Quelle: Archiv MG - BRD GEWERKSCHAFT ALLGEMEIN - Politik auf Kosten der Arbeiter
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Bonner Charaktere: Ernst Breit, DGB Vorsitzender
DER VOLKSBEAUFTRAGTE DER NATION
Wie kommt ein Postbeamter zu nationalem Ansehen? Postraub und
Lottogewinn sind da vergängliche Eintagsfliegen. Wegen des Ruchs
von Skandal und materiellem Vorteil verboten sich solche Karrie-
ren für Ernst Breit, zu dem "allen, die ihn näher kennen, spon-
tan" immer nur einfällt, dieses teigige Friesengesicht wäre
"handfest, klar, solid, im guten Sinne bieder", kurz: "der ideal-
typische Beamte".
Eine steile Beamtenkarriere
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Dieser Mensch, der von sich behauptet, seine wichtigste Argumen-
tationshilfe wäre sein "Sitzfleisch", wollte dennoch sein Leben
nicht als Postoberrat beenden. Seine höhere Berufung entnahm er
weniger seiner Weltsicht, die er mit allen anständigen Deutschen
teilte - "vom Vater hatte er nur gelernt, daß Beruf mit Lebensun-
terhalt verdienen, Arbeit und Pflichterfüllung zu tun hatte" (H.
Ihlefeld: Über Ernst Breit) -, sondern der Tatsache, daß er mit
diesem Anstand anderen etwas anschaffen durfte. Sein Streben
richtete sich auf die Verwaltung des Staates und des Volksganzen
und das jenseits kleinlicher Ressortbeschränkungen. Bei der Al-
ternative zwischen Politikerkarriere und Arbeiterfunktionärsauf-
stieg entschied er sich für den Gewerkschaftsauftrag. Dem be-
schränkten Dithmarschenschädel muß die Parole einleuchtend gewe-
sen sein: "Politiker kommen und gehen, das deutsche Arbeitsvolk
bleibt bestehen."
Verstaubte Klassenkampftheorien hat dieser Gewerkschafter nie ge-
hegt, und so war sein Aufstieg in der Postgewerkschaft unvermeid-
lich. Jeder "Übertreibung" abhold, wäre es ihm nie in den Sinn
gekommen, die routinemäßigen Tarifverhandlungen mit seinem ober-
sten Arbeitgeber mit rhetorischen Mißtönen zu begleiten, mit
denen sich "kämpferische" Funktionäre ja nicht nur profilieren,
sondern sich im Kreis des DGB auch unbeliebt machen. Einer, der
seine Postler vom "Interesse am Umwandlungsprozeß der Post zu ei-
nem kundenorientierten Dienstleistungsunternehmen" aus verwal-
tete, brauchte DGB-interne Grabenkämpfe nicht zu befürchten - und
so wurde Breit 1972 Chef aller Postler.
Daß Breit nicht auf der Postlermütze sitzenblieb, war allerdings
nicht sein Verdienst. Der Glücksfall hieß Neue Heimat und der Be-
schluß des DGB, aus diesem "Skandal", noch bevor die "Wende" in
Bonn zum Zug gekommen war, ein erstes Beispiel der "moralischen
Wende" zu machen. Als DGB-Chef war auf einmal ein Mann gefragt,
dem die Saubermannstour nur so aus allen Poren triefte. Der desi-
gnierte Nachfolger Vetters, A. Pfeiffer, wurde wegen lumpiger
100.000 DM ins Euopa-Parlament strafversetzt und der griesgrämige
Biedermann Breit zum passenden Repräsentanten der deutschen Ein-
heitsgewerkschaft.
Damit die Botschaft dieser Wahl auch noch dem letzten Deppen
nicht unklar blieb, überreichte der gewichtige Kluncker dem Neu-
gewählten einen übergroßen Besen und die Postler-Gewerkschaftsju-
gend ein Steuerrad. Für die Lohnsenkungen, die der DGB tarifver-
traglich abgesegnet hat, und für die gewerkschaftliche Mitwirkung
bei allen Rationalisierung und Leistungssteigerungen hat der
deutsche Arbeitsmann eine "glaubwürdige" Gewerkschaftsführung
verdient, die es an "sauberer Weste" mit jedem Politiker aufneh-
men kann. Was soll da der kleine Unterschied, daß Dienst und Op-
fer den einen nur etwas kostet und den anderen zur Machtausübung
prädestiniert. Angesichts des symbolischen Wahlschauspiels fiel
zwar die Büttenrede des neuen DGB-Chefs matt aus, aber die Jour-
nalisten konnten vermelden, daß der Ödmann Breit auch heiter sein
kann. Hat er sich doch tatsächlich nach seiner Wahl herzlich auf
die Schenkel geschlagen!
