Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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DER WÄHLER - TOTAL AUSRECHENBAR
Ein paar Monate durfte man die ach so spannende Debatte mitver-
folgen, ob die Parteien den Wähler, dieses unzuverlässige, hin-
terlistige, überforderte, unentschlossene, leider irgendwie nicht
zu übergehende Staatstier, erneut zur Urne rufen sollten, dürfen,
möchten, können. Ein paar Monate Intrigen um unerhörte Koalitio-
nen hat man "genießen" dürfen - und dann macht der Wähler sie
wieder klar, die ach so schwierigen "Hamburger Verhältnisse".
Jetzt hat er sie endlich beantwortet, "die entscheidende Frage,
soll die SPD oder die CDU führen? und das Ergebnis zeigt, die
Wähler möchten lieber, daß die SPD führt und das ist auch besser
für Hamburg." Für wen auch sonst. Dohnanyi, die wieder auftrump-
fen könnende alt-neue Führerfigur, verdolmetscht dem Wähler noch
einmal, worum es ihm und den Wählern gegangen ist: Welchen Führer
wollt Ihr, der Euch beherrscht? Schwarz oder rot? Jetzt regiert
wieder die SPD und das ist logischerweise die Verhinderung der
"kohlpechschwarzen Republik". Worin sollte die auch sonst beste-
hen, als darin, daß in Hamburg eben die andere Führungsalterna-
tive regiert als die, die sonst regieren würde, wenn die Schwar-
zen gewonnen hätten. In den alles entscheidenden Angelegenheiten
bleibt so oder so alles beim Alten. Perschau, der Verlierer,
teilt es dem Wähler auch noch mal gratis mit, daß nichts, aber
auch wirklich nichts anderes zur Entscheidung stand als die zu-
künftige personelle Ausstattung der Macht, die in der einen wie
der anderen Variante auf jeden Fall den Untertanen beherrscht.
Nicht, daß der Wähler behaupten kann, darüber wäre er getäuscht
worden: Hamburg stand auf dem Spiel? - "Ach wissen Sie, Hamburg
jetzt reicht's, das sind doch Wortspiele, die man gerne treiben
kann." Jetzt haben sie ihre Pflicht und Schuldigkeit erfüllt.
Wenn der Wähler keine anderen Ansprüche an die Politik hat als
diese an sich selber - eine klare Führung muß her -, konnte ja
nichts schiefgehen: Der Wähler hat sie seinen Parteien ver-
schafft. Und zwar noch bereichert um eine "neue Kraft", die genau
darin besteht: im Einzug der FDP ins Parlament. "Es ist doch
jetzt wirklich nicht entscheidend, warum der Wähler welche Wande-
rungen gemacht hat, Hauptsache, wir sind wieder drin." Völlig zu-
recht: Wähler, denk was Du willst, Du machst ein Kreuz, und das
hat auf jeden Fall nur ein Ergebnis: auch FDP-Senatoren sind wie-
der drin.
Gut gemacht, Wähler, abtreten! Oder vielmehr, von nun an geht al-
les wieder seinen gewohnten Gang, der ja auch zu Zeiten der
"Unregierbarkeit" Hamburgs nie unterbrochen wurde. Die einen re-
gieren und die anderen beugen sich den "Sachzwängen", die ihnen
die Politiker aufherrschen.
Der Rest ist Sache der Politik, die den Wähler selbstverständlich
nichts weiter angeht, er kriegt sie ja nur zu spüren und das früh
genug. Was nicht heißt, er würde dann wenigstens davon verschont
bleiben, sich auch noch in die Sorgen seiner Obrigkeit hineinver-
setzen zu sollen. Auch damit wird er am Wahlabend noch frei Haus
pausenlos belämmert:
"Herr von Dohnanyi, Herr v. Münch, können Sie schon sagen,
wer...?"
