Quelle: Archiv MG - BRD FASCHISTEN ALLGEMEIN - Rechtsextremismus und Demokratie


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       Rechtsextremismus und Demokratie
       
       Angesichts des  faschistischen  Attentats  auf  dem  Oktoberfest,
       wurde nur eine Frage gestellt: Wer kann so etwas tun? Es gab auch
       nur eine  Antwort: Das  war die  Tat von Verrückten, Verleiteten,
       Ewig-Gestrigen, Gewalttätern.  Weil schon die Frage eine rhetori-
       sche ist:  Eigentlich kann  so etwas  kein normaler, anständiger,
       demokratischer Mensch  tun, nennt  auch die Antwort keine Gründe,
       sondern bestreitet sie. Statt eines Urteils schritt alle Welt zur
       umstandslosen Verurteilung  der Tat und forderte die entsprechen-
       den Konsequenzen. Der einfache Bürger umstandslos:
       
       "Ich möchte  bloß wissen,  was die  Terroristen mit einer solchen
       Tat erreichen wollen. Die gehören nicht behandelt, die sollte man
       gleich wegräumen."
       "Schockiert bin  ich schon,  da wurden  doch unschuldige Menschen
       umgebracht. Den Tätern gehört der Kopf abgeschnitten."
       
       Öffentlichkeit und Politiker rechtsstaatlich:
       
       "Der Terrorismus von allen Seiten muß bekämpft werden."
       
       Das Attentat  und seine politische Bewältigung drängt also andere
       Fragen auf. Warum fordern die Bürger eines demokratischen Staates
       besten Gewissens  den Tod  anderer Menschen?  Warum unterscheiden
       sie zwischen solchen und solchen Opfern von Gewalt, und plädieren
       für Rache?  Warum erschrickt  niemand angesichts des Versprechens
       der Politiker,  auf  anständige  Weise  für  Ordnung  zu  sorgen?
       Politiker, die im übrigen am Faschismus auszusetzen haben, daß er
       "unsere Ideale  m i ß braucht" habe?
       Ist denn  wirklich die  Brutalität des  'Volkszorns' ein Argument
       für den  Rechtsstaat, der  die  T o d e s strafe abgeschafft hat?
       Warum empört sich niemand darüber, daß Öffentlichkeit und Politi-
       ker die  faschistischen Wünsche  von Bürgern  nach  gewalttätiger
       Herstellung von  Recht und  Ordnung 'verständlich' finden und mit
       dem Hinweis  kritisieren, die  Ordnung sei bei der demokratischen
       Staatsgewalt in besten Händen? Warum fällt niemandem auf, daß die
       Kopf-ab-Äußerungen der Auftakt zur Zufriedenheit mit Versicherun-
       gen der  demokratischen Politiker  sind, sie  würden alles Nötige
       unternehmen, der Ausgangspunkt dafür, eine Woche später diese Po-
       litiker zu  wählen? Dieses  demokratische Einverständnis zwischen
       Bürgern und  Staat über  die  Unterscheidung  von  richtiger  und
       falscher Gewalt  ist die  Erklärung dafür, warum nach den Gründen
       des Attentats niemand fragt, sondern sie abstreitet.
       
       POLITISCHES GESCHÄFT MIT LEICHEN
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       Das Attentat
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       Wie kommt jemand dazu, auf dem Oktoberfest eine Bombe zu werfen?
       Die Antwort  auf diese  Frage ist so schwer nicht. Die Attentäter
       haben zwei  allgemein verbreitete Überzeugungen und sind zu einer
       verrückten Schlußfolgerung gelangt, die sie dann in die Tat umge-
       setzt haben.
       Erstens sind sie wie fast jedermann in unserer schönen Demokratie
       der festen  Meinung, daß  es "den  Leuten zu  gut geht", sie sich
       laufend zuviel herausnehmen, und zwar vor allem Freiheiten gegen-
       über der Ordnung, die ja sein muß und der ein ordentlicher Mensch
       Opfer zu  bringen hat.  Sie beherrschen  also zwei  der  verbrei-
       tetsten staatsbürgerlichen  Tugenden: Neid  und Haß im Namen des-
       sen, "was sich gehört".
       Zweitens haben sie eine durchaus übliche Kritik am demokratischen
       Staat: er  ließe den  Leuten viel  zu viel Freiheiten durchgehen,
       wäre also "zu schwach" und nicht in der Lage, die Ordnung und den
       Anstand, die  Opfer und  den Gehorsam  durchzusetzen,  durch  die
       Deutschland immer wieder groß geworden ist und ohne die es unter-
       gehen müßte.
       Drittens -  und darin  unterscheiden sie  sich von allen normalen
       und mit  ihrem Staat unzufriedenen Menschen - fühlen sich die fa-
       schistischen Attentäter  aufgerufen, diese Urteile über die ande-
       ren Leute  höchstpërsönlich zu vollstrecken. Sie trauen dem demo-
       kratischen Staat  nicht zu,  daß er gegen seine Bürger schon ein-
       schreitet, wenn  es nottut;  in ihrem  Fanatismus  übersehen  sie
       glatt, was  der jetzige  Staat in  dieser Hinsicht jeden Tag lei-
       stet. Wie  der Staat  maßen sie  sich das  Recht  an,  gegen  die
       "pflichtvergessenen" Staatsbürger   G e w a l t  zu üben, die auf
       dem Oktoberfest  ein paar  Stunden lang ganz gewöhnlichen und von
       oben gern  gesehenen Vergnügungen nachgehen. Mit ihrem Verbrechen
       wollen sie den praktischen Beweis liefern, wie weit die öffentli-
       che Unordnung und Unmoral schon gediehen sind. So sehr ist dieser
       Faschist von  der  Harmlosigkeit  ausgerechnet  der  Staatsgewalt
       überzeugt, daß  er Leute umbringt und in den Leichen seine Alter-
       native in Sachen Zucht und Vaterlandsliebe anbietet.
       
