Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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WAHL '87: EIN PLEBISZIT FÜR CHRISTDEMOKRATISCHE SCHARFMACHEREI

Wenn sie ausfiele: Wem würde sie denn fehlen, die Wahl am 25. Ja- nuar? "Der Wähler" hat sie sich nicht bestellt; sowenig wie alle vorherigen. Diesmal muß er sich von der Hauptregierungspartei so- gar die Anmache gefallen lassen, er sollte gefälligst nicht "bequem, faul und selbstzufrieden" den Wahltermin verstreichen lassen, ohne seine Wahlpflicht zu tun. Dabei hat die R e g i e r u n g erst recht keinen Grund, ein neues Wählervotum zu wünschen: Sie regiert doch, wie sie will, und keiner hindert sie daran. Aber auch die O p p o s i t i o n ist aufs Wählen diesmal überhaupt nicht scharf, und das läßt sie sogar jeden mer- ken. Die SPD geht schon längst davon aus, daß sie nichts zu ge- winnen hat. Und die Grünen müssen sich heftig darum kümmern, daß sie nicht doch wieder verlieren. Die Lüge von der "Schicksals- wahl" kommt gar nicht erst in Mode. Aber: Wahl muß sein. Wo bliebe sie denn sonst, die goldene Frei- heit, die unsere Demokratie so wohltuend vom östlichen Völkerge- fängnis unterscheidet? Und die Regierung, nicht faul, macht für sich das Beste daraus. Sie füttert ihr Volk, kräftiger als sonst das Jahr über, mit Klarstellungen, wie sie ihre Republik haben will. Das nennt sich dann "Wahlkampfthema", das Echo bei den an- deren Parteien "Wahlkampfstreit". Und die Prozente, die in der Wahlnacht ermittelt werden, geben Auskunft darüber, wie vollstän- dig das geehrte Volk die christliche Lektion gefressen hat - und wieviele sich lieber einen alternativen Vers daraufmachen. Die Zeiten der nationalen Bescheidenheit sind tot - --------------------------------------------------- es lebe die nationalistische Unverschämtheit gegen den Feind! ------------------------------------------------------------- Das kann kein Zufall sein: Seit dem Gipfeltreffen zwischen US- Präsident Reagan und dem sowjetischen Parteisekretär Gorbatschow in Reykjavik produziert der bundesdeutsche Kanzler eine diploma- tische Frechheit nach der anderen gegen "drüben". Als wollte er in wenigen Wochen das US-amerikanische Kreuzzugsgeschrei gegen das "Reich des Bösen" im Osten auf deutsch nachholen - oder je- denfalls alles, was er da womöglich schuldig geblieben sein könnte. Die DDR heißt wieder "Völkergefängnis", weil sie ihre 16 Millionen deutschsprachigen Bürger davor bewahrt, auch noch von Kohl regiert zu werden. Sie heißt "Unrechtsregime", weil sie In- doktrination mit realsozialistischer Moralsoße statt Volksver- dummung mit demokratischer Meinungseinfalt betreibt. Aus speziell deutscher Sicht hat der Kanzler, der einstmals Hitler noch nicht wählen durfte; aber deswegen auch nicht immer daran erinnert wer- den will, ein paar selbsterfundene Nazi-Vergleiche beigesteuert, um die Sowjetunion als nicht verhandlungswürdig hinzustellen: Gorbatschow - ein Typ wie Goebbels, Verträge mit den Russen - ein Stück Kriegsvorbereitung wie einst das "Münchener Abkommen". Die "Richtigstellung" war noch frecher: Im Unterschied zu den Nazi- Größen wären die Sowjetführer "keine Abenteurer" - ansonsten also "eiskalt" dieselben Schurken?! Jawohl! Denn, so die neueste Kohl- Entdeckung: Wenn drüben Systemgegner eingesperrt werden, dann wird damit die Tradition der faschistischen Konzentrationslager fortgesetzt... Über sachliche Richtigstellungen sind diese Frechheiten erhaben. Sie sind bewußt gewollt und inszeniert - von wegen "Entglei- sungen". Wozu? Ein paar Prozentpunkte rechter Stimmen wird der CDU-Meister damit schon auch einsacken wollen. Vor allem aber macht der Kanzler der BRD damit klar - den Prozenten, die ihn