Quelle: Archiv MG - BRD FASCHISTEN ALLGEMEIN - Rechtsextremismus und Demokratie
zurück
Das faschistische Attentat
EIN FALL POLITISCHER BILDUNG
Eine Woche lang füllte das Attentat von München die vordersten
Seiten der Boulevard-Presse. Allerdings geben Titel wie "Das Kind
an meiner Hand, mein Gott, der Kopf war weg", "Blut, zerfetzte
Körper, tote Kinder", "Zerrissen und fast nackt" samt den ent-
sprechenden Bildern und Erfahrungsberichten wohl kaum Anlaß zu
der geschmäcklerischen Kritik am "Geschäft mit dem Grauen", wie
sie seitens der seriösen Presse geübt wird.
Erstens nämlich e r z e u g t die Sensationspresse keineswegs
das vulgäre Interesse an der Begutachtung von Brutalitäten, son-
dern macht ihr Geschäft, weil sie darauf r e c h n e t, daß der
Bürger sich das "Grauenvolle" speziell von gesetzeswidrigen Taten
und das "Böse" im Menschen auch mal an politischen Verbrechen und
politischen Leichen vorführen läßt. Zweitens macht die seriöse
Presse ihr Geschäft mit der Bildung ihrer Leser zum mündigen Bür-
ger bezeichnenderweise dadurch, daß sie auf genau dieselbe weit-
verbreitete Ideologie spekuliert, von der auch die Boulevard-
presse lebt:
"Mit 21 Jahren hat Gundolf Köhler auf eine schauerliche Weise
durchgegriffen. Vielleicht wird man nie erfahren, warum."
(Frankfurter Rundschau vom 30.9.80)
Nur ist es eben gleich etwas ganz anderes, wenn man, statt die
"Untaten" eines "unbegreiflich schlechten Menschen" zu illustrie-
ren, sich nach den "Motiven" fragt, die jemanden zu einer so
"irrationalen" Tat veranlaßt haben mögen. Die Aufbereitung des
Attentats zum Zweck der Bildung einer staatsbürgerlichen Meinung
fußt auf dem demokratischen Glaubenssatz, daß die Ausübung unge-
setzlicher Gewalt g r u n d l o s sei. Das Urteil über den Tä-
ter ist also für alle Demokraten dasselbe: Es handelt sich um die
"Tat eines Wahnsinnigen".
Die aufgeklärte Presse hält sich viel darauf zugute, dieses Ur-
teil, das sich etwa in der Bildzeitung vergleichsweise "banal"
ausnimmt, um das erforderliche tiefschürfende "psychosoziale Hin-
tergrundwissen" anzureichern. Das Fazit: Der mutmaßliche Täter
ist selbstverständlich "verklemmt" und deshalb der "Faszination
des Neofaschismus erlegen".
Ist so die Grundfrage geklärt, daß die Parteinahme für ein Mehr
an staatlicher Gewalt, wenn sie sich gegen den demokratischen
Staat richtet, "nicht normal" ist, wird eine angestrengte
S u c h e danach veranstaltet, was denn eigentlich den verrück-
ten Faschisten, diesen "verklemmten Waffennarr" von dem Normalen
unterscheidet. Dabei läßt sich erstens der Faschismus so charak-
terisieren, daß sich jeder anständige Deutsche getroffen fühlen
muß:
"Die Ideen des Axel Heinzmann... - ein Gemisch aus kaum kaschier-
tem Rassismus und dumpfem Antikommunismus... Heinzmanns Männer-
bund kämpft gegen 'Homos' und 'Flintenweiber', gegen 'Polit-Mie-
zen' und 'politsexualisierte Frauen'" (Spiegel, Nr. 41/80),
wenn er nur das "kämpft" gegen durch ein "ist" gegen ersetzt. Und
zweitens stößt man auf das Faktum, daß ein Faschist keineswegs
das personifizierte Böse ist, sondern sich nicht von dem braven
Bürger unterscheidet, der weiß, daß Ordnung sein muß - und dar-
über kann man sich dann sehr w u n d e r n:
"Auch Volker Hesse, sein früherer Geschichtslehrer, stellt unmiß-
verständlich fest: Köhler war wie viele andere Schüler völlig un-
auffällig. Er war in meinem Fach ganz ordentlich, und überhaupt
ganz und gar nicht unsympathisch."
"Irgendwann wurden seine Verbindungen zur Wehrsportgruppe akten-
kundig. Sonst aber lag nichts vor gegen den jungen Mann, der nach
Auskunft seines Freundes Winter daheim gelegentlich Geige
spielte, als Schüler mit dem Moped zum Fossiliensammeln gefahren
war und sich überhaupt für Naturgeschichte und Heimatkunde inter-
essierte." (Frankfurter Rundschau, 30.9.80)
Des weiteren eröffnet sich das weite Feld der Spekulation dar-
über, was der von inneren Nöten getriebene "introvertierte Knabe"
wohl b e z w e c k t haben mag. In der aufgeklärten Presse, die
dem Kanzlerkandidaten Strauß den Faschismusverdacht auch gerne
mal andersrum reinwürgt - Franz-Josef gehört die ungeteilte Sym-
pathie der Neonazis - hat sich "der Gedanke" durchgesetzt,
"rechtsradikale Verschwörer hätten mit einem spektakulären An-
schlag, der von der Bevölkerung linken Terroristen zugedacht
würde, Strauß an die Macht bomben wollen... Möglich scheint, daß
Gundolf Köhler das Denkmuster solcher Psychokrieger kopiert und
ins Unfaßbare vergrößert hat, als er sich entschloß, nach München
zu reisen." (Spiegel)
"Verrückt" lautet das Urteil der Presse über dieses angebliche
Kalkül, das die politische Gegnerschaft des Faschisten zur Demo-
kratie leugnet.
zurück