Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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WAHL '87: EIN PLEBISZIT FÜR CHRISTDEMOKRATISCHE SCHARFMACHEREI
Wenn sie ausfiele: Wem würde sie denn fehlen, die Wahl am 25. Ja-
nuar? "Der Wähler" hat sie sich nicht bestellt; sowenig wie alle
vorherigen. Diesmal muß er sich von der Hauptregierungspartei so-
gar die Anmache gefallen lassen, er sollte gefälligst nicht
"bequem, faul und selbstzufrieden" den Wahltermin verstreichen
lassen, ohne seine Wahlpflicht zu tun. Dabei hat die
R e g i e r u n g erst recht keinen Grund, ein neues Wählervotum
zu wünschen: Sie regiert doch, wie sie will, und keiner hindert
sie daran. Aber auch die O p p o s i t i o n ist aufs Wählen
diesmal überhaupt nicht scharf, und das läßt sie sogar jeden mer-
ken. Die SPD geht schon längst davon aus, daß sie nichts zu ge-
winnen hat. Und die Grünen müssen sich heftig darum kümmern, daß
sie nicht doch wieder verlieren. Die Lüge von der "Schicksals-
wahl" kommt gar nicht erst in Mode.
Aber: Wahl muß sein. Wo bliebe sie denn sonst, die goldene Frei-
heit, die unsere Demokratie so wohltuend vom östlichen Völkerge-
fängnis unterscheidet? Und die Regierung, nicht faul, macht für
sich das Beste daraus. Sie füttert ihr Volk, kräftiger als sonst
das Jahr über, mit Klarstellungen, wie sie ihre Republik haben
will. Das nennt sich dann "Wahlkampfthema", das Echo bei den an-
deren Parteien "Wahlkampfstreit". Und die Prozente, die in der
Wahlnacht ermittelt werden, geben Auskunft darüber, wie vollstän-
dig das geehrte Volk die christliche Lektion gefressen hat - und
wieviele sich lieber einen alternativen Vers daraufmachen.
Die Zeiten der nationalen Bescheidenheit sind tot -
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es lebe die nationalistische Unverschämtheit gegen den Feind!
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Das kann kein Zufall sein: Seit dem Gipfeltreffen zwischen US-
Präsident Reagan und dem sowjetischen Parteisekretär Gorbatschow
in Reykjavik produziert der bundesdeutsche Kanzler eine diploma-
tische Frechheit nach der anderen gegen "drüben". Als wollte er
in wenigen Wochen das US-amerikanische Kreuzzugsgeschrei gegen
das "Reich des Bösen" im Osten auf deutsch nachholen - oder je-
denfalls alles, was er da womöglich schuldig geblieben sein
könnte. Die DDR heißt wieder "Völkergefängnis", weil sie ihre 16
Millionen deutschsprachigen Bürger davor bewahrt, auch noch von
Kohl regiert zu werden. Sie heißt "Unrechtsregime", weil sie In-
doktrination mit realsozialistischer Moralsoße statt Volksver-
dummung mit demokratischer Meinungseinfalt betreibt. Aus speziell
deutscher Sicht hat der Kanzler, der einstmals Hitler noch nicht
wählen durfte; aber deswegen auch nicht immer daran erinnert wer-
den will, ein paar selbsterfundene Nazi-Vergleiche beigesteuert,
um die Sowjetunion als nicht verhandlungswürdig hinzustellen:
Gorbatschow - ein Typ wie Goebbels, Verträge mit den Russen - ein
Stück Kriegsvorbereitung wie einst das "Münchener Abkommen". Die
"Richtigstellung" war noch frecher: Im Unterschied zu den Nazi-
Größen wären die Sowjetführer "keine Abenteurer" - ansonsten also
"eiskalt" dieselben Schurken?! Jawohl! Denn, so die neueste Kohl-
Entdeckung: Wenn drüben Systemgegner eingesperrt werden, dann
wird damit die Tradition der faschistischen Konzentrationslager
fortgesetzt...
Über sachliche Richtigstellungen sind diese Frechheiten erhaben.