       Das Entsetzen - und was aus ihm wird
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       Das Entsetzen  über das Blutbad stellt sich spontan ein - in sei-
       nem   G e f ü h l s l e b e n  (und leider nur dort!) verfügt ein
       normaler Mensch  noch über ein richtiges Urteil über Gewalt, auch
       wenn sie  in der  anmaßenden Form  des Rechts und der politischen
       Säuberung daherkommt.  Die Empörung, die dem Entsetzen folgt, ist
       schon etwas  ganz anderes.  In ihr  sprechen all die braven Leute
       nämlich ihre   G e d a n k e n   über das Verbrechen aus: Erstens
       fällt ihnen  ein,   d a ß  es sich um ein Verbrechen handelt, daß
       sich die  Gewalttäter über Recht und Ordnung hinweggesetzt haben.
       Das Entsetzen  über die  Toten wird  ohne weitere Umstände in den
       Dienst des Urteils gestellt, wie gut eigentlich Recht und Ordnung
       seien -  als ob  die zur  Verhinderung von  Grausamkeiten auf der
       Welt eingerichtet  worden wären. Da wird so getan, als ob Polizei
       und Justiz  nicht zur  Verfolgung von  Straftaten, mit  denen der
       Staat immerzu rechnet, bereitstünden, sondern zur menschenfreund-
       lichen Beseitigung  der Gründe für jegliches Verbrechen. Deswegen
       gilt die  Empörung auch  gleich dem  Staat, der beim Schaffen der
       Ordnung nicht  konsequent genug  vorgeht und  solche  Taten  erst
       e r m ö g l i c h t.   Und mit  dieser Meinung  sind  die  Bürger
       nicht nur  meilenweit von  ihrem Entsetzen  entfernt; sie  liegen
       ganz auf  der Linie der faschistischen Verbrecher, denen die Ord-
       nung nicht ordentlich genug ist.
       Die andere,  nicht minder  brutale Seite der zur Schau gestellten
       Empörung gipfelt  in dem  Urteil, der Tod der "unschuldigen" Men-
       schen sei  "sinnlos". Das  sind zwei interessante Relativierungen
       des Schreckens  über die  Leichen: Geschieht es denn "schuldigen"
       Menschen (wer  ist das  eigentlich?) recht,  wenn sie, vielleicht
       gar durch  einen staatlichen Beschluß (Todesstrafe? Krieg?) umge-
       bracht werden? Welchen "sinnvollen" Tod können sich denn die, die
       solches Zeug  in die  Welt setzen, vorstellen? Den Tod im Dienste
       des Vaterlandes, im Mittleren Osten oder was?
       Kann man  denn nicht  einmal angesichts eines solchen Terroraktes
       einfach und umstandslos  g e g e n  Gewalt sein, ohne gleich wie-
       der für  eine gerechte  und richtig  eingesetzte Gewalt Partei zu
       ergreifen?
       Die Beurteilung als Vergehen gegen die Staatsgewalt läßt das Ent-
       setzen über  das Blutbad  zur   H e u c h e l e i  werden. In Ge-
       sprächen mit  Bekannten und Unbekannten konkurrierten die Bundes-
       bürger mindestens  eine Woche  lang um  die größte Detailkenntnis
       und damit um die beste Empörung über die "Untat". Glücklich waren
       also die  dran, die  in der Unglücksstadt wohnen, also hautnah am
       Geschehen teilnehmen konnten, auch ohne dabeigewesen zu sein. Die
       Schaulustigen, die  sich an  den Ort des Geschehens begaben, ver-
       schafften sich über ihre Zeugenschaft die Berechtigung dafür, ein
       kompetentes Urteil  über das  Verbrechen abgeben  zu dürfen.  Als
       Leute, die  dabei waren  und selbst   e r l e b t  haben, wie "es
       passierte" oder zumindest die Örtlichkeiten (möglichst unter Mit-
       bringung eines  Blumenstraußes/Lebkuchenherzes) mit eigenen Augen
       betrachten konnten, führen sie ihre persönliche Betroffenheit als
       Argument dafür  ins Feld, daß ihrer ansonsten unmaßgeblichen Mei-
       nung -
       