Der Gewerkschafter
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Breit paßt in den Sessel des DGB-Chefs wie der Arsch in die Hose.
Von wegen: "korrekter Beamter, der sich das Profil eines Arbei-
terführers erst noch erwerben muß", wie das ZDF anläßlich der
Wahl meinte! Den Umweg, erst noch von einer Erinnerung an den
Klassengegensatz zum harmonische Miteinander für Wirtschaft und
Demokratie zu gelangen, hat Breit nie gebraucht.
Für ihn ist das Recht des deutschen Arbeitsmannes, in der bundes-
republikanischen Gesellschaft mit seinem Dienst an ihr gut aufge-
hoben zu sein, selbstverständlicher Ausgangs- und Endpunkt. Für
ihn gibt es allenfalls "unsinnige" "Ewig-Gestrige", die - zu ih-
rem eigenen Schaden - dieses Dienst r e c h t und die gesell-
schaftlich nützliche Funktion des DGB immerzu leugnen. Mit Breit
hat auch die Peinlichkeit aufgehört, daß frühere DGB-Vorsitzende
noch ab und zu in Fabriken auftauchten, um sich wie Politiker
"vor Ort sachkundig" zu machen. Die Gewerkschaftsbasis stellt
eben das Material der Interessenvertretung dar, die sich sachge-
mäß ihr Publikum in Presseverlautbarungen, auf Unternehmertreffs,
Bundeswehrtagungen und Wissenschaftlerkongressen sucht; nicht zu
vergessen die "tiefen persönlichen Beziehungen", die Breit mit
diversen Politikern, vor allem mit Helmut Schmidt, verbinden.
Breit ist von Natur aus mit Herz und Seele Gewerkschafter. An der
"verschworenen Solidargemeinschaft" hat er schon früh als Ober-
jungscharführer der Hitlerjugend Spaß gehabt:
"Ich habe Zeiten gehabt, wo mir das durchaue schmeckte. Da war
was los!"
Dem Verein guter Menschen, die sich etwas auf ihren Anstand zu-
gute halten, war er schon immer zugehörig. Als Soldat war er so
anständig, daß er von Kriegs"verbrechen" und Judenvergasungen
einfach nichts bemerken konnte:
"Was im Krieg passierte, wußte man über seinen eigenen Bereich
hinaus kaum. Ich habe keine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen
mit Kriegsverbrechen gehabt."
Die Sache mit der Einheitsgewerkschaft war ihm kein Rätsel, son-
dern ein Herzensbedürfnis. Aus dem Faschismus hat Breit nachträg-
lich gelernt, daß jeder Staat - auch der faschistische - eine
funktionierende Staatsgewerkschaft braucht:
"Sie" (der ADGB, der nichts gegen Hitlers Machtergreifung unter-
nahm) "tat es sicherlich vor allem in der festen Überzeugung, daß
ein hochindustrialisierter Staat, auch wenn er faschistisch re-
giert ist, nicht ohne funktionsfähige Gewerkschaft auskommt."
(Quelle 1983, S. 280)
Die rhetorische Frage: "Wären außerparlamentarische Aktionen bis
hin zum Generalstreik und bewaffneten Aufstand... aussichtsreich
- und was wichtiger ist - verantwortbar gewesen?" beantwortet
sich da von selbst: Diesem staatlichen Auftrag darf sich keine
Gewerkschaft entziehen. Daß der "Wiederaufbau Deutschlands das
Werk des kleinen Mannes" war, ist nicht nur seine Auffassung,
sondern dabei hat er nach 1945 tatkräftig mitgewirkt. Allerdings
nicht als Trümmermann, sondern als Arbeitseinsatzplaner mit dem
Herz für das Arbeitsvolk. "Das fing mit dem Besorgen von Fahr-
radreifen an und ging weiter über das Stubbenroden, damit man et-
was zu brennen hatte. Oder er setzte sich dafür ein, daß die
Leute, die keinen Urlaub mehr beanspruchen konnten, trotzdem acht
Tage in den Torf gehen durften, um ihren Brennstoff für den Win-
ter stechen zu können." (Ihlefeld, S. 21)
Für das Recht auf eine Arbeit, die einen Lohn wert ist, ist Breit
immer eingetreten. Arbeitern darf nichts geschenkt werden, denn
das geht gegen den menschlichen Anspruch, mit Arbeit den Lebens-
unterhalt fristen zu dürfen:
"Esser spricht über wachsenden Reichtum, und ich spreche darüber,
daß alle Menschen in die Lage versetzt werden, durch ihre Tätig-
keit auch ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ihn nicht aus drit-
ter Hand als Almosen zu empfangen."