wählen, ebenso wie denen, die ihn lieber nicht wiederwählen, und dem befreundeten wie dem östlichen Ausland noch dazu -, daß seine Republik zu den eindeutigen F e i n d e n des "sozialistischen Lagers" gehört und darin nicht mißverstanden werden will. Er stellt klar: In seiner Republik macht sich ein Politiker mit einem k l a r e n F e i n d b i l d beliebt - "Die Sache auf den Punkt bringen!" heißt das. Um dieses Werbemittel herauszufin- den, braucht der Bundeskanzler kein Meinungsforschungsinstitut. Er verleiht dem bundesdeutschen Nationalismus eine neue, frechere Tonart und verläßt sich darauf, daß sein Volk fröhlich und dankbar das Echo macht. Das ist Wahlkampf t a k t i k - und es ist zugleich die Sache selbst, um die es Kohl und seiner Mannschaft geht. Die Regierung will einen Nationalismus, der alte Hemmungen abstreift; der laut und offensiv verkündet, wer die deutsche Bundesmacht behindert und wen ein guter Deutscher deswegen auf den Tod nicht leiden kann. Mit ihren ostpolitischen Unverschämtheiten sind die C-Grup- penführer ganz ehrlich - und folgen gleichzeitig einer idiotensi- cheren taktischen Rechnung. Die zielt nicht bloß auf revanchisti- sche Randgruppen, die die CDU/CSU keiner rechten Konkurrenz über- lassen will. Die christlichen PR-Manager kalkulieren damit, daß es sich für sie auszahlen muß, den patriotischen Wahn aufzuregen und anzustacheln. Wer die Interessen und Feindseligkeiten seiner Regierung für lauter allerhöchste nationale Rechte hält; wer von seiner Obrigkeit lernt, daß nationale Rechtsansprüche kein Argu- ment und keine Zurückhaltung vertragen, sondern Unverschämtheit zur Pflicht machen wer also sein kleines Leben gleich ziemlich unwichtig findet, sobald seine großen Führer auf die schwarz-rot- goldene Pauke hauen: Der wählt dann natürlich auch mit Begeiste- rung den dicksten nationalistischen Angeber, Schreihals und Ge- walthaber - wen denn sonst?! Und für dieses Bedürfnis trauen die Politchristen sich allemal das beste Angebot zu. Keine Sorge plagt die C-Regierung, sie könnte damit dem angeblich so hoch entwickelten Friedens- und Verständigungswillen ihres Volkes zu nahetreten. Sie weiß, daß diese Lüge durch den Aufbau einer per- fekten Bundeswehr, durch die "Nachrüstung" mit Atomraketen und durch das selige Scheitern der "Friedensbewegung" endgültig inak- tuell und altmodisch geworden ist. Sie weiß und verkündet: Mo- derne Zeiten verlangen immer noch mehr und modernere Waffen. Sie verlangen, nach dem strategischen Atomraketen-"Gleichgewicht" zwischen Westeuropa und der Sowjetunion, als nächstes die "Ebenbürtigkeit" bei den "konventionellen" Waffen. Als übernäch- stes ist die westliche Überlegenheit bei der strategischen Atom- kriegsführung an der Reihe: "SDI" heißt das Kind; und die Bundes- regierung wird nur von der einen Sorge geplagt, ob sie auch genü- gend dabei mitmischen darf. Moderne Zeiten verlangen auch, daß deutsche Waffen in fremden Ländern für die richtigen Kriegsent- scheidungen und -erfolge sorgen: Ohne einen Kundenstamm von Staa- ten, die sich ihre Kriegsfähigkeit von Bonn genehmigen und ver- kaufen lassen, wollen sich die christlichen Führer der deutschen Nation im Kreise ihrer Kollegen nicht mehr blicken lassen. Und noch bevor jemand der C-Regierung "Militarismus" vorwirft, gehen Kohl, Strauß und Co. auch hier in die Offensive: Wer am bundesdeutschen Militarismus mäkelt, wird zum halben oder ganzen Landesverräter gestempelt - zur "Moskaufraktion", die d e m F e i n d Vorteile lassen will. Das hebt die Stimmung und den nationalistischen Schwung. Das wahlberechtigte Volk soll sich je- denfalls nicht täuschen, wo's langgeht in die 90er Jahre hinein. Es soll am 25. Januar nicht zu irgend