möchte sie auf jeden Fall. Ab- schlüsse, bei denen im Fernsehen der Reallohnverzicht unterm Strich schon öffentlich verkündet wird, während der Gewerk- schaftsvertreter noch die Unternehmer zum Entgegenkommen bei den Preisen auffordert, sind die praktische Konsequenz. Die gewerk- schaftlich vertretenen Gründe für diese Abschlüsse entsprechen diesem Fortschritt. Früher hatte sich der DGB als Widerlegung der Legende von der "Lohn-Preis-Spirale", mit der Staat und Kapital jede Lohnerhöhung als Schaden der Wirtschaft u n d der Lohnar- beiter zurückweisen, die Umkehrung einfallen lassen: "Hohe Löhne sind ein Segen für die Wirtschaft, weil sie 'Kaufkraft' bedeu- ten". Damit hat sie das Unternehmerargument, das aus dem Inter- esse an Senkung der Lohnkosten und Preissteigerungen ein ökonomi- sches Gesetz von steigenden Preisen w e g e n steigender Löhne macht, nicht widerlegt. Sie hat vielmehr die durchsichtige kapi- talistische Übertreibung bloß umgedreht, um die Verträglichkeit des Arbeitereinkommens mit dem Gewinninteresse der Unternehmer vom selben gesamtwirtschaftlichen Standpunkt aus zu beweisen. An dieser Betrachtungsweise möchte sie also keineswegs Kritik üben. Eher versteigt sie sich schon zu volkswirtschaftlichen Milchmäd- chenrechnungen, die sich vor jeder Unternehmerkalkulation blamie- ren, weil sie ihnen die Sorge um ihre (eingebildete) Nachfrage empfehlen wollen, wo die Unternehmer gerade die Kosten und Ge- winne ihres Angebots, also die profitable Produktion planen, mit der sie sich auf dem Markt durchsetzen. Der Streit ist allerdings fiktiv und nur der Ausdruck des jeweiligen Interesses der "Sozialpartner". Die Unternehmer glauben an alles andere als an das von ihnen aufgestellte Gesetz; es ist schließlich nur eine heuchlerische Umformulierung ihrer Geschäftspraktik, die Lohnko- sten zu drücken und die Preise zu verlangen, die der Markt er- laubt. Die Löhne sind die Kosten, die nicht vom Markt vorgegeben sind, also gerade keinem unmittelbaren Gesetz gehorchen, sondern durch Verhandlungen und den Einsatz der jeweiligen ökonomischen Macht festgelegt werden. Und um sich da durchzusetzen, ist den Unternehmern jede Lüge recht. Ebensowenig glaubt die Gewerkschaft an ihre alternative Lohn-Nachfrage-Theorie. Im Unterschied zur Gegenseite aber hat sie sich mit i h r e r Lüge über angebliche ökonomische Sachgesetzlichkeiten den Kriterien der Gegenseite an- bequemt und einen fiktiven Berechtigungsnachweis für Lohnprozente geführt, der praktisch immer ins Gegenteil ausschlägt. Wenn schon mit dem Wohl der Volkswirtschaft argumentiert wird, dann endet das zwangsläufig bei der "Einsicht", daß die Unternehmer die ein- zig legitimen Vertreter wirtschaftlichen Erfolgs sind. Der ge- werkschaftliche Hinweis auf die "Massenkaufkraft", die sie mit den Löhnen anbieten möchte, hat deswegen noch stets zu Abschlüs- sen geführt, die im Namen der von Sachverständigenrat, Politikern und Unternehmerverbänden prozentual festgelegten ökonomischen Vernunft der eigenen Kaufkraft-Ideologie Hohn gesprochen haben. Inzwischen aber hat der DGB seinen Standpunkt revidiert und die "Lohn-Preis-Spirale" offiziell in sein Programm aufgenommen. Wenn alle, die für deutsche Arbeitervertreter etwas gelten, vom not- wendigen Lohnverzicht reden und die Arbeitslosen, die sie schaf- fen und billig verwalten, als Beweis wirtschaftlicher Probleme gegen die Arbeiter ins Feld führen, dann will sich die Arbeiter- vertretung nicht einmal mehr dem Schein nach widersetzen. Da kommt ihr das Argument vom Kunden Arbeiter noch wie ein ungebühr- licher Materialismus vor. Also nimmt sie den 'Kostenge- sichtspunkt' in ihre alternative Rechnung mit auf - und landet beim "Doppelcharakter des Lohnes als nachfragebestimmendem Einkommens- und angebotsbestimmenden Kostenfaktor". Als ob mit den Lohnprozenten alles in Frage gestellt sei, über den Profit der Unternehmer, das Wohlergehen der Nation und die Freiheit des Staates - nur nicht die Lebenserwartungen der von ihm Abhängigen! Damit verkündet die Gewerkschaft öffentlich, daß sie die profi- table Qualität, die sie dem Lohn angedichtet hat, nur noch in Re- lation zu dem gültigen Standpunkt sehen möchte - daß der Lohn ge- drückt werden muß. Andererseits erfindet sie eine ganz neue, in die politische Landschaft passende "Sachgesetzlichkeit", die Lohn-Beschäftigungs-Spirale, für die das Kaufkraftargument allen- falls aufgewärmt wird. "Ausreichende Lohnerhöhungen" und "staatliche Beschäftigungsprogramme" helfen dagegen, daß "etwa die Hälfte der Arbeitslosenzahl letztlich (!) darauf zurückzufüh- ren" ist, "daß die privaten Haushalte nicht genügend Kaufkraft haben". (Ist es nicht vielleicht umgekehrt so, daß sich Arbeits- lose nicht mehr viel kaufen können?) So tönen Gewerkschaftsfunk- tionäre, die genau wissen und laufend dafür eintreten, daß die fehlende Massenkaufkraft durch Erfolge auf den internationalen Märkten mehr als kompensiert wird. Und mit einem Zynismus sonder- gleichen bieten sie die unteren Lohngruppen als besonders ge- eignete Käufer an, weil die Not sie zwingt, ihr Geld auf jeden Fall auszugeben: "Zum anderen setzt sich aber das verfügbare Einkommen dieser Ar- beitnehmergruppen auch auf jeden Fall unmittelbar in Kaufkraft und Nachfrage um." (Hans Janßen, metall 1/82) Nur wer weiß und plant, was er den Lohnabhängigen zumutet, läßt sich die unteren Lohngruppen als besonders betroffene Mannschaft einfallen ("Gerade Arbeitnehmer in diesen Einkommensgruppen sind von der anhaltenden Teuerung in besonderer Weise betroffen"), und legitimiert seine Forderung dann noch mit dem geschäftsfördernden Zwang dieser Arbeiter zum Kaufen. Auf der anderen Seite scheut sich die Gewerkschaft nicht, unter "Beschäftigungsgesichts- punkten" den Lohn unternehmerischer als die Unternehmer als ein einziges Hindernis für Beschäftigungsmöglichkeiten zu inter- pretieren und bestimmte Prozente für Beschäftigungszwecke abzutreten - natürlich ohne auf irgendeine "Beschäftigungs- garantie" zu dringen. Das findet seinen vielfältigen Ausdruck quer durch alle Einzelgewerkschaften - und seinen unbestrittenen Höhepunkt im IG-Chemie-Vorschlag einer konzertierten Aktion: die Arbeiter sollen mit Lohnteilen dem Staat Kosten bei der Frühverrentung ersparen und die Unternehmer versprechen, dafür neue Leute einzustellen. Hier eine kleine Auswahl tarifpo- litischer Fortschritte des Jahres 1982: "Wenn wir in diesem Jahr auf die Umverteilungskomponente verzich- tet haben, so deshalb, weil wir die Einigung auf dem Verhand- lungswege erleichtern wollen. Und zum anderen wissen wir selbst- verständlich auch, daß wirtschaftlich schwierige Zeiten nicht ohne Einfluß sind auf die Tarifbewegung. Wir erkennen ja an, daß Löhne auch Kosten sind, bestehen aber umgekehrt auch darauf, daß Löhne gleichzeitig Kaufkraft bedeuten." (Hans Janßen, Tarifex- perte der IGM) "Wir können zwar den Staat nicht aus seiner Verantwortung für die Wirtschafts- und Sozialpolitik entlassen. Aber wir können mit den Mitteln der Tarifpolitik flankierende Maßnahmen zur staatlichen Arbeitsmarktpolitik vereinbaren... Die Übergangsgelder (für Früh- rentner) der Bundesanstalt sollten durch tarifvertragliche Lei- stungen aufgestockt werden. Hier sind die Gelder aus dem Produk- tivitätsfortschritt gefragt... Einen Teil dieses Anspruchs (der Arbeitnehmer auf den Produktivitätsfortschritt) sind sie bereit zu opfern, wenn die Arbeitgeber dies auch tun." (Günter Döding, NGG-Vorsitzender) "In der chemischen Industrie gab es 1981 und wird es auch noch im Jahre 1982 Beschäftigungseinbrüche geben, und zwar in Größenord- nungen, die unsere ganze Aufmerksamkeit erfordern und unsere Mit- glieder beunruhigen werden. Deshalb sind Fragen der Arbeitsplatz- sicherung auch für die Arbeitnehmer in der chemischen Industrie von vorrangiger Bedeutung. Hauptvorstand und Bezirksleiter haben deshalb einige Überlegungen angestellt, die Tarifrunde Chemie 1982 mit arbeitsplatzsichernden Forderungen anzureichern." Unterm Strich bleibt also eine gehörige Bereitschaft, den Lohn zum Sparmittel für Staat und Kapital zu machen, und die gleich wieder zurückgenommene Hoffnung, es könnten dadurch die Unterneh- mer zu Neueinstellungen animiert werden. Die IGM propagiert diese Bereitschaft in der Form eines 'denkbaren' Lohnverzichts sogar mitten i n der Tarifrunde: "Ein Notopfer der Arbeitnehmer, wodurch tatsächlich Arbeitsplätze geschaffen würden - darüber ließe sich reden. Ein Notopfer aber, das alle Probleme noch verschärft - eine Zumutung." Kann man noch deutlicher mit dem Zaunpfahl winken, daß die Ge- werkschaft jedes Opfer an Lohn zu unterschreiben bereit ist? Wenn die Gewerkschaft an etwas glaubt, dann daran, daß die Kapitali- sten Grund zum Klagen haben, und zwar glaubt sie fester daran als die Unternehmer selbst, die doch wenigstens lauter gute Ge- schäftsgründe für ihr dauerndes Krisengerede haben. Deshalb rechtfertigt sich die Gewerkschaft laufend, daß sie trotzdem noch etwas fordert - noch weniger nämlich als im letzten Jahr. Ande- rerseits sind ihre Forderungen mit lauter Angeboten verknüpft, zur Bewältigung der angeblichen Krise auf Lohnteile zu verzich- ten. Das bewährte Zahlenspiel mit Steuern, Preisen und Produkti- vität dient inzwischen gar nicht mehr dem Schein, die beschlos- sene Lohnforderung wäre gerecht und korrekt. Stattdessen wird die Rechnerei immer mehr zum Beweis, daß die Gewerkschaft darauf ver- zichtet, daraus ein Forderungsargument zu machen. Steuern - kein Thema der Tarifrunde; Preiserhöhungen - die vergangenen kein Thema, die künftigen eine Frage unternehmerischer Preisdisziplin; Produktivitätszuwachs - ein Motor für Beschäftigung, keine An- spruchsgrundlage für Prozente; Einkommensverteilung - nicht ein- mal mehr Verhandlungsmasse! Die alten Zahlenspiele mit Inflation, Umverteilung, Produktivität - jetzt dienen sie zum Beweis, wovon die Gewerkschaft alles Abstand zu nehmen bereit ist - und zwar noch bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben: Verzicht auf Umverteilung sagen die einen, Verzicht auf den Produktivi- tätszuwachs die anderen; und das alles in einer "tarifpolitischen Landschaft", in der bisher mit dem Anspruch auf all das schon kräftige Lohnsenkungen zustande gebracht worden sind. Bedingungs- lose Nachgiebigkeit ist schon der Charakter der ganzen aufge- stellten Bedingungen. Die vorgestellte Verpflichtung der Unter- nehmer auf ihren Beruf als Arbeitgeber erkennt immerhin eines sehr deutlich an: daß die Arbeitsplätze der Kalkulation der Un- ternehmer unterliegen. Also fallen diese Sprüche von der gesamt- wirtschaftlichen Verantwortung des Kapitals umstandslos den Ver- handlungen zum Opfer. Denn die Ideologien von Staat und Kapital behandelt nur e i n e r in dieser Gesellschaft als unumstößli- che Notwendigkeit, und zwar praktisch - die Arbeitervertretung nämlich. Die entdeckt daher in allem, was sie fordert, eine po- tentielle Schädigung der Wirtschaft - und findet in den 1,5-2 Millionen Arbeitslosen den Hebel, das ihren Mitgliedern plausibel zu machen und der Gegenseite "glaubwürdig" entgegenzukommen. Das einzige praktische Problem besteht darin, auch aus dem bedin- gungslosen Eingehen auf das wirtschaftlich "Notwendige"-Er- wünschte eine Tarifrunde zu machen, und zwar ohne großen Aufwand und Beweglichkeit, die nur der ach so geplagten Regierung das so- zialfriedliche Klima verderben könnte. Dies Problem bewältigt die Gewerkschaft ohne Rücksicht auf Verluste. Taktik '82 ---------- Ein Strategiepapier der IG Metall und deren Klausurtagung zur nächsten Tarifrunde stellen sich die eindeutige Frage: Wenn die Löhne eine einzige Last für Wirtschaft und Staat sind, was machen wir da nur mit der nächsten Tarifbewegung? Wo sie doch noch sein soll, muß sie entsprechend den "veränderten Rahmenbedingungen" stattfinden! Das heißt, die IG Metall bewährt sich in der Kunst, ohne Lohnerhöhungen, sondern mit Lohnsenkungen; ohne Verbesserung der Arbeitsbedingungen; ohne den laufenden Rationalisierungen ir- gendwelche Hindernisse in den Weg zu legen; ohne Arbeitszeitver- kürzungen... doch noch eine Tarifrunde daraus zu machen. Das Ver- fahren spottet jeder Beschreibung: a) Man mag erraten, weshalb die Metallgewerkschaft "m i t- t e l - fristige Aufgaben der Tarifpolitik" zusammenstellt! - "Bleibende Aufgabe ist es, die Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütungen mit dem Ziel der Sicherung und der Verbes- serung der Realeinkommen zu verbinden." (Strategiepapier, wie alle folgenden Zitate) Und da man laufend die Meinung vertreten hat, daß die sogenannte qualitative Tarifpolitik über und an die Stelle von Lohnforderun- gen zu setzen ist, führt man einen taktischen Rückzieher vor - schließlich soll ja der Schein gewahrt bleiben, den Einkommen bleibe ein Spitzenplatz im Tarifkatalog vorbehalten: "Das oft benutzte Stichwort von der 'qualitativen' Tarifpolitik darf nicht dazu herhalten, falsche Alternativen zwischen 'bloß' 'quantitativer' und 'qualitativer' Tarifpolitik herzustellen." Die Alternative der IG Metall ist gegenüber diesem falschen Ver- ständnis, das sie selbst in die Welt gesetzt hat, der von vorn- herein bekundete Zweifel daran, quantitativ viel durchsetzen zu können, also die Absichtserklärung, es auch nicht zu tun: "Ohne entsprechende Druckausübung, so stellt sich die tarifpoli- tische Ausgangslage heute dar, ist immer weniger zu erreichen; nicht einmal die Sicherung des sozialen Besitzstandes." Damit will man keineswegs zum Kampf aufrufen, sondern darauf hin- weisen, was alles heute nicht mehr gehen soll. Deshalb wird das- selbe auch noch als differenziertes Problembündel ausgedrückt, damit alles objektiv noch schwieriger erscheint: "Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden drohende Realeinbußen durch Preissteigerungen und erhöhte Abgaben die Tarifpolitik unter H a n d l u n g s d r u c k bei der Festlegung tarifpolitischer Prioritäten in den anstehenden Tarifbewegungen setzen. Dies kann zu Z i e l k o n f l i k t e n führen im Hinblick auf die gleichzeitige Einbeziehung und Durchsetzung der über Lohn und Ge- halt hinausgehenden tarifpolitischen Zielvorstellungen." Reallohnsicherung schwierig, alles darüber hinaus bewirkt Ziel- konflikt - ergibt: keines von beidem wird sein! - Weitere mittelfristige Aufgaben sollen sich gegen Rationalisie- rungen wenden und "neue Entgeltdifferenzierungen" ins Auge fas- sen. Der Grund: Die von der Gewerkschaft selbst ausgehandelten Tarif- und Manteltarifverträge haben sich als das erwiesen, was sie sind - kein Schutz vor nichts: "Die geltenden Tarifverträge geraten in Gefahr, in beschleunigtem Umfang durch die wirtschaftliche und die technische arbeitsorga- nisatorische Entwicklung überholt zu werden und ihre Schutzfunk- tion einzubüßen." "Die Tarifbestimmungen zur Entgeltdifferenzie- rung werden durch die Veränderung in Technik, Fertigungsverfahren und Arbeitsorganisation zunehmend ausgehöhlt." Die Freiheit der Unternehmer, zu rationalisieren sowie die Löhne so zu differenzieren, wie es sich für's Geschäft lohnt, die hat die Gewerkschaft geschützt mit ihren ausgehandelten Regelungen. Aber das ist ja gerade eine Möglichkeit, neue Aufgaben zu entdec- ken, zumindest mittelfristig. - "Ein weiterer mittelfristiger Schwerpunkt der Tarifpolitik ist die weitere Verkürzung der Arbeitszeit. Sie ist notwendig als Ausgleich für wachsende Arbeitsbelastung, als Beitrag zur Siche- rung der Beschäftigung..." Loderer & Co. haben sich hier eine besondere Frechheit zur Fin- dung der Prioritäten der nächsten Tarif runde einfallen lassen. Sie sagen nämlich sogleich, daß Arbeitszeitverkürzungen aktuell auf keinen Fall gehen, weil sie ohne tarifvertraglichen Schutz vor Arbeitsplatzverlust und Arbeitsintensivierung kein Mittel wä- ren - also geht beides nicht. Und man ist so offen, frei heraus zu sagen, daß man sich selbst mit dem großartigen Einstieg in die 35-Stunden-Woche ganz freiwillig die Hände gebunden hat und dar- aus ganz freiwillig den Schluß zieht, Arbeitszeit nicht mehr als Forderungsgegenstand zu behandeln: "Forderungen zur Verkürzung der Arbeitszeit können, soweit die Wochenarbeitszeit betroffen ist, frühestens ab 1984 gestellt wer- den." b) Was nun hat die IG Metall "kurzfristig" vor? Kurzfristig sind alle mittelfristigen Forderungen unmöglich, d e s h a l b hat man sie so definiert. "Lohn und Gehalt mit weiteren Forderungen zu verknüpfen", da hat die Metallgewerkschaft ihre eigenartigen Bedenken: "Schon die Sicherung der Realeinkommen zu erreichen, wird in der Tarifbewegung 1981/82 erneut auf große Schwierigkeiten (!) sto- ßen. Die Situation ist insofern ähnlich der Tarifbewegung 1980/81," (stimmt, schon wieder eine Lohnsenkung) "voraussichtlich eher noch schwieriger. Jede zusätzliche Forde- rung, die mit K o s t e n verbunden ist, verringert den Spiel- raum (?) für Lohn- und Gehaltserhöhungen." "Die zu den mittelfristigen tarifpolitischen Perspektiven genann- ten Forderungen lassen sich in der anstehenden Tarifbewegung nicht stellen, weil die entsprechenden Tarifverträge noch nicht kündbar sind. Oder sie bedürfen noch umfangreicher und intensiver innergewerkschaftlicher Vorbereitung, Information und Diskussion, bevor sie konkret angegangen werden können." Wer eine Tarifrunde hinter sich bringen will und nicht daran denkt, einen Lohnkampf zu führen; wer das Interesse der Millionen Mitglieder im Wohl der deutschen Wirtschaft am besten aufgehoben sieht; wer den sozialen Frieden auf keinen Fall stören will, dem sind die Widerstände des gegnerischen "Partners" wirklich "Schwierigkeiten". Der betrachtet seine Forderungen unter dem Ge- sichtspunkt von "Kosten" - für wen wohl! Die IG Metall entblödet sich nicht einmal, das saudumme Argument vorzubringen, ihre mit- telfristigen Ziele auch deshalb ad acta legen zu müssen, weil es vorher noch die breite Diskussion an der Basis brauche. Als wenn so etwas je stattgefunden hätte und nicht das Ergebnis der Klau- surtagung einfach mitgeteilt wurde. Höhepunkt des schwindelhaften Karussells gewerkschaftlicher Prioritätenfindung: die Drohung mit dem Arbeitskampf, wie er von der Arbeitnehmerorganisation an die Wand gemalt wird: "Jede zusätzliche Forderung von einigem Gewicht muß daraufhin überprüft werden, wie groß zu ihrer Durchsetzung das wahrschein- liche Risiko eines Arbeitskampfes ist. Finanzielle Mittel, die jetzt bei einem Arbeitskampf eingesetzt werden, fehlen bei den mittelfristig (!) anstehenden Auseinandersetzungen um eine neue Entgeltdifferenzierung, die Arbeitszeitverkürzung und die Humani- sierung der Arbeit." Das ist wahrlich stark. Einmal will man die mittelfristigen Ziele nicht angehen, weil sie angeblich heute unmöglich sind. Dann sind sie nicht aktuell, weil man die Streikkasse gerade für sie, aber 'später' einsetzen zu wollen vorgibt. Nächstes Jahr derselbe Zir- kel, der sich auf nur eines zusammenkürzt: Alles was die Gewerk- schaft fordert, ist eigentlich zu teuer. So ist man sogar in bezug auf den geliebten Gerechtigkeitsteil der Lohnforderung in Zweifel geraten. Die unteren Lohngruppen ex- tra strukturell zu bedenken, das hat es nicht gebracht: "... sind die praktischen Erfolge in den vergangenen Tarifbewe- gungen eher kritisch zu betrachten. Soweit Einmalbeträge und Pau- schalen durchgesetzt werden konnten, bewirkten sie nicht die an- gestrebte dauerhafte Veränderung der Entgeltrelationen." Weil die Gewerkschaft weiß, daß sie mit ihrer Tarif Strategie die unteren Lohngruppen in besonderem Maße zu Betroffenen macht, ge- hört es zu den Standarddebatten, wieweit die spezielle Berück- sichtigung dieser Gruppen Teil des Forderungskatalogs werden soll. Die paar Mark, die da mit dem Argument der "ausgleichenden sozialen Gerechtigkeit" für die Hauptleidtragenden von Lohnver- lustabschlüssen gefordert wurden, waren dabei noch stets das bil- lige Mittel, die Solidarität der übrigen zu verlangen und eben diese Abschlüsse durchzusetzen. "Gerechtigkeits"- und "Lohn- struktur"-Fragen sind ja etwas anderes als die Sorge um ein ausreichendes Entgelt. Wenn die D i f f e r e n z zwischen den Einkommen bei geringen Prozentforderungen zum Thema wird, dann nicht, um sie zu beseitigen und schon gar nicht, um für alle mehr zu fordern. Ausgleich unterstellt den v o l l z o g e n e n Schaden, und mit dem argumentieren die gewerkschaftlichen Tarif- strategen wie üblich - gegen überzogene Forderungen. Die einen sollen "für" die unteren Lohngruppen verzichten, die anderen zu- frieden sein, daß für sie eventuell der Lohnverlust verhältnismä- ßig nicht ganz so hoch ausfällt, oder daß zumindest extra an sie gedacht worden ist. Zu dieser W e i s e der Abwicklung vergan- gener Tarifrunden stellt sich die IGM dieses Jahr, wo die gelau- fene und geplante Lohndrückerei alle bisherigen Grenzen über- schreitet, ganz offen taktisch: Zynisch argumentiert sie mit den von ihr n i c h t durchgesetzten Verbesserungen für die Ab- sicht, in dieser Frage gleich gar keine Umstände mehr zu machen und nicht einmal mehr etwas zu fordern. Die Taktiker der Metall- gewerkschaft haben kein Problem, sich ihre Argumente so hinzudre- hen, daß das Gewünschte herauskommt: Noch ein Mißerfolg auf dem Felde der unteren Lohngruppen (war vor einem Jahr noch ein Er- folg!) wäre "auf Dauer organisationspolitisch schwer zu ver- kraften". Hinweis auf den "entschiedenen Widerstand der Arbeiter" gefällig, woraus die furchtbare Konsequenz folgen könnte, daß "das Mittel des Arbeitskampfes einkalkuliert werden muß". Erinne- rung an die gute alte gewerkschaftliche Tradition, nach der die oberen Lohngruppen weniger zu bekommen haben, wenn bei den unte- ren "Strukturveränderungen" (anderer Name für: es hat sich nichts geändert) anvisiert werden. Vorgetäuschter Zweifel, ob da alle, die sowieso nicht gefragt werden, mitmachen: "Dieser Weg ist nur dann erfolgreich zu gehen, wenn bei den Arbeitnehmern, die in den oberen Lohn- und Gehaltsgruppen eingruppiert sind, eine entspre- chende Bereitschaft zur Solidarität besteht." Nochmals die rheto- rische Frage, ob man deswegen einen Arbeitskampf wolle. Denn "andernfalls sollten aus Glaubwürdigkeitsgründen nicht Hoffnungen geweckt werden, die letztlich nicht eingelöst werden." Eindeutige Antwort und Abschluß der ganzen Scheinargumentation: "Kurzfristig ist zu prüfen, ob die Probleme der unteren Lohngrup- pen nicht verstärkt im Rahmen regionaler Lohnrahmen- bzw. Mantel- tarifverhandlungen angegangen werden können." Dort sind sie gut aufgehoben. Und zwar auf Jahre hinaus. Zumal mittelfristig auf diesem Gebiet noch eine Menge vorgesehen ist, wie man sagt! c) Im Resultat bleibt die vorgesehene "Priorität" Lohnsenkung, die selbstverständlich nominell ein paar Prozente mehr beinhal- tet. Doch ist das der Gewerkschaft, die immer um ihrer selbst willen ein wenig hermachen möchte, die gern etwas in der Hinter- hand hat, womit sie Abstriche bei der Lohnforderung begründen möchte, zu wenig. So landet das Papier bei einem Vorschlag, der verantwortlicher nicht sein könnte. Es ist die "Tarifrente 60". Diese besitzt eine Menge Vorteile für die Gewerkschaft. Das Aus- scheiden von altgedienten 60ern mit einer Rente (90% des bisheri- gen Bruttoeinkommens), die der Arbeitgeber zahlen soll, kann den Anschein erwecken, es würde "dazu beigetragen, gute Beschäfti- gungsprobleme zu mindern" (steht so da). Was macht es gegenüber dieser Beschäftigungsideologie schon aus, wenn die unternehmeri- sche Praxis gerade nicht darin besteht, Alte rauszuwerfen, um sie durch jüngere Neue zu ersetzen. Weiter besitzt diese Forderung "hohe Popularität": 1. Kaum ein 60jähriger wird so blöd sein, diese Regelung nicht zu ergreifen, wenn es sie gibt. 2. stimmt das, aber eine Lüge ist es, daß dieser Weg "jüngeren Beschäftig- ten, die andernfalls um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, die Arbeit zu sichern" hilft. 3. besteht die größte Popularität der Forderung darin, daß sie dem Staat unter die Arme greifen möchte. Der zahlt zwar nicht die Rentenversicherung aus seiner Tasche, sondern von den Beiträgen der Leute, aber die Gewerkschaft sieht das Loch in der Staatskasse und befindet, daß dem Staat das (fremde) Geld der Sozialversicherung fehlt: "Die Herabsetzung der Altersgrenze durch Tarifvertrag soll schließlich das Sozialversicherungssystem bzw. die Allgemeinheit entlasten." Und nicht zu vergessen, daß dieses Hilfsangebot an den Staat, das den sowieso nichts kostet, die Möglichkeit bietet, mit den Unter- nehmern einen Streit anzufangen, der für jede Tarifbewegung un- verzichtbar ist - sie sollen die Tarifrente 60 zahlen. So weit, so gut. Doch wäre unsere Gewerkschaft nicht die deutsche Einheitsgewerkschaft, wenn sie nicht mit ihren eigenen Zweifeln am Erfolg und an den Durchsetzungsmöglichkeiten ihrer neuen For- derung dafür sorgen würde, daß niemand zu hohe Erwartungen daran knüpfen möge. Da ist es selbstverständlich, daß "die Arbeitgeber ein Entgegenkommen in dieser Frage an die Bedingung einer weite- ren Festschreibung der Wochenarbeitszeit knüpfen". Dies das erste Kompromißangebot an die Unternehmer! Das zweite, unvermeidliche Angebot an dieselbe Adresse: "Die Durchsetzung dieser Forderung wird unvermeidlich Rückwirkun- gen auf die Erhöhung der Löhne, Gehälter und Ausbildungsvergütun- gen haben." Das dritte: "Die Beschäftigungseffekte müssen realistisch betrachtet werden. Die Anzahl der über 60-jährigen im Betrieb sinkt seit einigen Jahren laufend. In den Großbetrieben sind ältere Arbeitnehmer über 60 Jahre bereits selten geworden. Eine wachsende Zahl von Beschäftigten scheidet bereits vor dem 60. Lebensjahr aus dem Ar- beitsleben aus. Nahezu jeder zweite Arbeitnehmer verläßt mittler- weile als Frühinvalide den Betrieb." Man mag das gewerkschaftlichen Zynismus nennen, angesichts dieses von ihr selbst festgestellten Zustandes in den Betrieben eine solche Forderung auszustellen. Aber ein Verein wie die IG Metall denkt anders und weiter. Wenn dem so ist mit den älteren Arbeit- nehmern, dann besteht doch vielleicht eine Chance, aus der Ta- rifrente 60 einen Tarifvertrag zu machen. Angebot Nr. 4 an die Gegenseite liegt in deren Freiheit, die man nun wirklich nicht antasten möchte: "Die Beschäftigungseffekte werden zusätzlich dadurch verringert, daß keine Gewähr besteht, daß für ältere Arbeitnehmer, die vor- zeitig den Betrieb verlassen, entsprechende Neueinstellungen vor- genommen werden." Aber nicht nur das fällt der IG Metall ein, sie denkt sogar daran, daß dem jüngeren Rest mehr abverlangt wird, wenn die Be- legschaften um die Älteren reduziert werden; sie überlegt sich sogar die Folgen, nicht wegen der davon Betroffenen - wegen der Kosten, die sie verursachen: "Der verstärkt vorangetriebene Prozeß der Arbeitsintensivierung zieht die Gefahr der Entstehung von gesundheitlich Angeschlage- nen, vorzeitig Verschlissenen und Frühinvaliden auf erhöhtem Ni- veau nach sich. Raubbau an der Gesundheit und vorzeitiger Kräfte- verschleiß führen gleichzeitig (!) zu steigenden volkswirtschaft- lichen und gesellschaftlichen Kosten für die Allgemeinheit." Die Ruinierung des Arbeiters - ein Kostenproblem für die Allge- meinheit; Arbeitslose - ein Verlustgeschäft für die Gemeinschaft; Löhne - eine unzumutbare Belastung. Kurz: Wenn die Arbeiter es sich besser gehen lassen wollen, schaden sie dem Volk; wenn sie die eingezahlten Gelder in Anspruch nehmen wollen, ebenfalls. Of- fenbar ist es auch für die Gewerkschaft die selbstverständlichste Übung, zwischen Arbeiter und Volk säuberlich zu unterscheiden und sie gegeneinander auszuspielen. Das Volk faßt sich nämlich für die IGM im Staat und seinen Ansprüchen zusammen. Denen hat der Arbeiter gefälligst dienstbar zu sein und nicht umgekehrt. Als Bürger, meint die Arbeitervertretung, sollen die Arbeiter sich selbst für ein Hindernis des Allgemeinwohls halten. Sie versteht sich also als Agentur des Staates, die dessen Zumutungen für die Werktätigen auch noch in ein Interesse des Arbeiters übersetzt. Als gehorsamer Teil des Volkes soll er sich verstehen, alles an- dere ist schädlicher Egoismus. Dieses recht offene Angebot an den Staat, ihm zu helfen, daß ihm die Krankheit der Leute nicht zu teuer kommt, wird noch erwei- tert. Wegen der Tarifrente 60 darf auf keinen Fall die Beitrags- leistung der zahlenden Arbeiter sinken. Da hätte der Staat ja noch weniger als ohne die Gewerkschaft: "Jede tarifliche Regelung, die zu geringeren Beitragsleistungen an die Rentenversicherung führt, verschärft die finanzielle Lage der Rentenversicherung. Die Kosten soll deshalb der Arbeitgeber tragen... der Arbeitgeber weiterhin verpflichtet wird, Beiträge an die Sozialversicherung abzuführen..." Dabei macht auch an diesem Punkt die IGM keinen Hehl daraus, daß sie den Unternehmern nichts Ungebührliches abverlangt; sie kennt die Praktiken der Unternehmer, Kosten abzuwälzen: "Letztlich darf dabei nicht übersehen werden, daß der Unternehmer diese Lasten über die Preissetzungsmöglichkeiten volkswirtschaft- lich auf die Gesamtheit abwälzt." Weil aber in diesem Falle die "Allgemeinheit" die Arbeiter sind, die zahlen, und nicht der Staat, übersieht dies die IGM sehr be- wußt nicht, sondern hält es für billig. Alles zum Wohle des Staates, der sich dem Letzten aber nicht so umstandslos anschließen wird, mag er seine Kapitalisten doch nicht in ihrer Freiheit behindern. Alles zum Wohle der Unterneh- mer, die doch ohnehin die Alten heraussetzen; nur werden sie des- halb noch lange nicht die gewerkschaftlichen Forderungen akzep- tieren. Alles zusammen für die deutsche Einheitsgewerkschaft, die nach all den schönen Begründungen und Bedenken für ihre gesell- schaftlich verantwortliche Forderung zu guter Letzt auch noch ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern - weit gefehlt: - gegenüber s i c h s e l b s t als anerkannte westdeutsche Ar- beitsfront ausdrückt. "Werden Forderungen wie die Herabsetzung der flexiblen Alters- grenze, die sich bislang an den Gesetzgeber richteten, auf tarif- vertraglichem Weg zu erreichen versucht, geht das mittelfristig (?) zu Lasten von anderen wichtigen tarifpolitischen Zielberei- chen." In den tarifpolitischen Zielbereichen sind die Interessen der Ar- beiter und Angestellten so aufgehoben, wie sich die Gewerkschaft das vorstellt, als willige und billige Arbeitskräfte, die man nicht mehr zu fragen braucht, was sie wollen. Tarifpolitik kann einen Arbeiter, der sich darum kümmert, weil es ihn betrifft, nicht gebrauchen. Realismus '82: Gewerkschaftliche Null-Lösung -------------------------------------------- Die IGM ist in die Tarifrunde dann doch ohne den Tarifrentner eingestiegen. Stattdessen hat sie auf der Basis dieser Klarstel- lungen eine "Lohnrunde" geführt mit der vorweggeschickten "Warnung", daß nicht einmal "Lohnsicherung drin" sein wird. Genau dafür hat das interne und gezielt öffentlich gemachte Vorgeplän- kel getaugt: Zur Festlegung, daß der Verzicht auf jede "qualitative" Forderung, die Konzentration auf das "quantitative" Prozentgeschäft nicht mit der Durchsetzung von Lohnprozenten zu verwechseln ist. Lohnrunde ohne Lohn, das war die erklärte Ab- sicht, und das war auch der Verlauf. Ohne großes Hin und Her sind deshalb 4,2% und sonst nichts ausgemauschelt worden. Von Verhand- lungen oder gar irgendeinem Druck konnte keine Rede sein - nicht einmal mehr den Schein einer Auseinandersetzung hat die IGM für nötig gehalten. Die Schlichtung, wo sie überhaupt noch eingelei- tet wurde, war reine Formsache, um die Verhandlungen wenigstens noch eine Woche länger hinzuziehen. Die nachträglichen Interpre- tationen aber sind wohl der Gipfel der Unverschämtheit. Gerade noch daß so getan wird, man hätte immerhin noch Schlimmeres ver- hindert, wobei man sich fragen muß, wie es denn noch schlimmer hätte kommen können. Die unverfrorene Feststellung, daß Reallohn- sicherung nicht ganz erreicht worden ist, so als ob man sie über- haupt vorgehabt hätte, ist da nur der Auftakt dazu, den Streit um Prozente für ein U n t e r n e h m e r a n l i e g e n zu er- klären: "Der Wert erreichter Einkommensverbesserungen stellt sich ange- sichts der gegenwärtigen und absehbaren Wirtschafts- und Prei- sentwicklung immer weniger am Anfang und immer stärker am Ende der Laufzeit eines Lohn- und Gehaltstarifvertrages heraus. Denn durch die Preisentwicklung, die allein in unternehmerischer Ver- antwortung liegt, kann der zum Zeitpunkt des Abschlusses beste Vertrag während der Laufzeit entwertet werden. Damit stellt sich aber immer nachdrücklicher die Frage, ob ein Kampf um Zehntel- stellen hinter dem Komma" (für den hat die Gewerkschaft früher lässig ihre Mitglieder antreten lassen, weil es ihr ums Prinzip der Tarifautonomie ging!) "nicht eher dem Kalkül der Arbeitgeber als unseren strategischen Interessen entspräche." (Hans Janßen, Der Gewerkschafter 3/82) Weil wir zulassen, daß die Unternehmer frei den Lohn über die Preise beschneiden, lohnen sich Lohnverhandlungen nicht - das ist die gewerkschaftliche Mitteilung an die lieben Kollegen. Anson- sten wird das freche Märchen von der matten Basis aufgewärmt, die sich nicht hat mobilisieren lassen, obwohl die Funktionäre alles getan haben, diese Runde ohne die Basis über die Bühne zu brin- gen. Nicht einmal zu größeren Warnstreiks hat man sie benutzen wollen; und ein paar nichtbestellte Protestanten bei verschie- denen Tarifverhandlungen waren schon eine solche Provokation der Gewerkschaft, daß die Polizei zitiert wurde und gewerkschaftliche Verhandlungsmitglieder das Schlägern angefangen haben, bevor sie hinter verschlossenen Türen mit den Unternehmern auf das Schlich- tungsergebnis aus Düsseldorf gewartet haben, das sie bundesweit übernehmen wollten. Nur eines möchte die IGM vermeiden: Daß ir- gendjemand diese Tour, ohne jedes Aufhebens die Verarmung der Me- taller zu unterschreiben und noch mit der Not, in die sie ver- setzt werden, gegen jede Forderung zu agitieren, für eine Unver- schämtheit der Gewerkschaft hält. Mit ihr soll geworben werden: "Zum Schluß möchte ich Euch bitten, gemeinsam eine Überlegung an- zustellen und deren Ergebnis vor allem denjenigen mitzuteilen, die immer noch glauben, sie könnten auf eine Mitgliedschaft in der IG Metall verzichten, gleichzeitig aber alle Tariferfolge (!) auch für sich in Anspruch nehmen: Welche Lohn- und Gehaltserhöhungen hätten die Arbeitgeber ge- währt, wenn es keine Gewerkschaft, keine IG Metall gäbe? Antwort: Sie hätten NICHTS gewährt. ... Was könnte eine IG Metall zustande bringen, die noch stärker ist als die heutige, stärker an Mitgliedern, Beitragseinnahmen und Aktivität? Antwort: Sie könnte mit Sicherheit ihre tarifpoliti- schen Ziele, die weit über Lohn- und Gehaltserhöhungen hinausge- hen, wesentlich besser durchsetzen. Sie könnte z. B. durch Ar- beitszeitverkürzung, Herabsetzung der Altersgrenze, Sicherung des sozialen Besitzstandes, den einzelnen vor den Wechselfällen des wirtschaftlichen und technischen Wandels, vor einer Verschlechte- rung seiner Arbeitsbedingungen und vor dem Verlust des Arbeits- platzes wirksamer schützen als dies heute der Fall ist. Macht dies bitte allen bisher noch nicht organisierten Arbeitern und Angestellten klar. Werbt sie für die IG Metall! Dann können wir zuversichtlich und gestärkt 1983 in die nächste Tarifrunde gehen." (Schleinkofer, Metall 4, Nachrichten für Bayern). Beiträge möchte er also schon noch, dieser Verein, und dafür ist ihm der Hinweis auf die Streikkasse, die angeblich so leere, und die Macht der Gewerkschaft, die angeblich so schwache, recht. Und das erlauben sich Funktionäre zu sagen, die diese Macht gerade bedenkenlos für die Wirtschaft und gegen die Arbeiter eingesetzt haben, und die außer der Zweckentfremdung der Streikkasse Milli- ardengeschäfte mit gemeinnützigen Unternehmen machen, die beim Lohn kräftig mitabkassieren. Andere Teil-Gewerkschaften haben sich mit entsprechenden Tarif Strategien nicht lumpen lassen. Die NGG-Gewerkschaft hat angeboten, 2% von der Lohnforderung gleich abzulassen - für Beschäftigung. Die IG Chemie geht gleich ohne jede Lohnforderung in die Verhandlungen und macht stattdessen ernst mit dem Tarifrentner-Konzept: Mitfinanzierung von Frühent- lassungen durch einen Fonds, in den die Unternehmer das Geld ein- zahlen, das die IG Chemie ausgerechnet hat; Bekräftigung des all- gemeinen Wunsches nach Neueinstellungen für jeden Entlassenen. Dafür absolute Bereitschaft, beim Lohn gar nichts zu verlangen. Und das alles auf dem Hintergrund des offenen Eingeständnisses, daß es nur noch eine verschwindende Minderheit überhaupt frühzei- tig zu verrenten gibt, daß dafür keine Jüngeren eingestellt wer- den, daß also der Beschäftigungseffekt dieses vorweg angebotenen Lohnverzichts erstunken und erlogen ist. Dafür sieht aber der endgültige Lohnabschluß entsprechend aus. Nämlich Null. Die Offenheit in Sachen Nullrundenangebote von Gewerkschaftssei- ten kennt also keine Grenzen, die Abwiegelei in Sachen "zu er- wartende" neue Arbeitsplätze auch nicht. Erst inszenieren die Ge- werkschaften vor und in den Lohnverhandlungen mit Unternehmern und Parteien einen theoretischen Streit, ob die gerade ausgegebe- nen Antilohnparolen und -maßnahmen das gemeinsame Problem der Ar- beitslosigkeit lösen helfen. Dann bieten sie selber als selbster- nannte Oberanwälte des Gemeinwohls Lohnprozente für Arbeitsplätze an, so daß sich jeder fragen muß, was er denn noch von der Be- schäftigung haben soll, wenn dafür laufend sein Lohn draufgeht. Und schließlich ordnen sie ganz im Sinne der Unternehmer den wirtschaftlichen "Notwendigkeiten" ohne jede Rücksicht auf "Beschäftigung" die Lohnansprüche der von ihnen vertretenen Klasse zu - und befinden sie für ein schleunigst zu bewältigendes Staats- und Wirtschaftsproblem. Die Tarifpolitik der Gewerkschaft läuft also nur auf eines hinaus: Löhne hält sie für eine Bela- stung - und zwar nicht nur für die politischen und wirtschaftli- chen Agenten des Gemeinwohls, sondern vor allem auch für die Ar- beitervertretung. Gegenüber ihrem Kontrahenten ist sie nämlich realistisch und läßt sich sagen, was Wirtschaft und Staat an Lohn zu "vertragen" gewillt sind. "Schwere Zeiten" schallt es aus Bonn und den Unternehmerzentralen; "schwere Zeiten" echot die Gewerk- schaft zurück, weil sie verstanden hat, daß nur sie damit gemeint war. In Vorstandsetagen über Entlassungen mitbestimmen, die beste Abstimmung der Löhne auf die politischen und ökonomischen Ansprü- che mitbeschließen, das hält die Gewerkschaft für ein Gütesiegel. Sie spielt sich also als dritte gewichtige Partei auf bei der nützlichen Verwaltung der Arbeit und bei der Verwaltung der An- sprüche derjenigen, die nützliche Arbeit leisten sollen. Auf der anderen Seite mimt sie vor ihren Mitgliedern einen Re- alismus ganz anderer Art. All das, was sie längst zu ihrem eige- nen Anliegen gemacht hat, führt sie als "Schwierigkeit" auf, ge- werkschaftlich für sie aktiv zu werden und sie zu aktivieren. Schwierigkeiten, die es gar nicht gibt, mit denen sie jedoch die Mitglieder auf das gewünschte Ergebnis einstimmen will. Während sie längst hinter verschlossenen Türen das Ergebnis ausgemacht hat, ihre Unterschrift unter ein weiteres Jahr rücksichtslose Un- ternehmerfreiheit im Geiste schon geliefert hat, lamentiert sie noch gegenüber ihren Mitgliedern über die Anstrengungen, die sie in ihrem Namen unternimmt, und über die Hemmnisse, die dem entge- genstehen. Ihnen gegenüber formuliert sie also die Parteinahme für einen wirtschafts-gerechten Lohn umgekehrt - als Unmöglich- keit, mehr zu erreichen. Taktik ist also ihre Devise gegenüber der Basis, und die besteht in lauter Lügen über Absichten und Einsatz gewerkschaftlicher Macht. Je hemmungsloser sie mit den Führungsgarnituren von Wirtschaft und Politik sich über die Be- schränkung der Ansprüche der Arbeiter verständigt, umso unverfro- rener inszeniert sie ganz getrennt davon gegenüber der eigenen Mannschaft den Nachweis, daß nur so ihre Interessen vertreten werden können und daß sie überhaupt vertreten werden. Die berech- nende Sorge, gewerkschaftliche Politik mit dem Schein zu verse- hen, sie nähme bei den Mitgliedern ihren Ausgangspunkt und würde alles Mögliche in Gang setzen, diese Sorge ist die einzige Rück- sichtnahme, die in den Lohnrunden noch auf die Arbeiter genommen wird. Die Tarif-runden plant sie wie Politiker ihre Wahlkampfauf- tritte; mit den Mitgliedern kalkuliert sie unter der Fragestel- lung, wieweit sie um derentwillen überhaupt den Schein einer um- strittenen Lohnauseinandersetzung aufmachen soll, - und alles un- ter Berücksichtigung des unumstößlichen eigenen Interesses, bei der Inszenierung selbst dieses Scheins sich keinesfalls mit der Gegenseite anzulegen. Die Fortschritte sind bemerkenswert. Längst sind deutsche Gewerkschaften über die alte Trennung der Massenmo- bilisierung von den Demonstrationen der Verantwortlichkeit gegen- über den Unternehmern hinaus. Inzwischen entwerfen sie die Ta- rifrundenstrategie mit einer unverfrorenen Offenheit und Gleich- gültigkeit gegen ihre Basis. Sie setzen einfach darauf, daß es schon egal ist, wie und mit welchen Argumenten sie ihren Mitglie- dern das vernichtende Ergebnis als erfolgreichen Tarifkampf ver- kaufen. Sie bauen auf die Erfolge ihrer vergangenen Tarifstrate- gien, auf die laufend in die Welt gesetzten falschen Lehren aus ihren früher inszenierten Streiks. Sie reden und denken deshalb auch nur noch darüber, wie sie die Tarifrunde am besten hindre- hen. So stellt sich für die Tarifkommissionen der Gewerkschaften immer nur die eine, eindeutige Frage: Wie können wir angesichts der gerade ausgerufenen "politischen Landschaft", auf dem Hinter- grund staatlicher und unternehmerischer Generalangriffe auf den Lohn, also auf dem Hintergrund einer gar nicht anspruchsvollen Mitgliedschaft, anknüpfend an unsere letztjährigen Runden und darin aufgemachten Ideologien neuerdings am einfachsten die "Tarifbewegung" über die Bühne bringen. Dieses Jahr heißt die Antwort schlicht: Wir propagieren eine Lohnrunde unter dem Vorbe- halt des Beschäftigungsproblems; wir sagen aller Welt gleich, daß beim Lohn absolut nichts drin ist. Das ist wahrlich Realismus; allerdings einer, der die Arbeiter teuer zu stehen kommt. 4. Das reale Scheingefecht -------------------------- Um Klassenkampf geht es nicht - das hieße ja, es geht um Lohn! Die Gewerkschaft hat eben andere Sorgen. Immerhin steht bei einer Tarifrunde ihre Rolle auf dem Spiel, als verantwortliche natio- nale Kraft die Weichen der Wirtschaft mit zu stellen. Sie denkt zwar nicht im geringsten daran, in einer Tarif-runde auf das ma- terielle Wohl und Interesse ihrer Mitglieder zu achten und dafür die Druckmittel, die Arbeiter haben, einzusetzen. Doch heißt das nicht, daß die Tarifrunden still und leise über die Bühne gehen. Mag auch längst vorher feststehen, was Arbeitge- ber- und Arbeitnehmerseite schließlich aushandeln, oder was die Tarifkommissionen als aktuell möglich und somit als Gebot der Stunde ansehen und beschließen, für diesen nicht stattfindenden Kampf wird eine Menge hergemacht, damit die Leistung der Gewerk- schaft gebührlich zum Ausdruck kommt. An die Stelle des Kampfes um Löhne, Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen tritt eine Kampffront ganz eigener Art, die gerade deswegen so wichtig ist, weil es die um den Lohn nicht gibt und von wirklichen Erfolgen für die Arbeiter auch nicht die Rede sein kann. Die Unternehmer, deren ökonomische Interessen man in aktiven Ge- werkschaftskreisen anerkennt: Gewinne müssen sein, Rationalisie- rungen für die Konkurrenzfähigkeit sind unumgänglich und hohe Lohnkosten gefährden den wirtschaftlichen Erfolg -, diese Unter- nehmer und ihr Verband ziehen in Tarifrunden dennoch die Kritik des DGB auf sich. Dem Interesse der Kapitalisten, die jede Loh- nerhöhung - und sei sie auch noch so klein - zu vermeiden suchen, weil sie die allgemeinen Unkosten ihres Geschäfts erhöht, setzt der DGB nicht etwa das Interesse der in ihm organisierten Arbei- ter entgegen, die mehr Lohn notwendig brauchen; stets ist der harte Vorwurf fällig, die Gegenseite sei darauf aus, ein "L o h n d i k t a t" zu setzen und sich damit selbstherrlich aufzuführen. Mit dem Recht ausgestattet, über die Löhne zu ver- handeln, betrachtet ein deutscher Gewerkschafter das jeweilige Verhandlungsangebot von Kapitalistenseite sehr prinzipiell als Versuch, ihn von der "Lohnfindung" auszuschließen. Deshalb wird zuallererst um dieses R e c h t gekämpft, ganz als ob man es nicht hätte. Der Zweck dieses "Kampfes", durch den der Gegner mo- ralisch ins Unrecht gesetzt wird, verlagert sich von der ersten Stunde an vom L o h n d e r V e r t r e t e n e n weg auf die B e r e c h t i g u n g i h r e r V e r t r e t e r, die s i c h angegriffen wähnen - und nicht den Geldbeutel ihrer Mit- glieder. "Die Gewerkschaften benötigen keinen Rat und keinen Druck von au- ßen, um Tarifpolitik verantwortlich zu betreiben. Und schon gar nicht ertragen sie über ihre Köpfe vollzogene Beschlüsse in der Lohnfrage. Verantwortung haben die Gewerkschaften in der Vergangenheit ge- zeigt, eine verantwortungsbewußte Tarifpolitik wird auch unsere Marschroute für die Zukunft bleiben." (Vetter, Quelle 1/82) Der Verdacht, es ginge um Geld, trifft daher mit voller Wucht die Unternehmer. "P r o f i t o r i e n t i e r t" sind sie, die Herren Kapitalisten. Und das ist keine Tatsachenfeststellung - das für die Arbeiter so unangenehme Prinzip der Gewinnmaximierung will der DGB nicht abschaffen ", sondern der Vorwurf des Egois- mus, der "a l l e i n" an Gewinn, ans Materielle denkt, was der verantwortlichen Gewerkschaft natürlich fernliegt. Wenn das Ge- deihen von Wirtschaft und Nation es schon verlangt, daß Opfer ge- bracht werden müssen von den Millionen Arbeitern, dann mögen doch auch die Unternehmer Zeichen der Anerkennung setzen und sich ge- nauso kompromißlerisch verhalten, wie es ihre Gegenseite tut. Vergessen ist schon der absurde Anwurf von vorgestern, als der DGB den Industriellen vorzurechnen versuchte, sie würden sich ins eigene Fleisch schneiden, wenn sie keine Lohnerhöhungen zuließen und damit eine Schwächung der Kaufkraft der Massen durchsetzten. Heute gilt es als zeitgemäß, die Kapitalisten eines "Katastro- phenkurses" zu bezichtigen, ihnen Unverantwortlichkeit gegenüber der Allgemeinheit anzuhängen. B ö s e sind sie, die Fabrikanten der Nation, weil sie nur einen Anteil am Produktivitäts- fortschritt zahlen wollen (während die Gewerkschaft mit ihrem Inflationsausgleich ungefähr und im Endeffekt bei derselben Zahl landet), den die Arbeitnehmervertreter erst noch beschließen müs- sen. Nicht weil die Kapitalisten wie eh und je die willigen Ar- beitskräfte preiswert ausbeuten, trifft sie die Verachtung der Tarifkommission. Die "scharfen Sprüche" gelten der Tatsache, daß Kapitalisten im Unterschied zur Gewerkschaft auf dem Nutzen der Lohnarbeit bestehen. "K l a s s e n k a m p f" betreiben sie "n o c h", hört man von Loderer, Steinkühler und ihresgleichen. Was denn sonst, sollte man meinen, doch so will es das Gewerk- schaftsgespann nicht gesagt haben. Hier wird Empörung darüber laut, daß einem die Gegenseite die Tarifrunde so schwer macht und sich nicht genauso versöhnlich zeigt wie man selbst. "Trotz erklärter Verhandlungsbereitschaft und Kompromißwilligkeit der IG Metall und ausdrücklicher Erklärungen, in weiteren Ver- handlungen konkrete Lösungsvorschläge zu machen, haben die Ar- beitgeber ihr einmal beschlossenes Programm durchgezogen ... Wir halten diesen Schritt (die 'einseitige Anrufung der Schlichtungs- stelle') zwar nach wie vor für verfrüht, weil die Metallarbeitge- ber selbst zugegeben haben, daß sie am Verhandlungstisch noch nicht ihr letztes Wort gesagt haben. Der Vorstand hat aber den- noch empfohlen ..., diesem Begehren zu folgen, um keinen Versuch auszulassen, die Tarifauseinandersetzung zu lösen." (metall, Nachrichten für Bayern 3) Die eigene Nachgiebigkeit, die Verantwortung für alles und jedes läßt ein Gewerkschaftsvorsitzender auch so heraushängen, daß er "harte Auseinandersetzungen" befürchtet. So daß man sich nicht zu wundern braucht, daß ein Streik damit begründet wird, die Gegen- seite habe das zu verantworten, habe die friedliebende Gewerk- schaft dazu gezwungen: "Wir haben diesen Arbeitskampf nicht ge- wollt!" - der Streik und das Ergebnis sind dann auch entspre- chend. Den Gegner mit dem Mittel der Arbeitsverweigerung wirt- schaftlich zu schwächen, damit er sich zu Lohnerhöhungen, Ar- beitszeitverkürzungen etc. bereiterklärt, ist offensichtlich nicht der Zweck der letzten Streiks gewesen. Das sieht man an ih- ren Ergebnissen und an ihrer Durchführung. Das gewerkschaftliche Hauptschlagwort dieser Streiks war gegen die "ungerechte Aussper- rung" der Unternehmer gerichtet, der man deshalb auch nicht mit einem konsequenten Streik entgegentrat, sondern sich mit der ziemlich stumpfen Waffe, dem Gegner das Recht für seine Gegenmaß- nahmen zu bestreiten und sie als Anschlag auf die Tarifautonomie der Gewerkschaften anzuprangern. Schließlich ist der DGB vor Ge- richt gezogen, wo klargestellt wurde, daß die Freiheit der Kapi- talisten schon im Grundgesetz steht. Moralisch war die Gewerk- schaft natürlich schwer im Recht, hatte sie doch viel mehr Soli- darität gezeigt als die Unternehmer, von denen 2 bis 3 Fabrikan- ten die Aussperrung nicht mitmachten. Viele Betriebe wurden von der Gewerkschaft sowieso nicht bestreikt. Und aus was für Grün- den! Die einen waren "lebenswichtig", in den anderen durften Hochöfen einfach nicht ausgehen. Insgesamt galt das Prinzip, die Streikkasse so weit wie möglich zu schonen. Sie hat auch unter den Kämpfen wenig gelitten. Die Aktionen kamen stattdessen die Mitglieder teuer zu stehen, wofür ihnen das Lob ihrer S o l i d a r i t ä t sicher war. Denn die Gemeinschaftlichkeit des O p f e r s hält der DGB für die einzig wahre Solidarität. Am Schluß stand der Vorsatz fest, ein so teures Unterfangen so schnell nicht mehr in die Wege zu leiten. 1982 wird mit schnellen und kampflosen Abschlüssen gewor- ben: "Hinzu kommt noch, daß das Ergebnis fünf Wochen nach Auslaufen der alten Tarifverträge auf dem Tisch liegt und ohne Streik er- reicht werden konnte. Dies entspricht zum einen dem immer wieder in der Organisation geäußerten Wunsch nach zügigem Fortgang und rascher Beendigung der Tarifbewegung. Es entspricht zum anderen der Überlegung, nach Möglichkeit keinen Streik allein um Lohnpro- zente führen zu müssen." (Der Gewerkschafter 3/82) Gewerkschaftliche Solidarität hat eben in der BRD nichts mehr da- mit zu tun, gemeinsam gegen die Unternehmer Handfestes zu er- streiten. Moderne Solidarität, das ist der moralische Schmuck in- szenierter Tarifrunden, den sich gemäß gewerkschaftlicher Taktik die Mitglieder an den Hut stecken dürfen und müssen - wer mehr will als beschlossen, ist unsolidarisch. Verhandlungsführer, große und kleine Tarifkommissionen tun viel für die abgekartete Demonstration, wie zäh, beharrlich, geschickt man das Mögliche herausgeholt hätte, das schon längst feststand. Das Mitglieder- volk seinerseits darf je nach Entscheidung von oben, wo das beste Scheingefecht beschlossen wird, mehr oder weniger Solidarität be- weisen: entweder indem es ein wenig rumläuft, Transparente malt, sich versammelt, warnstreikt oder aber nur brav arbeitet und so voll solidarisch hinter dem Verhandlungsgeschick der Funktionäre steht. Seit 1981 hat dieses moderne Kind des modernen DGB von demselben den Namen "N e u e B e w e g l i c h k e i t" bekommen und bringt auf den Begriff, wozu eine Tarifrunde heute taugt: zu mehr Lohn, besseren Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitverkürzungen auf keinen Fall, über so etwas Banales ist der Deutsche Gewerk- schaftsbund längst hinweg. Ganz unabhängig davon, was in den Lei- tungsgremien dieses Vereins an "vertretbaren" Forderungen aufge- stellt wird, macht man sich bei den Funktionären der lieben Kol- legen an der Basis auch noch die Überlegung, wie man denn für dieses gewerkschaftliche Programm der Stunde auch noch die Mil- lionen Mitglieder einspannen könne - zumindest zum Teil und de- monstrativ, denn so und so viel Mitglieder haben von ihrer "neuen Beweglichkeit" auch nur aus den Zeitungen erfahren. Diejenigen, die sich dazu hernehmen lassen, an dieser neuen gewerkschaftli- chen Erfindung teilzunehmen, werden so ernst genommen, wie das Politiker mit ihrem Volk zu tun pflegen. Man ruft sie, schickt sie dann wieder heim, wo sie ihren Erfolg nachlesen können: "Die zurückliegende Tarifbewegung zeigt, daß die erstmals bundes- weit praktizierte 'Neue Beweglichkeit' ein Erfolg war. Sie hat das Engagement unserer Mitglieder und Funktionäre ebenso bewiesen wie die Kampfkraft und die Durchsetzungsfähigkeit der IG Metall. Sie hat zu einem Ergebnis geführt, das in allen Tarifkommissionen breite Zustimmung fand." (Der Gewerkschafter 11/1981) Das mit der Zustimmung durch die Tarifkommissionen ist ein gelun- gener Scherz. Klar, daß die für gut befinden, was sie vorher an- geleiert haben! Diese Art von Erfolgsmeldung stört es gar nicht, daß an anderen Stellen gewerkschaftlicher Verlautbarungen zugege- ben wird: Die letzte Tarifrunde hat nicht einmal die "Reallohnsicherung" erreicht. Der Erfolg einer solchen Aktion mißt sich nicht an schnöden Lohn-Pfennigen und am Einkommen der Lohn- und Gehaltsempfänger. In ihr sollte Engagement vorgezeigt, Durchsetzungs f ä h i g k e i t (doch nicht Durchsetzung!) be- wiesen werden, damit dieser ganze Zirkus in der Öffentlichkeit bemerkt und von der Gewerkschaft selbst verkündet werden konnte. Die Emanzipation der Gewerkschaftsführung von ihren Mitgliedern erreicht in dieser verrückten "Kampf"form ihren Höhepunkt. Man kommt sich wie in einem sozialdemokratischen Kindergarten vor, wenn Alte und Junge, Männer und Frauen, alle Mitglieder der Ge- werkschaft der Aufforderung nachkommen, "Kreativität" und "Phantasie" zu zeigen, und dies auch tun, weil sie dem Ergebnis der Tarifrunde, ob es ihnen etwas bringt, relativ gleichgültig gegenüberstehen und sich obendrein noch für jeden Quatsch ihrer Gewerkschaftsführung hernehmen lassen: In der Luft ein Flugzeug mit der Forderung am Bandl: "Realein- kommen sichern!" Unten verteilen gestandene Arbeiter vor Kauf- häusern Flugblätter und treffen auf ihre Ehefrauen, wenn sie bei Rentnern, Omas und Opas um Verständnis für die kommende Real- lohnsenkung werben. "Nachmittagstreffs für Ehefrauen oder Rent- ner", "gesellige Familienabende", "Jugendfeten" ... "Jung und Alt zogen nicht nur mit 'Berlinern', Luftballons, 8-Prozent-Brezeln, Äpfeln, roten Nelken oder Ostereiern mit dem Aufdruck der Metall- forderungen nach Hause. Sie konnten auch ... Ansichtskarten mit Streikaufnahmen erstehen..." "Nahezu uneingeschränkt positiv nahm die Öffentlichkeit die Bürgerinformation auf." ... "Häufig ist sogar der Begriff 'hervorragend' zu lesen..." (Der Gewerkschafter 11/1981) Gegen eine zahme Gewerkschaft, die sich solidarische Faschingsum- züge leistet, hat wahrlich niemand etwas. Höchstens noch die Un- ternehmer, denen auch noch 5 bis 60 Minuten Arbeitsausfall, ob- wohl in der Regel vorher eingearbeitet, nicht passen und die die Gewerkschaft aus dem Betrieb heraushalten wollen. Dabei gehört es schon zur Linie der Gewerkschaft, möglichst auf Straßen und Märk- ten machtvoll zu demonstrieren, also explizit auf das Mittel des Warnstreiks, einer zeitweiligen Arbeitsniederlegung mit der Dro- hung, dies auch länger zu tun, zu verzichten: "Es ist verstanden worden, daß die neue Beweglichkeit wesentlich von ihrer Öffentlichkeitswirkung lebt, vom politischen Druck auf die Unternehmer." (ebenda) Diese waren so beeindruckt, daß sie lässig das taktische Hinaus- zögern des Abschlusses durch die Gewerkschaft hinnahmen und dann den Abschluß unterschrieben, den sie sich schon vorher ausgerech- net hatten. Wahrscheinlich, weil ihnen die Aktivitäten der ge- werkschaftlichen ABC-Schützen große Sorgen machten: "ABC der Aktionen Autokorso durch Städte Briefe an die Unternehmer Chroniken der Tarifbewegung Demonstrationen Einladung zu Familientreffs Flugzeug mit Spruch im Schlepp Grillfest zum Abschluß Hausfrauennachmittage Informationsstände Jugendfeten Kindergarten während Kundgebungen Luftballons und Buttons Mieten einer Straßenbahn Nelken für die Bevölkerung Originelle Spruchbandtexte Plakatieren in Betrieben Quote von Überstunden verweigert Rentnerbeteiligung am Infostand Sammlung von Unterschriften Theateraufführungen Umzüge durch die Werke Versammlungen und Austellungen Warnstreiks X-fache Protestresolutionen Y bleibt der Phantasie vorbehalten Zeitungsannoncen" (Der Gewerkschafter 11/81) Wehe, die Unternehmer anerkennen nicht künftig das Recht der Ge- werkschaft, sich demonstrativ als Sprecher der geschädigten Ar- beitnehmer breitzumachen! Dann bleibt ihnen die harte Reaktion des DGB von A bis Z nicht erspart, und Tausende von Gewerk- schaftsmitgliedern bevölkern mit der Faust in der Tasche und ei- nem entschlossenen Sandwich auf dem Rücken die deutschen Fuß- gängerzonen und verteilen Flugblätter an ihre Hausfrauen, in denen der Fleiß deutscher Arbeiter gelobt und die Ungerechtigkeit der Unternehmer beklagt wird. Keine Frage, wer auch in den näch- sten Tarifrunden sein Interesse durchsetzt: Die deutschen Unter- nehmer u n d der Deutsche Gewerkschaftsbund! Gegen alle anderen Behauptungen der Gewerkschaft ist dieses ihr Tam-Tam für die Mitglieder das erklärte Abstandnehmen von jegli- chem Druck auf die Kapitalisten - mögen die bisherigen Aktionen auch noch so halbherzig gewesen sein; der Ersatz dafür, mit oder ohne Streik in Verhandlungen etwas durchzusetzen. Die "Neue Be- weglichkeit" selbst soll der Erfolg sein. "Das neue Instrument ist weder Ersatz für einen Erzwingungsstreik nach Urabstimmung noch (!) auch nur eine Vorform davon. Die neu gewonnene Beweglichkeit ist eine zusätzliche Handlungsmöglich- keit, die wir immer dann, wenn notwendig, aber eben auch nur dann, einsetzen werden. Ihre Dauer wird abhängen von dem Bewußt- sein unserer Mitglieder und ihrer Bereitschaft, den Arbeitgebern u n d der Öffentlichkeit die Kampf- u n d Verhandlungsbereit- schaft unserer Organisation zu d e m o n s t r i e r e n." (Der Gewerkschafter 11/81) Freilich, eine gewisse Bereitschaft der Mitglieder, von ihrem In- teresse abzusehen und bei den Beschlüssen ihrer Organisation, der Gewerkschaft, nicht mehr an sich zu denken, braucht es schon. Von selbst sind die Mitglieder nicht auf ihre neue Beweglichkeit ge- kommen, aber wenn dazu gerufen wird, macht ein Teil ohne Bedenken mit. Im Funktionärsblättchen steht dann, diese moderne Kampfform sei eigentlich viel besser als jeder Streik. "In diesen Unternehmen bedeuteten Aktionen und Warnstreiks häufig ganz direkte Konfrontation mit dem Arbeitgeber. Es gab nicht mehr die Anonymität eines Flächenstreiks." (ebenda) So kann man auch ausdrücken, daß man am liebsten keinen Streik mehr möchte, der den Unternehmern schadet und deswegen Forderun- gen durchsetzt. Man kann aber auch gleich die "Neue Beweglich- keit" da einordnen, wo sie hingehört: ins Arsenal der leeren Dro- hungen: "Wir möchten gern am Verhandlungstisch zu einem Ergebnis kommen. Wenn aber die Arbeitgeber nicht bereit sind, ... dann werden wir wieder den Weg der 'neuen Beweglichkeit', womöglich sogar (!) den des Streiks gehen." (Janßen, Quelle 2/82) Eine Gewerkschaft, die ihren gesammelten Erfindungsreichtum dar- auf verwendet, jede Tarifrunde zu einer Gelegenheit zu gestalten, sich als glaubwürdiger Faktor des sozialen Friedens zu präsentie- ren, den recht eigentlich nur s i e herzustellen willens und in der Lage ist, eine Arbeitervertretung, die sich dazu aufgerufen fühlt, machtvoll gegen alle "unvernünftigen Kräfte" und Instanzen das Wohl der Nation hochzuhalten - ein solcher Verein verfällt im Anschluß an die gelungene Erprobung der "Neuen Beweglichkeit" noch auf ganz andere Ersatzveranstaltungen für den Lohnkampf. - Da wird zum Auftakt einer Metall-Tarifrunde in Stuttgart eine Demonstration f ü r ein Beschäftigungsprogramm der Regierung durchgeführt, nachdem in Bonn ein Sparprogramm beschlossen worden ist. An diesem wollte man bemerkt haben, daß es die Lasten "einseitig" auf die "Arbeitnehmer" verteilt und die "Ehre" von Millionen, "die unser Land aufgebaut haben", mit Füßen tritt. Der Bonner Staat wurde allen Ernstes dazu aufgefordert, Gerechtigkeit walten zu lassen bei den grundsätzlich für notwendig erachteten Opfern, die er seinen Bürgern aufhalst; kämpferisch durften 70.000 Gewerkschafter den frommen Wunsch vortragen, der Staat solle sich bei allen Parteien der Gesellschaft gleichmäßig schad- los halten u n d sich durch seine Wirtschaftspolitik als A r b e i t g e b e r bewähren. Derselbe DGB, dem bei keiner einzigen Entlassung ein Argument, geschweige denn eine Maßnahme dagegen einfällt, hat sich beim Staat über dessen "Versäumnisse" in Sachen Schaffung von Arbeitsplätzen beschwert, seine eigene Bereitschaft zu Abstrichen bei den "Lohnkosten" betont und darauf bestanden, daß die Regierung zumindest für ein in "schweren Zei- ten" gemindertes Wohl der Arbeiter zuständig sei. Wenig später gab es auch in dieser Sache einen Erfolg zu vermelden: das Spar- programm erhielt nach kleinen Korrekturen - Mehrwertsteuer er- höht, Arbeitslose billiger gemacht - den gewerkschaftlichen Titel "Beschäftigungsprogramm". - Nachdem die Arbeitslosen, die schon dem Staat als Argument für alles und jedes, was er fordert, dienen, auch der IG Metall als Grund für ihre Minusrunde eingeleuchtet haben, durch die neuen Zumutbarkeitsbestimmungen endgültig für zu teuer erklärt worden sind, ist der "stärksten Einzelgewerkschaft der Welt" eine Demon- stration in Nürnberg als das Allernotwendigste erschienen. In der Bundesanstalt für Arbeit, wo Josef Stingl täglich die überflüssig gemachten und verarmten Lohnabhängigen nachzählt, entdeckte sie den geeigneten Adressaten für ihren Protest und in einer Kund- gebung mit Franz Steinkühler das geeignete Mittel, ihren Einsatz für die mitbestimmt Entlassenen kundzutun. - Noch konsequenter entschied sich die Textil-Abteilung des DGB. Wenn deutsche Textil-Arbeiter vom Erfolg der deutschen Textil-In- dustrie abhängen und schlecht dabei fahren, so gehört es sich für eine deutsche Gewerkschaft, gegen die ausländischen Kapitalisten und für das einheimische Geschäft zu demonstrieren - hieß der Be- schluß. Als ob deutsche Unternehmer nicht in Taiwan mit ihrer In- vestitionsbereitschaft Arbeitsplätze schaffen würden, als ob Ent- lassungen hier ein Verstoß gegen die Rentabilität wären, entblö- den sich diese bornierten Nationalisten nicht, im Namen der Opfer deutscher Arbeit ein Recht auf den weltweiten Erfolg deutschen Kapitals anzumelden. