Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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WARUM WÄHLEN?

Die Frage gilt hierzulande schon dadurch als beantwortet, d a ß Wahlen s t a t t f i n d e n. Deswegen soll es sich für gute Deutsche auch gehören, hinzugehen. Gerade deshalb sollte man sie stellen, die Frage: was hat man davon, wenn man wählt? Ein Plus bekommt die Wahl ausgerechnet dafür, daß sie die e i n z i g e offiziell erlaubte Gelegenheit für den gewöhnli- chen Bürger ist, in der Politik mitzumischen. Vier Jahre lang hat er brav arbeiten zu gehen, Steuern zu zahlen, seinen Wehr- oder Zivildienst abzuleisten, seine Kinder großzuziehen und darf al- lenfalls über die Maßnahmen der Politik meckern. Dann wird der Wahltermin angesetzt, und er darf - e i n K r e u z m a c h e n. Die Wahlkreuze werden dann zusammengezählt, und die Partei, die die meisten hat, darf regieren. Die anderen Parteien sitzen im Landtag als Opposition herum, mäkeln an der Regierung, stimmen bei Gesetzen mal zu und mal dagegen und geiern drauf, das nächste Mal dranzukommen. Und d i e Veranstaltung soll ein A n g e b o t an diejenigen sein, die das Kreuz zu machen haben? Das kann nicht sein: -------------------- E r s t e n s: jede Wahlstimme ist eine unter vielen - und alle gelten gleich. Ob einer nun als Arbeiter in Dreischicht den Ge- winn seiner Firma mehrt oder als Manager über's Investieren, Ein- stellen und Entlassen entscheidet, als Lehrer Noten austeilt oder als Zivi soziale Dreckarbeit verrichtet - für's Wählen ist das ganz egal. Jede Stimme bringt genauso viel: ein Mehr oder Weniger an Zustimmung zu einer Regierungsmannschaft. Z w e i t e n s ist es deshalb auch ganz egal, w a r u m sich ein Herr Meier für die SPD, eine Frau Müller für die CDU ent- scheidet. Ob einer sich über AKW aufregt, der andere gerade wel- che gebaut haben will, einen dritten das Thema gar nicht juckt, sondern ganz andere - auf dem Wahlzettel haben diese Gründe nichts zu suchen, und wer da ein Argument draufschreibt, macht den Zettel ungültig. D r i t t e n s: wenn einer auf diese Weise mitgeholfen hat, eine Regierung in den Sattel zu heben, dann wird er eben r e g i e r t. W i d e r r u f e n kann er seine Zustimmung nicht, wenn ihm irgendeine Maßnahme der Regierung nicht gefällt. Sich darauf b e r u f e n, daß er eine a n d e r e Regierung wollte; also der, die im Amt ist, gar nicht zu gehorchen bräuchte, darf er auch nicht. Was immer die Regierung dann auch t u t: der Wähler hat sich den Maßnahmen zu fügen. Räsonnieren darf er höchstens darüber, daß die da oben doch wieder machen, was sie wollen. Was denn sonst?! V i e r t e n s nämlich hat der Wähler durch sein Kreuz nicht etwa die Politiker dazu verpflichtet, ihre Gewalt für seine An- liegen einzusetzen. Es ist genau umgekehrt: sie hat er zum Regie- ren e r m ä c h t i g t, und sich selbst darauf verpflichtet, auch in Zukunft als braver Bürger sich allen Zumutungen zu beu- gen, die die Politik in die Welt setzt. Es sind nämlich die Poli- tiker, die sich nach der Wahl auf die Zustimmung des Volkes beru- fen und jedem, der dagegen etwas einzuwenden hat, entgegenrufen: "Wir sind gewählt! Also haltet die Klappe!" Einen Nutzen von dieser Veranstaltung haben also nur diejenigen, die an die Macht wollen. Die Wähler dürfen sich alle vier Jahre mal fünf Minuten lang einbilden, für's Machen der Politik käme es a u f s i e ungeheuer an. Und soll sie dann für alles entschä- digen, was Politik ihnen einbrockt! Für den guten Glauben an den Nutzen der Demokratie für die Re- gierten tut die Wahl schon ihren Dienst. Nur eines stört die Po- litikmacher - daß der geschätzte Wähler bei seiner Stimmabgabe immer so u n b e r e c h e n b a r ist! Am liebsten würden die Parteien ihren politischen Erfolg eben g a r n i c h t von der Wählergunst abhängig machen müssen. Weil das bei uns aber so ein- gerichtet ist, veranstalten sie vor der Wahl Umfragen, um besser mit dieser Gunst kalkulieren zu können. Als hätte der normale Mensch nicht Besseres zu tun als sich dauernd zu überlegen, wen er gerne auf der Regierungsbank sitzen hätte, wird er alle Naslang befragt: Rau oder Kohl, Schröder oder Albrecht... Dabei kommt es da auf seine Meinung p r a k t i s c h genausowenig an wie sonst auch: wenn Rau "vorn" ist, regiert Kohl seelenruhig weiter und denkt gar nicht daran, wegen der Volksmeinung seinen Sessel zu räumen. Es kommt eben nicht darauf an, was das Volk von seinen Machern h ä l t, sondern daß es zur rechten Zeit am rechten Platz ein Kreuz macht! zurück