Sie sind bewußt gewollt und inszeniert - von wegen "Entglei-
sungen". Wozu? Ein paar Prozentpunkte rechter Stimmen wird der
CDU-Meister damit schon auch einsacken wollen. Vor allem aber
macht der Kanzler der BRD damit klar - den Prozenten, die ihn
wählen, ebenso wie denen, die ihn lieber nicht wiederwählen, und
dem befreundeten wie dem östlichen Ausland noch dazu -, daß seine
Republik zu den eindeutigen F e i n d e n des "sozialistischen
Lagers" gehört und darin nicht mißverstanden werden will. Er
stellt klar: In seiner Republik macht sich ein Politiker mit
einem k l a r e n F e i n d b i l d beliebt - "Die Sache auf
den Punkt bringen!" heißt das. Um dieses Werbemittel herauszufin-
den, braucht der Bundeskanzler kein Meinungsforschungsinstitut.
Er verleiht dem bundesdeutschen Nationalismus eine neue, frechere
Tonart und verläßt sich darauf, daß sein Volk fröhlich und
dankbar das Echo macht.
Das ist Wahlkampf t a k t i k - und es ist zugleich die Sache
selbst, um die es Kohl und seiner Mannschaft geht. Die Regierung
will einen Nationalismus, der alte Hemmungen abstreift; der laut
und offensiv verkündet, wer die deutsche Bundesmacht behindert
und wen ein guter Deutscher deswegen auf den Tod nicht leiden
kann. Mit ihren ostpolitischen Unverschämtheiten sind die C-Grup-
penführer ganz ehrlich - und folgen gleichzeitig einer idiotensi-
cheren taktischen Rechnung. Die zielt nicht bloß auf revanchisti-
sche Randgruppen, die die CDU/CSU keiner rechten Konkurrenz über-
lassen will. Die christlichen PR-Manager kalkulieren damit, daß
es sich für sie auszahlen muß, den patriotischen Wahn aufzuregen
und anzustacheln. Wer die Interessen und Feindseligkeiten seiner
Regierung für lauter allerhöchste nationale Rechte hält; wer von
seiner Obrigkeit lernt, daß nationale Rechtsansprüche kein Argu-
ment und keine Zurückhaltung vertragen, sondern Unverschämtheit
zur Pflicht machen wer also sein kleines Leben gleich ziemlich
unwichtig findet, sobald seine großen Führer auf die schwarz-rot-
goldene Pauke hauen: Der wählt dann natürlich auch mit Begeiste-
rung den dicksten nationalistischen Angeber, Schreihals und Ge-
walthaber - wen denn sonst?! Und für dieses Bedürfnis trauen die
Politchristen sich allemal das beste Angebot zu. Keine Sorge
plagt die C-Regierung, sie könnte damit dem angeblich so hoch
entwickelten Friedens- und Verständigungswillen ihres Volkes zu
nahetreten. Sie weiß, daß diese Lüge durch den Aufbau einer per-
fekten Bundeswehr, durch die "Nachrüstung" mit Atomraketen und
durch das selige Scheitern der "Friedensbewegung" endgültig inak-
tuell und altmodisch geworden ist. Sie weiß und verkündet: Mo-
derne Zeiten verlangen immer noch mehr und modernere Waffen. Sie
verlangen, nach dem strategischen Atomraketen-"Gleichgewicht"
zwischen Westeuropa und der Sowjetunion, als nächstes die
"Ebenbürtigkeit" bei den "konventionellen" Waffen. Als übernäch-
stes ist die westliche Überlegenheit bei der strategischen Atom-
kriegsführung an der Reihe: "SDI" heißt das Kind; und die Bundes-
regierung wird nur von der einen Sorge geplagt, ob sie auch genü-
gend dabei mitmischen darf. Moderne Zeiten verlangen auch, daß
deutsche Waffen in fremden Ländern für die richtigen Kriegsent-
scheidungen und -erfolge sorgen: Ohne einen Kundenstamm von Staa-
ten, die sich ihre Kriegsfähigkeit von Bonn genehmigen und ver-
kaufen lassen, wollen sich die christlichen Führer der deutschen
Nation im Kreise ihrer Kollegen nicht mehr blicken lassen.
Und noch bevor jemand der C-Regierung "Militarismus" vorwirft,
gehen Kohl, Strauß und Co. auch hier in die Offensive: Wer am
bundesdeutschen Militarismus mäkelt, wird zum halben oder ganzen
Landesverräter gestempelt - zur "Moskaufraktion", die d e m
F e i n d Vorteile lassen will. Das hebt die Stimmung und den
nationalistischen Schwung. Das wahlberechtigte Volk soll sich je-
denfalls nicht täuschen, wo's langgeht in die 90er Jahre hinein.
Es soll am 25. Januar nicht zu irgend etwas, sondern d a z u
per Stimmzettel sein demokratisch-untertäniges "Hurra!" sagen.
