Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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WAHLKAMPFSPLITTER
Präsident - Prostata - Reagan
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hat zum Jahreswechsel eine auserlesen gute Tat begangen. Der Vor-
steher der ersten Weltmacht hat sich operieren lassen, und schon
vollzog sich an ihm der älteste Trick der Welt. Die untertänige
westliche Menschheit prüfte nicht, was diese Herrscherfigur im
Amt so treibt und was er "uns" zumutet und noch zuzumuten ge-
denkt, sondern sorgte sich inniglich, als wär's der eigene Bru-
der, ob der Krebs auch gutartig bleibe, und wünschte Nancy von
Herzen, Reagan möge kein Schlappschwanz werden. Diese herzliche
Anteilnahme an dem größten Aufrüster aller Zeiten wird schwer
ausgewalzt in Presse, Funk und Fernsehen. Das ist sicher eine
Wahlstimme wert, denn Kohl ist ja zweifelsohne pumperlg'sund.
Helmut Kohls Sylvesterreden
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sind sehr zu Unrecht verwechselt worden, weil die neue Rede nicht
mit der alten zu verwechseln ist: Erstens hat er gesagt, "1986
blicken wir auf ein Jahr zurück...", also die aktuelle Jahreszahl
richtig eingesetzt. Zweitens hat er 1986 statt den Zivildienst-
leistenden wie 1985 den Polizeibeamten Dank abgestattet. Und die
haben es bei aller Vermummung ja auch wirklich nötiger als die
Drückeberger. Drittens hat er seine Friedensidee mit einem Stück
Atem der Geschichte versehen. Statt "wir wollen Frieden schaffen
mit immer weniger Waffen" in der alten Sylvesterrede setzte er in
die neue seinen Einsatz, "eine Welt mit weniger Waffen zu schaf-
fen". Das Weglassen des "immer" beweist endgültig, daß der Kanz-
ler lernfähig ist und für eine Erststimme immer gut.
Bundespräsident Richard von Weizsäcker
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hat in seiner Weihnachtsansprache einen Tip zur Krisenbewältigung
gegeben, den man sich merken sollte: "Gewiß, Übereinstimmung beim
Hobby ist etwas Schönes. Nur reicht sie nicht aus, um Krisen zu
überstehen." Leider darf man ihn jetzt nicht wählen. Trotzdem
eine Viertstimme für den Ritschie unserer Schicksalsgemeinschaft.
Demonstrationen in China
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haben gezeigt, wie anders Dinge gesehen werden können, wenn sie
weit weg sind. Bei einer Macht nämlich, die noch nicht so ganz
ins westliche Lager gehört, ist es gut und nicht schlecht, wenn
da mal kräftig demonstriert wird. Dafür wird die Sache von hier
aus sogar schwer übertrieben, so daß diejenigen, die vom
scharfen, neuen Demonstrationsverbot in China berichteten, nicht
einmal merkten, daß es höchstens ein matter Abklatsch des hiesi-
gen Demonstrationsrechts ist. Die geistige Verirrung ging bei
deutschen Zeitgenossen so weit, daß sie die Überwachung von De-
monstrationen mit Videokameras in China für sehr problematisch
befanden. - Deshalb sollte man aber nicht gleich zur Wahlenthal-
tung schreiten. Daß bei uns Demonstrationen, wo es sie noch gibt,
voll im Griff der Staatsgewalt sind, das ist schon eine Protest-
stimme wert.
Das Waffenstillstandsangebot der Regierung in Afghanistan
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ist von den Freiheitskämpfern dort abgelehnt worden. Das hat
hierzulande niemanden derjenigen, die sich jährlich entrüsten,
wie lange der blutige Krieg schon dauert, empört. Bei Leuten, die
Allah schreien, aber keine Fanatiker sind, weil die Waffen von
uns kommen, soll man für Fortsetzung des blutigen Krieges gegen
die Regierung dort sein, obwohl die gar nicht Allah schreit, son-
dern Frieden angeboten hat. Andererseits aber auch wieder ein-
leuchtend: Schließlich ist erst dann Frieden in Afghanistan, wenn
die von uns bezahlten Jungs dort gewonnen haben. Außerdem können
wir die respektablen Kriegsopfer gut brauchen, die hier landen,
damit man sie bedauern, also zur Hetze gegen Moskau benutzen
kann. - Sieg der Vernunft, eine Zweitstimme dafür
Sacharow
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ist auch nichts besonders Originelles eingefallen. Er ist umgezo-
gen, hat kein Namensschild an der Tür in Moskau und verspricht in
einem alten Parallelo, an der Entwicklung bombensicherer Kern-
kraftwerke in der Sowjetunion mitzuwirken. Natürlich nicht, ohne
- bei großem Bahnhof vom Westen - staatsfeindliche Hetze von sich
zu geben. Blöd wäre es natürlich, wenn die Russen den frechen
Hund einfach frei in Moskau herumlaufen und vor laufenden westli-
chen Kameras versauern lassen würden. Da würde "uns" doch glatt
was fehlen. - Reicht nur für eine Leihstimme, aber für die schon.
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