etwas, sondern d a z u per Stimmzettel sein demokratisch-untertäniges "Hurra!" sagen. Die "sozialen Fragen" sind tot - -------------------------------- es lebe der Aufschwung der Geschäftemacherei! --------------------------------------------- Ihre 2 Millionen offiziell gemeldeten Arbeitslosen läßt sich die allerchristlichste Regierung nicht vorwerfen. Nicht, daß sie sie verschweigen würde. Nicht, daß sie sich hinter den "Sachzwängen" eines funktionierenden Kapitalismus verstecken würde, der je nach seinen Konjunkturen immerzu größere oder kleinere Massen von men- schlichem Abfall produziert. Kohl, Blüm, Geißler und Co. strahlen einfach die freche Gewißheit aus, daß größere Arbeitslosenraten keinen Vorwurf gegen ihre fette konkurrenztüchtige Republik be- gründen können. Wenn der gedeihliche Geschäftsgang Entlassungen erfordert, dann ist die Verarmung der Entlassenen eine prima "Zukunftsinvestition": Das ist die Botschaft des unverschämten regierungsamtlichen Optimismus. Die christlich-liberalen Propagandameister handeln hier nach ei- nem einfachen taktischen Erfolgsrezept: Für einen Wahlkampf, also in der Demokratie, zählen Geldmangel und Not größerer Bevölke- rungsteile nur als Kratzer am Image der Republik. Zu diesem Image trägt aber die Zufriedenheit der Geschäftswelt mindestens genau- soviel bei, und zwar Gutes. Und am besten fürs Image, wenn die Regierung selbst, die es doch schließlich wissen muß, weil sie die Wirtschaftspolitik macht und das Elend betreut, ganz demon- strativ zufrieden ist. Dann weiß doch der gute Bürger, daß auch für ihn gute Laune in Wirtschaftsdingen angesagt ist, auch wenn ihn im eigenen Portemonnaie der Mangel zwickt. Die Regierungsmen- schen brauchen dafür nur die Unverfrorenheit, den Leuten, die ge- rade die genau gegenteilige Erfahrung machen, dreist ins Gesicht zu sagen: "Wir kennen eure Sorgen - aber es geht euch so gut wie nie und wie es besser gar nicht geht!" Diese Tugend bringen die regierenden Politchristen und ihr libe- raler Fettfleck locker in den nötigen Portionen auf. Sie fürchten keine Blamage, wenn sie vom Aufschwung der Geschäftemacherei mit deutscher Mark so schwärmen, als wäre damit der Aufschwung der Rentner, Lohnempfänger, Lehrlinge und Arbeitslosen garantiert und nicht genau das Gegenteil. Sie verlassen sich darauf, daß ein gut erzogenes Volk wie das deutsche sogar beim Geld mehr an das Image der Nation denkt als an die eigenen Ratenzahlungen. Zufriedenheit ist christlich-liberale Bürgerpflicht; Unzufriedenheit ist Nest- beschmutzung. Voll spekuliert die Regierung auf den nationalisti- schen Wahn, der Einwände gegen die nationale Sache einfach nicht hören will. Opfer begründen da keine Kritik, sondern ehren die Republik, für die sie, weiß Gott nicht aus freien Stücken, ge- bracht werden. Nach dieser "Logik" ist der beste Politiker derje- nige, der mit der größten Selbstverständlichkeit die größten Op- fer verlangt. Dieses Ideal kann bedient werden! Wieder fällt die Taktik mit der Sache selbst zusammen, die die C- Regierung will. Wenn Kohl und Bangemann aus wahlkämpferischer Be- rechnung auf nationalen Optimismus machen und keinen Einwand, keinen Vorwurf, keinen Kratzer am Image gelten lassen, dann wol- len sie sicherstellen, daß auch weiterhin zunehmendes wirtschaft- liches Elend in ihrer Republik keine politische Bedeutung hat und auch nie erlangt. Die Regierung w i l l eine härter sortierte Klassengesellschaft, weil das gut ist für die dicke Rolle, die sie mit ihrem Staat in der Welt spielen will. D a z u verlangen die christlichen Macher am 25. Januar ein vernehmliches, dumm-op- timistisches "Jawoll!" von ihrem Volk. Die Flüsse sind tot - es lebe der Umweltschutzminister ------------------------------------------------------ Der Atomkraftwerksunfall in Tschernobyl und die Chemiewerkskata- strophe in Basel: zwei Spitzenereignisse im Alltag des ge- schäftstüchtigen und geschäftsförderlichen Leute-Vergiftens. Zwar hat das AKW in der Sowjetunion gebrannt. Aber so ganz glaubwürdig ist sie doch nicht ausgefallen: die Lüge von der Demokratie als unschlagbarem Berst- und Unfallschutz gegen Kernenergie. Der Zy- nismus, mit dem konkurrenztüchtige Wirtschaftspolitiker billigen Strom und Gesundheitsschäden miteinander verrechnen, präsentierte sich frech auch im bundesdeutschen Fernsehen. Und das Chemiewerk hat in der Schweiz gebrannt. Aber da ist die Lüge von der Demo- kratie als Löschanlage gar nicht erst aufgetischt worden. Zwei Wochen lang gab es die tägliche Chemieunfallmeldung; und mit au- genzwinkerndem Zynismus wurde eingestanden, nicht die Zahl der "Störfälle" hätte zugenommen, sondern nur deren Publizität. Eine Zeitlang haben die Politchristen gefürchtet, ihnen könnte da ein bißchen die nationalistische Jubelfeier verdorben werden, als welche sie den Wahlkampf geplant haben. Wo den Leuten buchstäb- lich die Spucke wegbleibt, da tun sich selbst die härtesten Opti- misten schwer mit ihrem "Vivat Helmut!" Doch sie sind, gut demo- kratisch, damit fertiggeworden. Aus allem lautgewordenen Entsetzen darüber, wie total Vergiftung und Bedrohung durchs industrielle Geschäftsleben inzwischen ge- worden sind, hat die Regierung gezielt nur eins herausgehört: S i e solle sich m e h r d a r u m k ü m m e r n. Nichts leichter als das! Mit ihren zahllosen Erlaubnissen dosierter Ver- giftung kümmert sie sich ja schon längst darum, daß Luft und Was- ser, Mensch und Vieh als Müllschlucker einer profitträchtigen Produktion, also als U m w e l t fürs marktwirtschaftliche Ge- schäftemachen funktionieren. Da läßt sich noch zulegen. Durch einen besonderen Minister etwa, der alle staatlichen Zuständig- keiten für Gift und Dreck und alle Vorsorge für einen schleichen- den Gesundheitsruin bei sich versammelt. Der Wunsch, es möchte einem irgend etwas erspart bleiben auf die- sem Sektor, wurde gleich ins Reich der Utopie verbannt. Mit Voka- beln wie "Restrisiko", gegen das angeblich kein Kraut gewachsen ist. Und mit der Frechheit von den "Arbeitsplätzen", die eben nur zu betreiben sind, wen sie selbst ungesund sind und für den Aus- stoß von allerlei Gesundheitsschäden sorgen. Statt der Vermeidung von Gift tut der Glaube ans Jenseits not; denn dann läßt man sich durch Katastrophen nicht so aufregen und betrachtet industrielle Vergiftungsaktionen gelassener: Das ist dem begnadeten Jesusjün- ger Geißler eingefallen. Wichtig ist vor allem, das hat die Re- gierung klar erkannt, daß sie sich nicht aus der Ruhe bringen läßt, wenn es radioaktiven Staub regnet und Unkrautvertilgungs- mittel aus den Wasserhähnen fließen. Wenn sie mit dem guten Bei- spiel unerschütterlicher Gelassenheit vorangeht und Katastrophen mit roten Telephonen und Meldestellen bewältigt, dann - so die schlaue taktische Berechnung - wird ein braves Volk sich ein Bei- spiel nehmen, sich wieder abregen und sich ganz gelassen daran gewöhnen, daß das Müllschlucken n o r m a l ist. So fördert wieder eine geschickte Wahlkampftaktik das politische Sachanliegen. Das heißt nämlich genau so: Gift ist für einen weltrekordmäßigen Geschäftsgang ein normales Nebenprodukt; da dürfen die Leute nicht zimperlich sein, wenn sie es wegstecken müssen. Das verlangt ein einsichtsvoller Umweltschutz von ihnen. Die Existenz eines Ministers, der auf alles aufpaßt, garantiert, daß sich sonst nicht zu ändern braucht an der Giftfront. Schon gar nichts Grundsätzliches bei der sozialen Verpflichtung des Ei- gentums