Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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       Umfrage der HHZ-Redaktion zur Hamburger Bürgerschaftswahl:
       

WAS HALTEN STUDENTEN VON DER WAHL?

Wir wollten wissen, ob dem studierten Volk bei der Begutachtung der Hamburger Bürgerschaftswahl Zweifel an ihren gelernten Sozi- alkundebuchweisheiten über die Wahlen kommen. Ob sie in der Lage sind zu analysieren, worauf es den Parteien, die zur Wahl stehen, ankommt, und was das für sie als Wähler heißt. Soviel sei vorweg verraten, das Ergebnis war enttäuschend: Nicht, daß sie allzuviel vom Wählen halten - da machen sie sich nichts vor -, es gab nur kritische Stimmen, die vom Vorwurf "niveaulos" bis "Propaganda und Betrug" reichten. Bei aller Despektierlichkeit gegenüber dem Wahlkampf, wählen wollten sie aber alle. Auch und gerade deswe- gen, weil sie die Wahlargumente der Parteien für keine guten Gründe hielten. Sie waren einfach fest davon überzeugt, daß sie selbst viel bessere hätten, wegen derer man unbedingt sein Kreuz- chen malen müßte. Diese wollen wir dem geneigten Leser nicht vor- enthalten. Wahllos wurde auf dem Campus befragt, ohne methodische Absicherung und operationalisierte Fragestellungen, dafür aber sehr repräsentativ: HHZ: Wie beurteilst Du den Hamburger Wahlkampf? Norbert (*): Ich finde es nicht gut, daß alles so auf die Füh- rungspersönlichkeiten abgestellt ist. Es wird ja kaum noch argu- mentiert. Aber vielleicht muß das so sein, schließlich geht es darum, wer die meisten Stimmen kriegt. HHZ. Welche Argumente vermißt Du denn? Norbert: Ja, hm..., die Sachprogramme, also, das kann ich nicht in fünf Minuten erläutern. HHZ: Verrätst Du uns, welche Partei Du wählst? Norbert: Ach, das wollt ihr auch noch wissen. Na gut, wahrschein- lich SPD. HHZ: Warum? Norbert: Schon wegen Dohnanyi. HHZ: Aber Du sagtest doch... Norbert: Jaja, aber es kommt doch schon drauf an, wer uns reprä- sentiert gegenüber dem Bund z.B. Also ein bißchen diplomatisches Geschick und sicheres Auftreten ist da schon nötig. Woher nur haben Studenten ihre Sicherheit, daß es für die Konkur- renz der Parteien um die Macht, zu deren Entscheidung sie als Wähler aufgerufen sind, bessere Argumente gibt, als die von den Parteien selbst repräsentierten?! Schließlich können sie die "Sachprogramme", von denen sie offenbar meinen, ihnen ließen sich einleuchtendere Gründe für die Wahl entnehmen, nicht einmal be- nennen. Die Angeberei mit den fünf Minuten können wir nicht so recht glauben. Es scheint, als wolle man damit bloß zu Protokoll geben, daß wegen i h n e n der Wahlkampf ruhig etwas mehr Ni- veau haben sollte. Daß dem nicht so ist, wollen sie keinesfalls der Politik zum Vorwurf machen - da gibt man sich ganz abgeklärt: "Weil es ja darum geht, wer die meisten Stimmen kriegt." Viel Verständnis dafür, daß die Politiker mit ihrer Persönlichkeit als bestem und einzigem Argument werben, wenn sie Stimmenfang nun mal so betreiben. An eigene Interessen, von deren Erfüllung man die Wahl abhängig macht, kann dabei jedenfalls nicht gedacht sein. Ernsthaft messen an seinem Interesse will man die Parteien keinesfalls. "Sachprogramme", die man vermißt, sollen ja wohl heißen, daß man auch ohne Kenntnis, geschweige denn Prüfung der politischen Vor- haben, ganz fest davon überzeugt ist, dabei handele es sich um sachliche N o t w e n d i g k e i t e n, die sich nicht einem Zweck der Herrschaft verdanken, sondern denen diese verpflichtet sein soll. Der Umstand, daß diese "Sachprogramme" über die Geschicke der ei- genen Person entscheiden, wird für eine nicht weiter bedenkens- werte Selbstverständlichkeit gehalten, auf die man sich einzu- stellen und der man sich anzupassen hat. Nur so gesehen leuchtet es sofort ein, daß diesen "Sachpro- grammen" "Führerpersönlichkeiten" vorstehen, daß also Politik zuallererst "F ü h r u n g" ist und sich deshalb von der Einsicht in Argumente nicht abhängig machen darf. Es geht ja darum, welche Charaktere zum Regieren ermächtigt wird und darf man sich schon mal im Geiste als Personalchef der Herrschaften aufspielen, damit man hinterher umso freier gehorcht. Bloß, ein bißchen geschwindelt wird auch dabei: von wegen, man selber hätte sich