Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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OHNMACHT VOR DEM WECHSELWÄHLER
Wären die Stimmenverluste der Union und die Stimmengewinne der
FDP der SPD zugefallen, hätte es nurmehr einen Zuwachs der Grünen
um 1% gebraucht, und die SPD hätte die absolute Mehrheit errun-
gen. Hätten aber CDU/CSU ihre Wähler von 1976 bei der Stange ge-
halten und wären Wähler statt zur FDP zur Union übergewechselt -
die Christdemokraten würden die nächste Regierung allein stellen.
Wären die Wähler, die jetzt zur FDP gewandert sind, zur SPD über-
gelaufen, so würden die Sozialdemokraten als stärkste Partei in
den Bundestag einziehen...
Wahnsinnig, welche Macht der Wechselwähler besitzt. Er kann die
"Wende" herbeiführen, der SPD die absolute Mehrheit verschaffen,
die FDP aus dem Parlament werfen oder die sozialliberale Regie-
rung im Amt halten. Was ist dagegen schon ein Stammwähler, der
treudoof Jahr vier Jahr "seine" Partei unterstützt. Jedesmal muß
er feststellen, daß eigentlich nicht er, sondern der wankelmütige
Mitbürger darüber entschieden hat, wer regiert, und sich dann von
Münchens Unipräsidenten Lobkowicz auch noch öffentlich vorhalten
lassen, daß dies eine gewagte These sei und der aristotelischen
Demokratiedefinition entschieden widerspreche.
Welch ein Mensch, dieser Wechselwähler, dessen Wandlungen die
Wahlanalysen nach der Wahl so begierig verfolgen!
1. Er ist "unberechenbar": Als Mann katholischen Glaubens, dem
Bauernstand angehörig und auf dem Lande lebend wählt er wie eine
evangelische Angestelltenfrau aus der Stadt. Oder als Taubenzüch-
ter und Kumpel aus dem Ruhrpott gibt er seine Stimme ab, als wäre
er ein freisinniger Bürger des Mittelstandes oder ein liberali-
sierter ehemaliger Sympathisant der Baader-Meinhofs. Er kann sich
aber auch geradesogut umgekehrt entscheiden. Denn das ist es ja,
daß man bei einem Wechselwähler nie weiß, wie er wählt.
2. Er gibt sich nicht damit zufrieden, alle vier Jahre "Wähler,
der oberste Souverän und Herr dieses Landes" zu sein, sondern
möchte noch souveräner sein, als es der Wähler überhaupt sein
kann. Indem er nämlich seine Freiheit des willkürlichen Wechselns
für d i e Erfüllung des demokratischen Wahlrechts hält.
3. Er wird sich scharf gegen die Unterstellung verwahren, seinen
Wechsel willkürlich zu vollziehen. Er meint, einen besonders
guten Grund zu haben, wenn er mal so, mal so wählt: daß der klei-
nen FDP wieder eine Stimme gehöre; daß die SPD nicht zu stark
werden dürfe; die CDU mit Strauß einen Dämpfer verdiene; daß
diesmal die Regierung unterstützt gehöre; daß er einmal die Oppo-
sition stützen wolle, oder das liberale Element oder das Dreipar-
teiensystem oder überhaupt einen anderen als vorher; daß es dif-
ferenzierter sei, die Erststimme Stamm, die Zweitstimme Wechsel
zu wählen. Die Politiker sollen ja nicht denken, man würde immer
die gleichen wählen.
4. Im Unterschied zu den traditionellen christlichen, sozialdemo-
kratischen und liberalen Wählern nimmt der Wechselwähler die
Wahlfreiheit so ernst, daß er ungemein wählerisch sein Kreuz
macht, und bildet sich etwas darauf ein, ein besonders verant-
wortlicher Demokrat zu sein.
Entgegen anderen Gerüchten stehen die Parteien diesem Wanderer
durch die Parteienlandschaft keineswegs "hilflos" gegenüber. Sie
versuchen ihn mit seinen willkürlichen Argumenten jeweils zu sich
zu bewegen und dann - wie jetzt die FPD - zu Stammwählern zu
machen. Unberechenbar ist nämlich dieser demokratische Wahlfan
nicht. Er geht auf jeden Fall wählen, damit die Herrschaft weiter
regieren darf. Er ist aber nicht nur für eine stämmige Regierung,
sondern auch noch stolz darauf, dabei das Verhältnis der Partei-
engewichte ein wenig zu verschieben. Das ändert zwar nichts an
der Herrschaft, vermittelt aber das saublöde und erhebende Ge-
fühl, daß es doch ein bißchen mehr auf einen ankomme. Der Wech-
selwähler ist der demokratischste Stammwähler, den es gibt. Unser
Glückwunsch an ihn.
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