Quelle: Archiv MG - BRD FASCHISTEN ALLGEMEIN - Rechtsextremismus und Demokratie
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Krawalle in der Ex-DDR
MACHT ARMUT RECHTSRADIKAL?
Ein Teil der frisch eingemeindeten Brüder in den neuen Bundeslän-
dern benimmt sich in letzter Zeit daneben.
Anstatt ihre realsozialistischen Lebensverhältnisse "mit Mut,
Fleiß und Bescheidenheit" (der bayerische Ministerpräsident
Streibl) geduldig abwickeln zu lassen, wie es sich für "fried-
liche Revolutionäre" gehört, machen sich ganze Jungmannschaften
als "R e c h t s r a d i k a l e" bemerkbar.
1.
In dieser Eigenschaft schlagen sie schon mal Neger tot, stören
eine "historische" Grenzöffnung nach Polen durch Schlägereien und
mögen in ihrem geliebten Deutschland, das sie handfest aus-
schließlich für die Deutschen reklamieren, überhaupt keine
Schlitzaugen, Schwarzen, Polacken und sonstige nicht-deutsche
Elemente leiden.
2.
Die Freunde des a u f g e k l ä r t e n Nationalismus - Typ
"Frankfurter Rundschau" und Konsorten - können solch
"unzivilisiertes" Benehmen nicht ausstehen, finden die
"zunehmende Fremdenfeindlichkeit in der Ex-DDR" beklagenswert,
weil so etwas ein "d u m p f e r" Nationalismus ist, der ein
schlechtes Bild vom neuen Deutschland abgibt.
Diese auf- und abgeklärten Beobachter und Betreuer der Szene wis-
sen auch, w a r u m die jungen Volksgenossen vom rechten Flügel
so herumtoben: "Hoffnungslosigkeit" soll bei den Schlägern im
Osten eine "hohe Aggressionsbereitschaft" hervorgerufen haben,
meint eine Berliner Ausländerbeauftragte, und "Angst" soll "das
bestimmende Grundgefühl von 80% der Jugendlichen" sein, verbunden
mit dem "vorherrschenden Grundgefühl, in Deutschland Bürger zwei-
ter Klasse zu sein" (beide "Grundgefühle" aus einer Studie der
Bundes-Ausländerbeauftragten), was ein "Bedürfnis nach Sündenböc-
ken" nach sich ziehen soll.
3.
Daß die soziale Verelendung im Zuge der "schöpferischen Zerstö-
rung" (Schäuble) der DDR "überzogenen Nationalismus und
Fremdenfeindlichkeit" (Süddeutsche Zeitung) zur Folge hat, ist
für Leute, die selbst nicht anders als n a t i o n a l denken
und fühlen können, durchaus einleuchtend und nicht etwa ein Feh-
ler.
Alle zusammen, die Betreuer des Anschlußwerkes in Politik und Me-
dienöffentlichkeit ebenso wie ihre wildgewordenen Sorgenkinder im
Osten, gehen von der ebenso geläufigen wie falschen Gleichung
aus, daß Deutsch-Sein und das Recht auf ein Auskommen im Leben
schon irgendwie dasselbe zu sein hätten. Vor allem zähl- und
berechenbaren "Wohlstand" soll deshalb die N a t i o n und die
Zugehörigkeit zu ihr das wichtigste Grundlebensmittel ihrer Bür-
ger sein. Das ganze Leben ist durch die staatliche Rechtsordnung
bestimmt, ohne deren Gewalt läuft nichts; und ausgerechnet weil
diese Abhängigkeit so alternativlos ist, soll sie auch schon als
eine Art "Garantie" der Erfüllbarkeit aller Bedürfnisse gelten.
4.
Die Macher und Agitatoren des Anschlusses halten diese nationali-
stische Ur-Lüge hoch, um den östlichen Neubürgern klarzumachen,
daß doch mit der s t a a t l i c h e n E i n h e i t ihr
Hauptproblem eigentlich schon gelöst sei und die erträumte
"Lebensqualität" des westlichen Lohnarbeiters sich schon bald
einstellen werde, Fleiß und Bescheidenheit vorausgesetzt.
5.
Ihre östlichen Adressaten haben nichts gegen diese verlogene
Gleichung. Der Glaube daran war ihnen ja Grund für ihr Überlaufen
ins westliche Lager. Doch sie bemerken, daß sie mit der Unter-
werfung unter die stärkere deutsche Staatsgewalt nicht auch
gleich von mäßig bedienten realsozialistischen Werktätigen zu
Teilhabern des bewunderten, glorreichen, weltmarkttüchtigen
Reichtums West geworden sind, sondern zur billigen oder gleich
unbrauchbaren Manövriermasse dieses Reichtums. Das wollen sie
aber nicht einfach für ein Stück gelungenen Zweck der Veranstal-
tung halten, sondern für eine ziemlich ungerechte Belohnung ihres
eifrigen Willens, nun auch richtig gute Deutsche zu sein. Die
Verweigerung eines "gesicherten Auskommens" - mit dem sie einen
kapitalistischen Arbeitsplatz verwechseln - im Dienste der mäch-
tigen DM sehen sie als Behinderung ihres Deutsch-Seins, wozu sie
eben auch nützliche, mit starker Mark entlohnte Arbeit zählen. Je
mehr sich im wirklichen Leben die Beispiele häufen, daß zum
Dienst des Lohnarbeiters am nationalen Reichtum auch mal viel
dienstfreie Zeit ohne Lohn gehören kann, desto empörter pochen
einige der so "Enttäuschten" auf die Verwirklichung ihrer Täu-
schung, auf die sie als Deutsche ein Recht zu haben glauben. Sie
werden "radikal" und tragen ihre Beschwerde über die Verletzung
ihrer vermeintlichen Ansprüche, auch erstklassige Deutsche sein
zu dürfen, mit Steinen und Baseball-Schlägern vor.