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu wei- sen, daß in künftigen Tarifrunden der "schwierigen 80er Jahre" gemeinsam mit Unternehmern und mit schwarz-rot-goldenen Fahnen nur noch gegen ausländische Konkurrenz, gegen Gastarbeiter und für Freiheit in Polen demonstriert wird. 5. "Ein Betrieb - eine Gewerkschaft" ------------------------------------ Der sprichwörtliche deutsche Fleiß, der vielgelobte soziale Friede in den Fabriken der BRD, der durch keine Leistungssteige- rung, Entlassung oder sonstige unangenehmen Begleiterscheinungen des freien Unternehmertums auch nur im geringsten gefährdet wird ", diese Grundlage deutscher Wertarbeit und ihres Siegeszuges durch die Welt hat mit einem vermeintlich deutschen Charakter nichts zu tun, und schon gar nicht mit einem guten Charakter. Die gelungene und effektive Ausbeutung in deutschen Fabriken will ge- macht und m i t g e m a c h t sein - und wer sie lobt, drückt nur seinen Gefallen daran aus, daß sich deutsche Arbeiter für gar nicht selbstverständliche Opfer immer noch und schon wieder be- reit finden. Der Betriebsfriede am Ort der Arbeit mit ihren Fol- gen für Leib und Leben ist eigentlich auch nichts Selbstverständ- liches. Für ihn muß gesorgt werden. Die ökonomischen Zwänge al- lein führen nämlich noch nicht zum unbehelligten und störungs- freien Ablauf der tagtäglichen Arbeit. Schließlich gibt es Grund zur Unzufriedenheit genug u n d damit auch für Kämpfe der Ar- beitnehmerorganisation, die einmal gebildet wurde, damit sich die Arbeiter gegen die Zumutungen der Arbeitgeber wehren können. Diese Gewerkschaft aber ist gerade der Garant des sozialen Frie- dens in deutschen Betrieben. Sie hat erklärtermaßen und rechtlich abgesichert den Arbeitskampf, das Sich-Wehren gegen die tagtägli- chen Formen der Ausbeutung, aus dem Betrieb herausgenommen. Im Betrieb werden die Interessen der Arbeitnehmer per Betriebsrat und Mitbestimmung vertreten; dieses Recht hat sich die Gewerk- schaft dadurch erworben, daß sie nicht nur sich selbst, sondern auch die Belegschaft auf den Betriebsfrieden verpflichtet. Vor Ort wird das Interesse der Arbeiter und Angestellten nach Maßgabe der Vorstellungen vertreten, die die Gewerkschaft von einer ge- rechten Arbeitswelt hegt, was eine ziemliche Härte bedeutet. Drei Wünsche hat die Gewerkschaft anzumelden für ihre ideale Be- legschaft. Alle sollten Arbeit haben, heißt der erste Wunsch, der so die Arbeits b e d i n g u n g e n zu einer zu vernachlässi- genden Größe herabsetzt. Die Arbeitsbedingungen mögen doch bitte "human" sein, der zweite, der genauso wie der erste ein Ideal an- visiert, das zur Realität der gesundheitsschädlichen Ar- beitsplätze gehört. Insofern als jeder Entlassene und jeder Ar- beitsgeschädigte ein Zeugnis dafür ist, daß die Gerechtigkeit noch nicht Einzug gehalten hat in die kapitalistischen Betriebe, hält es die Gewerkschaft für notwendig, die B e t r o f- f e n e n zu vertreten. Im Interesse der Arbeitnehmer möchte die Gewerkschaft bei allen Maßnahmen des Betriebes mitreden und mitbestimmen. Dieser dritte und höchste Wunsch der Gewerkschaft ist insofern schon in Erfüllung gegangen, als die Gewerkschaft tatsächlich rechtmäßig mitbestimmen darf: sie erkennt zwar das unternehmerische Kalkül an, aber nur, wenn die Opfer in den Genuß der Rücksicht gelangen, daß ihrer Betroffenheit das Recht auf Gehör nicht versagt wird. Das Resultat ist der bekannte Betriebsfriede und damit der reibungslose Ablauf aller Methoden der Ausbeutung im Betrieb, bei denen "im Interesse der Ar- beitnehmer" mitgeredet wird oder per Manteltarifvertrag das Recht der Arbeiter zum Zuge kommt, was aber das Gelingen der gewinn- bringenden Produktion überhaupt nicht stört und also von den Be- troffenen auch keinen Schaden abwendet. So akzeptiert und garan- tiert die Gewerkschaft die Freiheit des Kapitals, die Arbeits- kräfte lohnend anzuwenden oder auch nicht, wenn sich ihre Arbeit nicht mehr lohnt. Zur betrieblichen Praxis hat sie das gleiche Verhältnis wie zur Tarif runde: daß Unternehmen Gewinne machen und dafür kostengünstige Arbeit angeschafft werden muß, ist ihr sehr selbstverständlich. Alle unternehmerischen Prinzipien sind für sie grundsätzlich in Ordnung und damit auch die grundsätzli- chen Folgen für die vom DGB vertretenen Arbeiter und Angestell- ten. Nicht daß die Gewerkschaft nicht überall im Namen der Arbei- ter Vorbehalte anmelden würde, nur welche? Verhindert hat sie noch keine Entlassung, keine Leistungssteigerung, keine Schicht- arbeit, keinen Arbeitsplatz niedrigster Lohngruppe mit Dreckzu- lage... Sie will das auch gar nicht. Die humane Rationalisierung --------------------------- Rationalisierung ist ein gar nicht neues Mittel betrieblicher Ko- stensenkung. Für die gewinnbringende Konkurrenzfähigkeit, für niedrige Stückkosten eben, ist sie ein ewiger Schlager des Kapi- tals. Die Organisation der von der Rationalisierung Betroffenen betrachtet das sehr differenziert, also nicht einfach unter dem Gesichtspunkt, wie den Arbeitern dabei mitgespielt wird. Die IG Metall erklärt doch tatsächlich jeden Tag von neuem, das alte Verfahren sei eine wunderwerweißwas moderne Strategie des Kapi- tals, ein ganz neuer Fluch der Technik oder unternehmerischer Willkür. Nur gegen diese angeblichen Auswüchse hat sie etwas ein- zuwenden: "Rationalisierung ist während der letzten Jahre zu einer der wichtigsten unternehmerischen Strategien geworden. Sie hat tief- greifende Strukturveränderungen (!) bewirkt ... Rationalisierung sollte eine rationale, also eine vernunftgemäße (ratio = Ver- nunft, Verstand) Maßnahme sein. Und wenn sie das ist, haben wir gar nichts gegen sie einzuwenden. Man kann auch noch schlucken, daß durch bestimmte Rationalisierungsmaßnahmen Gewinne gesichert werden. Und wir begrüßen sie sogar, wenn durch sie Arbeitsplätze humaner gestaltet und gesichert werden. Wird sie dagegen vorrangig (!) eingesetzt, um Arbeitsplätze zu vernichten (indem Arbeitskraft durch Kapital ersetzt wird), wird Rationalisierung zu einer Machtfrage." (Broschüre des IGM-Vor- standes) Die Gewerkschaft hat kein Problem, e i n e Rationalisierung zu erfinden, die es gar nicht gibt. Deren Vernunft soll in der un- ternehmerischen Ideologie bestehen, Arbeitsplätze zu sichern oder gar angenehmer zu gestalten. Dafür sind den Kapitalisten auch ihre unverzichtbaren Gewinne zugestanden, solange für diesen Zweck nicht "vorrangig", sondern wohl nur zweitrangig Ar- beitsplätze vernichtet werden. Offenbar leiden die Betroffenen mehr unter "Strukturveränderungen" aus dem sprachlichen Schatz- kästlein des DGB über Fluch und Segen der Technik. Die a n d e r e Rationalisierung, also die, die täglich stattfindet, ist nämlich verwerflich vor allem wegen der Machtfrage, die sie aufwerfen soll. Das bedeutet auf keinen Fall, daß die Gewerk- schaft mit ihrer ganzen Macht gegen Rationalisierung und ihre Folgen antritt. Diesen Eindruck möchte sie um jeden Preis vermei- den: "Um von vornherein kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Wir, die IG Metall, sind nicht gegen Rationalisierungen. Wir sind nur dagegen, daß sie allein (!) auf dem Rücken der Arbeitnehmer aus- getragen wird und allein (!) den Gewinn des Unternehmens erhöht." (Soll die Lösung heißen: ein Halb auf dem Rücken der Arbeitnehmer und ein Halb Gewinn?) "Wir haben nichts dagegen, wenn unnötige Kosten eingespart werden, um die wirtschaftliche Lage des Unter- nehmens zu verbessern, es also leistungs- und wettbewerbsfähiger zu machen. Wir sind auch keine Maschinenstürmer, die den techni- schen Fortschritt aufhalten wollen. Doch fordern wir, daß der technische Fortschritt so sinnvoll gestaltet wird, daß er nicht zwangsläufig zu einem sozialen Rückschritt wird. Diese Gefahr ist ständig gegeben, solange es oberstes Unternehmensziel ist, vor allem und um jeden Preis Gewinn zu erwirtschaften." (IGM: Ratio- nalisierung im Büro) Es ist richtig, sich hier die Frage zu stellen, wofür denn die Gewerkschaft eintritt, wenn sie Rationalisierung und damit auch ihre Folgen im Grunde bejaht. Was ist denn kein "sozialer Fort- schritt" bei einer laufenden Rationalisierung? Was ist denn nicht "technisch sinnvoll", wenn Kosten gesenkt werden sollen? Soll etwa, wenn gerade nicht rationalisiert wird, alles okay sein mit und an den Arbeitsplätzen? Was soll man sich schließlich unter einem "humanen" Arbeitsplatz vorstellen? Der DGB sieht das so: "Maßstab aller wirtschaftlichen Betätigung müssen menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen sein. Deshalb kämpfen die Gewerk- schaften für eine sichere Beschäftigung, für die Erhaltung und Verbesserung der beruflichen Qualifikation, für Entfaltungsmög- lichkeiten in der Arbeit und den Schutz der Gesundheit der Ar- beitnehmer. Die technische Entwicklung und der organisatorische Wandel führen nicht zwangsläufig (!) zu humanen Arbeits- und Lebensbedingungen. Rationalisierung und Automation dürfen nicht (!) die Beschäfti- gung, die Qualifikation, die Gesundheit und das Einkommen der Ar- beitnehmer gefährden. Produktionsfortschritte, die allein (!) durch eine Intensivierung der Arbeit angestrebt werden, sind zu bekämpfen. Technische und organisatorische Neuerungen dürfen des- halb erst dann durchgeführt werden, wenn die Interessen der Ar- beitnehmer berücksichtigt und unzumutbare (!) soziale Folgen aus- geschlossen sind. Bei der Planung, Vorbereitung und Durchführung von Rationalisierungsmaßnahmen muß die Mitbestimmung der Arbeit- nehmer und ihrer Gewerkschaften gesichert sein." (Grundsatzprogramm des DGB) Ein feines Kampfprogramm! "Nicht zwangsläufig", "nicht allein" "darf nicht" Unzumutbares sein für die Arbeitnehmer. Was die Re- gel in den Fabriken ist, was die Folgen der Rationalisierung aus- macht, steht säuberlich aufgezählt da mit dem Zusatz, die Gewerk- schaft kämpfe dafür, daß die ganze Sache anders ablaufe, als sie abläuft. Das zu sagen und zu betonen, es solle eigentlich men- schlicher zugehen, ist auch schon der ganze Inhalt des gewerk- schaftlichen Kampfes gegen Rationalisierung. Er findet nicht statt. Alle "betriebsbedingten" Rationalisierungen - betriebsbe- dingt sind sie immer - und ihre Folgen erhalten ihre Zustimmung durch den Betriebsrat oder den gewerkschaftlichen Mitbestimmungs- kader, oder es ist schon in Manteltarifen geregelt, wie sie abge- wickelt gehören. Wenn die Gewerkschaft kritisch wird bei Rationa- lisierungen, hält sie sich an die Konjunktur. Manchmal ist es ihr um die Klage über den Verlust an Arbeitsplätzen überhaupt zu tun - dann spielt die "Humanität" überhaupt keine Rolle. Ein anderes Mal wird die Rationalisierung gewürdigt mit dem Hinweis, hier würden längst überfällige "menschenunwürdige" Kraft-und Drecksar- beiten beseitigt und durch moderne, saubere Technik ersetzt - also Arbeitsplätze zu Recht abgeschafft, an denen freilich die Gewerkschaft zuvor nichts auszusetzen hatte. Bisweilen läßt sich ein Arbeitervertreter auch dazu herbei, den Verlust genau dersel- ben Sorte Arbeitsplätze zu beklagen, weil ein ganzer Berufsstand "Qualifikation" und Stolz, die Einzelgewerkschaft aber ihre Mit- glieder zu verlieren droht. Am Ende erscheinen der Gewerkschaft die Arbeitsplätze am humansten, die nicht abgeschafft wurden, und die Rationalisierungen am vernünftigsten, über die sie voll in- formiert ist und bei denen sie über jeden Schritt mitbestimmen darf, soweit es das Gesetz zuläßt. Draußen wird von der Gewerk- schaft ein großes Gezeter angestimmt, welch Problem doch Entlas- sungen und Arbeitslose darstellten, daß es wirtschaftlich unver- nünftig sei, so viel Arbeitskraft brachliegen zu lassen - und welche "menschlichen Schicksale" sich dahinter verbergen, die man auch "nicht vergessen" darf. Die Politiker beeindruckt dies nicht; sie wissen, daß die Arbeitslosen zum "Preis" einer gelun- genen Wirtschaft gehören und daß die Gewerkschaft das sehr wohl versteht. Im Betrieb wird entlassen, werden Überstunden gescho- ben, wird kurzgearbeitet und versetzt, finden sich so oder so Qualifizierte an den verschiedensten Arbeitsplätzen wieder, läuft Schichtarbeit mehr denn je und was es sonst noch alles gibt an humanen Arbeitsplätzen - der Betriebsrat und die mitbestimmenden Gewerkschafter klagen erst über ein angebliches Mißmanagement der Firma, stimmen dann schweren Herzens zu, weil es ohne die Ratio- nalisierung noch schlimmer käme und sind zu höchster Freude über ihren Erfolg fähig, wenn sie einen gesetzlich vorgeschriebenen Sozialplan abgeschlossen haben. Der ist auf jeden Fall besser als keiner. So entlarvt sich die verrückte gewerkschaftliche Behauptung, Un- ternehmer würden deshalb Maschinen aufstellen und Leute entlas- sen, weil tote Geräte sich nicht so störrisch aufführen würden wie lebendige und mit Willen begabte Arbeitsmenschen, doppelt als Lüge: "Maschinen klagen nicht und fordern nicht. Der Unternehmer ver- fügt so frei über sie wie über sein Kapital. Menschen dagegen sind sehr viel schwieriger zu 'handhaben'." (Broschüre des IGM- Vorstandes) Diese Gewerkschaftsvorstände phantasieren sich lieber das Bild vom Kapitalisten zusammen, der sich mit einer widerspenstigen Be- legschaft herumschlagen muß, als daß sie auch nur zu einer einzi- gen Maßnahme nein sagen. Wenn sie mit dem sozialen Unfrieden dro- hen, dann warnen sie davor, daß unabhängig von jeder gewerk- schaftlichen Bewegung und gegen ihren Willen Unmut entstehen und sich Luft machen könnte. Und diese Warnungen verabreichen sie keineswegs als jemand, der Entlassungen, die e i n e Folge von Rationalisierungen, unterbinden will. Sie sagen sie v o r h e r: "Erst in den letzten Jahren ist so richtig deutlich geworden, daß die Rationalisierung zu einer Strategie der Arbeitsplatzvernich- tung entwickelt (?) wurde. In diesem Bereich entsteht sozialer Sprengstoff, der spätestens dann die kritische Grenze erreicht, wenn - wie namhafte Experten glaubhaft voraussagen - die 2,5 Mil- lionen-Grenze von Arbeitslosen erreicht sein wird." (Broschüre des IGM-Vorstandes) Vor Jahren war es eine Million, dann derer zwei, jetzt 2,5 Mil- lionen, die der Gewerkschaft Anlaß zu "ernster Sorge" geben. Wenn diese Grenze erreicht ist, werden die Experten und damit der DGB schon wieder neue Grenzen für die drohende "Explosion" aufgemacht haben. Diese Einheitsgewerkschaft kämpft nicht gegen Armut, son- dern malt sie beständig als eine Gefahr für die staatliche Ord- nung aus, ohne die die Welt wohl nicht in Ordnung ist. Dabei soll den Verantwortlichen die Kontrolle ausgerechnet dann entgleiten, wenn die Gewerkschaft das Zustandekommen der Opfer nicht behin- dert und das Aufmucken des "Sprengstoffs" Arbeiter nicht zuläßt, geschweige denn organisiert. Mit der vorgestellten "Explosion", die Gewerkschaftsfunktionäre bei jedem neuen und weitergehenden Anspruch an das Arbeitsvolk beschwören, bringen sie sich als die Ordnungsmacht ins Spiel, auf die es ankommt. Für gemeinschaftli- che Kontrolle der sozialen Gefahr Arbeiterklasse treten sie ein, umso mehr, je mehr Entlassungen zum selbstverständlichen betrieb- lichen Alltag werden. Eine saubere Begleitmusik zur Durchsetzung des Betriebsfriedens! Vom Recht der Arbeitnehmer - auf ihre Ausbeutung ------------------------------------------------ Die verschiedenen Methoden, die Unternehmer anwenden, damit sich die Anwendung oder auch Nicht-Anwendung der Arbeitskräfte für sie lohnt, sind der Gewerkschaft allesamt gut bekannt, genauso wie die Wirkungen, die diese Alltäglichkeiten des Arbeitslebens auf die Lohnabhängigen haben. Dies ist aber für die Arbeitnehmerver- tretung kein Grund, mit ihrer Organisation der Freiheit des Kapi- tals im Umgang mit seinem Arbeitsmaterial Riegel vorzuschieben. Der DGB steckt sich ganz andere Ziele: "Der Kündigungsschutz ist zu verbessern. Die Auflösung eines Arbeitsverhältnisses gegen den Willen des be- troffenen Arbeitnehmers und seines Betriebsrates oder Personal- rates darf nur durch ein Gerichtsurteil zulässig sein. Wer seinen Arbeitsplatz verliert, muß eine andere angemessene Arbeitsmög- lichkeit erhalten. Er hat Anspruch auf Hilfe, um sich in eine neue Tätigkeit einzuarbeiten. Alle Entscheidungen müssen gemeinsam mit den Betriebsräten, Per- sonalräten und Gewerkschaften getroffen werden. ... Die Arbeitszeit muß bei vollem Lohn- und Gehaltsausgleich weiter verkürzt werden. Ziel ist die 35-Stunden-Woche. Die Verkürzung der Arbeitszeit darf nicht zu einer höheren Belastung für den einzelnen Arbeitnehmer führen. Auch bei Schichtarbeit dürfen Ar- beitnehmer höchstens 8 Stunden täglich und 40 Stunden wöchentlich tätig sein. Die freien Tage müssen aufeinanderfolgen, möglichst viele Sonn- tage müssen arbeitsfrei bleiben. Die Bestimmungen über Sonntags- und Feiertagsarbeit sind zu verbessern. Die Möglichkeit, von Arbeitnehmern Mehrarbeit und Überstunden zu verlangen, ist einzuschränken. Entsprechend ist die Arbeitszeit- ordnung zu verändern. Mehrarbeit und Überstunden einschließlich der Zuschläge sollen verstärkt durch Freizeit ausgeglichen werden. Ein jährlicher Erholungsurlaub von mindestens 6 Wochen ist zu verwirklichen. Die Arbeitsbelastung für ältere Arbeitnehmer ist durch zusätzliche und bezahlte Freizeit zu verringern. ... Es müssen menschengerechte Arbeitsbedingungen geschaffen werden. Technologische Entwicklungen müssen sozial beherrschbar sein und der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen dienen. Durch Festlegung von Mindestarbeitsinhalten sind Monotonie und Einsei- tigkeit in den Arbeitsabläufen abzubauen." (DGB-Aktionsprogramm '79) "Verbessern" möchte der DGB einiges, anderes "dürfe (eigentlich) nicht" sein, "verwirklicht" soll manches werden, den Arbeitern sei "höchstens" soundsoviel zuzumuten... Es fällt auf, daß kein hehres Ziel ohne die unterstellte Selbstverständlichkeit des Ge- genteils verkündet wird, daß die "menschengerechten Arbeitsbedin- gungen" des DGB einen Rechtstitel darstellen, der am freien Um- gang des Kapitals mit dem Arbeiter nichts ändert. Dem verbesse- rungswürdigen Kündigungsschutz folgen Regelungen von Entlassun- gen; der angeblich angestrebten Verkürzung der Arbeitszeit Be- stimmungen über Mehrarbeit, Überstunden und Schichtarbeit; schließlich sollen Rationalisierungen dadurch den Arbeits- und Lebensbedingungen zum Wohle der Arbeitnehmer dienen, daß man an Arbeitsplätzen mit monotoner Arbeit Mindestarbeitsinhalte erfin- den will. Für den DGB sind "Aktionsprogramme" eben nicht Planung von Aktio- nen, sondern so etwas wie ein Parteiprogramm: Aufzählungen von Idealen und Demonstrationen der Güte der eigenen Politik. Kein Wunder, daß den "langfristigen", auf die ferne Zukunft gemünzten Wünschen der Gewerkschaft ein Realismus zur Seite steht, der erst einmal a l l e Formen der für den Betrieb nützlichen Arbeit als unumgänglich ansieht. Warum ist dem DGB Abschaffung von Nacht- und Schichtarbeit keine hoffnungsvolle Perspektive? Weil er sie gar nicht abschaffen will, vielmehr diese Methode zur Verlänge- rung der Arbeitszeit für eine betriebliche Notwendigkeit, für einen technischen "Sachzwang" wie den Nachtportier im Hotel hält. "Richtig ist sicher, daß Nacht- und Schichtarbeit in weiten Be- reichen der Wirtschaft und im Dienstleistungsbereich leider wohl in absehbarer Zeit nicht abgeschafft werden kann(!). Gleichwohl sollten Betriebsräte sich immer dann zur Wehr setzen, wenn Schichtarbeit lediglich" (welche Schichtarbeit gibt es denn da noch?) "ökonomisch begründet wird und möglicherweise sogar Über- kapazitäten schafft, die irgendwann wieder durch Kurzarbeitsperi- oden ausgeglichen werden müssen. Eine Verminderung der gesundheitlichen und sozialen Risiken der Schichtarbeit kann jedenfalls nicht durch realitätsferne Maßnah- menvorschläge... erreicht werden. Notwendig ist vielmehr eine praxisbezogene Diskussion (?) positiver Beispiele und Entwick- lungstendenzen." (Der Gewerkschafter 8/81) Weshalb regt sich die Gewerkschaft sehr über Leiharbeit auf - sie bezeichnet diesen Arbeitsplatzwechsel auf Zeit als das Men- schenunwürdigste (nach Arbeitslosigkeit), was jemand passieren kann -, ohne auch nur einen Finger dagegen krumm zu machen? Weil das ihrer Ansicht nach der Staat zu regeln hätte, zumal dem die Steuergelder und der Gewerkschaft ein Stück personalpolitischer Zuständigkeit verloren gehen. "Dem Verfassungsgebot der Menschenwürde zum Hohn werden nun schon jahrelang Menschen wie Gebrauchsgegenstände vermietet, ohne daß der Staat wirksame Gegenmaßnahmen unternommen hätte. Zumindest (!) die derzeitige Finanzmisere der öffentlichen Hand sollte aber Anlaß genug sein, den Gesetzgeber zu einem Verbot jeglicher Form von Fremdfirmenarbeit zu veranlassen: Nach Schätzungen gehen mehr als 10 Mrd. DM jährlich der Allgemeinheit (!) an Steuermitteln, Beiträgen zur Sozial- und Krankenversicherung etc. verloren, wäh- rend (!) zum Ausgleich der Haushaltsdefizite der öffentlichen Hände Sozialleistungen in großem Umfang abgebaut werden." (Quelle 9/81) Genauso argumentiert der Staat gegen die Schwarzarbeit, und die gewerkschaftlichen Entschuldigungen seines Umgangs mit Versiche- rungsgeldern wird er dankend zur Kenntnis nehmen! Und aus welchem Grund sind die jeweils letzten Sätze folgender Verlautbarungen aus der "Quelle" der Gewerkschaft so entscheidend? Weil dem DGB nichts wichtiger ist, als bei Kündigungen und Überstunden ein Recht auf Mitsprache zu besitzen. "In Betrieben mit Betriebsrat ist die Anordnung von Überstunden absolut mitbestimmungspflichtig. Wird die Zustimmung des Be- triebsrats nicht vorher (!) eingeholt, so ist die Anordnung rechtswidrig." - also wird sie vorher eingeholt! "Eine Kündigung ist nur dann sozial gerechtfertigt, wenn sie durch Gründe bedingt wird, die in der Person oder in dem Verhal- ten des Arbeitnehmers liegen oder dringende betriebliche Erfor- dernisse vorliegen, die einer Wiederbeschäftigung des Arbeitneh- mers entgegenstehen. Gleich welche Gründe bestehen: Eine Kündi- gung ist immer dann sozialwidrig, wenn ihr der Betriebsrat z u R e c h t f o r m- und f r i s t g e r e c h t widersprochen hat." (Quelle 9/81) Die bekannte Tatsache, daß nur sehr wenige von den wenigen, die sich den Gang zum Arbeitsgericht leisten, damit Erfolg haben und wiederbeschäftigt werden, ist ebenso im Sinne dieses Rechts, wie es bei Betriebsräten keine Ausnahme darstellt, wenn diese - was die Gewerkschaft zugibt - kaum Entlassungs- und Kündigungsfälle vor das Arbeitsgericht bringen, obwohl sie häufig die rechtlichen Möglichkeiten dazu hätten. Recht hat eben mit 'Anspruch auf Interesse' nichts gemein, und das von der Gewerkschaft für gut, wenn auch noch nicht gut genug befundene Betriebsverfassungsgesetz sowie die zwischen den Tarif- parteien ausgehandelten Manteltarifverträge sind alles andere als Mittel der Arbeitnehmer, ihr Interesse gegen die Unternehmer durchzusetzen. Mit den geltenden Vereinbarungen ist die Austra- gung des Interessengegensatzes zwischen Kapital und Arbeit auf Seiten der Arbeiter passé. Die Gewerkschaften verzichten darauf, sich im Betrieb gegen die verschiedenen Methoden der Ausbeutung zu wehren. Der Gegenseite billigen sie alle "Betriebsnotwen- digkeiten" zu, wenn sie sich nur an die Rechte der Arbeitnehmer hält, die ihrerseits das Recht haben, den geltenden Pflichten nachzukommen. Und diese beiderseitige Verpflichtung, wie und unter welchen Bedingungen der Gegensatz geregelt gehört, bedeutet für die beiden Interessenten einen ziemlichen Unterschied. Während die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften im Betrieb keinen Kampf mehr führen dürfen - er wäre ungesetzlich und ein Bruch der Tarifvereinbarungen -, ist dem Kapital seine Freiheit des Umgangs mit dem Arbeitsmaterial gemäß unternehmerischer Kalkulation zum Recht erklärt. Man nehme nur den Fall der Stille- gung eines Werkes in Ulm: Die Entlassungen der gesamten Beleg- schaft sind, sofern das Unternehmen sich an die Vorschriften der Abwicklung hält, rechtlich in Ordnung. Der Streik der Arbeiter dagegen ist im Sinne des Gesetzes ein "wilder Streik", auch in den Augen der Gewerkschaft. Im besagten Fall aber hielt sie es für opportun, sich moralisch auf die Seite der Streikenden zu stellen, aber nur um zu erklären, nichts für sie tun zu k ö n n e n: "1700 Menschen sehen nicht tatenlos dem heimtückischen (!) Mord an ihren Arbeitsplätzen zu. Die IG Metall hat dafür vollstes Ver- ständnis. Sie würde sich gerne an die Spitze des Kampfes stellen. Aber aus rechtlichen Gründen kann sie das nicht." (Flugblatt der IG Metall) Diese Arbeiterorganisation beruft sich nur zu gerne auf die rechtlichen Verpflichtungen, die sie selbst so machtvoll einge- gangen ist. Mit einem Schutz der ihr Anbefohlenen will sie ihre Rechte auf keinen Fall verwechseln lassen. Ihr schärfstes Kampf- mittel erblickt sie in der öffentlichen Beschwörung der wirt- schaftlichen Vernunft. Die Interessenvertretung der Arbeitnehmer leistet sich die Ungeheuerlichkeit, nur d i e s e Entlassungen für verwerflich zu halten - "Videocolor ist wirtschaftlich gesund, d e s h a l b gilt für die Kolleginnen und Kollegen: Schulter an Schulter für den Er- halt." -, und dann zu Spenden "Solidarität für Videocolor" aufzurufen. Statt des Einsatzes der gewerkschaftlichen Streikkasse pflegt man wieder einmal das gemeinschaftliche Opfer für einen sicheren Mißerfolg. Mit der Verbannung des Arbeitskampfs aus dem Betrieb darf sich das Kapital in den Fabriken recht freizügig aufführen. Sämtliche "Mindestbedingungen" im Manteltarifvertrag, die nach Ideologie der Gewerkschaft den Arbeitnehmern "Absicherungen" oder sogar "Verbesserungen" von Bezahlung und Arbeitsbedingungen bringen sollen, kann das Kapital ganz legal benützen u n d außer Kraft setzen. Die Besitzer der Produktionsmittel rationalisieren und verändern die Arbeitsplätze, schaffen also ständig neue Bedingun- gen, so daß die IG Metall zu folgendem schönen Eingeständnis kommt, welch großartigen Schutz sie doch mit ihren Manteltarif- verträgen "erkämpft" hat: "Ein mittelfristiger tarifpolitischer Aufgabenschwerpunkt liegt im Bereich der Qualifikationen und ihrer differenzierten Abgel- tung im Tarifvertrag. Die Tarifbestimmungen zur Entgeltdifferen- zierung werden durch die Veränderungen in Technik, Fertigungsver- fahren und Arbeitsorganisation zunehmend ausgehöhlt. Vor dem Hin- tergrund krisenhafter wirtschaftlicher Entwicklungen und ver- stärkten Rationalisierungsdrucks (?) bietet die der heutigen Ent- geltdifferenzierung zugrundeliegende Methode der Arbeitsbewer- tung, insbesondere die analytische Arbeitsbewertung, keine aus- reichende Möglichkeit, der Gefahr von Einkommenseinbußen, Entqua- lifizierungen und sozialem Abstieg zu begegnen. Sie bietet den Unternehmern zu viele Ansatzpunkte, den sozialen Status zu min- dern. Die heutigen Bestimmungen zur Entgeltdifferenzierung sind ein Anreiz, systematisch Qualifikationen im Betrieb zu entwerten. Sie erschweren die gewerkschaftliche Politik der Qualifikations- sicherungen und der menschengerechten Gestaltung der Arbeit." (Strategiepapier der IG Metall) (Das sagt die IG Metall über ihre "erfolgreichen" Manteltarifverträge!) Das heißt nun aber keineswegs, daß man in Gewerkschaftskreisen zugibt, daß alle Manteltarifverträge und ihre bis ins kleinste gehenden Bestimmungen nie und nimmer für die Arbeitnehmer etwas absichern. Die Gewerkschaft kündigt ihre langfristige mittelfri- stige Politik an, in jahrelangen Verhandlungen neue Manteltarif- verträge abzuschließen. So wird der Stand betrieblicher Ausbeu- tung immer ein paar Jahre später mit dem Siegel der Gerechtigkeit versehen. Die Arbeiter behalten weiter ihr Recht auf nützliche Arbeit und die Gewerkschaften bleiben dem Prinzip ihrer Politik treu, im Betrieb den Arbeitern Rechte und Pflichten zu verpassen und sich selbst das Recht auf Mitsprache zu gönnen. Das Wie und Was der Regelungen im MTV hat nämlich dem Inhalt nach den "Arbeitsplatzbesitzern" folgende Härtefälle zu bieten. 