Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
zurück
Die heiße Frage nach der Wahl:
WER WIRD JETZT WAS?
Die Macht ist wieder einmal im vorgesehenen Turnus vom Volk aus-
gegangen und steht wie eine Eins über ihm. Das ist das eine Re-
sultat der Wahl.
Das andere: Die Umverteilung von Posten und politischem Einfluß
unter den berufsmäßigen Machtausübern läuft auf Hochtouren. Muß
sich Strauß von Kohl deckeln lassen und wie sehr? Wird Biedenkopf
eine noch größere Nummer? Glotz muß sich seit der ersten Hoch-
rechnung von Wischnewski sagen lassen: "Die Wahlkampfführung war
zum großen Teil miserabel" (FR v. 28.11.). Vogel ist unumstrit-
ten, weil Rau noch zwei Prozent unter seinem Ergebnis von 83
liegt.
Der tritt aus dem Kreis der Anwärter auf die Brandt-Nachfolge zu-
rück, während Lafontaine in den Kreis eintritt, weil sein Frie-
dens- und Umweltimage verspricht, daß er die Grünen besser be-
kämpfen, wahlweise sie besser als Mehrheitsbeschaffer für einen
künftigen SPD-Kanzler benützen kann. Schily profiliert sich, in-
dem er im "Spiegel" den 3%-Zuwachs darauf zurückführt, daß die
Grünen "die politische Mitte" sind. Petra Kelly kann das nicht
hinnehmen, aber auch nicht zurückweisen und macht daher ihre
Fundi-Persönlichkeit mit dem Hinweis geltend, daß noch viel Flüs-
siges den Rhein hinunter fließen muß, bis Ottos Behauptung Wirk-
lichkeit wird ("Ich denke nicht, daß wir die Partei der Mitte
sind, das braucht noch 40 oder 50 Jahre.")
Über die Profilierungen mittels Interpretation von Prozentpunkten
und -bewegungen sowie darüber, wer in diesem Gerangel um Posten
und Einfluß gegen wen in der Offensive/Defensive ist, wird der
aufgeweckte Staatsbürger ausführlich informiert. Der Wähler hat
das Recht, zu erfahren, was aus seiner Stimme gemacht wird, In
diesem Sinne bekommt er nicht nur rechtzeitig mitgeteilt, was es
1987-91 heißt und kostet, "im deutschen Interesse" regiert zu
werden, damit er sich danach richten kann. Er darf auch zusehen,
wie mit Hilfe des Stimmenmaterials und seinen statistischen Fein-
heiten die Politiker ihre persönlichen Karrieren unter sich aus-
machen. Diese demokratische Offenheit ist nur konsequent.
Schließlich legen die Wähler nicht die Staatsaufgaben fest, son-
dern bestellen eine regierende Partei zu deren Festlegung und
Durchsetzung: kein Wunder, daß die Politikerfiguren aller Par-
teien das prinzipielle Ja zur Obrigkeit und die generelle Macht-
verteilung danach begutachten, auf welchem Tabellenplatz der
Macht einer persönlich gelandet ist und welche Karrierechancen
sich daraus machen lassen. Und was soll in Politikeraugen den
Wähler denn mehr interessieren als die Frage, wieviel persönliche
Macht etwa der Herr Bangemann aus der Ermächtigung seines Vereins
gemacht hat und überhaupt: welcher Politiker sich von welchem
Konkurrenten etwas sagen lassen muß und wer sich wo anzuschleimen
hat, wenn in Bonn die Richtlinien der Machtausübung sowie dieje-
nigen legitimen Meckerns in souveräner Freiheit gegen das Wahl-
volk festgelegt werden. Davon hat auch der Wähler etwas, nämlich
ein Stück Gesinnungspflege: Er darf sich am Karrierezirkus der
Politiker ideell beteiligen und damit bekräftigen, daß die Inter-
essen und Drangsale der Herren über die Nation allemal das Wich-
tigste sind. Den mit dem Wahlkreuz geleisteten Verzicht auf Ein-
fluß auf die Politik kann er jeden Tag wiederholen und, als wür-
den die Herren nicht über ihn verfügen, deren Betragen wie ein
unbeteiligter Sitten- und Geschmacksrichter beurteilen und sich
etwa über Strauß' Fernsehauftritt am Wahlabend belustigen, als
hätte der mit seinem Gepolter auf seine Entmachtung reagiert und
nicht etwa seine Ermächtigung quittiert, die ihm nicht glorreich
genug ausgefallen war. Und nicht zuletzt darf man die offene Be-
rechnung auf den künftigen Wähler goutieren, mit der Kandidaten
ausgetauscht und Posten besetzt werden. Da kann sich der Wähler
sogar noch seiner eigenen Berechenbarkeit als Manövriermasse für
Politikerkarrieren erfreuen. Was will er mehr?
***
"Was nun?"
----------
fragte der "Spiegel" in einer groß angelegten Werbeaktion nach
der Wahl. Neben der koketten Anspielung auf einen Klassiker des
Marxismus-Leninismus ähnlichen Titels fällt der feinsinnige Zy-
nismus der Frage auf:
Mit der Wahl sei noch gar nichts entschieden, triumphiert das
führende Wochenblatt für kluge Köpfe über jene, die bequem meinen
sollten, mit Erfüllung ihrer Staatsbürgerpflicht sei die Sache
rum. Jetzt erst werde es interessant: beim Gedanken an Intrigen
und Winkelzüge der Kohls und Bangemänner zwecks Regierungsbil-
dung. Interessant also ausgerechnet das, wo der werte Bürger-Sou-
verän garantiert nichts zu sagen hat, wo er (bestenfalls) Zaun-
gast seiner Herren ist.
Und für diese dem Bürger zugedachte Rolle bietet das Blatt Hilfe-
stellung: "Sie haben gewählt. Wir sagen Ihnen, was Sie davon ha-
ben. Jeden Montag." Was schon! Eine Herrschaft und eine Hofbe-
richterstattung. Die Herrschaft jeden Tag, den "Spiegel" montags.
zurück