So hatte dieser Mensch keine Gewerkschaftsschulung nötig, um sich
auf die Höhe gewerkschaftlichen Bewußtseins hinaufzuarbeiten. Er
war Funktionär des gesellschaftlichen Arbeitsdienstes von der er-
sten Stunde an.
Während seiner Zeit als Vorsitzender der Postgewerkschaft hat
Breit nur einen Streik organisiert - aber den mit bahnbrechendem
Erfolg. Dabei ging es gleich gar nicht um eine Lohnverbesserung,
und die geforderten 25 Freischichten im Jahr für die Schichtar-
beiter bei der Post waren nicht auf Durchsetzung berechnet. Die
"erkämpften" 3 Freischichten waren dann das nebensächlichste Er-
gebnis, gemessen an der Ehre, die den Schichtarbeitern bei der
Post als den "ärmsten Schweinen und den größten Arschlöchern der
Nation" von aller Öffentlichkeit zuteil wurde. Der größte Erfolg
für Breit: Der ganze Streik war eine Demonstration der Einigkeit
mit dem Kontrahenten von der anderen Seite, dem Postminister
Gscheidle, seinem Vorgänger im Amt des Postgewerkschafts-Vorsit-
zenden. Der gemeinsame Stolz beider, solche "Arschlöcher" verwal-
ten zu dürfen, erlitt während der ganzen Streikerei keinen Scha-
den.
Anwalt der "sozial Schwachen"
Mit einem bloßen Gewerkschaftsfunktionär will Ernst Breit nicht
verwechselt werden. Dem Verdacht, ein partikuläres oder gar un-
ziemliches Interesse zu vertreten, mag er sich nicht aussetzen;
wenn er sich auf seine Mitglieder beruft, die sich in den Fabri-
ken abschuften, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen, oder denen
ihr Lebensunterhalt gleich ganz gestrichen wird, meint er das ga-
rantiert nicht böse. Täglich malt dieser Saubermann die Elends-
bilder an die Wand, die vom Pech zeugen, von der Arbeit leben zu
müssen; er wird nicht schamrot darüber, sondern preist stolz die
grwerkschaftliche Mitverantwortung und ist im nächsten Satz da-
bei, lauter Gefahren für die Gesellschaft, den Staat und die
Wirtschaft zu entdecken. Der Verein, den Breit vertritt, heißt
eben "saubere" Bundesrepublik, und die geforderte Solidarität
lautet, zusammenzustehen und sich zusammenzureißen für den
politischen und wirtschaftlichen Erfolgskurs der bundesdeutschen
Nation. Das hohe Gut, das der DGB-Chef kraft Amt treuhänderisch
verwaltet, ist der willige und billige Arbeitsfleiß deutscher
Proleten, und der paßt - anders als Arbeiterinteressen - ausge-
zeichnet zum Wohl deutscher Wirtschaft.
Der DGB-Chef kennt seine Mitglieder nur als das brauchbare, be-
nutzte Arbeitsvieh, aber dieses Recht auf nationalen Arbeits-
dienst darf ihnen kein Staat und kein Unternehmer nehmen. Wo das
dennoch passiert, die Arbeitslosenzahl munter auf drei Millionen
zumarschiert und das benutzte wie unbenutzte Arbeitermaterial von
Regierung und Kapital radikal verbilligt wird, da bezieht sich
Breit auf seine Mitglieder als rührende Mitleidswesen, genannt
"die sozial Schwachen". Er nennt sie in einem Atemzug mit "den
Arbeitslosen, Rentnern, Behinderten, Sozialhilfeempfängern, Aus-
zubildenden und Frauen". Eine Gewerkschaft, die ja einmal gegrün-
det wurde, damit Arbeiter sich wehren können, will heute Mitglie-
der verwalten, bei denen es nur darauf ankommen soll, daß sie
sich nicht wehren können und dürfen. Als Betroffene, also als die
bloße Manövriermasse all dessen, was Unternehmer und Politiker
den Arbeitern heutzutage abverlangen, haben sie ihre Würde. Und
die besteht im braven Opferdienst. Selbst gewerkschaftliche Ak-
tionen wie Streiks, mit denen der Gegenseite ja doch wohl etwas
abgerungen werden soll - sollte man meinen -, kennt Breit nur als
Verzichtsleistung der Arbeiter; und diese Einschätzung macht die
Gewerkschaft bei all ihren "Kampfmaßnahmen" ja auch durchschla-
gend wahr.