1. Mehrarbeit, Überstunden, Kurzarbeit Wo Unternehmer aus Gründen des aktuellen oder erwarteten Absatzes die Produktion drosseln, greifen sie zu dem Mittel der Kurzar- beit, sofern sie damit rechnen, daß sich die volle Anwendung der zeitweilig Kurz-Beschäftigten auch wieder lohnen wird. Sie sparen Lohnkosten ein, ohne zu Entlassungen überzugehen (andererseits schließt sich beides nicht aus), weil die Arbeitskräfte nicht als gänzlich nutzlos, also überflüssig angesehen werden für die ge- winnbringende Produktion. Das Recht dazu haben die Betriebe von der Gewerkschaft zugesprochen bekommen. "Wenn es die betrieblichen Verhältnisse erfordern, kann nach Ver- einbarung mit dem Betriebsrat für den Betrieb, für Betriebsabtei- lungen oder Gruppen von Beschäftigten Kurzarbeit nach einer An- kündigungsfrist von 1 Monat (30 Kalendertage), ohne daß es einer Kündigung des Arbeitsverhältnisses bedarf, eingeführt werden. Eine hiervon abweichende Frist kann bei Vorliegen wichtiger Gründe mit Zustimmung der Tarifvertragsparteien festgelegt wer- den. Die Tarifvertragsparteien haben sich mit solchen Anträgen sofort zu befassen." (MTV IG Metall Bayern, § 3) So der Betrieb will - was dasselbe ist wie "wenn es die betrieb- lichen Verhältnisse erfordern" -, geht diese Form zeitweiliger Lohnersparnis in Ordnung. Der Rechtsanspruch der Arbeitnehmer auf ihren Lohnverlust besteht darin, daß die Kurzarbeit fristgerecht angekündigt wird (es sei denn, es liegen betriebliche Gründe vor, sich nicht an die Frist halten zu müssen) und ihr Betriebsrat da- bei mitsprechen darf. In der Regel pflegen Betriebsräte die mit ihrer Mitwirkung angeordnete Kurzarbeit damit zu legitimieren, daß so Entlassungen umgangen würden. Ein ziemlich dummes Argu- ment, denn warum sollte Kurzarbeit dadurch etwas Gutes werden, daß man sie mit Entlassungen vergleicht; außerdem schützt sie nicht vor Entlassungen, aber als Argument für das Verhalten des Betriebsrats taugt diese Lüge allemal. Genauso wie die umgekehrte eines Betriebsrates bei Opel: "Die große Abfindungsaktion" (meint: 4.000 Entlassungen) "damals war richtig. Möglicherweise haben wir damit eine der Vorausset- zungen für den Aufschwung" (meint: Sonderschichten) "geschaffen!" (Opel-Betriebsratschef Rudolf Hahn) Schließlich hat die Interessenvertretung der Arbeitnehmer im Be- trieb seine und der Arbeitnehmer Rechte voll und ganz wahrgenom- men. Es kann aber auch sein, daß sich ein Betriebsrat dann zu ei- ner Kritik von Kurzarbeit aufschwingt, wenn es bald zu Überstun- den kommt. Ohne Kurzarbeit wären die nicht nötig gewesen, lautet der eigenartige Vorwurf gegen ein angebliches Fehlverhalten der Firma. Oder er empört sich auf einer Betriebsversammlung über das "Wechselbad" von Kurzarbeit und Überstunden und will damit eine chaotische Geschäftsführung anklagen. Denn so ein Betriebsrat kennt sich aus in der Beurteilung von Überstunden und sonstiger Mehrarbeit. Die Rechte, die die Arbeitnehmer dabei haben, stehen ganz genau im Manteltarifvertrag. "1. Mehrarbeit Zuschlagspflichtige Mehrarbeit ist die über 40 Stunden in der Wo- che hinausgehende Arbeitszeit, soweit die Mehrarbeit nicht nach den Bestimmungen der AZO zuschlagsfrei ist... 2. Sonn- und Feiertagsarbeit Sonn- und Feiertagsarbeit ist jede an Sonntagen und gesetzlichen Feiertagen in der Zeit zwischen 0 und 24 Uhr geleistete Arbeit... 3. Nachtarbeit Nachtarbeit ist die in der Zeit zwischen 20 und 6 Uhr geleistete Arbeit." (ebenda, § 4) Von wegen 40-Stunden-Woche, auf welchen Kampf erfolg der Vergan- genheit die Gewerkschaft so stolz ist! Der Betrieb hat gemäß Ver- einbarung mit dem DGB alle Möglichkeiten, den N o r m a l a r b e i t s t a g nach seinem Gutdünken zu über- schreiten. Ihm ist nur auferlegt, die vorgeschriebenen Zuschläge zu zahlen und den Betriebsrat nicht zu übergehen. "1. Mehrarbeit, Sonn- und Feiertagsarbeit sowie Nach- und Nacht- schichtarbeit kann nach Vereinbarung mit dem Betriebsrat unter Beachtung der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzvorschriften einge- führt werden. Kommt eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat nicht zustande, so kann nach den Bestimmungen des § 29 Abschn. D (Schlichtungsstelle) verfahren werden. Wenn es die wirtschaftli- chen Belange des Betriebes erfordern oder wenn infolge Betriebs- störung ein unterbrochener Arbeitsprozeß nicht mehr weitergeführt werden kann oder in sonstigen außergewöhnlichen Fällen sind, falls eine Vereinbarung nicht zustande kommt, Überstunden bis zur Entscheidung der Schlichtungsstelle zu leisten. 2. Ist in unvorhergesehenen Fällen die Vereinbarung mit dem Be- triebsrat nicht mehr möglich, so ist dieser nachträglich unver- züglich zu verständigen." (ebenda, § 5) Wo ist eigentlich die früher einmal erkämpfte Begrenzung des Ar- beitstages geblieben? Das Kapital kann über seine Arbeitskräfte verfügen, so lange und wo es will. Selbst auf die Vereinbarung mit dem Betriebsrat, die mit diesem immer zustande kommt, ist es nicht unbedingt angewiesen. Und da, wo ihm die Zuschläge für Überstunden zu teuer kommen und die Maschinen rund um die Uhr produzieren sollen, gibt es Schichtarbeit. Natürlich auch Sonder- schichten, wenn die betrieblichen Belange es erfordern... 2. Lohnformen, Normalleistung, Lohngruppen, Arbeitsplatzbewertung Die Gewerkschaft versteht es blendend, von Humanisierung der Ar- beit zu reden, die schlimmen Folgen betrieblicher Praktiken für die Arbeiter und Angestellten zu beklagen. Sie deckt schonungslos die Hetze an Akkordarbeitsplätzen, die gesundheitsschädigenden Wirkungen der Schichtarbeit und ihrer Wechsel per Befragung auf; den Takt der Fließbänder hält sie für unmenschlich, weil sich an ihnen nur entscheidet, wie lange es Arbeiter - nicht von ungefähr vor allem Ausländer - an ihnen aushalten, und die Berufskrankhei- ten besonders giftiger Arbeitsplätze malt manches Gewerkschafts- blatt aus. Das alles beißt sich im DGB offensichtlich nicht mit der festgeschriebenen Akzeptierung all dieser Formen kapitalisti- scher Ausbeutung als betrieblichen Notwendigkeiten oder als Din- gen, die nun einmal zum Arbeitsleben dazugehören. In Manteltarif- verträgen werden all die wegen ihrer Wirkungen auf die Arbeiter beklagten Zustände im Betrieb und an den Arbeitsplätzen als Fak- tum definiert, alle ohne Ausnahme: "Die Arbeit wird einzeln oder in Gruppen ausgeführt. Sie wird in Zeit-, Akkord- oder Prämienlohn vergeben. Die Einführung dieser Entlohnungsarten und die damit verbundene Festlegung des Gel- tungsbereichs ist mit dem Betriebsrat zu vereinbaren... Zeitlohnarbeit ist solche Arbeit, bei welcher die zur Ausführung der Arbeit notwendige Zeit wegen der Art der Arbeit vorher nicht festgelegt worden ist. Akkordarbeit ist solche Arbeit, bei der die zur Ausführung der Arbeit notwendige Zeit vorher direkt oder indirekt festgelegt wird. Prämienlohnarbeit ist solche Arbeit, bei der vorher für einen bestimmten Arbeitserfolg (Güte, Materialeinsparung u.a.) eine Betriebsvereinbarung getroffen wird. Mehrmaschinenarbeit (Mehrstellenarbeit) liegt dann vor, wenn ein Arbeitnehmer an mehreren Maschinen (Arbeitsstellen) zur Erfüllung von Arbeitsaufträgen tätig ist. Fließarbeit ist solche Arbeit, bei der ein zeitlich bestimmtes Fortbewegen und ein stetiger Arbeitsfortschritt der zu bearbei- tenden Arbeiten, Mengen oder Stücke von Hand, durch Fließband oder auf einem Taktband erfolgt. Gruppenarbeit ist solche Arbeit, die wegen ihrer Arbeitsaufgabe und ihres Arbeitsablaufs oder aus Sicherheitsgründen nicht von einem Arbeitnehmer allein bewältigt werden kann." (ebenda, § 14) Als handle es sich bei einem kapitalistischen Betrieb einfach um eine ganz natürliche Produktionstechnik, die eine bestimmte Art der Arbeit und ihrer Bezahlung bedinge - und nicht um eine Pro- duktionsweise, mittels der die eine Seite Gewinn erzielt, während dafür die andere lebenslang für Lohn arbeiten muß -, werden alle Lohnformen, eben mit der Lüge des technischen Erfordernisses, mit dem Mantel der Rechtfertigung versehen. Für den DGB ist der alte Spruch "Akkord ist Mord" längst überholt; "Akkord ist tarifver- traglich geregelt" heißt die Devise, und die unübersehbaren Wir- kungen, die der Akkord allenthalben zeitigt, schreibt ein gewerk- schaftlich orientierter Arbeitsrechtler lässig der "Tatsache" zu, daß es an tarifvertraglichen Vereinbarungen doch noch hie und da fehle. Selbst Arbeitsplätze, die sich in besonderem Maße durch Schädigung der Gesundheit auszeichnen, sind der Gewerkschaft of- fensichtlich eine ökonomische Notwendigkeit und dem Arbeiter auf jeden Fall zumutbar, hat die Arbeitnehmervertretung doch für das schnelle Fortschreiten von Krankheiten ein kleines Aufgeld ausge- handelt und abgesichert. Und da heißt es immer, die unmenschli- chen Zustände kapitalistischer Ausbeutung seien mit dem 19. Jahr- hundert beendet, und heute lasse sich keiner mehr seine Gesund- heit für ein paar Pfennige abkaufen: "Alle unmittelbar in Schmieden beschäftigten Arbeitnehmer erhal- ten für den durch diese Tätigkeit entstehenden Mehraufwand eine nicht akkordfähige Entschädigung (Aufwandsentschädigung) in Höhe von 20 Dpf. je Arbeitsstunde. Das gleiche gilt für solche Arbeit- nehmer, die unter erheblicher Einwirkung von Rauch, Ruß, Staub, Hitze, Säuredämpfen oder giftigen Stoffen zu arbeiten haben, wie dies beispielsweise bei Arbeiten mit Blei und Zink, beim Kessel- reinigen, Sandstrahlen, Spritzlackieren, Schweißen, Beizen, Gal- vanisieren und ähnlichen Arbeiten auftreten kann. Ferner gilt dies für solche Arbeitnehmer, die unter hoher Lärmbelästigung in besonderem Maße tätig sind. Die Zulage für Lärmbelästigung ist, wenn aus anderen Gründen be- reits Anspruch auf eine Entschädigung besteht, in jedem Fall noch zusätzlich zu gewähren. Arbeitnehmer, die überwiegend bei einer Temperatur von über 35 °C arbeiten, erhalten an Stelle der in Satz 1 genannten Zulage eine solche in Höhe von 40 Dpf je Arbeitsstunde. Soweit die Tätigkeit von Transportarbeitern mit einer besonderen Verantwortung verbun- den ist, erhalten diese einen Lohnzuschlag von 25 Dpf je Arbeits- stunde. Das letztere gilt auch für Reparaturarbeiten, deren Ver- richtung mit besonderen Gefahren verbunden ist." (ebenda, § 15) Die schönen Rechte der Arbeitnehmer sind ein einziger Katalog der lohnenden Anwendung der Arbeitskraft, wie sie gang und gäbe ist mit ihren sicheren Folgen für die Lohnabhängigen. Heute ist also tatsächlich Schluß mit der "Unternehmerwillkür" von einst - weil jede Sorte von Gesundheitsschädigung gemessen und als Recht ver- brieft ist, mit Kostenangabe. Nur noch zynisch klingt unter die- sen Voraussetzungen manteltariflicher Billigung aller Produkti- onsmethoden der Unternehmer die gewerkschaftliche Definition von N o r m a l leistung. "Normalleistung ist diejenige Leistung, die von ausreichend ge- eigneten Arbeitnehmern bei voller Übung und ausreichender Einar- beitung ohne Gesundheitsschädigung auf die Dauer erreicht und er- wartet werden kann." (ebenda, § 19) Tatsächlich für normal hält der DGB das in den Betrieben prakti- zierte System von Lohn und Leistung, die Hierarchie der Lohnar- beit, wie sie von niedrig bewerteten Arbeitsplätzen und deren schlechter Bezahlung bis zu höher bewerteten Arbeiten mit ver- gleichsweise besserem Lohn reicht. Wo das Kapital unterschiedli- che Tätigkeiten nach dem Wert der Leistung für das Geschäft un- terschiedlich bezahlt, also nach dem Kriterium der Billigkeit: gezahlt wird, was sich lohnt und zu zahlen ist, um die entspre- chenden Arbeitskräfte und ihre Leistung zu bekommen. Wo sich die Unternehmer von bestimmten Berufsqualifikationen derart emanzi- piert haben, daß mit ihnen kein Anspruch zu erheben ist, vielmehr im Betrieb die Hierarchie der Lohnarbeiten entschieden wird und an den verschiedenen Arbeitsplätzen ihre Ausfüllung gemäß den An- forderungen die tatsächlich geltende Qualifikation ist, hält die Gewerkschaft noch an dem Ideal einer Zuordnung bestimmter Berufs- abschlüsse zu bestimmten Arbeitsplätzen fest. Was sie aber nicht daran hindert, der darüber erhabenen Bezahlung der Lohnabhängigen durch die Unternehmer ihr Placet zu geben. Im Grunde hat der DGB trotz aller Nörgelei über die soziale Minderbemitteltheit der un- teren Lohngruppen nichts gegen das Prinzip der Skala von Lohn- gruppe l bis 10. Sie legt dieselbe in ihren Manteltarif nieder, weil es ihr selbstverständlich ist, daß je nach Arbeitsplatz Leute weniger "leisten" und deshalb auch weniger verdienen als andere. Denn sie hält die Konkurrenz per Leistungsvergleich für eine gerechte Sache und wehrt sich deshalb gegen den Vorwurf der Unternehmer, "Strukturverbesserungen" für die unteren Lohngruppen (in Tarifverhandlungen auch "soziale Komponente" genannt) würden zu einer Nivellierung der Leistungsunterschiede führen. Das will sie keineswegs. Im Gegenteil hat sie sich Kriterien ausgedacht und manteltariflich zusammen mit den Arbeitgebern fixiert, die den unterschiedlichen Lohngruppen und Arbeitsplatzbewertungen den Schein größter Objektivität verleihen sollen. Nicht die Abschaf- fung unterer Lohngruppen, in denen Arbeiter und Angestellte von ihrer Drecks- und Tipp-arbeit kaum leben können, oder die Durch- setzung von Löhnen für sie, die sie brauchen (ohne dabei von den oberen Lohngruppen etwas wegzunehmen), sondern die rechtliche Be- stätigung dafür, daß die Unteren tatsächlich und gerechterweise weniger verdienen, hat sich die Gewerkschaft zu ihrem Anliegen gemacht. Je höher die Lohngruppe, desto höher muß ja wohl die Qualifikation dieses Arbeitnehmers sein, entscheidet die Gewerk- schaft, gesteht aber gleichzeitig zu, daß dies kaum das entschei- dende Argument des Unternehmers sein kann, der ja kein Problem hat, einen Facharbeiter an einem Arbeitsplatz mit Lohngruppe 6 oder noch darunter einzusetzen. Auf Grundlage existierender Lohn- unterschiede an unterschiedlichen Arbeitsplätzen erfindet der DGB das Unterscheidungsmerkmal "Belastung" und bestimmt es so: "Unter Belastung im Sinne der Belastungsstufen I und II sind sowohl Belastungen der Muskeln als auch der Sinne und Nerven zu verstehen. Die Belastung der Muskeln wird bestimmt durch den bei der Arbeitsausführung erforderlichen dynamischen oder statischen - auch einseitigen - Kraftaufwand. Die Belastung der Sinne und Nerven wird bestimmt durch die bei der Arbeitsausführung erforderliche Anspannung, wie sie beim Wahrnehmen, Beobachten, Nachdenken und Reagieren auftritt. Dar- über hinaus sind bei beiden Merkmalen die Belastungsdauer, ihre zeitliche Verteilung während der Arbeitsschicht und die Organisa- tion des Arbeitsablaufes (eigen- oder fremdbestimmt) maßgebend." (ebenda, § 15) Man merkt, daß vom Inhalt der Tätigkeiten nicht die Rede ist. Über das Kriterium Belastung gelten alle Arbeiten erst einmal als gleiche, als Verausgabung oder Beanspruchung von Sinn, Muskel, Nerv, um dann einen Unterschied im Belastungsgrad aufzumachen, der so tut, als ginge es um die Bewertung einer konkreten L e i s t u n g, welche die gewerkschaftlichen Gerechtigkeits- fachleute von Belastung sehr wohl unterscheiden können, an einem bestimmten Arbeitsplatz. Daß es sich in Wirklichkeit um die Sub- sumtion verschiedenster Arbeitsplätze unter ein und denselben Maßstab handelt, ist ersichtlich an der Masse von Tarifbeispie- len, die niedergeschrieben sind. Da kommt es zu Beispielen sol- cher Art: Montage von Sandwich-Toaster am Fließband Tarifbeispiel Nr. 15 1. Stufe [x] 2. Stufe [ ] Werkstück Sandwich-Toaster 35 x 25 x 15 cm, 2,0 kp (kg) Betriebsmittel Luftschrauber, Handschrauber, Elektroschrauber, Schränkeisen, Flachzange. Arbeitsplatz Arbeitsplatz am Fließband in einer 15 000 m² großen, hellen, heizbaren Halle Arbeitsvorgang und Arbeitsablauf Am Fließband sitzer 15 Arbeitnehmer. Vormontiertes Teil vom Band herausziehen, Lüsterklemme mit Iso- lierplatte und 1 Schraube mit Elektroschrauber montieren. Gehäuse links und 2 Linsenblechscharuben mit Elektroschrauber montieren, Gehäuse rechts in Vorrichtung legen und 2 Glimmleuchtlitzen mit Drücker stecken. Klemmwinkel mit einer Schraube und Zahnscheibe montieren. 4 Schrauben von Lüsterklemme mit Elektroschrauber lösen. 1 Gummitülle in Gehäuse rechts einführen. Montiertes Teil auf Band zurückschieben. Ausbringung je Stunde etwa 35 Stück Bewertungsbegrüdung Tarifbeispiel Nr. 15 1. Muskelbeanspruchung 1.1 Gewicht/Widerstand Bewegtes gewicht in kp (kg) [ ] Entfernung in Meter etwa [ ] Höhe in Meter [ ] Häufigkeit pro Schicht [ ] und/oder Widerstand in kp (kg) [0,600] Zeitdauer in Minuten etwa [0,10 ] Häufigkeit pro Schicht etwa [560 ] 1.2 Körperhaltung Sitzen Stehen Gehen Zwangshaltung [ ] [ ] [ ] keine Zwangshaltung [x] [ ] [ ] 1.3 Muskelgruppe arbeitsbedingt vorwiegend beansprucht Beine Rumpf Arme Finger dynamisch [ ] [ ] [x] [ ] statisch [ ] [ ] [ ] [ ] 2. Sinnen und Nerenbeanspruchung arbeitsbedingt vorwiegend durch Wahrnehmen Beobachten Nachdenken Reagieren [x] [ ] [ ] [ ] 3. Organisation des Arbeitsablaufs eigenbestimmt fremdbestimmt [ ] [x] 4. Für die Zuordnung des Beispiels in Belastungsstufe I sind aus- schlaggebend Muskelbeanspruchung: Sitzende, ungezwungene Körperhaltung. Dynamische Beanspruchung der Arme. Sinnes- und Nervenbeanspruchung: Trotz fremdbestimmter Organisation des Arbeitsablaufs noch nicht für Stufe II ausreichend. Auspacken von Paketen und Mengenkontrolle des Inhalts Tarifbeispiel Nr. 21 1. Stufe [ ] 2. Stufe [x] Werkstück Pakete unterschiedlicher Größer und Verpackungsart von etwa 1 bis 25 kp (kg) Gewicht Betriebsmittel Packtisch, Zählwaage, Blechschere, Zange, Mauer, Schere. Arbeitsplatz Einzelarbeitsplatz mit zusätzlicher Beleuchtung in einem 250 m² großen, hellen, heizbaren, belüftbaren Raum, in dem neben dem Wa- reneingang auch die Eingangsrevision untergebracht ist. Arbeitsverrichtung im Stehen und im Gehen. Arbeitsvorgang und Arbeitsablauf Pakete werden bereitgestellt. Pakete auf den Packtisch stellen, öffnen, sodann Inhalt heraus- nehmen. Gelieferte Menge durch Zahlen oder Wiegen feststellen. Etwaige Differenzen auf dem Lieferschein eintragen. Inhalt in Karton zurücklegen und abstellen für Abtransport zur Eingangsre- vision. Ausbringung je Stunde etwa 10 bis 25 Stück (Pakete) Bewertungsbegrüdung Tarifbeispiel Nr. 21 1. Muskelbeanspruchung 1.1 Gewicht/Widerstand Bewegtes gewicht in kp (kg) [1,000-25,000] Entfernung in Meter etwa [1,00-2,00 ] Höhe in Meter [0,80 ] Häufigkeit pro Schicht [160-400 ] und/oder Widerstand in kp (kg) [ ] Zeitdauer in Minuten etwa [ ] Häufigkeit pro Schicht etwa [ ] 1.2 Körperhaltung Sitzen Stehen Gehen Zwangshaltung [ ] [ ] [ ] keine Zwangshaltung [ ] [x] [x] 1.3 Muskelgruppe arbeitsbedingt vorwiegend beansprucht Beine Rumpf Arme Finger dynamisch [x] [x] [x] [ ] statisch [ ] [ ] [ ] [ ] 2. Sinnen und Nerenbeanspruchung arbeitsbedingt vorwiegend durch Wahrnehmen Beobachten Nachdenken Reagieren [x] [ ] [ ] [ ] 3. Organisation des Arbeitsablaufs eigenbestimmt fremdbestimmt [x] [ ] 4. Für die Zuordnung des Beispiels in Belastungsstufe I sind aus- schlaggebend Muskelbeanspruchung: Stehen und Gehen. Dynamische Beanspruchung beim Bewegen der Pa- kete (bis 25 kp/kg, bis 400x je Schicht). (Manteltarifvertrag für die gewerkschaftlichen Arbeitnehmer der bayerischen Metallindustrie, Anhang 5) Das verrückte Ergebnis, die Montage von Sandwich-Toastern am Fließband erhält die Wertung Stufe I der Belastung, Auspacken von Paketen und Mengenkontrolle des Inhalts die Wertung Stufe II der Belastung, zeigt nicht den Leistungsunterschied der Tätigkeiten, sondern was sich die Gewerkschaft da leistet. Wo der Betrieb nach seinem Nützlichkeitskriterium den Arbeitsplatz bewertet und be- zahlt und durch Messung von Bewegungen wie Sitzen, Gehen, stati- sche bzw. dynamische Muskelbeanspruchung und Reduzierung auf ge- ringste Dauer bei Einsparung jeder überflüssigen Zeit und jeden verschwendeten Meter Raumes die produktivste Nutzung des Arbeits- platzes erreichen will, geht die Gewerkschaft her und drückt dem einseitigen I n t e r e s s e des Kapitals an kostengünstiger Produktivität den Stempel der O b j e k t i v i t ä t auf: der eine oder andere Arbeitsplatz verlange genau diese oder jene Be- zahlung! Die Ideologie des Leistungslohns, nach der jeder gemäß seiner Leistung gezahlt werde, wird zum Recht in Manteltarifver- trägen, und die Gewerkschaft bestätigt so mit diesen Vereinbarun- gen, daß alle Löhne gerecht sind, jeder tatsächlich verdient, was er verdient, wenn die Arbeitsplatzbewertung korrekt, also gemäß Manteltarifvertrag vorgenommen wurde. Wenn Unternehmer "Arbeits- plätze schaffen", an denen die Arbeiter dazu verurteilt sind, sich als Anhängsel der Maschine, als Vollzugspersonal eines ebenso anstrengenden wie einförmigen Betriebsablaufs zu bewähren, entdeckt die Gewerkschaft mit den Arbeitswissenschaftlern von den Universitäten lässig "Qualifikationen"; so als ob der "Arbeits- platz" den Fertigkeiten seines "Besitzers" e n t s p r e- c h e n würde, definiert sie kleinlichst das, was einer "kann" - u n d den dazu passenden Lohn. Die Kapitalseite kann ihrer Kalkulation nachgehen und alle Methoden der Produktivitäts- steigerung verfolgen. Veränderungen der Arbeitsplätze und der Organisation der Produktion sind ja gerechtfertigte betriebs- bedingte Notwendigkeiten. Nach ein wenig Streit zwischen Unter- nehmer und Betriebsrat wird sich das neue Tarifbeispiel schon finden lassen, ohne daß der Fluß der Arbeit unterbrochen zu wer- den braucht. Das freie Unternehmertum hat bis in die letzten Ec- ken seiner schöpferischen und effektiven Benutzung der Arbeits- kraft von der Arbeiterklasse in Gestalt der Gewerkschaft seinen Segen bekommen. Und die Gewerkschaft ist stolz darauf, im Recht zu sein, so viel Rechte zu besitzen, von nichts ausgeschlossen zu sein. Insofern betreibt der DGB schon an der Quelle des Reichtums der Nation, in den Fabriken, "Gesellschaftspolitik" und befördert in jeder Hinsicht den Nutzen der Arbeit für die BRD. Was die Ar- beiter davon haben, mag noch einmal ein Wort Eugen Loderers zum 90. Geburtstag der IG Metall belegen: "Starke Gewerkschaften haben als soziale Gegenmacht in unserer Ordnung Gesellschaftspolitik verwirklicht. ... Die IG Metall hat Gesellschaftspolitik nie als bloße" (das "bloß" zeigt, wie sehr es dem DGB auf solchen Schutz ankommt: gibt es denn diesen Schutz?) "Schutzfunktion vor den Wechselfällen des Lebens, wie Invalidität, Krankheit, Unfall oder Alter, betrachtet. Gesell- schaftspolitik hat für die IG Metall auch eine Gestaltungsfunk- tion, um humanere Arbeits- und Lebensbedingungen durchzusetzen." Deswegen gibt es wohl nicht nur Arbeitsplätze, an denen sich Leute ihr Leben lang verschleißen u n d aufgrund der mantelta- riflichen Skala, also ganz gerecht, in einer unteren Lohngruppe landen; sondern auch ganze, gewerkschaftlich aufgemachte, Stati- stiken über das - immer "noch" - vorhandene Ausmaß von Invalidi- tät und Krankheit, an dem "die Gesellschaft" leidet, weil die Ge- schädigten auch noch so teuer sind! Kapitel III ----------- Die "soziale Gegenmacht" - Wirtschafts- und Sozialpolitik des DGB ----------------------------------------------------------------- Jeder Tarifabschluß ist heute ein gewerkschaftlicher E r f o l g. Zwar gesteht die Gewerkschaft freimütig zu, daß sie einen Reallohnabbau abgeschlossen hat, aber ein erster Schritt ist getan, um das Beschäftigungsproblem zu lösen, die Wirt- schaftskrise zu überwinden und die Staatsverschuldung abzubauen - bei letzterem fallen der Arbeiterorganisation regelmäßig die Ar- beitslosen ein, deren Anspruch auf die von ihnen gezahlte Ar- beitslosenversicherung dem Staat Unsummen koste. Dem Lohn und dem Arbeiter, der von ihm leben muß, bekommt es freilich nicht gut, das billig gemachte Mittel zu sein, dessen sich Kapital und Staat für ihre Zwecke freigiebig bedienen. Für die Gewerkschaft jedoch geht das in Ordnung. Jede Steuererhöhung, Rationalisierungsmaß- nahme und Entlassung gilt ihr als Beweis der Probleme, die "Wirtschaft", Staat und "Gesellschaft" aus "schwierigen Zeiten" entstehen, und kann mit gewerkschaftlichem Verständnis rechnen. Umgekehrt läßt keine Tarifkommission das Argument gelten. Die Ar- beiter bei den Lohnverhandlungen für die staatlichen und unter- nehmerischen Ansprüche zu entschädigen, die sie im Namen "schwerer Zeiten" auszubaden haben, hält man für unmöglich. Das hieße ja einmal ernsthaft hochrechnen, wieviel die Mitglieder über Inflation, erhöhte Steuerabzüge usw. ärmer geworden sind, die stattgefundenen Leistungssteigerungen berücksichtigen, auf das Ganze noch etwas draufschlagen, weil's bisher schon nichts Rechtes war - und das als Forderung durchzusetzen! "Schwierige Zeiten" haben für die Gewerkschaft eben keine Urheber - Staat und Kapital sind vielmehr die eigentlich Notleidenden ", und ihnen zuliebe haben die für das Wohl der Nation verantwortlichen Ar- beitsbürger ihre Opfer zu bringen. In deren Namen betreibt der DGB "Tarifpolitik mit Augenmaß", preist seinen Mitgliedern die neueste Lohnsenkung als "vertretbaren Kompromiß in schwieriger Zeit" an und beschämt die Männer der Wirtschaft und die Politiker gleichermaßen mit seiner einzigartigen Verantwortlichkeit für das große Ganze. Die moderne Einheitsgewerkschaft betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, auch nur irgendeine Zumutung der anderen Seite zu verhindern und für die Geschädigten herauszuholen, was immer durchzusetzen geht. Sie verweist dagegen auf i h r e, g a n z tarifautonom vollzogene M i t b e t e i l i g u n g bei der Schädigung als Beitrag zu der Gesundung der Wirtschaft und zur Sanierung der Staatskasse. Auch für die Gewerkschaft ist der Lohn für alles andere gut; nur für ein anständiges Leben dessen, der mit ihm zurechtkommen muß, ist er zu schade. Die Interessen seiner Mitglieder macht der DGB nur als nationale Opferbereitschaft geltend und klagt seinen "Lohn" für diese Lei- stung ein: Wird dem Fleiß deutscher Arbeiter auch entsprechend gedankt durch den Erfolg, den Kapital und Staat daraus machen - eine gestärkte Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmer und eine wiedererlangte "Handlungsfähigkeit" der nationalen Politi- ker? Nach beendeter Tarifrunde sind Vetter und Loderer wieder einmal befreit vom Makel, bloß e i n e P a r t e i im Tarif streit zu sein. Als ü b e r parteiliche Vertreter und kritische Wächter einer für Staat und Wirtschaft lohnenden Nutzung des obersten nationalen Gutes, der von der Gewerkschaft verwalteten Arbeit, treten sie auf. Mit Stolz verkünden sie, sie hätten ihre Vorleistung erbracht und jetzt sei die andere Seite "im Zug- zwang". "Bei Preisen und Arbeitslosigkeit muß jetzt eine nachhaltige Trendwende eintreten. Wenn dem Augenmaß gewerkschaftlicher Tarif- politik in den nächsten Monaten die Maßlosigkeit unternehmeri- scher Preis- und Profitpolitik und die Tatenlosigkeit staatlicher Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik gegenüberstehen, wird dies unausweichlich soziale Spannungen und politischen Zündstoff mit sich bringen," (Der Gewerkschafter, 3/82) Diese nicht einmal von ihr selbst geglaubte Gefahr beweist er- stens: Dieser Gewerkschaft kann keine Partei und kein Unterneh- merverband das Wasser reichen, denn an moralischer Verantwortung für die "Gesellschaft" ist sie unschlagbar: die Verarmung des Ar- beitsvolks stellt eine Gefahr nur für die dar, die sie absichts- voll ins Werk setzen. Zweitens kommt die gewerkschaftliche Kritik an den Maßnahmen von Staat und Kapital ohne die Andeutung eines Gegensatzes aus. Die Arbeiterklasse vertritt der DGB in ihrem na- tionalen Dienst, viel zu leisten und wenig zu fordern. Staat und Unternehmern schreibt er umgekehrt ebenfalls nützliche Leistungen fürs Ganze zu: ersterer ist eine Instanz zur Verabreichung sozi- aler Wohltaten; und Kapitalisten sind Arbeitgeber, beglücken "die Gesellschaft" mit Arbeitsplätzen. Diesem harmonischen Weltbild entspricht dann auch die enttäuschte Kritik an der Wirklichkeit: "Tatenlos" sind die Politiker mit ihren täglich neuen Einfallen, an welchen Punkten die Bürger jetzt wieder zusätzlich zu sparen haben. Andererseits wird aus dem "Sparprogramm", nachdem die Ge- werkschaft ein halbes Jahr öffentlich über es beraten hat und die Billigung perfekt ist, ein "Beschäftigungsprogramm". Genauso sind die unternehmerischen Maßnahmen, mit Leistungssteigerungen und Entlassungen die Arbeit profitabler zu gestalten und die Freizü- gigkeit, mit der der Staat sich von den Kosten der Arbeitslosen befreit, weil er eine sinnvollere Verwendung für die dafür einge- triebenen Gelder kennt, Beispiele einer v e r f e h l t e n Be- schäftigungs- und Sozialpolitik. Jeder praktischen Erfahrung spottend, vertritt der DGB eben den unbedingten Zusammenfall von Arbeiterinteressen und denen von Staat und Kapital. So begeistert ist er vom Wert der Arbeit, den er nur im Nutzen für andere sehen will, daß er die Entlassungen, die Unternehmer heute aussprechen, weil mit der umfassenden Ra- tionalisierung die Benützung der Arbeitsleistung profitabler und die Lohnkosten niedriger werden, daß er also den Geschäftserfolg für eine einzige "Krise" der bundesdeutschen Wirtschaft hält. Für Arbeitervertreter, die nichts so sehr quält wie der Gedanke, daß fleißige deutsche Arbeitshände sich für das Wohlergehen von Wirt- schaft und Nation nicht nützlich machen können, schreit die "Beschäftigungskrise" nach staatlicher Unterstützung der Unter- nehmer, damit diese ihrer segensreichen Aufgabe, die