       "Da wurden  doch unschuldige  Menschen umgebracht. Den Tätern ge-
       hört der Kopf abgeschnitten." -
       
       im Falle  dieses nationalen  Ereignisses besondere  Autorität zu-
       kommt -  was ihnen  im Gespräch mit anderen die Befriedigung ver-
       schafft, sich als wichtige Persönlichkeit begaffen lassen zu kön-
       nen.
       
       Paritätisch am Tatort
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       Die Leichen  waren noch  nicht gezählt,  da waren  die  Politiker
       schon am Tatort erschienen, um sich zu "informieren". Schön pari-
       tätisch -  Strauß als  wichtigster Vertreter der Union, Vogel als
       die lokale Größe der SPD, dokumentierten sie, während die Sanitä-
       ter und  Ärzte noch  um Verletzte  bemüht waren,  mit der  ganzen
       Würde ihrer  Person, daß  es sich hier um  m e h r  handelte, als
       "nur" ein  paar Leichen  und Verletzte.  Durch ihr Erscheinen vor
       Ort verliehen  sie dem Blutbad den Rang eines Ereignisses von öf-
       fentlicher Bedeutung  und erklärten  sich durch ihr bloßes Dasein
       als Politker  zuständig für die  L e h r e n,  die aus diesem At-
       tentat zu  ziehen sind.  Als Leute,  die die Macht haben, nutzten
       sie die  Gunst der Stunde, um ihre demokratische Glaubwürdigkeit,
       flankiert von  Toten und  Verletzten, ins rechte Licht zu setzen.
       Ein munteres  Gerangel setzte  ein, in  dem jeder aus den Leichen
       für sich politisches Kapital zu schlagen suchte durch die
       
       Vorführung der eigenen Betroffenheit
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       Strauß begab  sich höchstpersönlich  an ein Krankenbett - die un-
       ausbleibliche Kritik  an diesem  "würdelosen" Vorstoß wies dezent
       auf das  eigene wahre  Mitgefühl für  das Leiden  der Betroffenen
       hin. Jochen Vogel ließ sich vor Ort eigens einen Dienstwagen kom-
       men, um  zum Mitschreiben  für die  Presse Helmut Schmidt telefo-
       nisch folgenden Kommentar abzugeben:
       
       "Ich kann  noch keinen Kommentar abgeben. Ich bin so erschüttert.
       Das hier ist alles so unvorstellbar."
       
       Auch Münchens  OB Kiesl  hat lange  gebraucht, um sich gegen sein
       Gefühl der Vernunft zu beugen:
       
       "Auch ich  habe unter dem ersten Eindruck dieses Wahnsinnsverbre-
       chens und angesichts der vielen Opfer gefühlsmäßig einen soforti-
       gen Abbruch  der Wies'n  für das  Richtige gehalten. Ich bin dann
       aber nach zahlreichen Gesprächen zu der Überzeugung gekommen, daß
       hier leider  Gefühle hintanzustellen sind, daß es um eine sachli-
       che Entscheidung geht."
       
       Usw. usf.  Der Gipfel  des Ganzen: die Organisation einer "bunten
       Reihe" von  Familienangehörigen und  Politikern bei  der  Beerdi-
       gungsfeier, bei  der man die Lebenden als Material zur Demonstra-
       tion der Gefühlstiefe der versammelten Politikermafia einspannte.
       Die staatliche  Lehre ließ man sich vom Pfarrer predigen, der auf
       "das Böse" im Täter prompt die passende Antwort wußte:
       
       "In dieser  Stunde der  Trauer ist keine Zeit für Emotionen. Doch
       bitten wir den Gesetzgeber, in Zukunft die ganze Fülle des Geset-
       zes zu nutzen, um solche Dinge zu verhindern."
       