"Der Streik ist mit hohen persönlichen Opfern und hohen Risiken
für die Arbeitnehmer und ihre Familien verbunden. Sie müssen Ein-
kommenseinbußen hinnehmen. Sie müssen berufliche Nachteile fürch-
ten. Aber die Arbeitnehmer nehmen dieses Opfer auf sich, denn sie
wissen: Es gibt keine Alternative."
Bloß tränenrührende Ohnmacht zu verwalten oder die Öffentlichkeit
zu Mitleid zu erweichen, das befriedigt einen Breit keineswegs.
Daraus wird noch allemal ein Anspruch an die Schädiger, in der
Benutzung des deutschen Arbeitsvolks noch erfolgreicher zu ver-
fahren. Das Opfer hat ein Recht darauf, daß sich sein Dienst für
die Nation auch lohnt, und dabei will die Gewerkschaft als "Säule
der Demokratie" gebührend gewürdigt sein. Der Dienst den Mitglie-
dern, die Ehre dem DGB und dessen tranigem Chef.
Der nationale Saubermann
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Breits Bemühen, bis in die Ohrenspitzen hinein Verantwortung für
das Ganze zu zeigen, Politiker und Unternehmer durch den Vorwurf
'Egoismus' und 'Klassenkampfdenken' zu beschämen und gleichen
Dienst für alle zu fordern - daß der dann sehr ungleich ausfällt,
ist ihm selbstverständlich -, das ist die Kritik, deren der ober-
ste Arbeiterführer allein mächtig ist. Seine Verantwortung für
die Nation beweist er durch die moralische Sauce, mit der er den
von oben verabreichten Genuß von Verarmung und staatlichen Ein-
schränkungen seinem Volk schmackhaft macht. Auf Verwirklichung
ist dieses gewerkschaftliche Erziehungsprogramm gar nicht berech-
net. Erstens ist es ein Ideal, das dem Gang der politischen Maß-
nahmen der Regierung und dem Geschäftserfolg des Kapitals nicht
widerspricht, sondern diesen begleitet, um sie anzustacheln; und
zweitens ist es das Ideal, mit dem ein Blüm Rentensenkungen, Kür-
zung des Arbeitslosengeldes und Aufhebung jeder geregelten Ar-
beitszeit als Gebot der Stunde interpretiert: "Arbeit für alle!
Kaum glaublich, aber wahr, wie von diesem Standpunkt aus, mit dem
ein noch effektiveres Wirken der Politik und des Kapitals als
Recht des Arbeiters eingeklagt wird, die heutige Bundesrepublik
dann aussieht: Erstens tun konservative Politiker und rückstän-
dige Unternehmer nichts - "Beschäftigungspolitik ist für die Ko-
alition ein Fremdwort!"; zweitens machen sie das aus "überholtem
Klassendenken" heraus und mit "autoritärem Regierungsstil"; drit-
tens gehen seiner Gewerkschaft bei ihren verantwortlichen An-
strengungen wertvolle Bündnispartner verloren:
"Wenn die Gewerkschaften im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit al-
lein gelassen werden, wenn Regierung und Arbeitgeber sich nur um
den Aufschwung der Gewinne kümmern, dann werden entscheidende
Fortschritte in Richtung auf eine Wiederherstellung der Vollbe-
schäftigung nicht zu erreichen sein."
Und viertens muß Breit seine Kontrahenten vor seinen Schutzbefoh-
lenen warnen: Wenn sie so weitermachen, schneiden sie sich ins
eigene Fleisch und rufen, wie damals in Weimar, den Straßenmob
auf die Barrikaden. Die so Angesprochenen wird es zu Tränen rüh-
ren!
Das geistige Rüstzeug, mit dem Breit im Namen des deutschen Ar-
beitsvolks, das alles willig mit sich anstellen läßt, die dafür
dem DGB gebührende öffentliche Anerkennung einklagt, besteht aus
zwei großen Ausrufezeichen: "Massenarbeitslosigkeit!" und
"Gefährdung des sozialen Friedens!" Darunter kennt er kein Be-
dürfnis eines Arbeiters. Sie haben es mit ihrem Arbeitsdienst
verdient, daß die Segnungen des kapitalistisch geregelten Ar-
beitslebens und die spürbaren Wohltaten der stärksten Demokratie,
die es je in Deutschland gab, uneingeschränkt weitergehen.