Arbeitslosen wieder von der Straße zu holen und sie in Arbeit zu setzen, nach- kommen können. Ganz konstruktiver Partner der wegen ihrer "Tatenlosigkeit" beschuldigten Staatsmänner, tut die Gewerkschaft das Ihre zur Lösung des Problems, an dem der Staat wechselweise "versagt" oder "scheitert". Daneben hält sie den Lohn für ein nützliches Mittel, die Probleme zu lösen, die dem Kapitalisten der Verkauf seiner Ware bereiten soll. Der Ruf nach "mehr Kauf- kraft", weil umsatz- und wirtschaftsfordernd, bleibt jedoch matt und findet sich hauptsächlich auf Flugblättern, mit denen die Gewerkschaft um das Verständnis von Hausfrauen wirbt: Höhere Löhne sind eben höhere Lohnkosten - auch für den DGB. Daß s i e mit der Tarifpolitik für die Beseitigung der Arbeits- losigkeit zuständig sei, diesen Auftrag von selten "der Wirt- schaft" hat die Gewerkschaft längst akzeptiert. Ihre Vorstände bekennen sich zu der offiziellen Lüge, daß ausgerechnet die Taten und Unterlassungen der Arbeiterorganisation über den Arbeitsmarkt entscheiden; sie sind bereit, die Verantwortung dafür zu überneh- men, daß die Unternehmen in ihrer Kalkulation mit dem Lohn spar- sam umgehen und ihr Wachstum durch die Leistung einer verminder- ten Belegschaft erzielen. Die Entlassungen, die die Gewerkschaft als das gesellschaftliche Problem "Massenarbeitslosigkeit" be- klagt, sind nicht ohne Mitwirkung verantwortungsvoller Betriebs- räte zustande gekommen. Von diesem Standpunkt aus bedauern sie dann, daß sie ihr Anliegen nicht erreichen. Sachkundig wird dann nach "Gründen" gesucht. Es fehlt an Hilfe! Ohne Investitions- spritzen und niedrige Zinsen, so der DGB, kann die Geschäftswelt ihre Wohltaten einfach nicht vollbringen! Eine schönere Entschul- digung für die Rationalisierung kann sich wahrlich kein Auf- sichtsrat wünschen - die Gewerkschaft schimpft auf die Wirt- schaftspolitik, die "den Namen Beschäftigungspolitik nicht ver- dient", den dafür der DGB mit seinen nie erhörten Alternativen gepachtet haben soll. Augenmaß beweist der DGB in seiner Lohnpo- litik, indem er die "Solidarität" der noch in den Fabriken Be- schäftigten mit den "arbeitslosen Kollegen" praktiziert: Zurück- haltung beim Lohn im Auftrag der gesamten Arbeiterklasse, um da- mit dem Beschäftigungsinteresse des Kapitals unter die Arme zu greifen! Bloß, wie soll das eigentlich gehen, daß der Lohnver- zicht des einen den Unterhalt und die Wiederbeschäftigung des an- deren befördern soll? Von gewerkschaftlichen Vorschlägen, das Existenzminimum der Arbeitslosen aufzubessern, ist noch nichts gehört worden; die profitable Verwendung zusätzlicher Arbeits- kräfte unterliegt dem Kalkül des Kapitalisten - und für den zählt die Senkung der Lohnkosten erst einmal als Anreiz, alle techni- schen Mittel zu beschaffen, um aus einer geschrumpften Beleg- schaft ein höheres Arbeitsergebnis herauszuholen. Die Praxis der Gewerkschaft, im Namen der "Arbeitslosigkeit" keine Lohnkämpfe zu führen - wobei diese Organisation keines ihrer Mitglieder nach seiner Meinung dazu gefragt hat -, macht nur für viele der jetzt noch Beschäftigten den Gang zum Arbeitsamt sicher. Am Ende einer unter der Parole "Beschäftigung" geführten Tarifrunde sind sich Unternehmerverband und DGB sowieso einig: von diesem Ergebnis ge- hen keine "Beschäftigungsimpulse" aus. Das "Problem der Arbeitslosigkeit" und der Ruf nach "Beschäftigungsinitiativen" taugt nur für eines: die Zuständig- keit dieses Vereins bei allen Maßnahmen des Staates und des Kapi- tals zu betonen und sich mit alternativen Gegenvorschlägen eines 50-Millionen-Investitionsprogramms, einer Zinssenkungspolitik bis hin zu einem nagelneuen Konkursrecht in Szene zu setzen. An die Verwirklichung der gewerkschaftlichen Alternativen braucht zwar niemand zu glauben, Gleichgültigkeit ist jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht angebracht. Der Arbeiter ist darin auch vorge- sehen: als Problem, das Wirtschaft und Staat mit ihm haben. Sich der "Arbeitslosigkeit" als eines "gesellschaftlichen Krebsübels" anzunehmen, ist eben das glatte Gegenteil davon, den Staat oder sonst jemand darauf festzulegen, daß man mit und ohne Arbeit an- ständig leben können soll und die Zahlung der dafür nötigen Gelder zu erzwingen. Wer zur Bestreitung seines Lebensunterhalts auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen ist, das er durch den täglichen Gang in die Fabrik verdient, dem kann seine Kündigung nicht gleichgültig sein. Das gewahrt er sehr schnell an den "Leistungen" des sozialen Netzes, für das er in den Tagen seiner Beschäftigung regelmäßig zahlen muß: Er soll ja möglichst kurze Zeit der Versicherungskasse zur Last fallen, möglichst wenig ko- sten und sich möglichst schnell auch an einem Arbeitsplatz ein- finden, der ihm mehr Mühe als der gewohnte macht und weniger Ver- dienst einbringt. So will es der DGB nicht sehen. Aus den Schwierigkeiten, mit denen Arbeitslose konfrontiert sind, wird für einen modernen ge- werkschaftlichen Betrachter der Arbeitslosigkeit gleich ein L o b d e r A r b e i t. Da vergißt er seine eigenen Sprüche über die "Humanisierung der Arbeit", die immerhin noch die Tatsa- che zur Grundlage haben, daß es an den Arbeitsplätzen nicht über- mäßig gemütlich zugeht. Und was da so ein Arbeitsplatz nicht al- les leistet an Wohltaten! Verschwunden ist der Zwang, morgens um halb sechs zur Stelle zu sein und acht Stunden lang den Anforde- rungen zu entsprechen, die da in Gestalt von Maschinen, ihrer Ge- schwindigkeit und dem feststehenden Betriebsablauf auf einen zu- kommen. Einen Arbeitsplatz zu h a b e n, erscheint da als pures D ü r f e n, mit dem die Menschenwürde und die Gesundheit dazu verabreicht werden. Und nicht einmal bei dem für d e n Arbeitsplatz so günstig aus- fallenden Vergleich mit seinem Nichtvorhandensein will ein ge- werkschaftlicher Betrachter der Arbeitslosigkeit es bewenden las- sen. Vor allem d i e G e s e l l s c h a f t zählt er zu den Leidtragenden jenes Übels, so daß man fast fragen möchte, woraus diese Gesellschaft denn noch besteht, wenn es in ihr schon be- schäftigte und überflüssig gemachte Lohnempfänger gibt. In der Tat macht sich die deutsche Gewerkschaft in ihrem Eintre- ten für eine "Beschäftigungspolitik" zum Anwalt des großen Gan- zen. Sie wirbt öffentlich für die Vollbeschäftigung, aber mit Vorteilen, die Gott und die Welt, nicht jedoch ein Arbeiter aus ihr zieht. Daß Arbeiter für "die Gesellschaft", "die Wirtschaft", "ihr" Unternehmen und den Staat lohnend eingesetzt werden müssen, daß ihre Beschäftigung d a s Mittel für sämtliche Instanzen der Nation zu sein hat, fällt den Sprechern der Arbeiterorganisation ausgerechnet beim "Problem Arbeitslosigkeit" ein, das ja schließ- lich davon zeugt, wie wenig es in der Marktwirtschaft auf die Verköstigung aller brauchbaren Arbeitsleute ankommt. DGB-Funktio- näre, Betriebsräte vornweg, wittern bei Entlassungen nie die Kal- kulation der Betriebe mit ihrer Belegschaft, sondern stets ein "Mißmanagement" und Fehler, die den Geschäftsinteressen des Un- ternehmens selbst schaden; wenn das nationale Wachstum mit einge- sparten Löhnen seine Fortschritte macht, empören sie sich über die Beschränkung der Kaufkraft, durch die sich die Unternehmen "ins eigene Fleisch schneiden". Passieren die Entlassungen in Dortmund, bedauern dieselben Leute erst einmal die "Regionalstruktur" und die gewachsene Schönheit des Ruhrgebiets und sehen schwarz für den "deutschen Stahl". Immer macht sich der DGB nicht für die Betroffenen g e g e n das Kapital stark, sondern für eine Sanierung des Kapitals, des- sen Erfolge laut gewerkschaftlicher Vereinsmoral das Wohlergehen der Arbeiter automatisch nach sich ziehen. Kaum ist wieder in ei- ner Branche eine Rationalisierungswelle zu Ende gebracht und das Geschäft geht mit verminderter Belegschaft gut, beschwört die Ge- werkschaft ihre Versäumnisse und ihre Mitwirkung unter dem Titel "Krise". Eine solche Gewerkschaft läßt auch den Verdacht gar nicht erst aufkommen, sie würde sich die Freiheit herausnehmen, etwas für das Wohlergehen ihrer Mitglieder zu tun. Was Unternehmer und Po- litiker daran hindert, die Wunschträume des DGB nach einer natio- nalen Einheit von Arbeitsplatzstiftern und Arbeitsplatzbesitzern zu erfüllen, sind "harte Sachzwänge"; deren Notwendigkeiten ste- hen für die Gewerkschaft zu allererst fest, und gegen sie "kann" sie nichts unternehmen. Dieser Arbeiterverein will lieber Arbeit und Lohn zur freien Verfügung derer stellen, die für sich etwas daraus machen und das Ganze zu einem harmonischen Miteinander "gemeinsamer Verantwortung" ausstaffieren. Vom Klassengegensatz, den es ja gibt, weil ihn die andere Seite praktiziert, bleibt nur der Mangel stets unvollkommener Ausnützung des Arbeitsdienstange- bots. Bei der Meldung, durch entschieden geführte Tarifverhand- lungen hätte sie den Lohn wieder für ein Jahr "gesichert", wird das Dementi gleich mitgeliefert: der Abschluß ist ein Angebot zur freien Verfügung. "Wir verbinden mit diesem Tarifabschluß die Erwartung und Forde- rung, daß die Unternehmer nunmehr Preisdisziplin üben, zumal sie voraussichtlich die Hälfte der Lohn- und Gehaltserhöhungen durch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ausgleichen werden." (IG Metall Bayern) Gegen das staatliche "Sparprogramm" etwas zu unternehmen - und sei es nur die letzte Benzinpreis- und Mehrwertsteuererhöhung auf die Lohnforderung aufzuschlagen, das erscheint ihr unsinnig und schädlich. "Das alles führt allerdings auch zu der Einsicht, daß weder die Folgen der Steuerprogression, noch die unsozialen Wirkungen der Sparbeschlüsse durch die gewerkschaftliche Tarifpolitik korri- giert werden können." (Der Gewerkschafter 9/81) Dem Fortgang der Ausbeutung und der staatlich bewirkten Verarmung ihrer Mitglieder legt die deutsche Staatsgewerkschaft also keinen Stein in den Weg. Was es für die Arbeiter heißt, mitten in der schönsten schwarz-rot-goldenen Demokratie zu leben, zählt sie nur auf, um die Arbeit als moralisches Opfer und daher als Verdienst zu würdigen. Als wäre es kein ökonomischer Zwang, sondern die freie Entscheidung, die deutsche Arbeiter veranlaßt, regelmäßig zur Stelle zu sein, wann immer sie das Unternehmen brauchen will, um für wenig Lohn viel zu leisten, gilt der Gewerkschaft der Be- triebsfrieden, unter dem sich das alles abspielt, als das uner- reichte Vorbild demokratischer Gesinnung und Verantwortung. Als wäre das Arbeitsleben, das bei den einen schnell seine gründli- chen Spuren hinterläßt und den anderen Gewinne verschafft, eine einzige Leistung und ein einziger Besitzstand des DGB, nur weil er bei seiner reibungslosen Regelung beteiligt ist, erschöpft sich dessen Kritik an den politischen Sachwaltern im Messen an der eigenen moralischen Verantwortung. Dieser sind dann Parteie- goismus und Profitgier einfach nicht gewachsen. Der harte Kern dieser Selbstdarstellung, die alle Welt richtig versteht, wenn sie Sprüche Vetters wie: "Wir werden nicht hinneh- men, daß..." als leere Drohung und Angebot auffaßt, besteht in der Zufriedenheit des DGB über die Effektivität des nützlichen Verschleißes von Arbeitskräften in deutschen Fabriken. Die Ver- säumnisse, die die Gewerkschaft hier deutschen Staatsmännern vor- rechnet, lauten dementsprechend: Den von der Arbeitsfront verwal- teten Fleiß haben sie nicht ausreichend in die dem Arbeiter zu- stehende Stärke der Nation umgesetzt, bisweilen lassen sie deren Dienste gar nicht erst zustande kommen. Mit Klassenkampftönen wird die Forderung an den Staat gerichtet, er habe die Unterneh- mer "in die Pflicht zu nehmen", weil und wenn sie ausschließlich das "Profitinteresse" über ihre eigentliche Aufgabe stellen, für Beschäftigung um jeden Preis zu sorgen. Die goldenen Regeln der freien Marktwirtschaft will der DGB allerdings nicht verletzen. Die "Verpflichtung" besteht in Investitionsspritzen und steuerli- chen Abschreibungserleichterungen. Der Wunsch, dies sollte zur finanziellen Entlastung der von Arbeitslosen geschröpften Staats- kasse führen, verbindet sich mit dem hoffnungsvollen Setzen auf die beschäftigungspolitischen Wohltaten der Ausbeutung, so wie sie stattfindet. Ganz als wären die Arbeitslosen vom Himmel gefallen, als wäre es ein Sachzwang, daß das "soziale Netz" in "Gefahr" gerät, wenn es in Anspruch genommen wird (daß beides Ergebnis einer zielstrebig betriebenen staatlichen Wirtschafts- und Sozialpolitik ist, will der DGB einfach nicht wahrhaben!), vermag der DGB nur V e r s ä u m n i s s e dieser Politik zu erkennen. Versäum- nisse, mit denen der Staat sich selbst, der Wirtschaft und der Gesellschaft schadet! Bei so viel Verständnis nimmt jede Kritik am staatlichen Handeln beim DGB die Form tiefer Sorge um die von so mannigfachen "Problemen" geplagten Politiker an. Auch wenn Herr Schmidt seine Absichten fünfmal am Tag offen ausspricht und sein Programm ver- kündet, das "verwöhnte Volk" habe den Gürtel enger zu schnallen, bekräftigen H.O. Vetter und seine Kollegen die Auffassung, hier könne ein Politiker nicht, was dem obersten Stellvertreter der deutschen Nation als natürliche Eigenschaft zukommt: soziale Wohltaten unter die braven Deutschen zu streuen. Der Staat beschließt, weniger Geld für die "sozial Schwachen" ausgeben zu wollen und die Aufstockung seiner Schulden für andere Sachen vorzunehmen. Also verkünden die Haushaltsexperten aller Bonner Parteien, es sei zu wenig Geld da, es müsse gespart wer- den, und zwar genau dort, wo es die Regierung samt Parlament für richtig erachtet. Ziehen sich die Herren Politiker damit den Är- ger des DGB zu? Müssen sie mit gewerkschaftlichem Widerstand rechnen? Im Gegenteil: das vollste Verständnis ist ihnen sicher, denn Eugen Loderer hat die K r i s e d e s S t a a t e s ent- deckt - und das hält er für ein Unglück. Die Gewerkschaft würde das nämlich nie tun, den Staat in Nöte bringen. Lieber erfindet sie eine Schwierigkeit nach der anderen, in der die Regierenden stecken sollen: "Hiobsbotschaften", kundig und interessiert für die Betroffenen der Politik von ihren Machern in die Welt ge- setzt, spricht ein Arbeitervertreter ganz aufgeregt nach; bloß - wie machen das die "Arbeitslosenzahlen", daß sie steigen? Braucht es dazu vielleicht nicht jemanden, der aus seinem Geschäftsinter- esse heraus Leute entläßt? Und eine Gewerkschaft, die das ebenso bedauerlich wie notwendig findet, also das Geschäft respektiert und sein Gelingen für äußerst wünschenswert hält? Eine Gewerk- schaft, der die internationale Zahlungsfähigkeit zum Hauptproblem aller Arbeiter und Arbeitslosen gerät und die nichts davon ver- standen haben will, welche Hebel der liebe deutsche Staat durch seine Verschuldung - auch die "wächst" angeblich ganz ohne Urhe- ber vor sich hin! - in Bewegung setzt! Für Gewerkschaftsführer von solch hoher nationaler und verantwor- tungsvoller Gesinnung liegt nichts ferner, als das "Sonderinteresse" ihrer Mitglieder geltend zu machen. Etwas an- deres ist viel wichtiger: Die arbeitslos gemachten zwei Millionen sind ein einziger Anschlag auf die Haushaltskasse des Sozial- staats. Das stärkste Argument der gewerkschaftlichen Beschäfti- gungspolitik, die mit staatlichen Investitionshilfen den Unter- nehmern die Anwendung von m e h r Arbeit schmackhaft machen will - als wäre nicht genau das das praktische Interesse des Ka- pitals und als würden nicht deswegen Arbeiter aus den Betrieben hinausrationalisiert und überflüssig gemacht! -, ist der Beweis: jeder wieder dem Arbeitsleben Zugeführte baut die Staatsverschul- dung ab. "Wer sich heute an der Finanzierung von Beschäftigungsprogrammen vorbeimogelt, der muß morgen weitere Krisenkosten finanzieren. Ich weise darauf hin, daß 100.000 Arbeitslose jährlich zwei Mil- liarden an Unterstützung sowie Steuer- und Beitragsausfällen ko- sten!" (Alois Pfeiffer, Süddeutsche Zeitung, 9.11.81) Das also sind die K o s t e n, die die Gewerkschaftsführer über das "schwere menschliche Schicksal" derer klagen lassen, die mit dem Arbeitsplatz auch gleich ihre "sozialen Kontakte" und ihre "menschliche Würde" verloren haben sollen. Mit Geld ließe es sich ja auch wohl ohne Arbeit gut und sicher besser leben! Das kann dem DGB freilich nicht einleuchten, schon eher muß er bei der In- anspruchnahme des "sozialen Netzes" an M i ß b r a u c h den- ken. Am liebsten würde Eugen Loderer seine Mitglieder zum Ar- beitsamt begleiten, um ihre Arbeitsgesinnung zu überprüfen und die "Arbeitsunwilligen" als Schmarotzer an der Arbeits- und Soli- dargemeinschaft für die Nation dingfest und haftbar zu machen. "Gerade bei strukturellen Anpassungsprozessen" (für die kann nie- mand nichts!) "ist soziale Sicherheit ein unerläßlicher Schutz für die Arbeitnehmer und ihre Familien. Einseitiges Anspruchsden- ken und eine Überforderung der Solidargemeinschaft sind jedoch auszuschließen." (metall 8/81) So kennt der DGB auch die landläufige Gleichung von arbeitslos = arbeitsscheu und kann sich nicht genug über die Verführer entrü- sten, die die Arbeiter zu einem leichten Leben ohne Arbeit gera- dezu auffordern. Was ihm hierzu alles einfällt, angefangen von geldgierigen Ärzten, die gar nicht schnell genug krankschreiben können, bis hin zu Unternehmern, die Kurzarbeit verordnen, um ihre Belegschaft vom Staat aushalten zu lassen, könnte von der CDU und der FDP, über deren Pläne zum Abbau des sozialen Netzes sich der DGB nicht genug entrüsten kann, nicht besser erfunden sein. "Da klagen beispielsweise die Ärzte darüber, daß sich die Arbeit- nehmer zu schnell krankschreiben ließen und die Arbeitgeber tuten in eben dieses Hörn auch. Nur: der Arbeitnehmer ist zur Selbst- diagnose nicht fähig. Wäre er dies, dann brauchten wir den haar- sträubend teuren und auch zeitaufwendigen Gang zum Hausarzt nicht... Man müßte die allzu willfährigen Ärzte nur schärfer in den Regreß nehmen, sie also an den Folgen ihres schändlichen Treibens angemessen beteiligen." (Gewerkschafter 7/81) Offensichtlich haben Gewerkschaftssprecher noch nichts von der heutzutage zur täglichen Gewohnheit gewordenen Selbstdiagnose: kann ich mir eine Krankheit leisten? gehört. Daß diese Sorte von ausbrechender Gesundheit unter der Arbeiterklasse den Gang zum Arzt nicht erübrigt, sondern wahrscheinlicher macht, regt sie so auf, daß sie ihre andernorts gepflegten Aussprüche: "Arbeit macht krank - für eine Humanisierung der Arbeitswelt" gleich als volks- wirtschaftlich "schändliches Treiben" aburteilen. "Der DGB wird sich" eben "nicht damit abfinden, daß an die Stelle einer aktiven Arbeitsmarktpolitik eine bloße Verwaltung der Ar- beitslosigkeit tritt" - sagt die IG Metall und begrüßt die Erhö- hung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung auf 4% als einen - wenn auch unzureichenden - "Schritt in die richtige Richtung". Über die Rettung des sozialen Netzes - wodurch ist es denn ins Gerede gekommen? - geht dem DGB nichts. Hier wird schließlich eine Geldquelle des Staates gerettet! Zur Verschärfung der Zumut- barkeitsregelungen, mit der die Bundesregierung die Arbeitslosen noch schneller vor die Alternative stellt, Sozialhilfeempfänger zu werden oder ohne Rücksicht auf erworbene Fähigkeiten und Qua- lifikation jede Drecksarbeit anzunehmen, gibt es dann eine matte Demonstration: die Zumutbarkeits-"Rutschbahn" verletzt den Stolz des deutschen Facharbeiters. Ansonsten gilt: dieses Gesetz bringt nichts für das, was der Staat sich davon für sich erwartet: "Bei 2 Millionen Arbeitslosen und 120.000 offenen Stellen ist es völlig unsinnig, den Zwang zur beruflichen Herabstufung für Ar- beitslose in der neuen Anordnung festzuschreiben." Gerade in Zeiten, wo sich der Staat so ziemlich aller Ansprüche entledigt, die seine Untertanen noch gesetzlich an ihn stellen könnten, steht der DGB dafür ein, jene stolze "soziale Errungen- schaft", unser aller "Sozialstaat" von und vor seinen Bürgern retten zu lassen. Das "Sparprogramm", mit dem sich die politisch Verantwortlichen am Lohn des Arbeiters bedienen, ist der Gewerk- schaft ein einziger Auftrag, die eigenen Mitglieder, die sich so harmonisch mit ihren Politikern und Ausbeutern zur deutschen Na- tion zusammengefunden haben, zur Solidarität mit dem verschulde- ten Staatshaushalt aufzurufen. Den Politikern, deren Sprüche vom drohenden Staatskonkurs die Gewerkschaft eifrig nachbetet, wird ein harter Vorwurf nicht erspart: Die Kürzung der Sozialausgaben, die gesetzlichen Anreize zur Mietpreiserhöhung, die zusätzlichen Steueraufschläge auf alle Lebensnotwendigkeiten, auf die das ar- beitende Volk nicht verzichten kann, und die Kreditverbilligungen und Investitionsanreize für alle, die mit Geld etwas anfangen können, bleibe ein "beschäftigungspolitisches Stückwerk". Für die deutsche Arbeitervertretung wäre eine Lösung nützlicher und "sozial ausgewogener" gewesen, mit der ihren Mitgliedern um- standslos und am Geldbeutel spürbar staatlicherseits mitgeteilt worden wäre, daß sie dem Staat Kosten bereiten und deshalb für alle Kosten, die der Staat sich leistet, aufzukommen haben: "Arbeitsmarktabgabe für alle!" Was alle diejenigen brauchen, die unter die Wechselfälle des "Arbeitsmarkts" fallen, sind "länger- fristig höhere Steuereinnahmen des Staates" - und eine krisen- sichere Beschäftigung der Politiker. Für deren Handlungsfreiheit, die dem Leben des mit einer bundes- deutschen Nation beglückten Arbeiters erst den angenehmen Reiz gibt, in "unserer" Demokratie leben zu d ü r f e n, was das- selbe ist wie nicht unter dem Kommunismus arbeiten zu m ü s- s e n, sind die Arbeitslosen in den Augen des DGB eine einzige Gefahr. Getreu der Maxime, daß die demokratische Reife des Volkes darin besteht, arbeiten zu gehen, gehorsam den Weisungen der Betriebsleitungen zu folgen und brav Steuern zu zahlen, wird der DGB den Verdacht nicht los, daß der Verlust des Arbeitsplatzes auch zum Verlust des demokratischen Anstands bei den davon Betroffenen führt. Arbeitslose sind ein "sozialer Sprengstoff", vor dem die offensichtlich allzu naiven Staatsmänner zu warnen sind. "Arbeitslosigkeit macht krank - nicht nur (!) den Einzelnen, auch die Gesellschaft. Wer den Sprengstoff nicht sieht, der sich hier ansammelt, dem werden eines Tages die Brocken um die Ohren flie- gen. Noch gehen die Arbeitslosen nicht auf die Straße. Noch ver- stecken sie sich eher" (Terroristen wirken immer im Untergrund!) "Aber wenn sie es tun - und sie haben es in der jüngsten Ge- schichte schon einmal getan -, dann heißt dies: Ende offen!" (Vetter) Das glaubt Vetter zwar selbst nicht - seit wann wäre ausgerechnet Ohnmacht der Grund und das Mittel politischer Gewalt! Dafür tau- gen die Arbeitslosen jedoch allemal: die Politiker daran zu erin- nern, daß es der DGB ist, der für den "sozialen Frieden" derer sorgt, die auch nach Vetters Einschätzung allen Grund hätten, diesen Zustand, der den herrschenden Figuren das Regieren so leicht und den Betroffenen das Zurechtkommen damit so schwer macht, für schlecht zu befinden. Schließlich verwaltet der DGB die Fügsamkeit der deutschen Arbeiterklasse; etwas öffentliche Anerkennung von Seiten derer, auf die Vetter und Loderer setzen, gehört sich da schon. Und deshalb mag der DGB den "Grafen" Lambs- dorff und Strauß nicht so recht leiden: ab und zu sind sie "Gewerkschaftsfeinde" und schaden der schönen Demokratie. Die Warnung vor Arbeitslosenheeren, die sich auf der Straße zusammen- rotten und sich zu ungehörigen Gedanken verführen lassen, gilt auch keineswegs als Mahnung an deutsche Politiker, sie sollten den Bogen nicht überspannen. Eher schon schwebt dem DGB ein na- tionales Arbeitsprogramm vor, damit die vergangenen Tage der "jüngsten Geschichte", wo der nationale Arbeitsdienst praktisch verwirklicht wurde, nicht wiederkehren mögen. Von einem Gegensatz zwischen Regierenden und Regierten will die moderne Gewerkschaft in allen Fällen, wo sie sich bei dessen Aus- gestaltung einmischt, also grundsätzlich nichts wissen und eben- sowenig von einem Widerstand. Sie hält sich für das partner- schaftliche Gewissen jener Figuren, die die Nation befehligen und ihre Mitglieder für die ungekrönten Könige der Demokratie : sie sind als Befehlsempfänger gefragt und dürfen ihre Opferbereit- schaft zeigen. Sie brauchen dafür nur fleißig zu arbeiten, wäh- rend das mühevolle Geschäft der Politiker darin besteht, daraus erst noch etwas zu machen, was sich als Nation sehen lassen kann. Wie gut, daß es den DGB gibt: ohne dessen Alternativen, mit denen er die täglichen Leistungen deutscher Politiker begleitet, wäre dem politischen Alltagsgeschäft möglicherweise gar nicht anzuse- hen, zu welchen menschheitlichen Segnungen der eigene Staat in der Lage wäre, würden seinem Wirken nicht ständig Hindernisse in den Weg gelegt. Da gibt es den "Ölpreisschock", die unverständli- che Mißachtung deutscher Wertarbeit selbst von Seiten "befreundeter" Nationen, die Raffgier der Unternehmer, und selbst beim Volk soll "überzogenes Anspruchsdenken" noch nicht ausge- storben sein. Das und vieles andere mehr erschwert "unseren" Staatsmännern, die Wohltaten der Politik gebührend zur Geltung zu bringen. Der Phantasie läßt die Gewerkschaft freien Lauf, und sie beschäftigt ganze Abteilungen von Universitäten und eigene Wis- senschaftsinstitute mit der Erstellung von Gegengutachten, die die harten Taten der Politiker begleiten und diese in das rosige Licht von eigentlich beabsichtigten, jedoch nur unvollkommen ver- wirklichten, menschenfreundlichsten Wünsche tauchen. Alle diese alternativen Vorschläge entdecken im Treiben der Poli- tiker nie gehörte gute Absichten, weil sich der DGB einen Kanzler Schmidt nur wie einen gütigen Landesvater vorstellen kann. Im Na- men derer befehlen zu können, die den Anweisungen der Politiker zu gehorchen haben, setzt der DGB gleich mit Wohltaten für die davon Betroffenen - schließlich hält er es mit seiner Mit- gliedschaft nicht anders. Deswegen appelliert er an die Politi- kerfiguren als Wächter der Menschenwürde, Hüter des Wohlergehens und Pfleger des bundesdeutschen Gemeinwesens; und das will er nicht verwechseln mit einem einklagbaren Anspruch an sie, wenn diese sich nicht dementsprechend aufführen. Der Gewerkschaft reicht es, mit dieser Verwandlung der BRD in ein Reich edelster Absichten, nach eigener Einschätzung die sicherste "Säule der De- mokratie" darzustellen - mit Erfindungen, die, würden sie am Stammtisch geäußert, berechtigten Zweifel an der Zurechnungsfä- higkeit aufkommen ließen. Ansonsten verbindet der DGB seinen Idealismus mit dem "realistischen" Opportunismus der verständnis- vollen Rücksichtnahme darauf, was alles "nicht geht", weil es das Wirken der Politiker hinderlich stören würde. Leider gilt nur das Machbare - und für die Gewerkschaft ist immer das machbar, was Parlament und Parteien gerade beschließen oder in Vorschlag brin- gen -; nach gewerkschaftlicher Einbildung müßte der Dienst der Politik am arbeitenden Menschen nur konsequenter vollzogen wer- den! Aus dem "Sparprogramm", mit dem sich die Bundesregierung für ihr grenzenloses Bedürfnis nach militärischer und politischer Aufrüstung an den Lohntüten schadlos hält, wird über Nacht ein "Beschäftigungsprogramm". Und warum? Weil "die Koalition unter dem Druck der Gewerkschaften die politische Kraft zu einer beschäftigungspolitischen Initiative gefunden hat." (Loderer) Der DGB will der eigentliche Urheber des Paketes von Mehrwert- steuer- und Mietpreiserhöhungen sein; und mit der höheren Auf- gabe, die er diesen Maßnahmen zuschreibt, spricht er "unserer" Regierung einen herzlichen Glückwunsch aus. Alles, was eine SPD an der Macht beschließt, ist "ein Schritt in die richtige Rich- tung", und die Erinnerung an den nötigen und geleisteten Beitrag der Gewerkschaft dazu wird gratis mitgeliefert. "Zu wenig konse- quent" und "sozial unausgewogen" lautet das Urteil über die täg- lichen Werke der Politiker, die sie ausgerechnet der "Tatenlosigkeit" verdächtigt! Für unzumutbar hält sie grundsätz- lich nichts, was Politikerhirnen einfällt! Die Arbeitslosenzah- len, die sie für untragbar erachtet, holt sie konjunkturgerecht bei Herrn Stingl in Nürnberg ab. 1977 hat der DGB 800.000 Ar- beitslose für untragbar gehalten. 