ausgedacht, welche Persönlichkeit fürs Regieren taugt; von wegen, "bunte Bilder fürs einfache Volk" und dann gefällt einem selbst Dohnanyi in seinem getäfelten Amtszimmer so gut! Oder woher weiß man das sonst mit dem "diplomatischen Geschick und sicheren Auftreten"?! Und darauf soll es schon ankommen, "wer uns repräsentiert im Bund"? Wohl, weil die sonst die Hamburger für tölpelhafter halten als sie sind. Uns scheint, der Wille, keinen Unterschied zwischen sich und seiner Herrschaft kennen zu wollen, erfordert einige geistige Verrenkungen. So gesehen kann man sich einbilden, man schicke mit der Wahl einen Abgesandten des eigenen Intellekts in den Bund, der deswegen dort eine gute Figur machen müsse. HHZ: Wie beurteilst Du den Wahlkampf? Petra: Eigentlich nichts besonderes. Die Parteien machen wie im- mer jede Menge leere Versprechungen. HHZ: Was wird denn z.B. in der SPD-Parole 'Dohnanyi für Hamburg - Hamburg für Dohnanyi' versprochen? Petra: Tja, also, daß er sich für die Stadt einsetzen will, für Studenten und ältere Leute z.B. oder gegen Kernenergie. Aber das ist doch ziemlich unglaubwürdig, da müßten schon mal konkretere Maßnahmen ergriffen werden. HHZ: Nach welchen Kriterien entscheidest Du Dich bei der Wahl? Petra: Für mich ist entscheidend, welche Partei sich am meisten für meine Interessen als Student einsetzt. HHZ: Gibt Dir die Erfahrung da einen Anhaltspunkt für Unter- schiede? Petra: Also das nicht unbedingt, aber da liegt ja auch viel in der Bundeskompetenz. HHZ: Was machst Du politisch nach der Wahl? Petra: Da kann man nur abwarten, inwieweit die Parteien ihre Ver- sprechungen verwirklichen. Ziemlich trickreich, sich Versprechungen der Politiker auszuden- ken, wo sie nun wirklich nicht mehr versprechen außer zu regie- ren, wenn sie gewählt werden. Und dann die eigenen Erwartungen ganz "realistisch" runterschrauben, indem man von vornherein Ver- ständnis für ihre Unerfüllbarkeit aufbringt - von wegen "Bundeskompetenz". Damit man weiter dran glauben kann, auch wenn es keine Anhaltspunkte dafür gibt?! Woher kommt sonst die Idee, "sich für die Stadt einsetzen" wäre dasselbe wie Wahltaten für Studenten und ältere Leute und Maßnahmen gegen die Kernenergie. Daß die Politik den Leuten das erstmal einbrockt, wogegen man sie gerne als Abhilfeinstanz sehen möchte, kann nicht unbekannt sein. Aber keiner will daraus den Schluß ziehen, daß die Politik dann kein Anwalt derer ist, die von ihr betroffen gemacht werden: Nur so werden aus tatkräftigem Ausbau der Kernenergie und Sozial- staatskürzungen das Gegenteil - mangelnde "konkretere" Maßnahmen dagegen. Andererseits weiß man selber, daß man ziemlich grundlos auf bessere Absichten der Politik vertraut, als sie einem in ih- ren Taten vorführt - so naiv will man nämlich sein, zu behaupten, sie täte einem Gutes, bloß weil man es sich erhoffen will - da ist man abgeklärt: Ziemlich "unglaubwürdig" die Politik, so der Gestus des Durchblicks, wo man sich doch nur selbst betrogen hat und damit auch weiter macht, wenn man ganz, illusionslos einer Partei seine Interessen überantwortet, um dann "abzuwarten, in- wieweit..." Der Verdacht, Betrug könnte hinter der Wahlwerbung der Parteien stecken, wurde mehrmals geäußert. Und wenn man auch nicht genau sagen konnte, wer da der Betrogene ist - "Betrug, Propaganda oder auch Selbstbetrug wahrscheinlich" -, so herrscht auf Seiten der Befragten jedenfalls die Bereitschaft vor, sich von den Kandida- ten einwickeln zu lassen, und der Wunsch, dies möge geschickter bewerkstelligt werden: HHZ: Was hältst Du von Hartmut Perschau? Der macht mich nicht an. Der kommt bei mir nicht an. Der ist mir viel zu sehr grinsender Biederann. Außerdem sieht er einfältig aus." meinte eine Studentin, die offenbar der Auffassung war, daß Poli- tiker dazu da seien, sie bei Laune zu halten, diesem Anliegen auch durchaus aufgeschlossen gegenübersteht, nur in der Person Perschaus das nötige Geschick beim Einseifen vermißte. Daß die CDU die Ansprüche des gehobenen intellektuellen Gemüts an die Herrschaft nicht befriedigt, ist der gemeinsame Nenner dieser Meinungsäußerungen, und alles deutet darauf hin, daß die Befrag- ten die Politiker an dem für die politische Gewaltausübung ziem- lich