"Massenarbeitslosigkeit" ist für Breit ein Fleck, der die weiße
Weste der BRD erst einmal um so heller strahlen läßt. Um das
Schicksal der um ihre Existenz Gebrachten und staatlich verwalte-
ten Sozialfälle geht es sowieso nicht, die staatstragende Sorge
Breits mahnt vielmehr eine Gefahr an, die Gesellschaft und Staat
erleiden könnten.
"Breit antwortete zunächst zur Verblüffung der anwesenden Bundes-
wehroffiziere, es gäbe nur sehr wenige Beispiele auf der Welt, wo
Arbeitnehmer bei noch etwas besseren Bedingungen noch etwas mehr
für ihre Arbeit erhielten als bei uns. Diese Situation wäre rund-
herum als zufriedenstellend zu bezeichnen, wenn es nicht zweiein-
halb Millionen Arbeitslose bei uns gäbe.
...
Wir haben die Arbeit ja bereits umverteilt, nur auf die bru-
talste, die ungerechteste und vermutlich auch teuerste Weise. Wir
haben 90 Prozent ihre Arbeit gelassen, dafür haben 10 Prozent
überhaupt keine Arbeit mehr. Das ist keine Methode! Eine Ge-
sellschaft, die in der Lage ist, auf den Mond zu fliegen, aber
nicht in der Lage ist, ihre Arbeit anständig zu verteilen!"
Lohn und was den Arbeitern in der Fabrik abverlangt wird, spielen
für einen heutigen Arbeiterführer eben keine Rolle, wenn er die
Benutzung und Ausnutzung der gesamten Arbeitskraft des Volkes für
Staat und Wirtschaft fordert. "Brutal und ungerecht" ist für ihn
dasselbe wie: Die Arbeitslosen kosten den Staat zuviel - eine
Sorge, die Blüm teilt und sachgerecht erledigt. Auch im Verdacht,
bei Arbeitsplatz"besitzern" handle es sich um egoistische
Schweine, die sich "hinter der Mauer ihres Besitzes verschanz-
ten", sind sich Breit und Blüm nicht sonderlich uneinig. Wer den
Profit zum einzigen Lebensmittel der Arbeiter erklärt, dem fällt
dann auch nicht nur die Kritik ein, die Unternehmer hätten ihr
Profitstreben als persönliche Bereicherung mißverstanden, statt
es als Beschäftigungsprogramm zu praktizieren; so einer weiß auch
um die Not der Wirtschaft, die es mit staatlichen Investitionen
zu beheben gilt. Auch einem norddeutschen Breitschädel dämmert
es, daß es nicht auf bloße Benutzung der Arbeitskraft aller, son-
dern auf fürs Kapital lohnende Arbeit ankommt.
Dem Bewunderer der politischen Stärke und des geschäftlichen Er-
folgs der bundesdeutschen Republik ist es auch kein Geheimnis,
daß das gelobte Aufgehen im harmonischen Volksganzen kein Freu-
denfest für alle ist. Daß Arbeiter Gründe hätten, aufrührerisch
zu werden, ist ihm selbstverständlich. Um so mehr verlangt er,
daß der DGB im Kampf gegen jede Staatsverdrossenheit und bei der
Aufgabe der Überwachung der Massen von Politikern und Unterneh-
mern anerkannt und unterstützt wird:
"Wer steigende Arbeitslosigkeit als das kleinere Übel ansieht,
wer die Arbeitnehmer und ihre Gewerkschaften in die Knie zwingen
will, gefährdet den sozialen Frieden. Wo der soziale Frieden ge-
stört ist, ist schließlich auch die Demokratie in Gefahr. Deshalb
fordere ich die Arbeitgeber und ihre Verbände auf: Werden Sie Ih-
rer sozialen Verantwortung gerecht!"
