Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
zurück
WAHL '87: DAS WAR'S - MÄCHTIG FREI GEWESEN,
EIN LINIENTREUES BEKENNTNIS ABGELIEFERT
"Unsere Landsleute in Dresden und Rostock (...) gäben viel dafür,
wenn sie einmal, auch bei Eis und Schnee als mündige Bürger zur
Wahlurne gehen dürften." (Kanzler Kohl)
Das war er also: der großartige Freiheitsakt, für den sich
"unsere Brüder und Schwestern drüben" - Kohl weiß es! - liebend
gerne den Arsch abfrieren würden. Mal wieder mündig gewesen und
einen auf Souverän gemacht, das liebe Volk. Lang gedauert hat sie
ja nicht, die goldene Freiheit. Drei Sekunden für zwei Kreuze
vielleicht?! Und ein wenig arg einsilbig ist der "Wählerauftrag"
schon auch ausgefallen - verglichen mit den vielen klugen Gedan-
ken und schlauen Berechnungen, die ein mündiger Wahlbürger doch
wohl vorher angestellt hat, oder etwa nicht?!
Aber was soll's. Genau dafür ist die Freiheit des mündigen Bür-
gers vorgesehen in der Demokratie: Er macht sein Kreuz die Ge-
wählten befinden über dessen Inhalt. Und zwar allein und souve-
rän, ohne daß ein Wähler ihnen dazwischenquasselt.
Dafür sind sie schließlich gewählt: Daß sie r e g i e r e n.
Daß s i e darüber entscheiden, welche Interessen hierzulande
zum Zuge kommen und welche nicht. Daß sie die einheimische
Menschheit und etliche auswärtige Staaten i m G r i f f behal-
ten.
Die Freiheit, die die Demokratie ihren Bürgern schenkt, ist Mal
wieder auf ihre Kosten gekommen. Mit seinem Millionstel hat jeder
an der beißen Entscheidung mitwirken dürfen, wem die Republik
samt Volk die - nächsten Jahre hindurch g e h o r c h t. Wenn
der eigene Lieblingschef durchgefallen ist, gehorcht man als
guter Verlierer. Wenn derjenige gewonnen hat, bei dem man ange-
kreuzt hat, dann bat man als Wähler mitgewonnen und kriegt den
Jackpot - ach nein, das ist ja das andere Lotto. Wer beim Wählen
richtig gekreuzelt hat, der - gehorcht haargenauso wie alle ande-
ren. Das ist der Unterschied. Und d a s ist F r e i h e i t.
Wer Lust dazu hat und sonst nichts Besseres zu tun, der kann sich
nun ausgiebig am Intrigenspiel der Koalitionsbildner freuen und
sein unmaßgebliches, mündiges Urteil darüber bilden. Wer dumm ge-
nug dazu ist und aus der Wahl überhaupt nichts lernen will, der
kann sich sogar einbilden, er hätte höchst raffiniert
"Denkzettel" verteilt. Oder auch umgekehrt: Jetzt würde sein
tiefsinniger "Wählerwille" mal wieder gründlich verfälscht. Dabei
sind die geehrten Bürger bloß wieder einmal auf ihre demokrati-
sche Rolle festgelegt worden: Helfershelfer spielen bei der Kon-
kurrenz der Machthaber. Das ist ja der ganze demokratische Witz:
Ein paar Hundertschaften von Politikern und Lobbyisten ziehen
ihre Konkurrenz untereinander ab und lassen keine Intrige aus;
daran wird das Volk von Zeit zu Zeit per Wahl beteiligt. Jeder
darf ankreuzen, von wem er seinesgleichen am liebsten benutzt und
gedeckelt sieht.
Von dieser Konkurrenz hängt das politische Schicksal der Konkur-
renten ab. Sonst nichts, leider! Vor allem nicht der Fortgang der
Politik: eines Staatslebens, in dem Deutschland mit einen ganz
riesengroßen D geschrieben und als D-Mark, Bundeswehr, kleine
Lohnstückkosten und große Klappe mit viel dahinter gegen den
Osten buchstabiert wird. Und wo die Masse der braven Bürger dem
Erfolg des Vaterlands so wirksam dient, daß sie neben Arbeiten,
Einkaufen und Sparen höchstens noch zum Fernsehen kommt: Das ist
nämlich der "Sachzwang", den keine Partei auch nur im Geringsten
zur Wahl gestellt hat.
Und gerade weil davon nichts zur Wahl stand, hat die Wählerstimme
von -zig Millionen Bundesdeutschen dann doch eine sehr praktische
Bedeutung. Mit seinem Kreuz hat der mündige Bürger nämlich zu
Protokoll gegeben, daß er den "Sachzwang"' namens "Deutschland,
Deutschland über alles..." einsieht - auch wenn er überhaupt
nichts eingesehen hat. Er hat sich einverstanden erklärt - vor
allem damit, daß im Namen des nationalen Erfolgs auf ihn und sein
Einverständnis geschissen ist. Er hat seinen Machthabern recht
gegeben - worin und wofür, das entscheiden die mit ihrer staatli-
chen Souveränität.
Als Wähler haben die Bundesdeutschen also wieder einmal prächtig
funktioniert. Von ihren staatsbürgerlichen Pflichten haben sie
damit allerdings nur die allerkleinste erledigt. Die wichtigeren
erfüllen sie, wenn sie Tag für Tag mit vorschriftsinäßigen Brot-
erwerb als Manövriermasse der nationalen Wirtschaft und der
staatlichen Macht funktionieren. Weil sie sich das gefallen las-
sen, dürfen sie zu allem Überfluß auch noch "Ja" dazu sagen. Und
jeder darf sich einbilden, irgendwie käme es vielleicht doch sehr
darauf an, ob er ein stolzes, strammes oder müdes "Jawoll!" ge-
meint hat oder ein oppositionelles "Ja, aber...".
Diese großartige Freiheit, da haben Kohl und seine demokratischen
Gesinnungsgenossen schon recht, besitzen die "geknechteten Lands-
leute" im "Ostblock" nicht. Die Frechheit der Regierenden, sich
von den Regierten ihre Freiheit zum Konkurrieren und Regieren
auch noch bestätigen zu lassen; die Verrücktheit der Regierten,
das als ihre höchste politische Freiheitschance zu schätzen:
D a s bleibt den Leuten im "realen Sozialismus" wirklich er-
spart.
Aber nicht ganz. Auch sie kriegen was von der demokratischen
Freiheit ab. Die Drohung nämlich, sie mit allen Mitteln rüberzu-
bringen. Mit Raketen, wenn nötig - die Freiheit duldet keine
Halbheiten. Dafür sind wir schließlich in der NATO. Auch das hat
der Wähler 1987 wieder einmal mitunterschrieben!
zurück