abseitigen Maßstab ihrer eigenen intellektuellen Großartig- keit messen und danach beurteilen. Gescheit ist dies nicht ge- rade, besitzen diese doch in ihrer Macht und nicht in ihrer Schlauheit das nötige Mittel zur Durchsetzung ihrer politischen Zwecke, die ebenfalls wenig mit Geist und Vernunft, dafür um so mehr mit der Freiheit des Kapital und ihrer gewaltsamen Durchset- zung zu tun haben. Aber Intellektuelle gefallen sich eben darin, den Schein zu erzeugen, ihre Zustimmung zu und ihre Unterwerfung unter das von der Politik Gebotene davon abhängig zu machen, daß die regierenden Herrschaften ihren intellektuellen Geschmack nicht verletzen. Man möchte sich von gleich zu gleich mit seinen obersten Dienstherren identifizieren können, also das Verhältnis der Unterordnung als geistige Übereinstimmung interpretieren können. Und dieses Bedürfnis nach "Glaubwürdigkeit" tut auch da seinen Dienst, wo jemand meint, eine Partei wegen ihrer Maßnahmen kriti- sieren und ihr deswegen seine Zustimmung entziehen zu müssen: HHZ: Wie wirst Du Dich bei der Wahl entscheiden? Klaus: Bisher habe ich eigentlich immer SPD gewählt. Aber ich bin inzwischen unheimlich am Zweifeln, ob die SPD das ehrlich meint, z.B. mit dem Ausstieg aus der Atomenergie. CDU kommt sowieso nicht in Frage. Bleibt also praktisch nur Protestwahl. Prinzipi- ell käme da für mich sogar die DKP in Frage aber die hat ja keine Chance. Also wahrscheinlich würde ich die Grünen wählen. HHZ: Und die vier Jahre nach der Wahl, was machst Du da? Klaus: Im Augenblick stehe ich erstmal im Examen, das hat Vor- rang. Tja, und allgemein muß ich sagen, ich bin sehr pessimi- stisch, was die Zukunft angeht. Jemand, der es sich wirklich nicht leicht gemacht hat, und das mitten im Examen! Wenn man die CDU noch nie leiden konnte und der SPD nicht mehr über den Weg traut, dann muß man - nein, auf kei- nen Fall den eigenen Zweifeln auf den Grund gehen, also prüfen, ob man grundlos mißtraut oder rauskriegen, worum es der SPD geht, damit das mit dem "unheimlichen Zweifel" mal entschieden wird. So ernst darf man Politikerentscheidungen über sein eigenes Wohl und Wehe und damit die eigenen Interessen, die davon schließlich ab- hängen, nicht nehmen. Man muß sich schon prinzipiell ziemlich gut aufgehoben wissen in den Händen der maßgeblichen Instanzen, wenn man auf jeden Fall einer von den Parteien die Entscheidung über die eigene Zukunft überlassen will und sich zu diesen Entschei- dungen wie Naturgegebenheiten verhält. Wenn sich irgendetwas än- dert, dann müssen die da oben das einem schon bescheren. Sonst könnte man ja nicht ungebrochen weiter die Frage aufwerfen, was zur Wahl "bleibt". - "Bleibt also praktisch nur Protestwahl", lautet das einverständige Bekenntnis zur eigenen Ohnmacht, in der man "sogar" mal mit der DKP kokettiert, um es denen zu zeigen. Irgendwie wird da der SPD weniger übel genommen, daß sie einem, AKWs hinsemmelt, als vielmehr, daß sie einem das Bedürfnis nach Übereinstimmung mit ihr erschwert. "Immer SPD gewählt" - und nun? Der SPD durch "Protest" zeigen, daß man sie so gerne wieder wäh- len möchte?! Nicht, weil man meint, daß das irgendetwas an der Politik ändern würde, da ist man "Pessimist" und will das auch noch für realistisch halten. Kein Wunder, wenn man sich als Un- tertan zu den Taten der eigenen Herrschaft wie zu Schicksalsmäch- ten stellt, kann man sich in der ganz grundlos schlechten Meinung einhausen, "was die Zukunft angeht". Dieser Student hat schlimme Vorahnungen, und zwar bezüglich der reichlich abstrakten Frage, ob "die Zukunft" besser wird oder nicht. Diese "pessimistische" Erwartung ist keine Prognose, die auf Wissen über die Weltläufte und ihre maßgeblichen Instanzen gegründet ist, also auch keine ernsthafte Kritik an dem Sachverhalt, daß man den Entscheidungen der Politiker ausgeliefert ist, sondern ein Optimismus, der sich wasserdicht gemacht hat: Er kann durch nichts mehr enttäuscht werden, weil er mit dem Schlimmsten rechnet. Fazit der HHZ-Redaktion: Der Student 86 macht "sich nichts vor", durchschaut alles, weiß also nix, macht sein verlangtes Kreuz und die 4 Jahre dazwischen genauso mit. (*) Name von der HHZ-Redaktion nicht geändert, denn Namen tun nichts zur Sache. zurück