Wer mit bloßen Fiktionen nur den Auftrag bekräftigen und beflü-
geln will, dem sich Politiker und Unternehmer schon mit aller
Entschlossenheit widmen, dessen Zufriedenheit mit dem Gang von
Geschäft und Gewalt in der Bundesrepublik ist wirklich durch
nichts zu erschüttern. Einen Ärger gibt es jedoch, der Breit
wirklich umtreibt. Eine Gewerkschaft, die die praktische Gegner-
schaft, mit der Staat und Kapital die Mitglieder der Gewerkschaft
behandeln, zum Anspruchstitel hernimmt, auf noch effektivere
Benützung des deutschen Arbeitsmannes zu dringen, macht sich, je
mehr sie dabei auf Glaubwürdigkeit Wert legt, immer ein Stückchen
mehr überflüssig. Es wurmt Breit, daß die Öffentlichkeit - die
einzige Instanz, auf deren Wertschätzung er demonstrativ aus ist
-, sein Lob der Probleme, in die Politiker und Unternehmer ihr
Wirken verwandeln, nicht mit der gebührenden Anerkennung ver-
sieht, die dem DGB zusteht. Das ärgert ihn um so mehr, als er aus
ganzem Herzen die Auffassung der Öffentlichkeit teilt, daß in der
BRD nur die Rücksichtslosigkeit des Kapitals gilt und daß die
Macht das einzige zählende Argument ist; nur wo bleibt da die
Würdigung der moralischen Begleitmusik des DGB?
"Ein Unternehmer, der hohe Gewinne macht, genießt für diesen Bei-
trag zur Stärkung unserer Wirtschaft allgemeinen Respekt" (auch
von unserem Ernst!), "Eine Gewerkschaft, die hohe Löhne oder
spürbare Arbeitszeitverkürzungen mit vollem Lohnausgleich durch-
setzt", (du flunkerst!) "bezieht hingegen öffentliche Schelte für
diesen angeblichen Beitrag zur Schwächung unserer Wirtschaft...
So lange die Gewinnhöhe nicht ebenso wie die Lohnhöhe einer sach-
lich kritischen Diskussion unterworfen und das Unternehmerinter-
esse automatisch dem wirtschaftlichen Gesamtinteresse gleichge-
stellt wird, solange werden die Gewerkschaften in der öffentli-
chen Auseinandersetzung um die Berechtigung ihrer Forderungen
notwendigerweise nicht allzu gut dastehen... Wer die größere
Macht hat, hat keineswegs immer die besseren Argumente..."
Daß es sich eine Gewerkschaft einmal zur Ehre anrechnete, keine
gute Presse bei ihren Feinden zu haben, gehört eben längst der
Vergangenheit an. Der Ärger im Gesicht Breits ist ausnahmsweise
echt, wenn er im Fernsehen zusammen mit einem Vertreter des Rent-
nerbundes Blüm vor der gerade abgesegneten neuen Rentenkürzung
warnt. Er, der Chef des DGB als bloßer Vereinsmeier unter ande-
ren!
Der nationale Zeigefinger
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Von dem, was seinen Mitgliedern tagtäglich praktisch zugemutet
wird, und davon, wie gewerkschaftliche Mitverantwortung daran be-
teiligt ist, leitet der oberste Arbeitsführer nur einen Anspruch
ab: In der Interpretation um das selbstverständlich anerkannte
Wirken von Gewalt und Geschäft soll seine Stimme gehört werden;
als die des uneigennützigsten Saubermannes der Nation. Das Ar-
senal für diese Darstellung besorgt sich Breit aus den Sonntags-
reden der Politiker. Keinen "Sachzwang" und keines der fürchter-
lichen "Probleme", unter denen Regierung und deutsche Unterneh-
merschaft so leiden, mag Breit auslassen, um die wuchtigsten
Schläge auf das Gewissen der Nation daraus zu verfertigen.
So tritt er an, um die "Mauer des Tabukataloges, die die Unter-
nehmer errichtet haben, zu durchbrechen", um die Politiker aus
"ihrer Ohnmacht und Lethargie aufzurütteln" und um die Öffent-
lichkeit mit seinen "ernsten Warnungen und entschiedenen Prote-
sten" zu erschrecken. Keiner lacht sich dabei einen Ast. Also
wird es auch so verstanden, wie es gemeint ist.
Breit ist ein Meister in der Kunst, seine Sturzzufriedenheit über
die BRD in bekümmerte Sorgenfalten zu kleiden. So kann ihn jeder
als Vertreter aller "Beleidigten" unter anderen Politikern her-
ausfinden.
Kein entschiedener Protest, der nicht gleichbedeutend wäre mit
der Ankündigung von Gewerkschaftsseite, alles, aber auch wirklich
alles mitzumachen. Keine Geißelung des "unerträglichen Egoismus"
der anderen Seite ohne das Bekenntnis, sich im "Maßhalten" von
niemandem übertreffen zu lassen.