Die "sozialen Fragen" sind tot -
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es lebe der Aufschwung der Geschäftemacherei!
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Ihre 2 Millionen offiziell gemeldeten Arbeitslosen läßt sich die
allerchristlichste Regierung nicht vorwerfen. Nicht, daß sie sie
verschweigen würde. Nicht, daß sie sich hinter den "Sachzwängen"
eines funktionierenden Kapitalismus verstecken würde, der je nach
seinen Konjunkturen immerzu größere oder kleinere Massen von men-
schlichem Abfall produziert. Kohl, Blüm, Geißler und Co. strahlen
einfach die freche Gewißheit aus, daß größere Arbeitslosenraten
keinen Vorwurf gegen ihre fette konkurrenztüchtige Republik be-
gründen können. Wenn der gedeihliche Geschäftsgang Entlassungen
erfordert, dann ist die Verarmung der Entlassenen eine prima
"Zukunftsinvestition": Das ist die Botschaft des unverschämten
regierungsamtlichen Optimismus.
Die christlich-liberalen Propagandameister handeln hier nach ei-
nem einfachen taktischen Erfolgsrezept: Für einen Wahlkampf, also
in der Demokratie, zählen Geldmangel und Not größerer Bevölke-
rungsteile nur als Kratzer am Image der Republik. Zu diesem Image
trägt aber die Zufriedenheit der Geschäftswelt mindestens genau-
soviel bei, und zwar Gutes. Und am besten fürs Image, wenn die
Regierung selbst, die es doch schließlich wissen muß, weil sie
die Wirtschaftspolitik macht und das Elend betreut, ganz demon-
strativ zufrieden ist. Dann weiß doch der gute Bürger, daß auch
für ihn gute Laune in Wirtschaftsdingen angesagt ist, auch wenn
ihn im eigenen Portemonnaie der Mangel zwickt. Die Regierungsmen-
schen brauchen dafür nur die Unverfrorenheit, den Leuten, die ge-
rade die genau gegenteilige Erfahrung machen, dreist ins Gesicht
zu sagen: "Wir kennen eure Sorgen - aber es geht euch so gut wie
nie und wie es besser gar nicht geht!"
Diese Tugend bringen die regierenden Politchristen und ihr libe-
raler Fettfleck locker in den nötigen Portionen auf. Sie fürchten
keine Blamage, wenn sie vom Aufschwung der Geschäftemacherei mit
deutscher Mark so schwärmen, als wäre damit der Aufschwung der
Rentner, Lohnempfänger, Lehrlinge und Arbeitslosen garantiert und
nicht genau das Gegenteil. Sie verlassen sich darauf, daß ein gut
erzogenes Volk wie das deutsche sogar beim Geld mehr an das Image
der Nation denkt als an die eigenen Ratenzahlungen. Zufriedenheit
ist christlich-liberale Bürgerpflicht; Unzufriedenheit ist Nest-
beschmutzung. Voll spekuliert die Regierung auf den nationalisti-
schen Wahn, der Einwände gegen die nationale Sache einfach nicht
hören will. Opfer begründen da keine Kritik, sondern ehren die
Republik, für die sie, weiß Gott nicht aus freien Stücken, ge-
bracht werden. Nach dieser "Logik" ist der beste Politiker derje-
nige, der mit der größten Selbstverständlichkeit die größten Op-
fer verlangt. Dieses Ideal kann bedient werden!
Wieder fällt die Taktik mit der Sache selbst zusammen, die die C-
Regierung will. Wenn Kohl und Bangemann aus wahlkämpferischer Be-
rechnung auf nationalen Optimismus machen und keinen Einwand,
keinen Vorwurf, keinen Kratzer am Image gelten lassen, dann wol-
len sie sicherstellen, daß auch weiterhin zunehmendes wirtschaft-
liches Elend in ihrer Republik keine politische Bedeutung hat und
auch nie erlangt. Die Regierung w i l l eine härter sortierte
Klassengesellschaft, weil das gut ist für die dicke Rolle, die
sie mit ihrem Staat in der Welt spielen will. D a z u verlangen
die christlichen Macher am 25. Januar ein vernehmliches, dumm-op-
timistisches "Jawoll!" von ihrem Volk.
