Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 11, 18.05.1980
       
       Intellektuelle Sorgen um die Qualität eines Wahlkampfs
       

WEN QUÄLT HIER WAS?

Die Welt auf den Kopf zu stellen ist das tägliche Geschäft des Universitätsbetriebes, die Leistung der Wissenschaft und das Be- wußtsein eines Studenten, obwohl beide sich hartnäckig weigern, diese Tatsache als solche anzuerkennen. Kein Wunder: sonst wäre unsere Hochschulzeitung überflüssig. Daß die Politik auf dem Kopf stehen würde, zu dieser verrückten Ansicht bekennt sich wohl kein halbwegs normaler Intellektueller. Das Schlimme ist bloß, wenn es an das P o l i t i s i e r e n geht, so bringt ein intellektu- eller Geist es wie selbstverständlich und ohne großes Nachdenken fertig, im Beurteilen des aktuellen politischen Treibens genau das zu vollziehen, was ihn in Erstaunen versetzt, sagt man ihm es auf den Kopf zu. Stets läuft in der Politik exakt das Umgekehrte dessen ab, was die Meinung über sie behauptet - und dies geht folgendermaßen. Nehmen wir den Bundestagswahlkampf und die gerade abgeschlossenen Parteitage der drei "großen" (welch ein politisches Attribut!) Parteien, mit denen sie den Wahlkampf offiziell "eingeläutet" ha- ben (denn ab jetzt k ü m m e r n sich die Politiker wieder um den Bürger als W ä h l e r). Die "Wahlkampfaussage" aller drei Volksparteien zielt - jedenfalls in bezug auf den unmaßgeblich- maßgeblichen Wähler - auf dasselbe, und dies in nicht zu überbie- tender Unverfrorenheit: Die Politik will mit dem Argument bestä- tigt werden, daß das V o l k für die kommenden Herausforderun- gen für die Nation hinter dem S t a a t stehen soll - ansonsten werden keine "Leistungen" versprochen und "Erwartungen" geweckt. Allen Beteiligten an diesem Unternehmen ist dies klar - und den- noch werden die idiotischsten Urteile über die laufende politi- sche Konjunktur gefällt. Das geht zu allererst mit dem Spruch los, der Wahlkampf sei schon längst "entschieden", er sei "langweilig", weil es ihm an "Sachaussagen" mangele. Seine "Härte" bezöge er lediglich aus der Konfrontation Strauß gegen Schmidt: "Die Personalisierung hat ein selbst für Wahlkämpfe er- staunliches Maß erreicht." ("Zeit") Verrückt, denn die "Sachaussage" der Wahlen 1980 steht eindeutig in der "politischen Landschaft": Der Friede und wie man ihn offensiv gegen den Haupt- feind durchsetzt. Und die Personen geben nichts anderes als cha- rakterlich differenzierte Besetzungen eines Stücks, über dessen Inhalt landauf landab proklamierte Einigkeit besteht. Und das un- terscheidet diesen Wahlkampf von keinem seiner Vorgänger, nur ist die personelle Ausstattung diesmal vielleicht eindrucksvoller als es vorher die vergleichsweise "farblose" Alternative Kohl gewesen ist. Dies ist nämlich P r i n z i p jedes d e m o k r a- t i s c h e n Urnengangs, das k r i t i s c h e Demokraten nicht wahrhaben wollen, daß der Staat eben nur und exklusiv in Gestalt der ihn repräsentierenden Personen sich dem Souverän Volk zur alternativen Entscheidung stellt. Des weiteren soll die "Polarisierung" wieder einmal sehr scharf geworden sein: "Die Bundesrepublik ist im Wahlkampf wieder klar erkennbar in zwei Lager gespalten." Als ob wir uns jemals vorher idyllisch in einem Camp BRD an den Händen gehalten hätten und nun auf einmal in zwei Lager gespalten wären! Klar, daß mit dem Nä- herrücken des. Termins, wo die Posten in der Lagerverwaltung verteilt werden, keine Einheit über den besten Mann besteht! Im Unterschied zur öffentlichen Besprechung des Wahlkampfs verhält es sich wieder einmal exakt umgekehrt: Je geringer die Differen- zen darüber, w a s z u t u n i s t, desto grundsätzlicher der Streit über die P r i n z i p i e n, i n d e r e n N a m e n das, was ansteht, vollbracht werden soll. Extrem an der Realität vorbei auch das folgende Urteil, das so daherkommt, als hätte es was gemerkt: "Die Außenpolitik domi- niert. Um Friedenspolitik streiten (?) alle... Alle anderen Pro- bleme dagegen treten in den Hintergrund, Innenpolitik im eigent- lichen Sinne des Wortes findet n i c h t statt." In der Tat wirken in diesem Wahlkampf, der mit der "Weltkrise" und dem Bei- trag der BRD zu ihrer erfolgreichen Durchführung bestritten wird, "innenpolitische Themen" wie Soziales als Beiwerk zur Hauptsache, jedes Benutzen von alltäglichen Sorgen der Bürger wie "unverantwortlicher" Opportunismus und Demagogie - gerade das heißt ja wohl nichts anderes, daß im Bundestagswahlkampf mit der Außenpolitik Innenpolitik nicht nur gemacht sondern entschieden wird. Die Stellung des demokratischen Bewußtseins zu der von ihm legi- timierten Politik hat sich von jedem Anspruch an deren "Macher", was sie dem einzelnen Bürger denn bringe, entfernt und damit die Herrschaft von allen persönlichen Interessen der ihr unterworfe- nen Subjekte emanzipiert: Nicht mehr wird gefragt "was b r i n g t mir die Politik?", sondern stattdessen: "Bringen es die Politiker?". Also: "Schmidt steht gut da" oder "Strauß hat keine Chance" vielleicht auch "Genscher kämpft nur noch ums Über- leben". Wo das Volk seine Hoffnungen auf die Politik als W e r t u r t e i l über die Politiker vorbringt, haben diese freie Hand, ihre Politik mit den Erwartungen des Volkes zu ma- chen. Merke: Je mehr der Staat von seinen Bürgern verlangt, desto leerer die Politik, weswegen mehr Sinn in die Politik muß! Was es mit dem unter Studenten beliebten 'Strauß - Nein danke', welches noch stets irgendwie auf ein 'Ja' für Schmidt rausläuft, auf sich hat, soll ein für allemal am Dienstag, den 24.6. geklärt werden auf dem Teach In der MG Schmidt oder Strauß? Die Qualität einer demokratischen Alternative zurück