1978 fing die Rückkehr zur "Vollbeschäftigung" bei einer Million aus Verdienst und Brot Ge- worfenen an; und 1982 diskutiert dieser Verein, ob er zwei Mil- lionen noch für untragbar halten soll. Am liebsten treiben sich die Anführer deutscher Arbeit und deren nützlicher Anwendung in den Diskussionen herum, mit denen die be- schlossenen Maßnahmen der Politiker öffentlich "verständlich" ge- macht werden. Dann entdecken sie in deren ziemlich eindeutiger Zielsetzung nie gehörte Alternativen. Die Erhöhung der Mehrwert- steuer ist "sozialer" als die staatliche Verteuerung des Benzin- preises, befindet Loderer. Und für dieses Lob der schließlich verabschiedeten Maßnahme hat er sicher nicht einmal nachgerech- net. Aber führende Gewerkschafter beraten eben gerne ihre Mini- ster, denn ihnen steht es zu, zumindest moralisch die Geschicke der Nation zu überwachen und zu lenken. An e i n e r "Eigenschaft" der von ihnen vertretenen Arbeiter haben sie einen guten Grund ausgemacht für diese ihre Mitsprache. Sind Arbeiter nicht auch Bürger, also von der Politik betroffen - und haben sie daher nicht ein Recht auf eine Politik, die alle Leistungen einer Gewerkschaft ersetzt? Nachdem die Gewerkschaft bereits in mehreren Tarifrunden die Überflüssigkeit des Lohn- kampfs ihren Mitgliedern praktisch bewiesen hat, lautet der Er- folg der Tarif Verhandlungen 1982: "Hinzu muß in stärkerem Maß als bisher auch die allgemeinpoliti- sche Mobilisierung unserer Mitglieder und Funktionäre kommen, da- mit Parteien, Parlamente und Regierungen den Abbau sozialer Lei- stungen stoppen und den Kampf gegen Arbeitslosigkeit wirkungsvol- ler fortsetzen. Die Einsicht in die Grenzen der Tarifpolitik ei- nerseits verlangt die nachdrückliche Vertretung unserer Forde- rungspolitik an den Staat auf der anderen Seite." (H. Janßen, me- tall 6/82) Also: Weg mit der "Grenze Tarifpolitik" und hin zu einer Arbei- tervertretung, die ihre Mitglieder als Wählerpotential einsetzt und ihre Unzufriedenheit in die Politik einbringt. Was da noch für die zu Arbeits b ü r g e r n Erklärten herausspringen soll, ist den Arbeitsführern der Nation kein Geheimnis: auf das Druck- mittel, mit Arbeitsverweigerung die Lohnforderungen und damit die Berücksichtigung derer, die vom Lohn leben müssen, durchzusetzen, wird ja absichtsvoll verzichtet. Das gehört dem "Klassenkampf denken" einer vergangenen und überwundenen Arbeiterbewegung an. Aus der Tatsache, als politische Kraft anerkannt zu sein - weil sie die Gebeutelten vertreten, ohne etwas für sie zu verlangen -, haben die Führer der modernen deutschen Gewerkschaft freilich das Beste gemacht. Sie haben die moralische Verantwortung für alles, was in der Republik geschieht, gepachtet und scheuen vor keiner Lächerlichkeit zurück, wenn es gilt, den "sozialen Frieden" zu loben, zu bewahren und zu verteidigen. Von einem Gegensatz derer, die arbeiten müssen, um zu leben - weshalb ihnen das Leben im- merzu schwer gemacht wird -, und derer, die aus dem Zwang zur Ar- beit die Mittel beziehen, stattliche Gewinne und einen ansehnli- chen Staat zu machen, will der DGB nichts wissen. Er hält es mit dem L o b d e r A r b e i t, Quelle einer s o l c h e n Ge- sellschaft zu sein. "Denn die Arbeitskraft ist die Quelle allen Wohlstands in der Welt. Sie allein vermag Kapital zu erzeugen und sie ganz allein muß es beleben, um es überhaupt wirksam werden zu lassen." (W. Böckler, erster DGB-Vorsitzender nach 1945) "Die Arbeiterbewegung hat bis heute die Arbeit als eine bewußt schöpferische Tätigkeit" (am Fließband und acht Stunden vor der Maschine?) "begriffen, als Quelle allen Reichtums und als Grund- lage jeden gesellschaftlichen Fortschritts." (Vetter, Quelle 11/80) Solche Verherrlichung der Notwendigkeit, in den modernen Fabriken des Kapitals seinen Mann stehen zu müssen, fällt gewiß niemandem am Arbeitsplatz, gleichgültig welcher Lohngruppe, ein. Das Be- dürfnis, das aus dieser Verdrehung des lebenslangen Zwanges zur Lohnarbeit spricht, entsteht nicht aus der Erfahrung der Abhän- gigkeit. Vielmehr liefern hier Verehrer der Arbeit ihr Kompliment bei denen ab, die sie verrichten müssen, und zwar aus einem sehr offensichtlichen Grund: Sie erklären diejenigen zum heimlichen S u b j e k t des Kapitals, die unter seiner Herrschaft zwar nichts zu lachen haben, mit denen aber sehr gut und viel Staat zu machen geht. Sie haben Gefallen daran gefunden, daß Kapital, Reichtum und Fortschritt dazu in der A r b e i t ihre Quelle haben - und freuen sich darüber, als Verwalter dieses Stoffes teilzuhaben an allen Segnungen, die er a n d e r e n erzeugt. Diese wertvolle Eigenschaft der Arbeiter, sich nützlich anwenden zu lassen, gibt dem täglichen Arbeitszwang und auch seinen Urhe- bern eine kaum glaubliche höhere Berechtigung. Die Unternehmer sind gefragt und gefordert: als Arbeitgeber stellen sie selbstlos ihre Fabrikhallen zur Verfügung, nur damit die Arbeitslust sich gesellschaftlich austoben kann. Ihrem A u f t r a g sind sie dann nicht nachgekommen, wenn ihr G e s c h ä f t zu wünschen übrig läßt. Vor lauter "Mißmanagement" haben sie inzwischen Ra- tionalisierungen verschlafen, die fürs Auslandsgeschäft entschei- dend gewesen wären und - bei allen Entlassungen - d e u t- s c h e Arbeitsplätze geschaffen hätten; sie stecken jetzt in der Krise und können deshalb die Millionen nicht beschäftigen, die dem Arbeitsamt zur Last fallen. Mit den "olympiareifen Mannschaften", die sich die Unternehmer zwischenzeitlich herangebildet haben, können sie es dann der Gewerkschaft auch wieder nicht recht machen. Glücklicherweise gibt es noch den Staat, der seinen Bürgern das "Recht auf Arbeit" garantiert und so den Namen "Sozialstaat" ver- dient. Daß er nicht so kann, wie er will, liest der DGB aus den Arbeitslosenzahlen ab. Deswegen gilt "unser" aller Sorge ihm: "Kein Zweifel - der Wohlfahrtsstaat steckt in einer Krise. Hiobs- botschaften häufen sich. Arbeitslosenzahlen steigen. Die Staats- verschuldung wächst. Erstmals in der Nachkriegszeit wird die Ge- fahr beschworen, daß die internationale Zahlungsfähigkeit der BRD gefährdet sein könnte." (Während der Export boomt!) (Loderer, metall 12/81) Allzu oft verschlafen Unternehmer und Politiker auch den "technischen Fortschritt" und das "sozial Machbare". Da muß sich die Gewerkschaft selbst ihr Lob ausstellen, damit es Unternehmer und Staat nicht überhören, "Mitverantwortung der Gewerkschaften für die wirtschaftliche Ent- wicklung. Die Gewerkschaften haben schon in den vergangenen Jah- ren das Mögliche getan! Als Beweis verweise ich auf die Mitarbeit bei der Einführung neuer Technologien, ferner auf das Sinken der Reallöhne im vergangenen und im laufenden Jahr. Vor allem wegen des im internationalen Vergleich geringeren Anstiegs der deut- schen Stücklohnkosten hätten unsere Exporteure ihre Wettbewerbs- fähigkeit verbessern können." (A. Pfeiffer) S o zieht die deutsche Gewerkschaft heute Bilanz, wenn sie der Nation wieder einmal die Platte "Wir haben unser Bestes getan!" vorspielen will. Ihr Stolz gilt nur einer einzigen Leistung: Wir haben den von Staat und Wirtschaft vollzogenen Maßnahmen keiner- lei Hindernisse in den Weg gelegt, was man an den Opfern sieht, die dabei der Basis des DGB aufgehalst worden sind! Diese Erhal- tung des "sozialen Friedens" berechtigt uns allerdings auch zur Kritik an denen, die zu wenig daraus gemacht haben! Die Aufzählung all dessen, was es heißt, in der schönsten aller Demokratien arbeiten zu müssen, erfüllt den DGB dann wieder mit Zufriedenheit. Er hat sich nichts vorzuwerfen: schließlich ist er bei den Opfern, auf die die Nation Anspruch erhebt, schon längst verantwortlich mitbestimmend beteiligt. Kapitel IV ---------- Die Mitbestimmung der Gewerkschaft ---------------------------------- Die tausendundeinfach vorgebrachten Beschwerden und Mahnungen an deutsche Betriebe, die deutsche Wirtschaft und den deutschen Staat gipfeln noch jedesmal in einem einzigen Anwurf: Die Unter- nehmer haben zuviel Einfluß auf Staat und Wirtschaft, während der Gewerkschaft ein entsprechender Einfluß immer nicht eingeräumt wird. Jede Kritik am Gang der Geschäfte und der Politik löst sich in die Forderung auf, die Gewerkschaft noch mehr mitbestimmen zu lassen. All die Einwände, die von Gewerkschaftsfunktionären tagaus tagein angemeldet werden, sind deshalb sehr konstruktive Bedenken, sooft nur den Funktionären das Recht zugestanden wird, ihre Verantwortung noch mehr in die Welt des Profits und der staatlichen Gewalt einzubringen. Mit einer interessierten Partei- nahme für Arbeiterinteressen, geschweige denn mit einem auf Durchsetzung berechneten Kampfprogramm verwechselt das niemand. Auf der anderen Seite verwandelt sich jedes Lob des sozialen Mo- dell Deutschland, der demokratischen Errungenschaften unserer Re- publik, die den Klassenkampf überflüssig und das Arbeiterleben erträglich gemacht haben sollen, in die zufriedene Feststellung, daß die deutschen Gewerkschaften b e t e i l i g t sind, daß sie ein R e c h t a u f M i t b e s t i m m u n g haben. Daß diese Errungenschaften nichts von allem, was die "Arbeitswirklichkeit" so wirklich macht, verhindern, sondern ein Freibrief für den Umgang der Unternehmer mit ihrem Arbeitermate- rial und der Politiker mit ihrem Volk sind, läßt keinen Gewerk- schaftsfunktionär rot werden. Sie schwatzen vielmehr jedem die Lüge auf, einerseits sei die offizielle Anerkennung der Gewerk- schaft durch ihre Gegner ein Garant friedlichen Fortschritts, an- dererseits aber seien all die tarifvertraglich und politisch ge- regelten Unannehmlichkeiten, die das gewerkschaftlich wahrgenom- mene Recht auf Mitbestimmung die Arbeiter spüren läßt, ein Ergeb- nis unternehmerischer Willkür und ein Argument für den gewerk- schaftlichen Anspruch auf Mitsprache bei der Regelung der Ausbeu- tung. Als wären die Anschläge des Kapitals und die Anforderungen der Politik bisher o h n e und nicht d u r c h die schönen Vereinbarungen, d u r c h die politische Vertretung zustandege- kommen, welche die Gewerkschaften als ihr Recht schätzen. Die ge- heuchelte Verwunderung eines Steinkühler, dem sich bei der Lek- türe eines Erlebnisberichtes über die Bandarbeit bei Mercedes "spontan die Frage aufdrängte: Ist das alles, was gewerkschaftli- che Ziele und Kämpfe erreicht haben? Haben wir an den unmenschli- chen Arbeitsbedingungen so wenig ändern können?", hat mit einer Kritik gewerkschaftlicher Mitbestimmungspraxis nichts zu tun. Schließlich kennt dieser Mann sich nur zu genau in den Schäden an Gesundheit und Leben der Arbeiter aus, die er laufend mitbe- schließt. Und die Betroffenheit, die er hier äußert, ist ziemlich dieselbe wie die von Politikern, wenn sie bei ihrem Wählervolk für ihre politische Verantwortung und für ihre Macht, gegen sie zu entscheiden, werben. Ohne jeden Skrupel benutzt der Arbeiter- vertretungsverein das Elend und die Betroffenheit, die er durch seine umfassende Teilnahme an der geschäftsfördernden und staats- nützlichen Organisation bundesrepublikanischer Verhältnisse mit schafft, zum Belegmaterial seines politischen Anspruchs. Die Un- zufriedenheit, die er miterzeugt, will er dabei keineswegs zum Anlaß von Gegenwehr machen. Unzufriedenheit ist lediglich Mate- rial der politischen Taktik des DGB. Gibt es sie einmal, wiegelt er sie mit "Verständnis" ab. Meistens aber erfindet er sie und macht sich zum Sprecher einer Basis, die angeblich nur eine Be- schwerde hat: daß deutsche Gewerkschaftsfunktionäre als gesell- schaftstragende Figuren nicht umstandslos auf einer Stufe mit den Männern aus Wirtschaft und Politik stehen. Gegenüber der anderen Seite, mit der man laufend an den verschie- denen Konferenztischen zusammensitzt, wirbt man mit ganz ande- ren Tönen für dieselbe Sache. Da sollen die Zustimmung zu den un- ternehmerischen Wünschen und die Opfer, die das die Arbeiter ko- stet, den Anspruch untermauern, daß jede Maßnahme, die auf Kosten der Arbeiter das Wohl der Nation fördert, von der "größten Arbei- terorganisation der Welt" mitgetragen wird: "Ich habe gesagt, wir müssen technisch in der Spitze bleiben. Dieser technologische Wandel trifft aber den einzelnen Menschen. Vom Arbeiter verlangen wir (!), daß er die betriebswirtschaftli- chen Notwendigkeiten einsieht, die vielleicht seinen Arbeitsplatz kosten. Dann können wir (!) ihn (!) aber nicht von der Entschei- dung ausschließen." (A. Pfeiffer) Daß die Notwendigkeiten, die Gewerkschafter so gerne einsehen und mitverantworten, immer nur einen Geschädigten haben, macht diese Arbeitervertretung richtig stolz und anspruchsvoll: "Die Montanmitbestimmung ist die Gesetz gewordene Anerkennung für die Leistung, die von Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften beim Wiederaufbau von Wirtschaft und Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg erbracht wurde." (Vetter) Man mag dem verflossenen und hochdekorierten DGB-Vorsitzenden die kleine Lüge verzeihen, die Montanmitbestimmung sei die demokrati- sche Belohnung für die Leistung "Wirtschaftswunder". Andernorts heißt es dann wohl auch schon einmal, dieses Lieblingskind ge- werkschaftlicher Absage an die Auseinandersetzung mit Kapital und Staat sei das Ergebnis erfolgreicher Kampfansage. Beiden Lügen liegt dasselbe Eingeständnis zugrunde: Was die Alliierten und die Väter des Grundgesetzes mit ihrem Gesetzeswerk beabsichtigt haben - die Festlegung der Gewerkschaft auf den Betriebszweck und damit die Verhinderung von Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit in den Grundlagenindustrien für den nationalen Wiederauf- bau -, das hat sich der DGB ganz freiwillig zum obersten Zweck gewerkschaftlicher Politik gemacht. Die Führer der nationalen Ge- werkschaft beanspruchen die Knochenarbeit der Proleten als ihren Beitrag zum Erfolg der BRD; sie haben im Unterschied zu den pro- fitorientierten Unternehmern durch die Anerkennung jedes Profi- tinteresses der Nation g e d i e n t und sich für den sozialen Frieden aufgeopfert. Und diese Pose des selbstlosen Dieners, die Vetter, Loderer & Co. so gut beherrschen wie jeder andere Reprä- sentant gesellschaftlicher Macht über das arbeitende Volk, dient ihrem ganz und gar nicht selbstlosen Verlangen, diese Macht aber auch gebührend ausüben zu dürfen: "Hier geht es um das unveräußerliche Recht der Arbeitnehmer auf Demokratie in der Wirtschaft. Es geht um Mitbestimmung und Mit- verantwortung. Das ist der Weg des DGB nach 1945... Adenauer sagte ..., es gehe dabei um die innere Befriedung des deutschen Volkes." (Quelle 10/80) Auf der anderen Seite ist unüberhörbar, daß die so kämpferisch vorgetragenen Forderungen nach gebührender Repräsentanz der Ge- werkschaft im Kreis der Verwalter nationaler Größe nur die Be- gleitmusik der abgrundtiefen Zufriedenheit und des unverschämten Selbstbewußtseins sind, solche Rechte längst nicht mehr nur for- dern zu müssen, sondern zu besitzen. So anmaßend sprechen nur Re- präsentanten einer Institution, die ihren Platz im demokratischen Gemeinwesen hat und mit Begeisterung ausfüllt; Repräsentanten, denen es schon zur lieben Gewohnheit geworden ist (genau wie den Politikern, die, wenn sie vom Volk reden, die staatlichen Ansprü- che ans Volk meinen), die Institution Gewerkschaft und ihre An- sprüche ins Feld zu führen, wenn sie vom "deutschen Arbeitnehmer" reden. Für diese Leute ist das Recht auf Mitbestimmung wirklich keine politische Festlegung auf die b e d i n g u n g s l o s e Zustimmung, keine bloße V e r p f l i c h t u n g zur Absage an eine gewerkschaftliche Gegenwehr, also auch keine politische B e s c h r ä n k u n g ihrer Ziele und Mittel. Die Zustimmung, Verpflichtung und Beschränkung ist i h r e i g e n e s I n t e r e s s e - nicht einmal der Preis, den sie für die Mit- bestimmung schweren Herzens zu zahlen bereit wären. Die Mitbe- stimmung, das offizielle "Zugeständnis" der geregelten Mitspra- che, ist daher für sie auch eine einzige großartige Möglichkeit mitzumachen, selber mit Politik zu treiben und sich zu profilie- ren, in diesem Staat Karriere zu machen, sich zu bereichern - kurz alles zu machen, was zur schweren Bürde politischer Verant- wortung in unserer Demokratie so dazugehört. Und in der Tat! Mit Manteltarifverträgen, Lohnabschlüssen, Ratio- nalisierungsabkommen und Sozialplänen ist die Organisation der Arbeiter schon immer mit zuständig dafür, daß die Arbeit schwerer und das Leben vom Lohn schwieriger gemacht wird. Die "Unternehmerwillkür" schränkt sie derart ein, daß jede Über- stunde, jede Kurzarbeit, jede Entlassung und jede Rationalisie- rungsmaßnahme ganz tarif- und rechtmäßig und mit der Unterschrift der Gewerkschaft oder des Betriebsrats versehen abgewickelt wird. Von der gesamtwirtschaftlichen Verantwortung für die rechte Be- nutzung der Arbeitskraft ganz abgesehen, die der Gewerkschafts- bund in Aufsichtsräten, Versicherungsvorständen, Parlamenten und Kanzlerjets mit Tat und Rat wahrnimmt. Als wäre das noch nicht ausreichend und ein Grund zur organisierten Gegenwehr, was Kapi- tal und Staat aus dem Zwang, für Geld arbeiten zu müssen, für sich machen, bekommen es die Arbeiter auch noch ständig mit ihrer Organisation zu tun - als Instanz, die über sie nach Maßgabe des Nutzens beschließt, den die Nation von ihrer Arbeit erwartet; und als Instanz, die dabei laufend sich ins Spiel bringen und die er- rungenen Positionen im Getriebe der politischen Macht sichern will. Die Arbeiter dürfen mit der treulichen Erfüllung all der gesetzlichen Erlaubnisse fürs Kapital, die ihre Interessenver- tretung fristgemäß besiegelt, den Beweis antreten, daß sich die Mitbestimmung f ü r d i e N a t i o n lohnt. Und die Gewerk- schaftler achten in allen Bereichen ihrer konstruktiven Zusam- menarbeit mit den 104 Machern von Wirtschaft und Politik, daß sich dieser Beweis auch f ü r s i e lohnt. Von der betriebsrätlichen "Arbeit" vor Ort über die Tarifpolitik und die Aufsichtsratstätigkeit bis zum Ein- treten für ein "Europa der Arbeitnehmer" im Europaparlament, überall unterwerfen Gewerkschaftler ihre aufopferungsvolle Tätig- keit dem einen harten Kriterium: Wie taugt sie am besten zur Selbstdarstellung unserer Leistung für diejenigen und vor denje- nigen, auf die es ankommt; wie taugt sie also auch zur Profilie- rung desjenigen, der da auf schwierigem Posten seine wichtige Aufgabe erfüllt. Dafür wissen jung- und altgediente Gewerk- schaftsfunktionäre sehr säuberlich zu unterscheiden, auf wen es wie ankommt. Die gewerkschaftlichen B e t r i e b s p o l i t i k e r, die die Pflichten des Betriebsverfassungsgesetzes ganz eifrig erfül- len, mit dem "ernsten Willen", den "Arbeitsablauf oder den Frie- den des Betriebs nicht zu beeinträchtigen", im Namen der Beleg- schaft den ordnungsgemäßen Charakter betrieblicher Maßnahmen zu bescheinigen, lassen selten den Verdacht aufkommen, sie würden sich für Arbeiterinteressen stark machen. Sie lassen sich für drei Jahre wählen, um unbehelligt von ihrer Betriebsmannschaft, aber unter beständiger Berufung auf deren = ihre Rechte ihrer Vertreterpolitik nachgehen zu können. Während des Wahlkampfes - des einzigen Kampfes, den ein Betriebsrat führt und führen darf - läßt er sich schon einmal öfter in den Abteilungen sehen oder entfaltet demonstrativ "Aktivitäten". Daß es zur Wahl dazugehört, sich volkstümlich zu geben, hat er den Politikern erfolgreich ab- geschaut. Ansonsten beschränkt sich ein versierter Betriebsrat auf die Mitteilung der Beschlüsse des Unternehmens, die er unter- schrieben hat, und zwar so, daß seine Leistung gebührend gewür- digt werden kann. Schließlich ist er mitbeteiligt an Betriebsent- scheidungen, und an dieser Beteiligung mißt sich nicht nur seine Zustimmung, sondern auch seine S e l b s t d a r s t e l l u n g. Verbale Proteste gegen betriebliche Planungen gehören da ebenso dazu wie ein paar saftige Lügen gegenüber den "Kollegen", was der Betrieb mit ihnen alles gegen den Willen des Betriebsrats vor- habe. So wird aus Rationalisierung, Kurzarbeit, Sonderschichten und Sozialplänen mit der Unterschrift des Betriebsrats jedesmal ein "tragfähiger Kompromiß", den Betriebsräte einerseits als ih- ren Erfolg feiern, für dessen unangenehme Seiten sie andererseits jede Verantwortung ablehnen. Betriebsversammlungen geraten zu einer angeberischen L e i s t u n g s s c h a u des Betriebs- rats. Da hält er das kritische Koreferat zu den Ankündigungen der Betriebsleitung und spart nicht mit demonstrativer Kritik gerade wegen der Einsicht in die unternehmerischen Notwendigkeiten. Da kann ein Betriebsrat schon einmal mit Taschenrechner und Stati- stiken den Managern Nachhilfeunterricht in betriebsökonomischen "Sachzwängen" erteilen. Hätten sie auf den Betriebsrat gehört, wäre das, was er jetzt wohl oder übel unterschreiben "muß", nicht nötig gewesen. Noch jedesmal gipfeln solche Feierstunden der De- mokratie hinter dem Fabriktor in dem Generalvorwurf, mit dem es jeder Betriebspolitikexperte den Unternehmern wieder einmal "gibt": Er ist angeblich nicht genügend zu Rate gezogen worden und hat gleichwohl bzw. damit den Standpunkt der Belegschaft zur Geltung gebracht. So als ob sich die Betriebsmaßnahmen vor s e i n e m kritischen Urteil zu bewähren hätten, und als machte er nicht umgekehrt aus seiner Zustimmung einen kritischen Beur- teilungszirkus, wirft er sich in die Brust: "In der über fünf Stunden dauernden Sitzung" (ein Arbeiter würde sich mit dem Spruch "In meiner über acht Stunden dauernden Ar- beitszeit" lächerlich machen, ein Betriebsrat macht sich aber wichtig!) "wurden Pro und Contra der Sonderschichten diskutiert. Als erstes Ergebnis kann vom Betriebsrat festgestellt werden, daß die gegebenen Informationen widersprüchlich sind. Die Begründung der Geschäftsleitung zur Notwendigkeit der Sonderschichten war für den Betriebsrat weder klar noch verständlich." (Opel-Be- triebsrat) So führt sich ein Betriebsrat auf, der nach seiner selbstver- ständlichen Unterschrift unter jede Sonderschicht die Behauptung in die Welt setzt, sie seien ein Beweis für den Erfolg "seines" früheren Sanierungskonzeptes, sprich einer betrieblichen Rationa- lisierung mit 4.000 Entlassungen! Genausogut beherrschen diese gewerkschaftlichen Unterfunktionäre des Personalmanagements die umgekehrte Tour, die Werbung mit ei- ner bedingungslosen Zusammenarbeit mit den eigentlichen Managern. Alles für den Erfolg des Unternehmens!, so repräsentieren sie den "Willen der Belegschaft": "Die Belegschaft der Bayerischen Motorenwerke ist sich der Not- wendigkeit der Opfer bewußt. Die Belegschaft ist stark genug." (Betriebsrat BMW) Was Wunder, daß diese Repräsentanten gewerkschaftlicher Ordnungs- macht im Betrieb ihre Sternstunden erleben, wenn sie in einem großen Unternehmen aus längst abgesegneten Maßnahmen unter Ein- satz der Betroffenen eine lokalpolitische Demonstration machen können. "Für den Bau eines Stahlwerks jetzt", "Für den Erhalt der Stahlbasis Dortmund!", usw. Unter solchen Parolen demonstrieren Betriebsratschefs im Verein mit Gewerkschaftsfunktionären und Lo- kalpolitikern - zumal sie dasselbe auch noch in einer Person sind - an der Spitze ihrer Belegschaft auf Marktplätzen. Verhindert wird damit keine einzige Entlassung, kein "Arbeitsplatz geschaf- fen", nicht einmal die sowieso schon beschlossenen Subventionen für den "notleidenden Konzern" erhöht. Aber die Wichtigkeit und Verantwortung von Betriebsräten in Betrieb, Kommune und Land wird demonstriert und durch Presse, Politiker wieder einmal öffentlich anerkannt. "Starke Betriebsräte durch eine starke Gewerkschaft" und umge- kehrt, heißt die Parole. Für den Erhalt und Ausbau dieser ihrer Macht "vor Ort" beschwört die Gewerkschaft beständig die vor den Fabriktoren stehengebliebene Demokratie und meldet bei den Poli- tikern ihre Wünsche nach einem Ausbau ihrer Personalmitverwal- tungsbefugnisse an: "Eine umfassende Einflußnahme des Betriebsrats bei globalen Fra- gen der Personalplanung muß durch eine gleichberechtigte Mitbe- stimmung bei den personellen Einzelmaßnahmen ... ergänzt werden ... erzwingbares Initiativrecht ... stärkeren Einfluß auf unter- nehmerische Entscheidungen ... großzügigere Freistellungsmöglich- keiten ... kein übersteigertes Verhältniswahlrecht ... als ein Stoß gegen die Einheitsgewerkschaft." (Quelle 1/82) Kurz, am liebsten hätte die kooperationswillige Gewerkschaft eine staatliche Garantie auf ein unbedingtes Monopol bei der rechtli- chen Abwicklung aller betrieblichen "Personalentscheidungen" über den profitabelsten Einsatz der Arbeitskräfte. Gewerkschaftspoli- tiker, die den Haken des Betriebsverfassungsgesetzes nicht in der Verpflichtung auf den sozialen Frieden, sondern in der immer noch nicht ausreichenden Erlaubnis sehen, ihn mitzusichern, sind al- lerdings für diese "Ungerechtigkeit" längst entschädigt worden - mit einer "überbetrieblichen Mitbestimmung", die Gewerkschafts- funktionären das Recht einräumt, auf Aufsichtsratsposten den flotten Gang der Geschäfte mitzuplanen und zu überwachen. Da sit- zen die bekannten Vertreter der Gewerkschaft, die bei Gelegenheit über Unternehmermacht und -willkür wettern, fernab ihrer "Basis" endlich mit an den Schalthebeln unternehmerischer Macht und neh- men sie gegen die Arbeiter wahr. Angesichts dessen, wie selbst- verständlich und zufrieden DGB-Ärsche sich über die Notwendigkeit der Wirtschaft und der Betriebsleitungen den Kopf mitzerbrechen dürfen und mitzerbrechen, ist es nachgerade lächerlich, bei Gele- genheit immer wieder einmal Korruption in den Reihen der Führung zu entdecken. Die hat schließlich längst die Form der gewollten, erlaubten und geregelten Zusammenarbeit in den Chefetagen, und die Gelder der Neue-Heimat-Spekulanten stammen sicher nicht nur aus den Gewerkschaftsbeiträgen. Gewerkschaftler, die ihren "Kollegen" nur noch den Wunsch nach Erhalt ihrer Aufsichtsratspo- sten von den Lippen ablesen wollen, lassen sich diese Krönung in- nerbetrieblicher Demokratie nicht gerne beschneiden, können und wollen aber auch keinen Kampf auf Vorstandstischen entfachen. Daß Politiker und Unternehmer ihnen einige liebgewonnene Posten streichen wollen, kränkt sie zutiefst und veranlaßt sie dazu, auf ihren konstruktiven Beitrag zum Gedeihen dieser demokratischen Republik hinzuweisen: "Ausgerechnet in einer Zeit äußerster weltpolitischer und welt- wirtschaftlicher Herausforderungen will die FDP die Gewerkschaf- ten aus der Mitverantwortung herausdrängen, indem sie die Montan- Mitbestimmung zu zerstören sucht. Die deutschen Gewerkschaften haben in der Montan-Mitbestimmung wie anderswo einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung unserer Gesellschaft und zum sozialen Frieden in unserem Lande geleistet ... Im Ergebnis stärkt die FDP die Kräfte, die einen anderen" (kommunistischen) "Staat wollen. Statt Mitverantwortung wird Klassenkampfdenken geradezu heraus- gefordert." (Quelle 2/81) - und da sei das mehrfache Aufsichtsratmitglied Loderer davor. Also beklagt sich die Gewerkschaft, wie wenig ihr die Verantwor- tung gedankt wird und beschwört den Untergang der Demokratie mit einem Zitat von Wehner: "Wer an der Montan-Mitbestimmung rührt, rührt am Nerv der Repu- blik." (IG Metall-Flugblatt) Ihre Mitglieder schickt sie für die "Hoffnung auf eine faire Aus- tragung von Konflikten" (Vetter) einmal demonstrativ auf die Straße - und widmet sich wieder ihrer "Bewältigung nationaler Herausforderungen". Nach der beschlossenen Revision der Montan- Mitbestimmung hat der DGB seinen Protest sang- und klanglos in der Mottenkiste der "erkämpften Errungenschaften der Arbeiterbe- wegung" verschwinden lassen. Die Wucht der Mitbestimmung liegt schließlich nicht in der ab und zu verbreiteten Lüge, durch sie sei das Arbeitsleben schöner, weil demokratischer geworden, son- dern in dem festen Willen der Gewerkschaft, sich der gewährten Rechte auch an jeder Stelle und bedingungslos würdig zu erweisen. Und dem ordnet sich das Verlangen nach einem politischen Lohn für Gewerkschaftsfunktionäre noch allemal unter. Dafür lassen es sich dieselben Herren, bei aller demonstrierten Zurückhaltung in der Sache Lohn, nicht nehmen, aus Tarif runden Beweise für ihr Anrecht auf politischen Respekt zu machen: Einer- seits dadurch, daß sie jeden Gegensatz beseitigt haben und Tarif- autonomie nur noch so wahrnehmen, daß jedes Unternehmerinteresse auch schon zum eigenen Diktat wird. Andererseits aber dadurch, daß sie an Zehntelprozenten den Nachweis ihrer Selbständigkeit führen, also einen propagandistischen Streit um ihre Tarifautono- mie und gegen Unternehmerdiktate führen. Sie, die längst jedes gewerkschaftliche Auftreten als eine einzige Gefährdung ihres An- sehens ansehen, weil sie immer noch als Instanz der Anmeldung von Arbeiterinteressen betrachtet werden, lassen sich da wohlkalku- liert und wohldosiert gewerkschaftliche Kampfmittel einfallen. Immer wieder fallen Leuten wie Kluncker die Sorgen der von ihnen Vertretenen ein, wenn sie ihre sozialpartnerschaftliche Rolle herausstreichen wollen. Und immer wieder einmal dürfen diejeni- gen, über die da gerade entschieden ist, dem gewerkschaftlichen Anspruch Nachdruck verleihen, für den Verzicht auf störende For- derungen auch die Rechte wieder einmal verbrieft und die Verant- wortung zugestanden bekommen, die nun wirklich heutzutage niemand mehr der Gewerkschaft streitig machen will, weil sie sie genauso wahrnimmt, wie sie gedacht sind: "Kluncker betonte, es gehe nicht um eine Weigerung der ÖTV, über einen Beitrag der Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst zur Sparpo- litik nachzudenken. Dieser habe jedoch in regulären Verhandlungen zwischen mündigen Tarifpartnern zu geschehen." So verteidigt die Arbeitervertretung ihre Berechtigung als ge- sellschaftspolitische Institution, klagt sie bei Unternehmern und Politikern moralisch ein und fördert damit immerhin eine Wahrheit zutage. Selbstverständlich ist die offiziell zugestandene Rolle als Sozialpartner und "gesellschaftliche Kraft" wirklich nicht; und nur der Wille, sich ihrer unbedingt würdig zu erweisen, ga- rantiert auch die willige staatliche Gewährung der entsprechenden Rechte. Je mehr sich allerdings die gewerkschaftliche Kooperation mit und für deutsche Politik in den höheren Sphären explizit politischer Zuständigkeiten abspielt, umso mehr wird auch der Schein einer Verteidigung "erkämpfter Positionen" überflüssig und weicht dem Gehabe zufriedener Politiker, die ihre Leistungen anmaßend zur Schau stellen. Da dokumentieren Gewerkschaftsvertreter ganz unge- niert wirtschaftspolitischen Sachverstand bei allen Fragen natio- naler Reichtumsvermehrung in beständigen "konzertierten Aktionen" mit Bossen und Politikern; da sitzen eine Menge Gewerkschaftler als Parlamentarier in Bonn und beschließen über Aufrüstung und staatlich verordnetes Sparen für das Volk; da kommt dem Kanzler bei Gelegenheit der Spruch "liebe Gewerkschaftskollegen" genauso leicht über die Lippen, wie umgekehrt Vetter & Co. in deutschen und anderen Landen sich als Repräsentanten deutscher Politik vor- stellen; da bevölkern Gewerkschaftler streng parteienproportional Staatssekretärs- und Ministerämter, gehen Gewerkschaftskarrieren bruchlos in Parteiämter über und umgekehrt - und alles im Namen der Arbeiter und im Dienste der Nation. Die Einheitsgewerkschaft = überparteiliche Staatsgewerkschaft ------------------------------------------------------------- Der "erfolgreiche Kampf" um "ein Gesamtsystem von Beteiligungs- rechten der Arbeitnehmer" hat einen Spruch aus vergangenen Tagen - "Arbeit macht frei" - erst so recht zur nationalen Geltung ge- bracht. Der Arbeitsmann kann unter den beschlossenen Bedingungen unbeschwert arbeiten, hat nicht auf Gut und Geld zu sehen, son- dern fleißig und opferbereit, also frei von jedem Materialismus zu sein - die Gewerkschaft aber genießt die Freiheit, unbeschwert von den Notwendigkeiten des Arbeitslebens den nationalen Nutzen der