zum Gewinnemachen. Das ist der ungeschriebene, aber un- mißverständliche Text des Volksbegehrens, das die Regierung ihrem umweltbewußten, phosphatfrei gewaschenen Volk am 25. Januar zur Zustimmung vorlegt. Kritik ist tot - Es lebe die Gleichschaltung! --------------------------------------------- U n z u f r i e d e n darf in Kohls Republik nur einer sein: d i e R e g i e r u n g. Der allerdings paßt vieles nicht: - Da gibt es doch noch immer Leute, die leibhaftig durch die Ge- gend demonstrieren. Dabei hat die christliche Obrigkeit doch schon die öffentliche Meinung durchgesetzt, daß das Recht auf re- gierungskritische Demonstrationen nur in den "Ostblock" und nach China gehört, weil es dort fehlt, aber nie und nimmer in unsere ordentliche Demokratie, wo es doch wahrhaftig erlaubt ist. Auch das hat sie durchgesetzt, daß an Demonstrationen hierzulande nur noch eins interessiert: nicht das politische Anliegen der Demon- stranten, sondern die Demonstration der Polizeikräfte, wie gut sie damit fertigwerden. Wie von selbst hat sich dabei ergeben, daß das Demonstrieren in unserer freiheitlichen Republik mit un- wägbaren Gesundheitsrisiken verbunden ist. Daß sich trotzdem im- mer wieder einmal ein paar hundert oder tausend unverbesserliche Bürger zu öffentlichen Protesten einfinden, stimmt die regieren- den Herrschaften unzufrieden. Ihren Ärger darüber halten sie im übrigen für ein gutes Argument, sie zu wählen! - Ein paar Strommasten-Saboteure gibt es auch noch hierzulande, und anderthalb Dutzend Terroristen. Das hält der christliche Rechtsstaat für unerträglich. Er hält sich für zu schwach, so- lange es solche Verbrecher überhaupt noch geben kann. Mit norma- len Gattenmördern, Wasser- und Brunnenvergiftern und Erpressern hat der Rechtsstaat dieses Problem nicht; da reicht es ihm vollauf, die Missetäter zu verfolgen und zu bestrafen - oder auch nicht -, n a c h d e m sie zugeschlagen haben. Ganz anders, wo nicht ein ehrenwertes bürgerliches Motiv den Täter beflügelt, sondern die Abneigung gegen ein Stück Politik. Da soll die Poli- zei fertigbringen, was sonst nie ihre Aufgabe ist: die Untat mit Sicherheit verhindern. Da soll kein "Restrisiko" bleiben dürfen. Dafür reichen die polizeilichen Mittel natürlich nie hin; denn dazu wäre eine totale Gesinnungskontrolle nötig und die ist kaum durchführbar. Um so heftiger ist sie deswegen aber zu f o r d e r n: Das ist die Schlußfolgerung, die die Christenmann- schaft gezogen hat. Wer das I d e a l d e s t o t a l e n P o l i z e i s t a a t s nicht genauso unterschreibt, wie die Zimmermänner der Nation es vorbuchstabieren, der ist selber ein "Helfershelfer der Terroristen". Diese Klarstellung war der Zweck und ist das Ergebnis der wochenlangen "Kronzeugen"-Debatte. Und auch diese politische Sachaussage soll die Wahl am 25. Januar massenhaft bestätigen! - Totale Sauberkeit hält die christliche Regierungsmannschaft auch in der nationalen Rassenfrage für geboten: Asylanten sollen gefälligst draußenbleiben! Warum eigentlich? Wenn es sich wie die herrschenden Christen ihnen gehässig nachreden - um berechnende "Wirtschaftstüchtlinge" handelt, dann befolgen sie doch bloß den obersten Grundsatz der Kohl-Strauß-Bangemann'schen Marktwirt- schaftsideologie: "Leistung soll sich lohnen!" Man könnte sich übrigens auch mal im Ernst fragen, warum das menschliche Strand- gut aus aller Welt auf eine Überlebenschance ausgerechnet in der BRD setzt: Vielleicht kennen sie ja unsere potente Republik als die Wirtschaftsmacht, die ihr verelendetes Heimatland fest im ge- schäftlichen Griff hält, und als Herkunftsland der Waffen, mit denen sie unter Kontrolle gehalten oder an denen sie verheizt werden sollen. Aber wer will schon