Die Flüsse sind tot - es lebe der Umweltschutzminister
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Der Atomkraftwerksunfall in Tschernobyl und die Chemiewerkskata-
strophe in Basel: zwei Spitzenereignisse im Alltag des ge-
schäftstüchtigen und geschäftsförderlichen Leute-Vergiftens. Zwar
hat das AKW in der Sowjetunion gebrannt. Aber so ganz glaubwürdig
ist sie doch nicht ausgefallen: die Lüge von der Demokratie als
unschlagbarem Berst- und Unfallschutz gegen Kernenergie. Der Zy-
nismus, mit dem konkurrenztüchtige Wirtschaftspolitiker billigen
Strom und Gesundheitsschäden miteinander verrechnen, präsentierte
sich frech auch im bundesdeutschen Fernsehen. Und das Chemiewerk
hat in der Schweiz gebrannt. Aber da ist die Lüge von der Demo-
kratie als Löschanlage gar nicht erst aufgetischt worden. Zwei
Wochen lang gab es die tägliche Chemieunfallmeldung; und mit au-
genzwinkerndem Zynismus wurde eingestanden, nicht die Zahl der
"Störfälle" hätte zugenommen, sondern nur deren Publizität. Eine
Zeitlang haben die Politchristen gefürchtet, ihnen könnte da ein
bißchen die nationalistische Jubelfeier verdorben werden, als
welche sie den Wahlkampf geplant haben. Wo den Leuten buchstäb-
lich die Spucke wegbleibt, da tun sich selbst die härtesten Opti-
misten schwer mit ihrem "Vivat Helmut!" Doch sie sind, gut demo-
kratisch, damit fertiggeworden.
Aus allem lautgewordenen Entsetzen darüber, wie total Vergiftung
und Bedrohung durchs industrielle Geschäftsleben inzwischen ge-
worden sind, hat die Regierung gezielt nur eins herausgehört:
S i e solle sich m e h r d a r u m k ü m m e r n. Nichts
leichter als das! Mit ihren zahllosen Erlaubnissen dosierter Ver-
giftung kümmert sie sich ja schon längst darum, daß Luft und Was-
ser, Mensch und Vieh als Müllschlucker einer profitträchtigen
Produktion, also als U m w e l t fürs marktwirtschaftliche Ge-
schäftemachen funktionieren. Da läßt sich noch zulegen. Durch
einen besonderen Minister etwa, der alle staatlichen Zuständig-
keiten für Gift und Dreck und alle Vorsorge für einen schleichen-
den Gesundheitsruin bei sich versammelt.
Der Wunsch, es möchte einem irgend etwas erspart bleiben auf die-
sem Sektor, wurde gleich ins Reich der Utopie verbannt. Mit Voka-
beln wie "Restrisiko", gegen das angeblich kein Kraut gewachsen
ist. Und mit der Frechheit von den "Arbeitsplätzen", die eben nur
zu betreiben sind, wen sie selbst ungesund sind und für den Aus-
stoß von allerlei Gesundheitsschäden sorgen. Statt der Vermeidung
von Gift tut der Glaube ans Jenseits not; denn dann läßt man sich
durch Katastrophen nicht so aufregen und betrachtet industrielle
Vergiftungsaktionen gelassener: Das ist dem begnadeten Jesusjün-
ger Geißler eingefallen. Wichtig ist vor allem, das hat die Re-
gierung klar erkannt, daß sie sich nicht aus der Ruhe bringen
läßt, wenn es radioaktiven Staub regnet und Unkrautvertilgungs-
mittel aus den Wasserhähnen fließen. Wenn sie mit dem guten Bei-
spiel unerschütterlicher Gelassenheit vorangeht und Katastrophen
mit roten Telephonen und Meldestellen bewältigt, dann - so die
schlaue taktische Berechnung - wird ein braves Volk sich ein Bei-
spiel nehmen, sich wieder abregen und sich ganz gelassen daran
gewöhnen, daß das Müllschlucken n o r m a l ist.
So fördert wieder eine geschickte Wahlkampftaktik das politische
Sachanliegen. Das heißt nämlich genau so: Gift ist für einen
weltrekordmäßigen Geschäftsgang ein normales Nebenprodukt; da
dürfen die Leute nicht zimperlich sein, wenn sie es wegstecken
müssen. Das verlangt ein einsichtsvoller Umweltschutz von ihnen.
Die Existenz eines Ministers, der auf alles aufpaßt, garantiert,
daß sich sonst nicht zu ändern braucht an der Giftfront. Schon
gar nichts Grundsätzliches bei der sozialen Verpflichtung des Ei-
gentums zum Gewinnemachen. Das ist der ungeschriebene, aber un-
mißverständliche Text des Volksbegehrens, das die Regierung ihrem
umweltbewußten, phosphatfrei gewaschenen Volk am 25. Januar zur
Zustimmung vorlegt.
