Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 18, 16.06.1980
       

UNSERE MEINUNG

Die Welt auf den Kopf zu stellen ist das tägliche Geschäft des Universitätsbetriebes, die Leistung der Wissenschaft und das Be- wußtsein eines Studenten, obwohl beide sich hartnäckig weigern, diese Tatsache als solche anzuerkennen. Kein Wunder: sonst wäre unsere Hochschulzeitung überflüssig. Daß die Politik auf dem Kopf stehen wurde, zu dieser verrückten Ansicht bekennt sich wohl kein halbwegs normaler Intellektueller. Das Schlimme ist bloß, wenn es an das Politisieren geht, so bringt ein intellektueller Geist es wie selbstverständlich und ohne großes Nachdenken fertig, im Be- urteilen des aktuellen politischen Treibens genau das zu vollzie- hen, was ihn in Erstaunen versetzt, sagt man ihm es auf den Kopf zu. Stets läuft in der Politik exakt das Umgekehrte dessen ab, was die Meinung über sie behauptet - und dies geht folgendermaßen Nehmen wir den Bundestagswahlkampf und die gerade abgeschlossenen Parteitage der drei "großen" (welch ein politisches Attribut!) Parteien, mit denen sie den Wahlkampf offiziell "eingeläutet" ha- ben (denn ab jetzt kümmern sich die Politiker wieder um den Bür- ger als Wähler). Die "Wahlkampfaussage" aller drei Volksparteien zielt - jedenfalls in bezug auf den unmaßgeblich-maßgeblichen Wähler - auf dasselbe, und dies in nicht zu überbietender Unver- frorenheit: Die Politik will mit dem Argument bestätigt werden, daß das Volk für die kommenden Herausforderungen für die Nation hinter dem Staat stehen soll - ansonsten werden keine "Leistungen" versprochen und "Erwartungen" geweckt. Allen Betei- ligten an diesem Unternehmen ist dies klar - und dennoch werden die idiotischsten Urteile über die laufende politische Konjunktur gefällt. Das geht allererst mit dem Spruch los, der Wahlkampf sei schon längst "entschieden", er sei "langweilig", weil es ihm an "Sachaussagen" mangele. Seine "Härte" bezöge er lediglich aus der Konfrontation Strauß gegen Schmidt: "Die Personalisierung hat ein selbst für Wahlkämpfe erstaunliches Maß erreicht." ("Zeit") Ver- rückt, denn die "Sachaussage" der Wahlen 1980 steht eindeutig in der "politischen Landschaft": Der Friede und wie man ihn offensiv gegen den Hauptfeind durchsetzt. Und die Personen geben nichts anderes als charakterlich differenzierte Besetzungen eines Stücks, über dessen Inhalt landauf landab proklamierte Einigkeit besteht. Und das unterscheidet diesen Wahlkampf von keinem seiner Vorgänger, nur ist die personelle Ausstattung diesmal vielleicht eindrucksvoller als vorher die vergleichsweise "farblose" Alter- native Kohl gewesen ist. Dies nämlich ist Prinzip jedes demokra- tischen Urnengangs, das kritische Demokraten nicht wahrhaben wol- len, daß der Staat eben nur und exklusiv in Gestalt der ihn re- präsentierenden Personen sich dem Souverän Volk zur alternativen Entscheidung stellt. Des weiteren soll die "Polarisierung" wieder einmal sehr scharf geworden sein: "Die Bundesrepublik ist im Wahlkampf wieder klar erkennbar in zwei Lager gespalten." Als ob wir uns jemals vorher idyllisch in einem Camp BRD an den Händen gehalten hätten und nun auf einmal in zwei Lager gespalten wären! Klar, daß mit dem Nä- herrücken des Termins, wo die Posten in der Lagerverwaltung ver- teilt werden, keine Einheit über den besten Mann besteht! Im Un- terschied zur öffentlichen Besprechung des Wahlkampfs verhält es sich wieder einmal exakt umgekehrt: Je geringer die Differenzen darüber, w a s z u t u n i s t, desto grundsätzlicher der Streit über die P r i n z i p i e n, i n d e r e n N a m e n das, was ansteht, vollbracht werden soll. Extrem an der Realität vorbei auch du folgende Urteil, du so daherkommt, als hätte es was gemerkt: "Die Außenpolitik dominiert. Um Friedenspolitik streiten (?) alle... Alle anderen Probleme dagegen treten in den Hintergrund, Innenpolitik im eigentlichen Sinne des Wortes findet n i c h t statt." In der Tat wirken in diesem Wahlkampf, der mit der "Weltkrise" und dem Beitrag der BRD zu ihrer erfolgreichen Durchführung bestritten wird, "innenpolitische Themen" wie Sozia- les als Beiwerk zur Hauptsache, jedes Benutzen von alltäglichen Sorgen der Bürger wie "unverantwortlicher" Opportunismus und Demagogie - gerade das heißt ja wohl nichts anderen, daß im Bundestagswahlkampf mit der Außenpolitik Innenpolitik nicht nur gemacht, sondern entschieden wird. Obwohl solche Urteile über die Welt, in denen sie auf dem Kopf steht, durchaus allgemein sind, bleibt zu fragen, warum es sie gibt. Die Stellung des demokratischen Bewußtseins zu der von ihm legi- timierten Politik hat sich von jedem Anspruch an deren "Macher", was sie dem einzelnen Bürger denn bringe, entfernt und damit die Herrschaft von allen persönlichen Interessen der ihr unterworfe- nen Subjekte emanzipiert. Nicht mehr wird gefragt "was bringt mir die Politik?", sondern stattdessen: "Bringen es die Politiker?" Also: "Schmidt steht gut da" oder "Strauß hat keine Chance", vielleicht auch "Genscher kämpft nur noch ums Überleben". Wo das Volk seine Hoffnungen auf die Politik als W e r t u r t e i l über die Politiker vorbringt, haben diese freie Hand, ihre Poli- tik mit den Erwartungen des Volkes zu machen. Merke: Je mehr der Staat von seinen Bürgern verlangt, desto leerer die Politik, wes- wegen mehr Sinn in die Politik muß! zurück