6.
Die richten sie weniger gegen die "Besser-Wessies". Bei aller von
denen zu verantwortenden Ungleichbehandlung sind sie ja diejeni-
gen, bei denen man die Forderung nach Erstklassigkeit einzuklagen
gedenkt und bei denen man dafür die Mittel und die Kompetenz zu
ihrer Gewährung weiß.
Statt dessen gehen die enttäuschten Deutschen ziemlich mörderisch
gegen Leute vor, die angeblich auf ihre Kosten allerlei
"Begünstigungen" von der Nation erfahren, obwohl sie noch nicht
einmal drittklassige, sondern gar keine Deutschen sind: Wenn sol-
chen der "Vorteil" zuteil wird, sich hier aufzuhalten, ein- oder
durchzureisen, zu wohnen oder sogar deutsches Geld zu verdienen,
"obwohl" - und das heißt für sie immer "weshalb" - mancher Einge-
borene ohne Wohnung und Einkommen ist, dann ist für sie das Maß
der Ungerechtigkeit voll. So wird noch jeder miese Job oder das
dreckigste Wohnklo für Ausländer zum "Rechtsmißbrauch", der
Deutschland den Deutschen streitig macht und der bekämpft gehört,
solange nicht die Deutschen einen ihrer Klasse-Nationalität ange-
messenen "Lebensstandard" erreicht haben. Das wollen sie den
"Fidschis" und Polen einbleuen.
7.
Demonstrativ legen sie sich dabei auch mit der Obrigkeit an, die
"zuläßt", daß man den Deutschen im eigenen Land die Arbeit, die
Frauen und den Platz auf dem Gehsteig wegnimmt. Sie wollen die
demokratische Politik darauf verpflichten, den von ihnen durch-
schauten "Mißbrauch deutscher Rechte" durch frei reisende pol-
nische "Schwarzarbeiter, Händlermassen und Kriminelle"
(Süddeutsche Zeitung) zu unterbinden. Und dabei liegen sie so
grundfalsch ja auch wieder nicht: Die deutsche Obrigkeit selbst
definiert schließlich "die Ausländer" in erster Linie als Rechts-
subjekte zweiter Klasse und Ordnungsproblem, das auf gar keinen
Fall durch die Gewährung von zu vielen Freiheiten überhand nehmen
darf.
Um so mehr bringt es die jugendlichen Fans des toten Adolf in
Rage, wenn sie sich einerseits vom demokratischen Rassismus in
ihrem Urteil über die Polen bestätigt sehen, Verständnis für ih-
ren Wahn finden, ausgerechnet die "offene Grenze zwischen
Deutschland und Polen" könne für die Zonis
"ein Grund zu der Besorgnis sein, ihr sozialer Aufstieg werde
aufgehalten durch den Übertritt aus dem Nachbarland" (Süddeutsche
Zeitung),
und wenn diese "Sorgen" dann - anstatt daß mit dem volksfremden
Pack aufgeräumt wird - als "Probleme an der Oberfläche" (SZ) ab-
getan werden und die wirklichen Ordnungsprobleme der Staatsgewalt
ganz woanders anfangen als beim Aldi, in der Disco oder bei un-
schuldigen polnischen Reisegruppen.
8.
Skins und sonstige "Faschos" bekommen vor lauter Empörung über
ihre Nöte mit der Nation einfach nicht mit, daß das demokratische
Deutschland sich von einer borniert-bescheidenen Parole wie
"Deutschland den Deutschen" noch nie viel versprochen hat. Unter
den "Problemen an der Oberfläche" liegen die wirklichen Aufgaben
der Nation: Zu denen gehört zur Zeit viel Wichtigeres als eine
Säuberung unseres "durchmischten und durchraßten" Volkskörpers
(CSU-Innenminister Stoiber); z.B. den Polen klarzumachen, daß ihr
"Weg nach EG-Europa nolens volens über Deutschland führt" (SZ).
Kurz gesagt: Den Deutschen steht mehr zu als bloß Deutschland;
deswegen darf man Deutschland auch nicht abschotten.
Die rechten Protestierer wollen nicht verstehen, daß man sich für
nationale Zwecke mit Weltformat als Demokrat auch zu seinem Ras-
sismus berechnend verhalten und auch schon mal das Visum für ein
Völkchen abschaffen muß, das nach durchaus offizieller Lehrmei-
nung zu Schwarzarbeit, Kriminalität und krummen Geschäften neigt.
Für ihre unzivilisierte Einmischung in Staatsgeschäfte haben die
randalierenden Zonis sich - vom deutschen Standpunkt - einen der
größten anzunehmenden Rüffel eingefangen. Von den Polen hatte man
"illegalen Handel, Kriminalität und unendlich viel Schmutz" (der
Berliner Innensenator)
erwartet und dann überraschend "insgesamt doch sehr manierliche
Leute" (SZ) angetroffen.
Für die rechten Störer bei der deutsch-polnischen Grenzöffnung
mußte man sich hingegen international schämen: die haben sich
schlimmer aufgeführt als die Polen!
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