Kritik ist tot - Es lebe die Gleichschaltung!
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U n z u f r i e d e n darf in Kohls Republik nur einer sein:
d i e R e g i e r u n g. Der allerdings paßt vieles nicht:
- Da gibt es doch noch immer Leute, die leibhaftig durch die Ge-
gend demonstrieren. Dabei hat die christliche Obrigkeit doch
schon die öffentliche Meinung durchgesetzt, daß das Recht auf re-
gierungskritische Demonstrationen nur in den "Ostblock" und nach
China gehört, weil es dort fehlt, aber nie und nimmer in unsere
ordentliche Demokratie, wo es doch wahrhaftig erlaubt ist. Auch
das hat sie durchgesetzt, daß an Demonstrationen hierzulande nur
noch eins interessiert: nicht das politische Anliegen der Demon-
stranten, sondern die Demonstration der Polizeikräfte, wie gut
sie damit fertigwerden. Wie von selbst hat sich dabei ergeben,
daß das Demonstrieren in unserer freiheitlichen Republik mit un-
wägbaren Gesundheitsrisiken verbunden ist. Daß sich trotzdem im-
mer wieder einmal ein paar hundert oder tausend unverbesserliche
Bürger zu öffentlichen Protesten einfinden, stimmt die regieren-
den Herrschaften unzufrieden. Ihren Ärger darüber halten sie im
übrigen für ein gutes Argument, sie zu wählen!
- Ein paar Strommasten-Saboteure gibt es auch noch hierzulande,
und anderthalb Dutzend Terroristen. Das hält der christliche
Rechtsstaat für unerträglich. Er hält sich für zu schwach, so-
lange es solche Verbrecher überhaupt noch geben kann. Mit norma-
len Gattenmördern, Wasser- und Brunnenvergiftern und Erpressern
hat der Rechtsstaat dieses Problem nicht; da reicht es ihm
vollauf, die Missetäter zu verfolgen und zu bestrafen - oder auch
nicht -, n a c h d e m sie zugeschlagen haben. Ganz anders, wo
nicht ein ehrenwertes bürgerliches Motiv den Täter beflügelt,
sondern die Abneigung gegen ein Stück Politik. Da soll die Poli-
zei fertigbringen, was sonst nie ihre Aufgabe ist: die Untat mit
Sicherheit verhindern. Da soll kein "Restrisiko" bleiben dürfen.
Dafür reichen die polizeilichen Mittel natürlich nie hin; denn
dazu wäre eine totale Gesinnungskontrolle nötig und die ist kaum
durchführbar. Um so heftiger ist sie deswegen aber zu
f o r d e r n: Das ist die Schlußfolgerung, die die Christenmann-
schaft gezogen hat. Wer das I d e a l d e s t o t a l e n
P o l i z e i s t a a t s nicht genauso unterschreibt, wie die
Zimmermänner der Nation es vorbuchstabieren, der ist selber ein
"Helfershelfer der Terroristen". Diese Klarstellung war der Zweck
und ist das Ergebnis der wochenlangen "Kronzeugen"-Debatte. Und
auch diese politische Sachaussage soll die Wahl am 25. Januar
massenhaft bestätigen!
- Totale Sauberkeit hält die christliche Regierungsmannschaft
auch in der nationalen Rassenfrage für geboten: Asylanten sollen
gefälligst draußenbleiben! Warum eigentlich? Wenn es sich wie die
herrschenden Christen ihnen gehässig nachreden - um berechnende
"Wirtschaftstüchtlinge" handelt, dann befolgen sie doch bloß den
obersten Grundsatz der Kohl-Strauß-Bangemann'schen Marktwirt-
schaftsideologie: "Leistung soll sich lohnen!" Man könnte sich
übrigens auch mal im Ernst fragen, warum das menschliche Strand-
gut aus aller Welt auf eine Überlebenschance ausgerechnet in der
BRD setzt: Vielleicht kennen sie ja unsere potente Republik als
die Wirtschaftsmacht, die ihr verelendetes Heimatland fest im ge-
schäftlichen Griff hält, und als Herkunftsland der Waffen, mit
denen sie unter Kontrolle gehalten oder an denen sie verheizt
werden sollen. Aber wer will schon von den Wirkungen des in Bonn
mitfabrizierten Imperialismus etwas wissen, wenn die Regierung
ihrem Wählervolk gerade die Grundbegriffe der demokratischen Ras-
senkunde ins Gedächtnis ruft: 'Wer als Deutscher geboren ist, der
hat es gut getroffen; das sieht man an den Elendsgestalten, die
wir rausschmeißen; deswegen gehört sich für einen guten Deutschen
bedingungslose Dankbarkeit für seine richtige Geburt!' Keine
Sorge haben die Bonner Weltpolitiker, ihre Propaganda einer un-
verfälscht völkischen Natur der Deutschen könnte mit dem guther-
zigen deutschen Mitleid für verhungernde Negerkinder in Konflikt
geraten. Es paßt ja auch prima zusammen: Die sollen gefälligst in
ihren ruinierten Wüsteneien hockenbleiben, damit wir alle Jahre
wieder was Gutes für unser schlechtes Gewissen tun können - mit
fünf Mark dabei beim nationalen Verein guter Menschen!