Arbeit mitzuorganisieren, das als Institution im Staatsleben zu repräsentieren und bei allem einzig darauf zu achten, daß sie davon profitiert. Sie ist also längst nicht mehr eine Koalition der Lohnarbeiter zur Verteidigung ihrer ökonomischen Anliegen, sondern die Organisation des Bedürfnisses und Ansinnens, sich von den ökonomischen Notwendigkeiten der arbeitenden Volksmehrheit freizumachen, sich an ihrer ökonomischen und politischen Verwal- tung zu beteiligen. Insofern verdankt sie nicht zufällig ihre Entstehung auch nicht den Kämpfen der Mitglieder, sondern dem In- teresse der Alliierten und Grundgesetzväter nach einer demokrati- schen Benutzung gewerkschaftlicher Macht für ein solides Staats- wesen ohne Arbeiterbewegung - und dem Interesse von Gewerkschaft- lern der "ersten Stunde" nach Beteiligung am Staatsaufbau. So wirkt sie seit den Anfängen der Bundesrepublik als zufriedene Ordnungsmacht dort, wo die Parteien selber nicht unmittelbar be- friedend wirken können - in der Auseinandersetzung zwischen Kapi- tal und Arbeit. Sie erlaubt den Politikern, sich in der Sicher- heit sozialfriedlicher Erledigung des Klassengegensatzes ganz ih- rer politischen Freiheit in der Benutzung des Volkes nach innen und außen zu widmen. Damit eröffnet sie sich das weite Feld der Konkurrenz mit den Unternehmern um Einfluß im Staat und des zu- friedenen Genusses politischer Machtbeteiligung mit kritischer Begleitmusik. Dieser freiwillige nationale Arbeitsdienstverein ist die wahre S t a a t s p a r t e i d e r A r b e i t und gesellt sich deshalb ganz verantwortlich und bescheiden den demokratischen Parteien zu und unter. Für die Behauptung, der Staat habe recht eigentlich das Anliegen und Werk der Arbeiter zu sein, steht der DGB ein, und zwar dadurch, daß er die Arbeiter zum Mittel seiner politischen Mitwirkung und damit auch zum frei verfügbaren Mittel für jeden politischen Anspruch macht. Und für diese Leistung for- dert er und behauptet er das Monopol, das Monopol an Zuträgerlei- stungen und Mitwirkungsrechten an allen Notwendigkeiten demokra- tischen Regierens nämlich - jenseits und "politisch neutral" ge- genüber aller Parteienkonkurrenz. Das ist das Prinzip der E i n h e i t s g e w e r k s c h a f t, daß sie sich keiner "Ideologie" mehr verpflichten will außer der, daß jeder Anspruch des Arbeiters in seiner demokratischen Mitverwaltung durch den DGB aufgehoben und erfüllt ist: "Die Einheitsgewerkschaft ist aus den Erfahrungen der Arbeitneh- mer vor und während der Weimarer Republik und der Verfolgung der Nazidiktatur entstanden. Sie hat die historischen Traditionen, politischen Richtungen und geistigen Ströme der Arbeiterbewegung, vor allem der freiheitlichsozialistischen und der christlich-so- zialen Richtungen, in eine gemeinsame Organisation zusammenge- führt. Sie erübrigt konkurrierende Gewerkschaften." (DGB-Grund- satzprogramm) Interessant zu wissen, daß es der Arbeiterbewegung niemals um die Händel zwischen Arbeit und Kapital gegangen ist, sondern um gei- stesgeschichtliche Strömungen und politische Verwurzelung in staatstragenden Parteien, bei denen man nicht zufällig an SPD und CDU denken soll! Von politischen Richtungen, die noch einen An- spruch der Arbeiter an den Staat erkennen lassen, und von Ausein- andersetzungen innerhalb der Gewerkschaft um die politische Linie will Vetter nichts mehr wissen. Der DGB versteht sich also als der eigentliche Wahrer der Demokratie und damit hat dieser frei- zügige Dienstleistungsbetrieb für jede nationale Regierung nicht ganz unrecht. Er steht wirklich zu jeder Koalition im Lande, mag sie von Adenauer, Brandt, Schmidt oder Strauß angeführt werden. Seine "engen Bindungen" an die SPD, für die er des öfteren als Wahlwerbungsverein eintritt, leiten sich einzig daraus ab, daß diese Partei die Gewerkschaften gebührend als Garanten des Modell Deutschland und Zuträger von Wahlstimmen würdigt. Die CDU dagegen erhebt des öfteren den Vorwurf vom Gewerkschaftsstaat, weil sie nicht gleichermaßen auf das gewerkschaftlich organisierte Stimm- vieh setzen will. Das hält die Gewerkschaften keineswegs davon ab, auch mit den "Reaktionären" im Land sich prächtig zu verste- hen. Der "Wert der Arbeit" und des DGB für die Nation steht über allem Parteiengezänke, so daß ein Loderer der bayerischen IG Me- tall bei Gelegenheit anempfiehlt, einen Sekretär zu wählen, des- sen gewerkschaftliche Qualifikation in seiner CSU-Mitgliedschaft besteht. Dafür genießt und verteidigt der DGB aber auch das Pri- vileg, ohne Konkurrenz zu sein bei seiner Definition dessen, was "deutsche Arbeitnehmer fordern"! Seine Anstrengungen gelten kei- nem besonderen Interesse, sondern einem gesunden deutschen Staat. Vertreten wird nicht der A r b e i t e r, sondern der B ü r g e r in ihm: "In der Einheitsgewerkschaft haben sich Arbeitnehmer unterschied- licher Religion, Weltanschauung und politischer Überzeugung zu- sammengeschlossen. Dies ist entscheidend: Damit ist die verhäng- nisvolle Spaltung in 'Richtungsgewerkschaften' unterschiedlicher parteipolitischer Anbindung überwunden worden." (Vetter) Die schönsten Stunden erleben Gewerkschaftsführer daher immer dann, wenn sie sich im Kreise Gleichgesinnter von Schmidt über Kardinal Hoffner bis Strauß unter Ausschluß der Mitglieder als nationale Kraft und anerkannte Institution staatsfeiern oder fei- ern lassen; wenn zum 30. Jahrestag des DGB Repräsentanten staats- treuer Wissenschaft und Öffentlichkeit dem deutschen Arbeiter be- stätigen, durch seine Vertretung dem Staatsaufbau gedient zu ha- ben; wenn am Staatsfeiertag der Arbeit Politiker und Gewerk- schaftspolitiker ihre Einheit demonstrieren; oder wenn ein schei- dender Gewerkschaftsvorsitzender aus der Hand seines höchsten Bonner Kollegen das Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgehän- digt bekommt, einfach dafür, dreizehn Jahre lang der Bundesrepu- blik Deutschland an verantwortlicher Stelle treu gedient zu ha- ben. Dann können sie zufrieden und ohne den lästigen Ruch, der einem Arbeitervertreter im Reich der Volksvertreter so leicht noch anhaftet, sich in der Anerkennung sonnen, endgültig in den höheren Sphären der Macht ihre Heimat gefunden zu haben. Die Basis - das Arbeitsvolk des DGB ----------------------------------- Einheitsgewerkschaft, das verstehen die Vertreter der Arbeit auch gegenüber ihren Mitgliedern ganz nach der Devise ihrer Vorbilder aus der großen Politik: Was das Volk zu wollen hat, bestimmen wir! Sie stützen sich nicht auf ihre Millionen Gewerkschaftsmit- glieder, sondern organisieren sie als brauchbare Mittel für die Institution Gewerkschaft: "Die interne Vielfalt verpflichtet auf der Grundlage der Toleranz zu einer eigenständigen und unabhängigen Willensbildung, die die gemeinsamen Interessen aller Arbeitnehmer zum Ausdruck bringt. Weltanschauliche und politische Ideologien, die die Gewerkschaf- ten für ihre Zwecke mißbrauchen wollen, sind mit dem Gedanken der Einheitsgewerkschaft unvereinbar." (DGB-Grundsatzprogramm) Unabhängig ist die Willensbildung vor allem von jeder Rücksicht- nahme auf eventuelle Mitgliederinteressen. Die werden von Tarif- kommissionen etc. definiert, und die Eigenständigkeit und Unab- hängigkeit der Diskussion auf Gewerkschaftsversammlungen, so sie überhaupt stattfinden, sind bekannt. Befohlener und abrufbarer Gehorsam gegenüber dem Willen der Funktionäre, das ist die eine Seite der Toleranz, die von oben mit der Basis geübt wird. Die andere Seite heißt "Solidarität" und ist die rechte Ideologie für den Gebrauch der Mitglieder als Basis: "Solidarität ist keine Einbahnstraße! Sie muß durch ein freimüti- ges Geben und Nehmen immer wieder erneuert werden." Die Zeiten sind glücklich vorbei, wo Gewerkschaftsfunktionäre Ar- beiterinteressen organisiert haben und darüber zu vaterlandslosen Gesellen geworden sind. Heute haben sie eine gewerkschaftliche Basis, d.h. ein Fußvolk für die Organisation, das sich um das, was die Politik des DGB ihnen beschert, nicht zu kümmern hat und in seiner Gefolgschaftstreue als Beweismittel der politischen Un- entbehrlichkeit des DGB für Staatsmänner, Kapitalisten und Öf- fentlichkeit vorführbar zu sein hat. Die Basis dient als auf- und abrufbare Staffage für die Gewerkschaftsrepräsentation, die schließlich immer "im Namen der Arbeiter" passiert. Da ist es kein Wunder, daß die Führer der deutschen Arbeitsfront, denen die nationale Verantwortung ins Gesicht geschrieben ist, ein beson- deres Verhältnis zur "Arbeitswelt" haben: Besucht Vetter einmal eine Belegschaft, so heißt dies im unverwechselbaren Gewerk- schaftsjargon, er sei "unmittelbar vor Ort" gewesen, nach dem Mu- ster von Schmidt & Co., die zu Wahlkampfzeiten unter öffentlicher Anteilnahme einmal zum Wählerhändeschütteln in die Grube und wie- der heraus fahren. Dennoch wollen Vetter und Konsorten nicht ein- fach mit Politikern verglichen werden. Die müssen sich nämlich alle vier Jahre dem Wählervolk stellen und neigen nach Ansicht des DGB zu "parteipolitischen Winkelzügen", weil sie sich von Lust und Laune der Wähler zu leicht abhängig machen. Die Sauber- männer der Nation dagegen erfüllen ihr Leben an der Spitze inner- gewerkschaftlicher Demokratie einerseits wie Beamte, nur gewählt durch Spitzenkreise und nur dem Ganzen des Vereins verantwort- lich, andererseits aber ausgestattet mit einer "Hausmacht" und "Konkurrenten", kurz allen schönen Verlaufsformen innerparteili- chen Strebens nach Macht und Einfluß. Die Basis darf dabei gerade noch den Schein eines regen innergewerkschaftlichen Lebens ent- falten und bei ernsteren Anlässen die Klappe halten, weil ihre freie Meinung schon längst in den besten Händen ist; und ihre In- teressen sowieso. Auf die Überzeugung, daß das Mitmachen bei der Gewerkschaft sich lohnt, will der DGB nicht setzen. Er will sie auch gar nicht erst verbreiten, geschweige denn für das Lohnen sorgen. Aber haben will er sie schon, die deutschen Arbeiter, denn auf ihrer Zahl beruht schließlich seine Berechtigung als Ordnungsmacht. Also wird mit dem möglichen Schaden bei eventuellen gewerkschaftlichen Aktionen, mit dem Hinweis auf die "Trittbrettfahrer" geworben, die angeblich einfach Vorteile von der Gewerkschaft wollen, statt ihre Pflicht für sie zu erfüllen und Beiträge zu zahlen. Am lieb- sten würde er alle staatlich zwangs-verpflichten lassen, gewis- sermaßen als berechtigte Folge der Tatsache, daß sie automatisch unter die gemütlichen Ergebnisse seiner Mitbestimmung fallen. Und am liebsten würden die Obergewerkschaftler ihre Basis genau ent- sprechend ihren Vorstellungen zu beitragszahlenden Karteileichen, freudigen Erster-Mai-Gängern, ein paar braven und karrierebewuß- ten Funktionären, gehorsamen Wählern, kurz: zu den jeweils gerade anstehenden solidarischen Diensten für die Organisation abrich- ten. Denn die vielbeschworene Einheit ist den Vertretern dieser Einheit immer nicht einheitlich genug. Überall entdecken sie Spalter der Gewerkschaftseinheit, die sich nicht umstandslos der Linie unterordnen, auch wenn sie bloß meinen, es stünde dem Anse- hen der Gewerkschaft gut an, wieder einmal einen Streik zu insze- nieren. Wer gewerkschaftliche Betriebsratspolitik kritisiert oder gar auf einer anderen als der genehmen Liste kandidiert, wer nach dem Nutzen der Mitbestimmung für die Arbeiter zu fragen wagt, wer von der kritischen Gewerkschaftsjugend seinen Idealismus zu ernst nimmt, wer zu sehr für Frieden und nicht für Frieden gegen Osten und mit Bundeswehr und NATO ist, wer nichts von gewerkschaftli- chen Staatsfeiern am 1. Mai hält, oder wer gar das Interesse am Lohn auch nur halbwegs ernsthaft und nicht auf Bestellung für Ta- rifverhandlungen anmeldet, der ist die längste Zeit Gewerk- schaftsmitglied gewesen. Der erfährt die Wucht solidarischer und einheitlicher Durchsetzung von Unvereinbarkeitsbeschlüssen: Keine Toleranz mit den Feinden der Toleranz! So jemand will die Gewerk- schaft für seine Ideologie zweckentfremden und wird über kurz oder lang dem einzigen Feind zugeschlagen, den unsere Gewerk- schaft wirklich noch kennt: "Daß Kommunisten nicht zu den Wurzeln der Einheitsgewerkschaft gehören, dabei bleiben wir." (Vetter) Der Gegner des deutschen Arbeiters ist eben nicht das Kapital, das ihn ausbeutet, sondern jeder, der irgendwie auch nur den Ver- dacht erweckt, gewerkschaftliches Bewußtsein mit Arbeiterinteres- sen zu verwechseln, was zwangsläufig Gegnerschaft zum Staat ein- schließt! Für den DGB ist dergleichen schon deshalb untragbar, weil er schließlich nach innen wirklich einen Gewerkschaftsstaat eingerichtet hat, mit Alleinvertretungsanspruch, Volk und Füh- rern. An jedem Verstoß gegen diese Prinzipien entdeckt er den An- griff gegen eine tragende Säule unserer Demokratie und damit ge- gen diese selbst: Gewerkschaftsstörend, das ist staatszerstörend, und mit dem wird entsprechend verfahren. Einen solchen Störer lassen demokratische Einheitsgewerkschaftler ihre Macht spüren und auf den lassen sie bei passender Gelegenheit auch die Mit- glieder zum solidarischen Schlägern los. Ein Interesse dürfen die Mitglieder nämlich immer anmelden: das nach Verteidigung ihrer Vertretung, die sonst jedes Arbeiterinteresse dem Arbeits- und demokratischen Untertanendienst für die Nation opfert. Kapitel V --------- Der DGB und die Weltpolitik: ---------------------------- Offensiver Nationalismus im Namen der deutschen Arbeit ------------------------------------------------------ Auf die Mitbestimmung hält sich der DGB viel zugute - und dem Staat, der sie gestattet, ebenfalls. Als P a r t n e r von Staat und Kapital darf sich die Einheitsgewerkschaft ganz dem S t r e i t u m g u t e P o l i t i k verschreiben. Diese Or- ganisation hat davon Abstand genommen, sich wegen der Dienste und Kosten, die ihren Mitgliedern tagtäglich auferlegt werden, stö- rend bemerkbar zu machen. Stattdessen leitet sie aus den lebens- langen Pflichten und Nöten der Lohnabhängigen das R e c h t ab, bei der Durchsetzung der "wirtschaftlichen Vernunft" mitzuwirken. Darin verfährt der DGB sehr konsequent. Einerseits bemüht er sich wie seine Partner aus Politik und Wirtschaft unentwegt um die öf- fentliche Verbreitung der Lüge, daß es den "Arbeitnehmern" umso besser gehe, je erfolgreicher Staat und Unternehmen zu Werke gin- gen. Daß die Erfolge von Staatskasse und Betrieben die vom DGB organisierten Arbeitsbürger ziemlich beanspruchen, weil sie nur durch ihre Leistungen und Beschränkungen Zustandekommen, ist den maßgeblichen Anwälten der arbeitenden Klasse kein großes Problem. Alle Zumutungen gegenüber den "sozial Schwachen" verlegen sie ganz einfach in die Rubrik "Fehler und Versäumnisse": a n e r k a n n t wird da ohne weiteres die "Schwierigkeit", mit einer leeren Staatskasse eine anständige Sozialpolitik zu betrei- ben, und v e r l a n g t wird eine Sanierung des Haushalts, dessen Verschuldung gerade wegen der unerläßlichen Rüstungsbe- dürfnisse des Staates auf eine Rekordhöhe festgesetzt wird. A n e r k a n n t wird genauso der Gewinn als Erfolgskriterium der Unternehmen, und angesichts von Entlassungen, die für den Ge- winn vorgenommen werden, v e r l a n g t die Gewerkschaft die Beseitigung der "roten Zahlen". Wirtschaftspolitiker und Manager müssen sich vom DGB unablässig vorhalten lassen, die ihnen über- tragenen Aufgaben nicht bewältigt zu haben; sie werden beschul- digt, die Segnungen ihres Geschäfts nicht ordentlich zustandezu- bringen - und ihr "Versagen" dient als Anlaß, eine K r i s e nach der anderen auszurufen. Andererseits sind diese Art von Vor- würfen weder dazu geeignet noch darauf berechnet, den "Sozialpartnern", die sich ständig vor ihrer Aufgabe blamieren, den Kampf anzusagen. Der DGB hält ungeachtet aller gegenteiligen Erfahrungen - d i e machen ja seine Mitglieder - am Prinzip seiner Lüge fest: Wirtschaft und Nation in Ordnung - Wohl der ar- beitenden Menschheit gesichert! Seine Beschwörung von Krisen - der Politik, der Finanzen, des "sozialen Netzes", der Beschäfti- gung - ist stets der Auftakt für "g e m e i n s a m e A n s t r e n g u n g e n", die "wir alle" auf uns nehmen müs- sen, um wieder das zustande zu bringen, wovon wir alle abhängen: das nationale Geschäft. Wenn der DGB streitet, so um die beste Ausgestaltung der Schicksalsgemeinschaft, in der Staatsmänner, "Arbeitgeber" und "Arbeitnehmer" so unkündbar aufeinander ange- wiesen sind. "Einseitig" sieht ein demokratisch geschulter Arbei- tervertreter die soziale Marktwirtschaft jedenfalls nicht. Alles, wovon die Lohnabhängigen so a b h ä n g i g sind, ist für ihn Gegenstand der rücksichtsvollen Fürsorge. Weil "Arbeitnehmer" die Entscheidungen der Regierung zu spüren kriegen, pflegen die ver- antwortungsbeflissenen Herren und Damen des DGB den Vergleich zwischen den Politikern, die mit ihrer Partei Deutschland regie- ren wollen; das Ergebnis ihrer Überprüfung legen sie dann regel- mäßig ihren Mitgliedern ans Herz. In Form von "Wahlprüfsteinen" und -empfehlungen räumen sie jeden Verdacht gegenüber denen aus, die nichts Geringeres versprechen als eine effektive Verwaltung des Wirtschaftswachstums und "schwere Zeiten" für die, die es erarbeiten. Weil "Arbeitnehmer" von Berufs wegen auf Arbeit ange- wiesen sind und das Geld zum Leben nur kriegen, wenn sich die Ausnutzung ihrer Leistung auch lohnt, treten gestandene DGBler für den guten Geschäftsgang der deutschen Unternehmen ein und - so Vetter in der BILD-Zeitung - lassen "über manches mit sich re- den", wenn sich die anvisierten Opfer von Beschäftigten wie Ar- beitslosen im Rahmen ihrer Gerechtigkeitsvorstellungen bewegen. Kurz: der DGB macht sich zum A n w a l t d e r A b h ä n g i g k e i t von Staat und Kapital, und dabei ist ihm auch der Spruch von "der Kuh, die man nicht schlachten darf, wenn man sie melken will", nicht zu blöd. Ob ein Vorsitzender zu Be- ginn einer Tarifrunde wieder einmal ausrechnet, wieviel Lohnko- sten die Wirtschaft nicht verträgt, ob im Interview mit Massen- blättern von H.O. Vetter persönlich zum hundertsten Male zur Be- lebung der Investitionstätigkeit - natürlich im Namen der Ar- beitslosen - aufgerufen wird, ob das gewerkschaftliche Wirt- schaftsinstitut das neueste Gegengutachten über den erforderli- chen Aufschwung vorlegt: immer wird P r o p a g a n d a f ü r d e n E r f o l g d e r S t a a t s k a s s e u n d d e s G e s c h ä f t s betrieben. So fest ist man im DGB davon über- zeugt, daß die Lohnabhängigen an diesem Erfolg b e t e i l i g t werden: Gewerkschaftliche Politik besteht im "Kampf" um die Be- seitigung sämtlicher Hindernisse, die dem Kapital, von dem die deutschen "Arbeitnehmer" in den Augen der Gewerkschaft l e b e n, im Wege sind. 1. Der Internationalismus des DGB --------------------------------- besteht deshalb in der schamlosen Feier von sämtlichen Erfolgen deutscher Außenpolitik - und in der ebenso unverschämten Kritik an jeder anderen Nation, die sich nach Meinung der deutschen Ein- heitsgewerkschaft irgendwie als Hindernis des deutschen Außenhan- dels, der "Bündnis-", "Entspannungs-" und "Friedenspolitik" zur Geltung bringt. Selbstverständlich ist die jeweilige Gewerk- schaftsmeinung immer konform zur Regierungserklärung vom Vortage: vom S t a n d p u n k t d e r e i g e n e n N a t i o n, der durch seine Verkündung aus dem Munde eines IG Metallers fraglos mit den Interessen der "Arbeitnehmer" zusammenfällt, wird da je- der andere Nationalismus radikal kritisiert. Die U n v e r- n u n f t r e g i e r t i m A u s l a n d, und das macht den Machern der deutschen Weltpolitik die Erfüllung aller Aufträge so schwer, die ihnen von den Lohnabhängigen über die Vertreter im DGB erteilt werden. Alles, was dem eigenen Volk von seiner Regierung verordnet wird, ist eine - "leider" - notwendige "Reaktion" auf die Untaten, mit denen deutsche Politiker und Wirtschaftsbosse auf ihren Weltreisen konfrontiert werden. Be- zeugt wird diese verlogene Darstellung der weltpolitischen Durch- setzung der zweitgrößten Wirtschaftsmacht des freien Westens im- merzu durch mitreisende Gewerkschaftsvorsitzende, die sich über- all "vor Ort" von der Rechtmäßigkeit deutscher Interessen über- zeugen, aber nirgends eine Wirkung deutscher Politik bemerken, wenn sie etwas zum Klagen finden: "Wir alle verwahren uns, daß die Großmächte die Welt in Interes- sensphären, in Macht- und Einflußgebiete aufteilen. Das Elend der Flüchtlingsmassen, Massenvernichtung und Unterdrückung sind ein entwürdigender Niederschlag dieser Politik." Billiger ist demokratische Empörung wirklich nicht zu haben: Als wüßten die Reisegefährten von Graf Lambsdorff, Schmidt, Genscher und Amerongen nicht, was deutsche Politik und "Kapitalhilfe" in Afrika und Südamerika anrichten! Als wäre die eigene Regierung, wenn sie mit der ganzen Wucht des in Deutschland erzeugten Reich- tums auf dem Weltmarkt auftritt, um auswärtige Völker und Land- striche dem deutschen Wirtschaftswachstum dienstbar zu machen, nicht an der von "unseren amerikanischen Freunden" erhaltenden "Einflußsphäre" profitabel beteiligt! Als wäre die Tatsache, daß die Bundesrepublik wirtschaftlich und militärisch die Nr. 2 im NATO-Bündnis stellt, ein einziger Beleg für die weltpolitische Unschuld dieses Staates, dem jeder Gewerkschafter ansonsten einen Freibrief auf "unsere Interessen" in allen Gegenden der Welt aus- stellt! Wo immer diese Interessen erfolgreich zur Geltung kommen, vermel- det der DGB auch Erfolge seiner Mitglieder: Ob Siemens im brasi- lianischen Atomgeschäft, Mannesmann im Osthandel oder eine Werft im Bau von Kriegsschiffen für eine befreundete Diktatur die Pro- dukte deutscher Wertarbeit zu Kapital machen - im Grunde ist das alles ein Dienst am deutschen Arbeiter. Daß d e r fürs Geschäft arbeiten muß und der Lohn für seine Leistung so bemessen ist, daß der Gewinn immer, das "schöne Leben" nie garantiert bleibt, stört da wenig. Zwar gehören zur erfolgreichen Durchsetzung der Nation auf dem Weltmarkt inzwischen Entlassungen in Millionenhöhe, doch sind die für den DGB nur ein Grund, den Einsatz der Lohnabhängi- gen für die Nation in das Gegenteil umzudichten: "Wir" sind eine Exportnation, und in der schafft der Welthandel die Ar- beitsplätze. Wenn einerseits Entlassungen sein müssen, weil Ra- tionalisierungen die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie stärken, also Arbeitsplätze s c h a f f e n, dann sieht man in Gewerkschaftskreisen nur eine Lösung des "Problems Nr. 1: Ar- beitslosigkeit". Erstens müssen die deutschen Manager noch gründ- licher mit der von der Gewerkschaft so preisgünstig angebotenen deutschen Wertarbeit kalkulieren und dürfen nicht die für den in- ternationalen Wettbewerb fälligen Rationalisierungen verschlafen. Zweitens müssen deutsche Politiker all ihren Einfluß spielen las- sen, um "unsere" Konkurrenten zur Vernunft zu bringen. D i e sind nämlich mit i h r e r Exportoffensive schuld an den deut- schen Arbeitslosen! Im Namen der Arbeiter ganz Europas bemängelt Loderer, "daß europäische Produkte und Kapital kaum Zugang zum japanischen Markt und damit seiner technologischen Entwicklung finden ... Die japanische Industrie wäre gut beraten, wenn sie ihre Verkaufser- folge im Rahmen der psychologischen Erträglichkeit hielte." (Metall 16/80) Da wird schlicht darauf bestanden, daß sich für Japan nicht ge- hört, was unwidersprechliches Recht der BRD ist. Man wagt kaum zu fragen, ob denn die deutschen Arbeiter bei der Festsetzung des "psychologisch Erträglichen" etwas zu melden haben! Wenn Wirt- schaftsminister Lambsdorff von seiner Reise aus Fernost zurück- kehrt und mitteilt, die befreundete japanische Regierung habe "Einsicht" gezeigt und werde sich beim Export zurückhalten, dann äußert sich zumindest der DGB sehr zufrieden über die "Leistung" dieses Menschen, der ansonsten in gewerkschaftlichen Verlautba- rungen nicht so gut wegkommt. An der Konkurrenznation Japan, aus der selbiger Wirtschaftsminister auch die Botschaft "fleißiger arbeiten!" für sein deutsches Volk mitgebracht hat, entdecken deutsche Gewerkschafter sogar die Ausbeutung als Erfolgsgeheimnis einer Exportnation: "Die Herausforderung auf technologischem Gebiet kann nicht zu ei- nem Angriff auf soziale und gesellschaftspolitische Errungen- schaften umgemünzt werden. Wir wehren uns gegen die Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Wettbewerbsvorteile, die auf erheblichen Rückständen bei sozialen Leistungen und bei der Arbeitsplatzge- staltung bestehen, vor allem in einem Land wie Japan, das einen vergleichbaren technisch-industriellen Entwicklungsstand wie die BRD aufweist." (Loderer in Metall 16/80) Unter dem Gesichtspunkt des "Wettbewerbsvorteils" kommt ein deut- scher Gewerkschafter darauf, zum K l a s s e n k a m p f zu ra- ten - i n J a p a n! Seine eigene Logik, derzufolge mangelnde Geschäftstüchtigkeit auf dem Weltmarkt "Arbeitsplätze" vernich- tet, interessiert ihn nur sehr einseitig - ganz als würden die deutschen Entlassungen abnehmen oder rückgängig gemacht, wenn in Japan der "soziale Fortschritt" um sich greift und die fernöstli- chen Fernseher und Autos teurer und unverkäuflich würden, ver- ordnet der IG Metall-Chef den japanischen Gewerkschaften, etwas f ü r die Arbeiter und g e g e n die dortige Wirtschaft zu tun. Während hierzulande das Beste für die arbeitende Klasse im- mer noch die Kräftigung der Wirtschaft ist - "Die wirtschaftliche Kraft unseres Landes muß gewahrt werden. Dazu müssen passende Investitionsprogramme verwirklicht werden, die aktuelle Nachteile im Vergleich der Produktionstechnologie und der Produktionssteuerung abbauen und die bestehenden Vorteile (!) der deutschen Exportindustrie stärken." -, muß bei der Konkurrenz das genaue Gegenteil passieren. Dort haben die Gewerkschaftskollegen den deutschen Auftrag zu befolgen, ihre Tarifrunden "unvernünftig" abzuwickeln, ganz ohne Rücksicht auf die Wirtschaft. Die Schilderung, mit der DGB-Funktionäre die ja- panischen Arbeitervertreter k r i t i s i e r e n, ist nicht zufällig ein getreuliches Protokoll der letzten bundesdeutschen Tarif runden: "Die Dachverbände aber zeigten Takt und Maß. Um zu demonstrieren, daß nicht etwa durch ihre maßlosen Forderungen nach höherem Lohn Japans Wirtschaft einen Schock erleiden würde, verabredeten sie eine gemeinsame Lohnforderung von acht Prozent. Diese acht Pro- zent waren weniger, als die Kaufkraftentwertung betrug. Das Früh- jahr 1980 war nämlich durch ein enormes Ansteigen der Verbrau- cherpreise gekennzeichnet, bei Heizkosten, Lebensmitteln, Benzin, Fahrpreisen und Mieten. Die Forderung nach acht Prozent bedeutete damit einen Lohnverlust durch die Gewerkschaften, die sich dem Wahlbürger als vernünftig andienen wollten. Dennoch wurde um diese Lohnforderung so gefeilscht, daß es nach einem echten Lohn- kampf aussah. Die Verkehrsbetriebe traten sogar in einen Streik, den sie allerdings schon nach einer Stunde abblasen konnten. Die Unternehmer lenkten ein und traten anschließend vor die Fernseh- kameras, um zu frohlocken, alles sei prächtig gelaufen. Und auch die Gewerkschaften jubilierten. Herr Shioji etwa, der Vorsitzende der Automobilgewerkschaft, verkündete, man habe nun die Einheit hergestellt. Es war aber nur die Einheit des gemeinsamen Versa- gens, von dem er sprach." (ÖTV 5/81). In der Abwicklung eines "verantwortungsvollen" Lohnkampfes macht dem DGB so schnell keiner was vor - wenn ihn andere da kopieren, ist er prompt mit einer Entlarvung zur Stelle. Aber eben nur in den Fällen, wo ihm der Siegeszug d e u t s c h e r "Arbeitgeber" dies geraten erscheinen läßt. Im Bemühen um 2. Ein deutsches Europa ----------------------- fällt ihm durchaus das Gegenteil ein. Daß Staatsmänner und Kapi- talisten aus Gründen des Geschäftsvorteils und unter der schüt- zenden Wucht der NATO ein weltweit florierendes Wirtschaftsbünd- nis aufgemacht haben, war den Gewerkschaftsinternationalisten Deutschlands erst einmal die Parole vom "Europa der Arbeitnehmer" wert - plus ein paar Gewerkschaftsfunktionäre im europäischen Parlament. Denn dort wird sich um die Verteilung von Nutzen und Kosten zwischen den nationalen Partnern gestritten, und da stehen Gewerkschafter für D e u t s c h l a n d gerade. Hier, wo die eigene Nation an der g e l u n g e n e n A k k u m u l a t i o n der Partner beteiligt sein will, berech- tigt die Armut der ausländischen Kollegen keineswegs zum Bruch des "sozialen Friedens". In E n g l a n d vermißt die deutsche Einheitsgewerkschaft die Einigkeit zwischen Regierung und Gewerkschaften zu einer ordent- lichen Sanierung der "desolaten Wirtschaftslage"; die Einigkeit der Gewerkschaften, wie der DGB mit der Regierung zusammenzuar- beiten; und den Willen der Regierung, sich der Gewerkschaften zu bedienen. Im Falle I t a l i e n s malt ein deutscher Ordnungs- fanatiker aus den Reihen der Gewerkschaft gleich das beliebte Bild vom faulen Spaghetti, den der schwache Staat nicht zu deut- scher Arbeitsmoral erziehen kann. "Ein besonderes Kapitel sind die Streiks, für die Italien berüch- tigt (!) ist. Der durchschnittliche Verlust an Arbeitstagen pro 1000 Beschäftigten lag in Italien im sechziger Jahrzehnt an der Weltspitze. Hinzu kommt: Einmal ist für Italien der häufige und unberechenbare Kurzstreik typisch, der durch Unsicherheitsauslö- sung besonders zerrüttend wirkt, und zweitens kommt der hohe Grad von Arbeitsabwesenheit hinzu - selbst im schlimmsten Streikjahr 1969 gingen dadurch dreimal mehr Arbeitsstunden in der Industrie verloren als durch Streiks." (Gewerkschaftliche Monatshefte 9/78) Nationalistische Hetze vom Standpunkt deutscher Wirtschaftsjour- nalisten und Unternehmer aus, oder deutsch-gewerkschaftliche So- lidarität mit den streikenden Kollegen in Italien? Aber was soll man auch an Schamgrenzen bei einem Verein erwarten, der stolz die seit den sechziger Jahren zur "Rettung der deutschen Stahlindu- strie" entlassenen Arbeiter aufzählt, den "EG-Partnern" ihre staatlichen Subventionen als "gegen alle internationale Solidari- tät (!) verstoßenden Wettbewerbsvorsprung" vorwirft und auch noch den Unterbuchhalter der deutschen Regierung spielt, dem die Vor- teile der BRD aus der EG immer zu klein sind und der immer nur das angebliche ungebührliche Luxusleben sieht, das die französi- schen Bauern sich mit "unseren" Geldern im EG-Haushalt machen: "Es hat den Anschein, als würde die BRD, die sich in Europa nach- drücklich für einen ungehinderten Welthandel einsetzt, dafür dop- pelt zur Kasse gebeten." Eine andere Kasse fällt Europaparlamentariern und Beratern der schwierigen Regierungs"arbeit" wirklich nicht mehr ein. Arbeiter kennen sie nur noch als das mehr oder minder brauchbare Material wirtschaftlicher Erfolge und staatlicher Macht, die es nach innen und nach außen zu garantieren gilt. Solche Gewerkschafter halten daheim nichts von der - lästigen - Frage, was bei ihrem verant- wortlichen Treiben eigentlich für die organisierten "Arbeitnehmer" herausspringt; und auch bei der Besichtigung aus- wärtiger Kollegen liegt ihnen nichts ferner als eine Betrachtung der Leistung des jeweiligen Gewerkschaftsvereins für die Arbei- ter. Wenn von offizieller Seite in Bonn das prinzipielle Einver- ständnis mit einer neuen Regierung in F r a n k r e i c h aus- gesprochen ist, dann beurteilen deutsche Gewerkschafter ihre französischen Brüder nur noch nach einem Kriterium: Könnten sie sich als Störung der französischen Politik und damit der deutsch- französischen Zusammenarbeit erweisen? Dieselben Fragen, die ein stockreaktionärer Journalist in die Welt setzt, werden dann im Funktionärsorgan des DGB aufgeworfen. Und die Empfehlung ausge- sprochen, in der die Anliegen französischer wie deutscher Arbei- ter in sehr eindeutiger Form vorkommen: Imitiert die deutsche Art der Wahrung des sozialen Friedens - und gewöhnt euch daran, daß eure Mitglieder nichts davon haben! "Die meisten Franzosen scheinen zu übersehen, daß die jetzt ge- troffenen Maßnahmen geraume Zeit brauchen, bis sie zum 'Greifen' kommen ... hier beginnt das gegenwärtige französische Dilemma auf Arbeitnehmerseite: Es gibt augenblicklich eine Reihe von Streiks und Unmutsäußerungen ... Für die Gewerkschaften ist dies eine neue und schwierige Situation ... Natürlich hat die Regierung Gründe für ihre Zurückhaltung. Sie will die Unternehmer nicht verprellen, deren Mitwirkung sie zum Wiederaufschwung dringend braucht ... Und so konfrontieren sich hehre soziale Zielvorstel- lungen mit dem harten Alltagsrealismus einer Regierungspolitik. Für die Deutschen ist dies längst ein alter Hut, in Frankreich muß man das erst lernen." (Quelle) Wenn der DGB mit einer französischen Regierung zufrieden ist, die mit dem Versprechen sozialer Leistungen und durchgreifender Re- formen die Wahlen gewinnt, wenn der DGB ein französisches "Beschäftigungsprogramm" durch Verstaatlichung, Investitionshil- fen und Inflation gut findet, dann haben französische Arbeiter sich nicht über die ausbleibenden Vorteile für sie enttäuscht zu zeigen, dann haben sie nicht einmal auf Einhaltung der Verspre- chungen zu dringen, sondern sich dem "Realismus" der Regierung gemäß ihre Alltagssorgen abzuschminken. 