"Aber ich bitte Sie, Sach- und Koalitionsfragen gehören doch
nicht auf den offenen Markt, die verhandelt man selbstverständ-
lich hinter verschlossenen Türen. Sie haben in mir schließlich
jemand vor sich, der schon 20 Jahre Politik macht."
Kein Politiker läßt es sich am Wahlabend nehmen, auch noch die
letzte Wählerverarschung dem Wähler mit auf den geistigen Weg zu
geben. Obwohl es um nichts anderes geht, als die zukünftige Äm-
terverteilung auszumauscheln; g e b i e t e t es nachgerade die
große Verantwortung, der sich jeder Politiker freudig stellt, die
einzige Frage, die zur Entscheidung stand, auf keinen Fall vor-
schnell zu beantworten: "Auch sie müssen Verständnis dafür haben,
daß Personalfragen die unwichtigsten sind und für uns erst ganz
zum Schluß kommen." Wer welchen Posten bekommt, soll das Ergebnis
von ganz viel "Sachkompetenz" in Fragen sein, deren Festlegung
aber gar nichts anderes erfordert als mittels der M a c h t
wahrgemachte p o l i t i s c h e B e s c h l ü s s e, wer ge-
schröpft und wer subventioniert wird. Auf den Schein, dabei exe-
kutiere die Politik höchst verantwortungsvoll einen einzigen
W ä h l e r a u f t r a g möchte kein Politiker verzichten. Am
Wahltag herrscht eben Einigkeit zwischen Führung und Volk:
"So ein Ergebnis spricht für den Wähler, der bereit ist zu wech-
seln", oder treu zu bleiben oder sonst irgendeiner Kalkulation
der Parteien mit ihm durch seine Stimme recht zu gegeben zu ha-
ben. Er hat eben beim Lotteriespiel auf sein eigenes Wahlverhal-
ten mitgemacht, so daß er dann mit seiner Partei gesiegt oder
verloren hat. Sehr sachgerecht, wo er alles andere sowieso mit-
macht.
Und die GAL? Profis, die sie inzwischen sind, sind sie sich über
alle Fraktionen hinweg über eines auf jeden Fall einig - der Wäh-
ler hat versagt und den eigentlich den Grünen zustehenden Erfolg
vergeigt. Für den gehobenen Wahlkampf der Grünen war er zu blöd
1.) Haben wir denn nicht extra für ihn die grünen Inhalte dau-
ernd erwähnt und einen "sachthemenbezogenen Wahlkampf" geführt?!
Und was macht er? - Honoriert diese "Erwähnung" von Inhalten ein-
fach nicht, sondern fällt glatt auf die "Waschmittelwerbung" der
SPD rein, bloß weil die grün besetzten Themen da auch erwähnt
werden!
2.) Haben wir ihm nicht extra erläutert, wie unsere Taktik aus-
sieht? Daß die SPD zwar ein Übel ist und auch rechts; mit einer
Tolerierung, Koalition, oder ähnlichem durch die GAL aber eine
einzige Verhinderung der Politik, die sie mit der CDU gemeinsam
hat, bedeutet?! Und was macht der Wähler? Kapiert nicht, daß die
SPD nur mit uns eine "Chance" ist, und wählt glatt die SPD, "um
rechts zu verhindern und sieht dabei nicht, daß die SPD immer bei
rechts mit dabei ist". Ja, merkt er denn nicht, daß nur durch un-
sere Duldung die SPD besser ist, als sie ist - das "kleinere
Übel" eben. Ausgerechnet unsere Taktik läßt der Wähler bei der
falschen Partei zu Buche schlagen.
3.) Vor allem, ja kapiert denn nicht einmal die SPD, daß sie viel
besser ist, als sie ist?! Merkt sie denn nicht, "daß sie nur mit
uns eine Chance hat, Reformpolitik zu machen", statt mit der FDP
"Unternehmerpolitik", die sie als "rechte" Partei doch sicherlich
überhaupt nicht machen will! Mit einem Wort:
"Unsere Angebote bleiben!"
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