von den Wirkungen des in Bonn mitfabrizierten Imperialismus etwas wissen, wenn die Regierung ihrem Wählervolk gerade die Grundbegriffe der demokratischen Ras- senkunde ins Gedächtnis ruft: 'Wer als Deutscher geboren ist, der hat es gut getroffen; das sieht man an den Elendsgestalten, die wir rausschmeißen; deswegen gehört sich für einen guten Deutschen bedingungslose Dankbarkeit für seine richtige Geburt!' Keine Sorge haben die Bonner Weltpolitiker, ihre Propaganda einer un- verfälscht völkischen Natur der Deutschen könnte mit dem guther- zigen deutschen Mitleid für verhungernde Negerkinder in Konflikt geraten. Es paßt ja auch prima zusammen: Die sollen gefälligst in ihren ruinierten Wüsteneien hockenbleiben, damit wir alle Jahre wieder was Gutes für unser schlechtes Gewissen tun können - mit fünf Mark dabei beim nationalen Verein guter Menschen! - Erst recht hat Kohls Regierung und Partei der aufrechten demo- kratischen Christen keine Angst vor dem schlechten Ruf, in den neulich erst der Reichskanzler Hitler den deutschen Nationalras- sismus gebracht hat. Im Gegenteil! Ganz ohne Not bringen die am- tierenden Erben des "3. Reiches" dessen blutige Leistungen unver- drossen immer wieder zur Sprache, um die Botschaft loszuwerden, genau an die, an die unanfechtbar guten großdeutschen Glanztaten, müßte man ausgerechnet 1987 mehr denn je anknüpfen. Wo längst keiner mehr, schon gar kein bundesdeutscher Weltpolitiker, noch irgendwelche praktischen Probleme hat mit dem schlechten Ruf der "deutschen Vergangenheit", da entfachen Dregger, Strauß und Co. eine regelrechte Kampagne gegen ein nationales "schlechtes Gewis- sen" und gegen deutsche "Schuldkomplexe". Die würden nämlich, sa- gen sie, die Macher in Bonn daran hindern, weltweit so aufzu- trumpfen, wie es der Bundesrepublik eigentlich zusteht. Was fehlt diesen Typen denn noch?! Nationale Scham und Bescheidenheit: Das war schon immer eine Lüge; und wenn sie in der BRD offiziell gepflegt wurde, dann aus weltpolitischer Berechnung. Sie war der Eintrittspreis fürs Mit- machen beim westlichen Imperialismus. An dem ist man inzwischen längst führend beteiligt. Also passen die alten Sprachregelungen nicht mehr. Einfach absterben sollen die aber auch nicht. Sie sollen den christlichen Nationalisten der Kohl-Republik einen letzten Dienst leisten, indem man sie mit Getöse außer Kraft setzt. Denn so be- kommt die BRD das Image, das ihre Führer wollen. Eine Ehrenret- tung der deutschen Weltkriegssoldaten und ihrer Kampfestugenden wird inszeniert - wo doch wahrhaftig niemand weit und breit ihrer Ehre zu nahe tritt. Wozu? Um die Wahlstimmen der letzten Kriegs- veteranen einzusacken? Die haben doch schon immer gewußt, wo ihr Kreuz hingehört. Die Dregger-Strauß-Kampagne ist viel breiter an- gelegt. Die Moral der Landserhefte s o l l wieder zur öffentli- chen Meinung und Stimmung werden; über den Wahltag hinaus. Es soll wieder als ehrenhaft gelten, für Deutschland auf Russen ge- schossen zu haben - Hitler darf man dabei getrost beiseite las- sen. Einverständnis mit der alten Kampfmoral wird eingefordert; deren angeblicher "Mißbrauch" durch die Nazis soll kein Hindernis mehr sein. U m d i e s e M o r a l geht es also, und zwar f ü r h e u t e - nicht um die Leichen, die seit Jahrzehnten ehrbar vermodern. So wie die Soldaten in Weltkrieg II: So möchten die christlichen Wendepolitiker ihr bundesdeutsches Volk endlich wieder haben. Warum wohl? Offenbar brauchen sie das für die 90er Jahre: ein Volk von Militaristen. Die Wahl am 25. Januar soll ein Meilenstein dahin werden. Damals hieß das "Reichsparteitag". Heute wird der Stimmzettel für das massenhafte "Hurra!" genommen. Also: Nichts wie hin zur Wahlurne! zurück