3. Unsere Interessen in der "Dritten Welt" ------------------------------------------ Obgleich deutsche Gewerkschafter redlich darum bemüht sind, den traditionellen Schein zu wahren und - wie es sich für die "Erben der Arbeiterbewegung" gehört - immer etwas für die Erniedrigten und Beleidigten verlauten zu lassen, gerät ihnen jede Stellung- nahme zur "Dritten Welt" zum weltpolitischen Zynismus. Aus dem ganz einfachen Grund, weil sie die S u b j e k t e des Elends und der Gewalt längst zu ihren vertrauten Partnern erkoren haben - sie also weder nennen noch anklagen wollen. Im Gefolge deut- scher Politiker, die sich für die Versorgung ihrer nationalen Wirtschaft mit billigen Rohstoffen aus der Dritten Welt zuständig wissen, die daher mit der Lieferung von Waffen und internationa- ler Unterstützung von brauchbaren Diktatoren und Menschen- schlächtern für die Erhaltung der "politischen Stabilität" dort einstehen und die billige Verwaltung des dadurch geschaffenen Elends und Massensterbens als selbstverständlichste Aufgabe wahr- nehmen, entdecken Gewerkschafter in solchen Ländern viel Uner- freuliches. Über Not und Gewalt berichten sie allerdings so, als wären die bekannten Zustände ganz unabhängig von der "Einbeziehung" dieser Erdgegenden in die "Weltwirtschaft" vorge- funden worden. Getreulich plappert jeder Gewerkschaftsfunktionär die offiziellen Phrasen von der "Unterentwicklung" nach, die ein Willy Brandt verkündet, so als ob nicht die Durchsetzung "unserer" freiheitlichen Interessen erst die brutalen Formen von Ausbeutung und Herrschaft geschaffen hätte, an denen die Tugend der Mildtätigkeit sich hierzulande so gerne erbaut. Nie fällt der Schatten eines Vorwurfs auf unsere guten demokratischen Politi- ker, die schließlich mit all diesen Herren Diktatoren diploma- tisch verkehren und ihnen jede Unterstützung bei ihren nützli- chen Diensten für "unsere Interessen" zukommen lassen. Da bekom- men die verschiedenen Menschenschlächter wohldosiert nach dem je- weiligen Stand deutscher Beziehungen zu ihnen manchen Vorwurf der Grausamkeit, des undemokratischen Treibens und der "Unfähigkeit" (!) zu einer ordentlichen Herrschaft zu hören "und bestenfalls folgt daraus die Mahnung an unsere Politiker, ihnen nicht zu oft die Hand zu schütteln und sich für die Freilassung inhaftierter Gewerkschafter stark zu machen. An die Forderung nach Aufkündi- gung der "Zusammenarbeit" denkt ein Verantwortlicher des DGB nicht einmal im Traum - und Druck auf die bekannten Regimes würde nach offizieller Lesart nur den Unterdrückten schaden! Daß deut- sche Politik an den Zuständen dort unten bestenfalls soweit be- teiligt ist, daß sie mehr Entwicklungshilfe an die richtigen Adressen geben könnte, ist für die Fans internationaler Verant- wortung für den "Aufbau einer gerechten Weltordnung" ausgemachte Sache; die verheerenden Wirkungen imperialistischer Politik be- schwören sie als angeblich drohende Gefahr für uns, und beim mun- teren Waffenexport geben sie zu bedenken, daß man das eigene Si- cherheitsbedürfnis nicht außer acht lassen dürfe: "Es sollte sich niemand wundern, wenn die Lieferanten von Rü- stungsgütern eines Tages in die Mündungen ihrer eigenen Waffen blicken müssen." (Rede zum 4. DGB-Kongreß) Deutsche Unternehmer in Südafrika und Lateinamerika sind qua Nationalität Vorkämpfer des Fortschritts: VW und Bosch und Sie- mens "schaffen Arbeitsplätze", die die Zerstörung des Lebens im größeren Teil des Landes rechtfertigen. Neger müssen sich "entwickeln", deutsche Arbeiter sind angesichts von deren Elend zur Zufriedenheit verpflichtet. Kurz: Diese Regierungsvertreter in Fragen der Außenpolitik beherrschen alle Winkelzüge des poli- tischen Opportunismus in der Beurteilung, was sich für diese Staaten in bezug auf unsere Erwartungen an sie gehört, und wie man dafür mit ihnen umgeht. Auch das Spektakel um die "zu unrecht verfolgten Gewerkschaftskollegen" hat seine genau kalkulierten Grenzen an der Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Das nennt sich dann Einsatz für Demokratie: "... daß wir z.B. in Brasilien mit seinem Prozeß der demokrati- schen Öffnung" (so will man das nun nennen!) "immer sehr maßvoll reagiert haben. Wir haben dies wohlüberlegt im Hinblick auf neue Chancen der Demokratie getan." (Loderer, Metall 18/80) So entschuldigt ein Gewerkschaftsnationalist heute ein seinem Staat nützliches Militärregime! 4. Solidarität mit Polen ------------------------ Kaum waren sich die westlichen Regierungen einig, daß die Arbei- terunruhen in Polen, die Versorgungsschwierigkeiten und die Mili- tärregierung zum Anlaß genommen werden, Polen mit der wirtschaft- lichen Abhängigkeit vom Westen zu erpressen und laufend diploma- tisch, politisch und ökonomisch Druck zu machen, um den Ostblock nicht mehr zur Ruhe kommen zu lassen, da hat auch der DGB den Feind der Entspannung erkannt: "Der Ausnahmezustand in Polen erschüttert aber auch die Hoffnun- gen auf mehr Frieden und Entspannung, wie sie der DGB-Friedensap- pell ausdrückt." (Solidaritätsaufruf des DGB) Bei den befreundeten Diktatoren fällt einem deutschen Gewerk- schafter nicht ein, daß, wie und warum sie unterstützt werden. Bei den erklärten Feinden des Westens aber heißt gewerkschaftli- che Solidarität die Forderung nach beständiger Einmischung in den Ostblock - und zwar im Interesse deutscher Politik. Mit den pol- nischen Arbeitern hat das nur insoweit zu tun, daß sie von den Arbeitervertretern des westlichen Frontstaats daraufhin begutach- tet werden, wieweit sie in das weltpolitische Konzept passen. Der Westen will die Entspannung aufgeben, und das wird vom DGB ganz in den Worten der Bundesregierung ausgedrückt: Die Polen machen "uns" die Entspannung schwer! Den Politikern des DGB ist nicht entgangen, daß die Zeit der Entspannung die ökonomische Abhängig- keit des Ostens von westlichen Geschäften hergestellt hat, mit deren Einstellung Polen und andere Länder drüben jetzt geschädigt werden; daß die Zeit der "friedlichen Koexistenz" zum Ausbau des ganzen Waffenarsenals genutzt worden ist, mit dessen forciertem Ausbau die Sowjetunion vor die Alternative Krieg oder Kapitula- tion gestellt wird; sie wissen auch, daß die Aufkündigung der Entspannung längst beschlossene und durchgesetzte Sache des west- lichen Staatenbündnisses ist. Sie machen sich zum Sprecher der Regierungspolitik, die mit den Idealen einer längst aufgegebenen Linie gegen Osten verkauft wird. Deutschland würde ja gerne wei- terhin den Ostblock wirtschaftlich ausnutzen und aufweichen, aber der Osten läßt das nicht mehr einfach zu, meint auch die Gewerk- schaft. Also plädiert sie mit Berufung auf ihre kritische Distanz zu den USA für eine ordentlich deutsche Zuständigkeit im Osten. "Gewährenlassen" wäre bei "unserem" Einfluß verkehrt: "Die Nichteinmischung als Prinzip darf nicht zum Vorwand für das Gewährenlassen einer jeden Großmacht in 'ihrem' Herrschaftsbe- reich werden. So, wie der amerikanische Imperialismus in Vietnam, Honduras, Guatemala und El Salvador zu verurteilen ist, bleibt festzustellen, daß Sowjet-Kommunismus und Sowjet-Imperialismus millimeternah beieinander liegen." (Gewerkschafter 1/82) Loderer & Co. denken also ganz in den Bahnen der Blockpolitik zwischen Groß-, Mittel- und Kleinmächten. Dazu gehört einerseits die Beteuerung der eigenen Selbständigkeit gegenüber den USA, weil man ihr bester Juniorpartner ist: "Die BRD ist und bleibt Mitglied der NATO. Doch das kann nicht bedeuten, in Nibelungen-Treue jede Wendung der amerikanischen Po- litik mitzumachen, bis zur Preisgabe des eigenen Standpunkts." (Hensche) Zum anderen aber gehört dazu vor allem die beständige Aufforde- rung nach drüben, gefälligst auf die politischen Anforderungen des Westens an den Ostblock einzugehen: "Die Beendigung der Intervention in Afghanistan wäre ein hervor- ragendes sowjetisches Zeichen der Vertrauensbildung. Ebenso for- dern wir von Moskau die uneingeschränkte Respektierung der natio- nalen Souveränität Polens und aller Staaten." (Loderer) Sowenig der DGB sich in die Freiheit der USA einmischen will und beispielsweise im Vietnamkrieg Päckchen an die Vietnamesen oder jetzt an die Guerilleros in Lateinamerika schickt, damit sie sich gegen ihre Regierung und die amerikanische Einmischung wehren, so selbstverständlich ist ihm eine theoretische und praktische Ein- mischung in Polen. In aller gewerkschaftlichen Solidarität mit den inhaftierten polnischen Gewerkschaftern verkündet er s e i n e Anforderungen an eine ordentliche polnische Politik. Erstens soll die Regierung mal für einen soliden Aufschwung der maroden Wirtschaft sorgen - ohne Rücksicht auf Verluste und frü- here Versprechungen an die verwöhnten Arbeiter: "Das (polnische) Regime hat sich an der Preisfront in einen Teu- felskreis hineinmanövriert, aus dem kein Ausweg in Sicht scheint. Um die Wirtschaft zu sanieren, wäre es unbedingt nötig, die künstlich niedrig gehaltenen Preise für Grundnahrungsmittel und andere wichtige Waren den steigenden Produktionskosten entspre- chend anzuheben. Aber wie erklärt man's den Arbeitern, die von den Medien jahrelang mit triumphalistischen Meldungen gefüttert wurden." (Metall 18/80) So sieht "unternehmerische Preisdisziplin" für drüben aus! Was die "marode Wirtschaftssituation" mit den polnischen Billigexpor- ten von Gänsen und Kohle in westdeutsche Lande zu tun hat, wird natürlich vornehm verschwiegen. Zweitens wird an die Adresse der aufständischen Arbeiter die eindringliche Mahnung gerichtet, ge- fälligst die "Vernunft" des DGB aufzubringen - und zwar im Inter- esse der BRD, für die der DGB schließlich nicht "voreilig nach Boykott rufen" will: "Zu fragen ist, ob auch die Regierung immer die hinreichende Be- reitschaft zum Kompromiß mitbringt. Die ist sicher auch deswegen besonders notwendig, damit nicht diejenigen Kreise in der 'Solidarität' gestärkt werden, die sich eine schärfere Gangart wünschen ... Wir können nur hoffen, daß sich weiterhin jene Kräfte in der Solidarität' durchsetzen, die die geographischen und weltpolitischen Grenzen für solche Veränderungen klar erken- nen." (Quelle 10/81) Drittens und vor allem aber weiß der DGB, daß der Boykott längst westliche Politik ist, und macht sich für praktische Solidarität stark, die diese Linie unterstützt: Keine Wirtschaftshilfe für Polen von offizieller Seite mehr, dafür aber Opfer aus dem Geld- beutel guter deutscher Arbeiterstaatsbürger, an die richtigen Adressen in Polen: "Der DGB erklärt erneut seine Bereitschaft, den polnischen Ar- beitnehmern bei der Überwindung der Versorgungskrise zu helfen. Dazu aber ist es unerläßlich, daß der DGB auch weiterhin mit ih- ren gewählten Vertretern zusammenarbeiten kann." (Quelle 1/82) "Solange noch eine Hoffnung besteht, daß die Machthaber in diesem Lande die Verhältnisse nicht wieder auf Null zurückdrehen, so- lange sollten wir es nicht an Hilfsbereitschaft fehlen lassen." (Metall 1/82) Lauter Freiheitspäckchen garantiert in die Hände kirchlicher und anderer Verteiler, damit das Volk gegen seine Regierung mobil ge- halten wird; und das nur solange, wie diese Hilfe garantiert nicht durch die Hände der Regierung geht: Das ist der gute Zweck des "gemeinnützigen Vereins Solidarität für Polen. Deutscher Ge- werkschaftsbund"! Auf der anderen Seite wird jedem dieser solida- rischen Opfer deutscher Gewerkschaftsmitglieder für die westli- chen Kreditboykotte die politische Botschaft mitgegeben, die Vet- ter & Co. auf ihren Reden zum "Polentag" unisono mit dessen In- itiatoren Reagan und Schmidt verkündet haben: Für freie Gewerk- schaften, den Dialog mit der Kirche und Menschenrechte, also für einen polnischen Staat, der im Ostblock nach westlichem Muster organisiert ist. Das nützt dem polnischen und dem deutschen Ar- beitsmann! 5. Deutsche Friedenspolitik --------------------------- Im Namen der Betroffenen, die für Frieden und Krieg einzustehen haben, fühlt sich ihre Vertretung aufgerufen, die "Friedenspolitik der Bundesregierung" bedingungslos zu unterstüt- zen - gegen alle, die innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik darunter etwas anderes verstehen. Dafür wird zunächst und vor al- lem - im Namen einer ganz und gar unkritischen "Nibelungentreue" mit den Bündnisabsichten und -vorbehalten der eigenen Regierung - der Feind identifiziert, gegen den der Friede mit Gewalt auf- rechterhalten werden muß: die S o w j e t u n i o n, "die glaubt, revolutionäre Veränderungen in ihrem Sinne in die Welt tragen zu müssen, während sie jede Freiheit in ihrer eigenen Hemisphäre mit Drohungen oder gar mit militärischen Interventio- nen beantwortet." Dieses "Regierungskommunique" sieht bewußt über das Elend und die Gewalt hinweg, die das souveräne Wirken kapitalistischer Staaten ganz ohne "revolutionäre Veränderungen" auf dem Globus erzeugt und erhält. Die Sowjetunion gefährdet die Herrschaft westlicher Freiheit und Konkurrenz durch ihren Block, also ergibt sich Zu- friedenheit mit ihr auch nur dann, wenn sie sich als Hindernis dieser weltweiten Freiheitsordnung selbst aus dem Weg räumt. Diese Ordnung hält der DGB getreu westlicher Sprachregelung für "d e n Frieden"; er möchte sie offensiv v e r t e i d i g t sehen, und deshalb sind Waffen hier auch nicht dasselbe wie Waf- fen drüben. Allen Kritikern westlicher Raketen hält die Gewerk- schaft deshalb ein ums andere Mal die Aufforderung entgegen, ge- fälligst die Waffen der anderen Seite aufs Korn zu nehmen: "Wer Pershing II sagt, der muß auch SS 20 sagen." - wobei das "auch" die nötige Heuchelei ist. Auf seinem eigenen Ge- biet zeigt ein deutscher Gewerkschaftsführer, wie schnörkellos Friedenspolitik geht. Er stellt an die Gewerkschaften im Osten die Forderung, die Seite zu wechseln - denn denen drüben ist ihr Nationalismus nicht zuzugestehen, und die Retourkutsche: "Wer SS 20 sagt, muß auch Pershing sagen!" mag ein deutscher Gewerkschaf- ter sich gar nicht bieten lassen: "Ich rufe auch die sogenannten Gewerkschaften Osteuropas auf, endlich einmal zu zeigen, daß sie in ihren Ländern etwas zu sagen haben. Die Auseinandersetzung mit der Rüstungsproblematik im We- sten können sie uns getrost überlassen. Wir alle hätten mehr da- von, wenn sie der Rüstungspolitik ihrer Regierung auch einmal den Spiegel der Kritik vorhielten." Ein schöner Unterschied: eine freiwillige Staatsgewerkschaft, die an der von deutschen Politikern mitgetragenen Aufrüstung gegen Osten nur eine "Problematik" entdeckt, entlarvt eine östliche Staatsgewerkschaft als unfrei, weil sie nicht die eigene Regie- rung mit dem westlichen Vorwurf überschüttet, sie treibe aggres- sive "Rüstungspolitik". Auf der anderen Seite wird jede Aufrüstungsmaßnahme im "eigenen" Bündnis mit Kommentaren begleitet, die sie als Ausdruck der Sehn- sucht friedliebender, weil arbeitswilliger und folgsamer Deut- scher interpretiert. Daß Genschers Ausflüge in die ganze Welt dem Frieden dienen, beweist schon die Existenz unserer Gewerkschaft, bei der die menschlichen Werte der Politik aufgehoben sind. Den Inhalt dieser Werte, Frieden, Freiheit, Demokratie bekommen ihre Mitglieder täglich zu spüren; die Gewerkschaftsführer aber klei- den diese Freiheit ihrer Regierung auf dem Feld imperialistischer Konfrontation mit dem Osten in die schönen Ideale, die gerade of- fiziell gefragt sind: "Die Gewerkschaftsbewegung ist zutiefst eine Friedensbewegung. Sie hat sich stets entschieden für die Zielsetzung eines dauern- den Völkerfriedens eingesetzt." Kleine Ausnahmen in den Zeiten vor "Ausbruch" eines Krieges be- stätigen wohl die Regel, zumal sich die Parteinahme für einen kräftigen nationalen Frieden samt gehöriger Verteidigung immer auch so vorbringen läßt: Den armen Politikern falle es so schwer, ihn zu sichern, der "Kriegsgefahr" entgegenzuwirken. DGBler be- herrschen das Friedensgerede auf ihre Tour: "Der Frieden ist ele- mentare Voraussetzung für gewerkschaftliches Wirken und Grund- lage für den sozialen und kulturellen Fortschritt und soziale Sicherheit in allen Teilen der Welt." Für alles, was Gewerkschaftler an Schönem in die saubere Welt im- perialistischer Freiheit hineinphantasieren, soll der Frieden zu- ständig sein. Am Krieg gemessen, den Gewerkschaftler fein säuber- lich dem schönen Frieden gegenüberstellen, wird freilich aus der täglichen Ausbeutung, aus der täglichen Gewalt, aus den Kriegs- vorbereitungen der Politiker eine glückliche Idylle, die darin ihren Vorzug hat, daß sie den DGB und sein "Wirken" ermöglicht. Die Sehnsucht, daß unser Staat erhalten bleibt, soll ausgerechnet dann aufkommen, wenn dieser von Fall zu Fall Leib und Leben sei- ner Bürger unmittelbar für sich einfordert und zur Verteidigung von Freiheit, sozialem Fortschritt usw. das Arbeitsvolk zur Kasse bittet und unbedingten Gehorsam verlangt. Auf der anderen Seite beherrschen Deutschlands Gewerkschafter deswegen auch die Kunst, sich als das s c h l e c h t e G e w i s s e n der nationalen Friedens- und Kriegsvorbereitung aufzuführen. In dem Bewußtsein, daß die NATO-Aufrüstungsprogramme unwiderruflich beschlossene Sache sind, wirft der DGB im Namen deutscher Eigenständigkeit die Frage auf, ob die "Nachrüstung" denn wirklich so unumgänglich sei. Nach erfolgter Zustimmung zum "Sparprogramm" der Regierung lamentiert er über die Kosten der Rüstung. Die kalkulierten Fortschritte im Ausbau der weltweiten, westlichen und westdeutschen Waffenarsenale deutet er im Sinne der offiziellen Staatsideologie als "Spirale", mit deren "Drehungen" die Politiker kaum noch fertig würden - die friedlie- benden deutschen vor allem deswegen nicht, weil sie sich einem entsprechenden Ansinnen ihrer amerikanischen Kollegen schlecht widersetzen könnten. Der Westen fordert die Sowjetunion ultimativ zum Abbau ihrer Mittelstreckenraketen auf, zu einem Stück Selbstentwaffnung, das für die NATO nie in Frage käme und von dem jeder westliche Politiker auch weiß, daß es für die östlichen Mi- litärpolitiker genauso unvollziehbar ist; in den anschließenden "Rüstungskontrollverhandlungen" wird der Zweck dieses Ultimatums eindeutig klargestellt: Der Westen will seinen Feind nach Belie- ben b e s i e g e n können, weil er nur so den Frieden für si- cher hält; - die deutsche Gewerkschaft feiert das Stattfinden von Verhandlungen ungerührt als Erfolg bundesdeutscher Vorstöße und wünscht mehr davon. Sie will ganz offenkundig gar nichts tun, um die ziemlich lebensgefährlichen Geltungsansprüche bundesdeutscher Macht zu unterbinden und gegen die Freiheiten westlicher Weltpo- litik einzuschreiten: Jedes Bedenken gegen die bundesdeutsche NATO-Linie nimmt sie als Gewissensfrage auf, gemahnt die Politi- ker an i h r e "Verantwortlichkeit" - und stellt damit g e g e n jegliche Opposition klar, bei wem die Verantwortung für die weltpolitischen Affären, bis zur Entscheidung über Krieg und Frieden und über die Vorbereitung des "Ernstfalls", liegt und zu bleiben hat. Auf keinen Fall will sie die demokratischen Füh- rer der Nation "in die Pflicht nehmen", sondern gewissenhaft an ihre "Pflicht" erinnern - und so dem Volk seine aktuellen Pflich- ten nahebringen, vor allem die, ohne Wenn und Aber für eine na- tionale Friedenspolitik einzustehen, die von der freiwilligen Staatsgewerkschaft einer Gewissensprüfung unterzogen worden und für nicht besser machbar befunden worden ist. Abschließend, ohne einen Finger zur Opposition gerührt zu haben, erzählen Gewerk- schaftsführer, was ihnen lieber w ä r e als alle militärtechni- schen und strategischen Fortschritte der NATO. "Die einzige Aufrüstung, die Gewerkschaften anerkennen können, ist die soziale Aufrüstung. Sichere Arbeitsplätze, wirtschaftli- che und soziale Sicherheit sind die besten Garanten gegen alle Feinde des Friedens und der Freiheit - hier und überall auf der Welt." (Vetter auf dem 4, DGB-Kongreß) Kaum nimmt der Gewerkschaftsvorsitzende das Wort "Frieden" in den Mund, schon fällt ihm ein, daß der ein weltweites Aufrüstungspro- gramm für die Auseinandersetzung mit den Feinden der Freiheit ist. Und daß er die regierungsamtlich sieht, steht außer Frage. Also verschließt sich ein deutscher Gewerkschaftsvorsitzender auch nicht dem staatlich eingerichteten Garanten gegen diesen Feind. Vielmehr macht die Gewerkschaft selber "Friedenspolitik" - gegen die Friedensbewegung und für die Bundeswehr. 6. Gewerkschaft und Bundeswehr: Kriegs- und Arbeitsdienst --------------------------------------------------------- Kaum nämlich ist das Thema Frieden, also die politische Aufkündi- gung seiner Selbstverständlichkeit, auf die Tagesordnung gesetzt, schon entdeckt die Gewerkschaft auch den i n n e r e n F e i n d, und zwar in den eigenen Reihen. Für die kritische Ge- werkschaftsjugend und andere Mitglieder hat sie nichts mehr üb- rig, wenn sie Appelle unterschreiben, die von den Politikern an- dere Maßnahmen als die beschlossene deutsche Friedenspolitik ge- gen Osten fordern. Da sei die deutsche Einheitsgewerkschaft da- vor, daß irgendwelche Zweifel an deutscher Verteidigungsfähigkeit und Verteidigungsbereitschaft aufkommen. Solche Leute werden daran erinnert, daß innergewerkschaftliche Demokratie eine Pflicht ist: "Es widerspricht demokratischem Selbstverständnis, wenn die durch Mehrheitsbeschlüsse festgelegten gewerkschaftlichen Positionen von einzelnen durch Willenskundgebungen auf fremden Unterschrif- tenlisten mit Betonung auf ihrer Gewerkschaftszugehörigkeit un- terlaufen werden." (Aktuellster Unvereinbarkeitsbeschluß des DGB) Da wittert der unabhängige deutsche Gewerkschaftsbund vaterlands- lose Agenten eines Feindes: "Die Gewerkschaften bestimmen ihre Ziele und den Weg dorthin selbst ... in Unabhängigkeit von den Interessen anderer Mächte und gegenüber denen, die, mit wessen Hilfe auch immer, auf das Gebiet der Bundesrepublik einwirken und sich dabei des Potentials der Gewerkschaften bedienen möchten." Welche Macht das ist, die da die deutsche Einheitsfront aufwei- chen möchte, ist keine Frage: Der, gegen dessen Raketen man zu protestieren hat, wenn man sich an die eigene Regierung wendet: "Jeder, der nur eine Reduzierung des Rüstungspotentials auf der einen Seite fordert, ist unehrlich und unrealistisch. Wer Pers- hing sagt, der muß auch SS 20 sagen." Der regierungstreue Realismus, die parteiliche Ehrlichkeit des DGB hat einen eigenen, gewerkschaftsamtlichen Friedensaufruf nach sich gezogen, damit die Gewerkschaft die Spalter in den eigenen Reihen entlarven und der Nation ihre Geschlossenheit demonstrie- ren kann. Ein Gewerkschaftsführer, der sich gegen "ein labiles Europa mit unkalkulierbaren Risiken" wehrt, der duldet keine "Einäugigkeit" in Sachen Vaterlandsverteidigung, der tritt viel- mehr ganz einseitig für die unabweisbaren Gewaltpotentiale ein, die der eigene Staat für seine Zwecke braucht. Der fordert als Gewerkschafter von seinem Volk auch ein bedingungsloses Ja zum tödlichen Staatsdienst. Der veröffentlicht deshalb auch zur Ver- teidigung unserer Volksarmee ein Kommunique über "Bundeswehr und Gewerkschaften", in dem Arbeitsdienst- und Soldatendienstvertre- ter für die nationale Freiheit der Politik sich ihrer jeweiligen Aufgabe versichern. An der Geschlossenheit der inneren und äuße- ren Frontverteidigung soll aber auch wirklich kein noch so gerin- ger Zweifel aufkommen: "Bundeswehr und Gewerkschaften haben beide ihren gesicherten Stellenwert in unserer Verfassung. Sie haben - jede auf ihrem Ge- biet - eine unverzichtbare Funktion für unseren demokratischen Staat. ... Im Gegensatz zu langen Epochen der deutschen Ge- schichte, in der sich bewaffnete Macht und organisierte Arbeit- nehmerschaft feindselig gegenüberstanden, betrachten heute Bun- deswehr und Gewerkschaften es übereinstimmend als ihre Aufgabe, unseren freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu erhalten. ... Frieden muß erst möglich gemacht werden durch Selbstbehauptungswillen und Verteidigungsfahigkeit. ... Als Staatsbürger in Uniform ist der Soldat zugleich integrierter Teil der Gesellschaft. Die allgemeine Wehrpflicht schafft daher einen dauernden lebendigen Austausch zwischen dem Volk und seinen Sol- daten." Getrennt marschieren und vereint schlagen, heißt die Devise für die beiden tragenden Säulen unserer Demokratie: Gewerkschaft und Militär. Daß die Leidtragenden beidesmal die Arbeiter sind, stört die Verteidiger deutscher Politik keineswegs; im Gegenteil: Dar- aus leiten sie gerade ihr spezielles Recht her, mit den Arbeitern - ihrem "Potential" - aber auch wirklich wie Politiker umspringen zu dürfen. Sie wollen ganz staatstragende Kraft sein, auch und gerade in bezug auf den staatlichen Einsatz des Arbeitsvolks im Krieg. Deswegen fordern sie für ihre Basis auch eine neue Sorte Mitbestimmung: Sie sollen gefälligst die Bundeswehr verteidigen dürfen, gegen demonstrierende Kritiker des Militärs anläßlich einer öffentlichen Zapfenstreichvereidigung. Und zwar handfest: "Hat irgendjemand daran gedacht, Arbeiter einzuladen? Ist niemand auf die Idee gekommen, die Werftarbeiter der Weser-AG, der Vul- kan-Werft, die Arbeiter von Klöckner oder die Hafenarbeiter mit ihren Kollegen der städtischen Verkehrsbetriebe und der Müllab- fuhr einzuladen? War es nur eine Veranstaltung der Bremer Wirt- schaft? War es nur eine Veranstaltung der Generäle und Admiräle? Hat niemand daran gedacht, den Bundespräsidenten in Begleitung von vielen hundert Arbeitnehmern zum Stadion gehen zu lassen? ... Denken Politiker in Erwartung von Störungen durch Unruhestifter und Chaoten nur noch an Polizei? Ist es nicht unsere Demokratie? ... War das Gelöbnis in Bremen nicht geeignet, diesen Beweis zu führen?" (Ötv-Kommentar zur Störung eines Rekruten-Gelöbnisses in Bremen) Das ist die Verteidigung des Arbeiterinteresses - des Interesses nach einer starken und gebührend gefeierten Gewaltmaschinerie, der sich das Volk zu treuem Einsatz bis in den Tod verpflichten darf. Für sich selber aber haben die Gewerkschaftsoberen die Rechtfertigung dieser Aufgabe vorgesehen. Als ob das arbeitende Volk nicht schon von den Politikern als Manövriermasse für Ge- schäft und Gewalt ausreichend bedient wäre, führen sich auch noch Arbeitervertreter wie Politiker auf. Als echte Abgesandte des Volkes, das ja wirklich für alles geradestehen muß, reisen sie wie der Kanzler in der Welt herum und unterbreiten den Mächtigen den deutschen Standpunkt in Sachen Krieg und Frieden - dem Osten drohend, dem Westen unterwürfig: "DGB: Wir tun was für den Frieden! Der DGB-Vorsitzende Heinz Os- kar Vetter sprach am 5. Oktober 1981 mit dem Staatspräsidenten Frankreichs - Mitter- rand - in Paris 12. Oktober 1981 mit dem Generalsekretär des ZK und Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR - Breschnew - in Moskau im November 1981 ist ein Gespräch mit dem Präsidenten der USA - Reagan - in Washington vorgesehen. Wir sprechen über den Rüstungsstopp in Ost und West mit denen, auf die es ankommt..." Auf w e n kommt es an, ihr A r b e i t e r vertreter? zurück