       Die Suche nach den Schuldigen
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       Für Genscher waren die Opfer der untrügliche Beleg dafür, daß man
       w e d e r   Faschisten   n o c h   Kommunisten (was haben die ei-
       gentlich damit  zu schaffen?)   d i e  Macht über andere Menschen
       anvertrauen darf, die er hat. Strauß entdeckte am Ort des Gesche-
       hens, was er vorher nie vermutet hätte: "Das ist die Saat der Ge-
       walt." und  meinte damit  keineswegs seinen Beruf. Nach genauerer
       Wahl-Analyse wußte  er, daß der Rechtsextremismus von der DDR ge-
       steuert wird,  also eigentlich  Linksextremismus von SPD-Freunden
       ist. Die  öffentliche Anklage gegen die verschiedenen Kombinatio-
       nen von Rechts- und Linksextremismus war also nur der Auftakt zum
       
       Angriff auf die Verantwortlichen
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       beim demokratischen Gegner: Strauß konnte vermelden, daß
       
       "Baum daran  schuld (sei), daß unsere Nachrichtendienste systema-
       tisch gelähmt,  demoralisiert und  zerschlagen wurden.  Das nützt
       links- und rechtsradikalen Verbrechern."
       
       Hier sprang  H. Schmidt in die Bresche, der sich ansonsten streng
       an die Linie hielt, das Attentat nicht in den Wahlkampf hineinzu-
       ziehen, weil sich mit dem Vorwurf des pietätlosen Stimmenfangs an
       den Gegner  auch Stimmen machen lassen. Er wies den Verdacht, der
       Bundesinnenminister paktiere  mit dem  Terrorismus, als "töricht,
       unbedacht und bösartig" zurück. Recht hat er! Wer Herrn Baum, der
       sich alle Mühe gegeben hat und gibt, Terroristen auszurotten, und
       darin Erfolg  hat, so  was vorhält,  muß schon sehr bösartig oder
       ziemlich dumm  sein, oder aber er leistet sich diesen Vorwurf mit
       Bedacht, weil  er auf  den Faschismus  seiner Bürger rechnet, die
       jeden Gedanken  übernehmen, der  irgendwo, auch in der Regierung,
       einen potentiellen Staatsfeind wittern will.
       Strauß und  Tandler  wiederum  sollen  die  "Gefährlichkeit"  der
       Wehrsportgruppe Hoffmann  im Unterschied  zu Baum, der ihr Verbot
       bewirkte, nicht  erkannt, sie  vielmehr als  "harmlos" eingestuft
       haben. Sie sind also des geistigen Sympathisantentums zum Rechts-
       extremismus schuldig. Auch die Debatte darum, ob "nur" einer oder
       eine Gruppe eher spontan oder geplantermaßen das Attentat beging,
       ist den  Streit wert, welche der demokratischen Parteien wohl die
       Verantwortung dafür  trägt, daß so etwas passieren konnte. War es
       die Wehrsportgruppe,  so ist Strauß fast schon Hoffmanns Kampfge-
       fährte; war  es nur Köhler, spricht das Strauß von der Pseudo-An-
       klage frei.
       Bei derlei  Plänkeleien über  die "Verantwortlichkeit" für Taten,
       die die  Politiker nicht  begangen haben,  geht es nie um die Ge-
       fährdung von  Menschenleben, nicht  um Leib und Leben der Bürger,
       sondern von vornherein ist der Staat Gegenstand der Debatte. Dazu
       wird der  Rechtsextremismus zur  Gefahr für  den Staat  und seine
       Agenten hochstilisiert,  obwohl gerade  das Verbot der Wehrsport-
       gruppe betrieben  wurde in dem Bewußtsein, daß die Ausdehnung des
       Neofaschismus im Untergrund nicht zu befürchten stehe.
       Die Lässigkeit,  mit der  demokratische Politiker, die seit Jahr-
       zehnten miteinander die Macht teilen, sich wechselseitig der Sym-
       pathie und  Verbindungen zum  Rechts- resp.  Linksextremismus be-
       zichtigen, ohne daß irgendjemand meint, demnächst müßten führende
       Politiker, der  einen oder der anderen Seite in Stammheim einsit-
       zen, belegt  den theoretischen  Charakter der Debatte. Einig sind
       sich die  Kontrahenten und ihr Publikum darin, daß eine Reihe von
       Zerfetzten eine  günstige Gelegenheit sind, um eine Woche vor der
       Wahl noch ein paar Stimmen zu machen.

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