"Das Anspruchsdenken der Arbeitgeber nimmt aufgrund der prakti-
schen und moralischen Unterstützung durch die Regierung, die sich
zunehmend als Unternehmer-Unterstützungs-Verein mißversteht, Aus-
maße an, daß es mir an der Zeit scheint, zum Maßhalten aufzufor-
dern. Die Arbeitgeber sollten nicht glauben, daß sie alles
gleichzeitig haben können, zum Beispiel höhere Gewinne, niedri-
gere Steuern, unveränderte Arbeitszeiten, sinkende Reallöhne der
Arbeitnehmer, dazu fortlaufenden Abbau der Arbeitnehmerschutz-
rechte... und gleichzeitig millionenfache Arbeitslosigkeit, die
ihnen vielleicht die Durchsetzung all dieser Ziele erleichtert."
Unverschämt ist das schon: Was davon ist denn nicht schon längst
- gewerkschaftlich abgesegnet - gültige Umgangsform in deutschen
Betrieben geworden?
Zu den höchsten Genüssen, die das Arbeitsleben eines DGB-Chefs
mit sich bringt, zählt deshalb auch, bei Kohl antichambrieren zu
dürfen. Für Breit natürlich eine Forderung, mit der er die Wende-
Regierung, "den Unternehmer-Unterstützungs-Verein" glatt in die
Knie zwingt: "Wir dürfen die Bundesregierung nicht aus dem Ge-
spräch entlassen." Das Kommuniqué, mit dem der DGB-Chef in das
jüngste Gespräch hinein und wieder herausgegangen ist, hat nur
einen schwanzwedelnden Inhalt: Wir sind uns doch so einig, wir
beiden, gell?
"Sie wissen, Herr Bundeskanzler, daß die bisherige Arbeitsplatz-
Bilanz Ihrer Regierung trotz eines konjunkturellen Aufschwungs
mit roten Zahlen geschrieben werden muß... Erwarten Sie für die
2. Hälfte der achtziger Jahre so hohe Wachstumsraten, daß... die
bestehende Massenarbeitslosigkeit beseitigt und das
Arbeitskräftepotential der weitere geburtenstarken Jahrgänge
versorgt werden kann?...
Es ist Ihnen bekannt, Herr Bundeskanzler, daß praktisch alle
Wirtschaftsexperten... die Wiederherstellung der Vollbeschäfti-
gung alleine durch Wirtschaftswachstum in absehbarer Zukunft für
unmöglich halten
...
Welche beschäftigungspolitischen Aktivitäten plant Ihre Regierung
und bis zu welchem Zeitpunkt hofft sie, der Massenarbeitslosig-
keit Herr werden zu können?"
usw. usf.
Das hätte der gute Mann auch in der Zeitung nachlesen können,
aber die hätte dann keine Schlagzeile gehabt: "DGB trifft Bundes-
kanzler" und "Breit sieht erste Gemeinsamkeiten im Kampf gegen
die Arbeitslosigkeit" (FR). Das kann man dem obersten Dienstmann
der Regierung durchaus glauben:
"Wasser in den Wein zu gießen, ist eine undankbare Aufgabe. Wenn
es wahr ist, wenn es wenigstens wahrscheinlich wäre, was Vertre-
ter der Regierung und der Arbeitgeberverbände über ihre Erfolge
im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verkünden, die Gewerkschaften
wären die ersten, die Beifall zollten... Niemand hat weniger In-
teresse, wirtschaftliche Erfolge in Abrede zu stellen als die Ge-
werkschaften."
Leider, leider gibt es da den Ruf der Gewerkschaft als
"selbständiger Kraft" im Land, und den gilt es zu wahren.
Der Schutzpolizist der Nation
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Wo er sich etwas herausnehmen darf, weiß dieser anständige Deut-
sche sehr genau. Daß seine Untergebenen im Betrieb, wenn sie zu
Überstunden abkommandiert werden, ein Verbrechen an der Gesell-
schaft begehen und sich persönlich bereichern, macht Breit schon
manchmal krötig.
Einem Steinkühler, der bei dem "Kampf" um die 35-Stunden-Woche
wie immer das große Wort führte, hat Breit die gewerkschaftsübli-
chen Kampfphrasen verübelt:
"Bei der Frage der 35-Stunden-Woche geht es weder um Sein oder
Nichtsein der deutschen Gewerkschaften, noch um Aufstieg oder
Niedergang der deutschen Wirtschaft. Im übrigen gilt: In der Bun-
desrepublik hat noch kein Streik der Wirtschaft ernsthaft gescha-
det."