- Erst recht hat Kohls Regierung und Partei der aufrechten demo-
kratischen Christen keine Angst vor dem schlechten Ruf, in den
neulich erst der Reichskanzler Hitler den deutschen Nationalras-
sismus gebracht hat. Im Gegenteil! Ganz ohne Not bringen die am-
tierenden Erben des "3. Reiches" dessen blutige Leistungen unver-
drossen immer wieder zur Sprache, um die Botschaft loszuwerden,
genau an die, an die unanfechtbar guten großdeutschen Glanztaten,
müßte man ausgerechnet 1987 mehr denn je anknüpfen. Wo längst
keiner mehr, schon gar kein bundesdeutscher Weltpolitiker, noch
irgendwelche praktischen Probleme hat mit dem schlechten Ruf der
"deutschen Vergangenheit", da entfachen Dregger, Strauß und Co.
eine regelrechte Kampagne gegen ein nationales "schlechtes Gewis-
sen" und gegen deutsche "Schuldkomplexe". Die würden nämlich, sa-
gen sie, die Macher in Bonn daran hindern, weltweit so aufzu-
trumpfen, wie es der Bundesrepublik eigentlich zusteht. Was fehlt
diesen Typen denn noch?!
Nationale Scham und Bescheidenheit: Das war schon immer eine
Lüge; und wenn sie in der BRD offiziell gepflegt wurde, dann aus
weltpolitischer Berechnung. Sie war der Eintrittspreis fürs Mit-
machen beim westlichen Imperialismus. An dem ist man inzwischen
längst führend beteiligt. Also passen die alten Sprachregelungen
nicht mehr.
Einfach absterben sollen die aber auch nicht. Sie sollen den
christlichen Nationalisten der Kohl-Republik einen letzten Dienst
leisten, indem man sie mit Getöse außer Kraft setzt. Denn so be-
kommt die BRD das Image, das ihre Führer wollen. Eine Ehrenret-
tung der deutschen Weltkriegssoldaten und ihrer Kampfestugenden
wird inszeniert - wo doch wahrhaftig niemand weit und breit ihrer
Ehre zu nahe tritt. Wozu? Um die Wahlstimmen der letzten Kriegs-
veteranen einzusacken? Die haben doch schon immer gewußt, wo ihr
Kreuz hingehört. Die Dregger-Strauß-Kampagne ist viel breiter an-
gelegt. Die Moral der Landserhefte s o l l wieder zur öffentli-
chen Meinung und Stimmung werden; über den Wahltag hinaus. Es
soll wieder als ehrenhaft gelten, für Deutschland auf Russen ge-
schossen zu haben - Hitler darf man dabei getrost beiseite las-
sen. Einverständnis mit der alten Kampfmoral wird eingefordert;
deren angeblicher "Mißbrauch" durch die Nazis soll kein Hindernis
mehr sein. U m d i e s e M o r a l geht es also, und zwar
f ü r h e u t e - nicht um die Leichen, die seit Jahrzehnten
ehrbar vermodern. So wie die Soldaten in Weltkrieg II:
So möchten die christlichen Wendepolitiker ihr bundesdeutsches
Volk endlich wieder haben. Warum wohl? Offenbar brauchen sie das
für die 90er Jahre: ein Volk von Militaristen. Die Wahl am 25.
Januar soll ein Meilenstein dahin werden. Damals hieß das
"Reichsparteitag". Heute wird der Stimmzettel für das massenhafte
"Hurra!" genommen.
Also: Nichts wie hin zur Wahlurne!
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