Wo eine Gewerkschaft gegen dieses erste Prinzip gewerkschaftli-
cher Politik verstößt, da ist radikale Säuberung angebracht wie
im Fall der englischen Minergewerkschaft. Eine Gewerkschaft hat
in den Augen Breits nur dann ein Lebensrecht, wenn sie einer mit
unserer Regierung so eng befreundeten Thatcher keine Schwierig-
keiten macht. Für Friedensbewegung ist Breit als Stellvertreter
der "ältesten Friedensmacht der Welt" immer. Aber richtig: Frie-
den heißt Antikommunismus und deshalb die Aufstellung der Pers-
hings. Protest ist unstatthaft.
"Falls bis Herbst 83 Verhandlungsergebnisse im Sinne einer von
beiden Seiten unterschriebenen Vereinbarung über Mittelstrecken-
waffen in Europa nicht vorliegen, ist nach einer Prüfung des Ver-
handlungsstandes von Bundesregierung und Bundestag verantwortlich
zu entscheiden. Eine Friedensbewegung, die die Raketenfrage ein-
seitig als westliches Nachrüstungsproblem behandeln würde, ver-
diente ihren Namen nicht. Wer Pershing, aber über SS-20 nicht re-
den will, dessen Abrüstungswillen darf bezweifelt werden. Es muß
darum gehen, die Friedenspolitik und insbesondere die Frage der
Nachrüstung nicht zu einem Konflikt werden zu lassen, der unsere
Gesellschaft in zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende Lager
spaltet."
Die Grünen sind für Breit ein "Chaotenhaufen", mit dessen Vor-
stand es "keine Gespräche geben wird". Wer sich der Verantwor-
tung, Steuern zu erhöhen, am Sozialhaushalt zu sparen und Atom-
kraftwerke zu beschließen, mutwillig entzieht, bei dem kann ein
Breit "jedenfalls nicht erkennen, was die Grünen wirklich wollten
und wie die Partei einzuordnen sei". Leider sind die schönen Zei-
ten vorbei, wo Ernst Breit von der sozial-liberalen Koalition auf
jeder Auslandsreise im diplomatischen Gepäck mitgenommen wurde.
Da konnte er Tacheles reden und ausländischen Politikern klarma-
chen: Was meinen politischen Herren nützt, daran habt ihr euch
gefälligst zu halten - und endlich ohne gequälte Bemühung um Kri-
tik frei reden: "Scheel erinnert sich daran, wie Breit auf eine
äußerst eindrucksvolle Weise den Spitzenvertretern der japani-
schen Wirtschaft auseinandersetzte, warum die deutsche Wirtschaft
so erfolgreich geworden ist: weil Unternehmer wie Arbeitnehmer in
einem ausgewogenen Spiel der Kräfte agieren konnten." Die auslän-
dischen Gewerkschaften bekamen von diesem Standpunkt aus ihr Fett
weg.
Heute reist er schon gelegentlich solo in die Welt, um ausländi-
sche Staatsoberhäupter mit der schlagenden Wucht deutscher Wert-
arbeit und den Geboten deutscher Moral bekanntzumachen. Gemeinsam
mit deutschen Unternehmen, die in Südafrika mit der Ausbeutung
der Neger ihren Profit machen, warnt er die Burenregierung, es
nicht zur Gefährdung des sozialen Friedens durch ihre rückstän-
dige Apartheid-Politik kommen zu lassen.
Ein Mann des Volkes
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In seinem Amt denkt Breit genauso faschistisch, wie er es als an-
ständiger deutscher Demokrat gelernt hat. Er ist der geborene
Wende-Politiker von unten und spricht in seinen Vorwürfen gegen
"konservative Politiker" und "egoistische Unternehmer" allen
deutschen Stammtischbrüdern, ob sie nun DGB-Mitglieder sind oder
nicht, aus dem Herzen.
So würden die es zwar nicht sagen:
"Eine Politik aber, die in einem weit überwiegenden Ausmaß die
Schwachen und Abhängigen belastet und die Gutsituierten offen-
sichtlich schont... verletzt die Maßstäbe sozialer Ausgewogen-
heit."
Eher schon so:
"Das ist schon eine feine Regierung, die vorgestern die geistig-
moralische Wende verkündet hat, gestern Spenden-Steuersünder
reinwaschen wollte und heute kalt Ausgesperrte der Sozialhilfe
zutreibt."
So lange sich Arbeiter diesen Anstand nicht nehmen lassen wollen
und sich ansonsten wie das deutsche Arbeitsvolk aufführen, als
das sie benutzt werden, haben sie keinen besseren Vertreter als
Breit verdient.
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