Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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WAS FEHLT DEN PENNERN? EIN GERECHTERES WAHLRECHT
"Nichtseßhaften soll Teilnahme an der Wahl erleichtert werden
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Bielefeld (AP) Nichtseßhafte können nur unter erheblichen Schwie-
rigkeiten an der Bundestagswahl teilnehmen. Darauf hat die Bun-
desarbeitsgemeinschaft für Nichtseßhafte in Bielefeld aufmerksam
gemacht. Zugleich appellierte sie an die Politiker, bestehende
bürokratische Hemmnisse abzubauen und diesem Personenkreis den
Zugang zur Wahl zu erleichtern.
Nichtseßhafte dürfen nur in der Gemeinde wählen, in der sie am
35. Tag vor der Bundestagswahl übernachtet hätten, hieß es. An
diesem Stichtag werden die Wählerverzeichnisse erstellt, in denen
automatisch alle ortsansässigen Bürger erfaßt werden. Nichtseß-
hafte könnten dann spätestens am 21. Tag vor dem Wahltermin bei
dieser Gemeinde einen Wahlantrag stellen. Dies könne jedoch in
der Praxis zu Schwierigkeiten führen, weil ein Nachweis für den
damaligen Aufenthalt erbracht werden müsse."
(SZ, 12.1.87)
Eine interessante Berufsbezeichnung: 'Nichtseßhaft'! Immerhin
handelt es sich beim Obdachlosen um die Folge des Urteils, das
die Käufer und Anwender von Arbeitskraft über diese Leute gefällt
haben: Für den Dienst am Eigentum nicht (mehr) interessant.
Die zitierte Arbeitsgemeinschaft entdeckt in brav sozialkundli-
cher Manier in ihnen etwas anderes:
1. eine Bevölkerungsgruppe, der
2. ausgerechnet die gesicherte Teilnahme an der Wahl abgeht, was
3. ein Problem für wen wohl bedeutet!
Für das Wahlrecht höchstselbst! Für seine allgemeine Gültigkeit,
ohne Ansehen der Person. Um diese zu gewährleisten, so die AG,
müssen, Dach über dem Kopf hin oder her, alle bürokratischen Hin-
dernisse für die Wahlbeteiligung der Penner aus dem Weg. Wäre
doch peinlich, wenn rauskäme, daß ein paar Tippelbrüder, die un-
ter Ausschluß von der bürgerlichen Gesellschaft dahinvegetieren,
unter irgendeiner Brücke erfroren sind, ohne in den Genuß des
höchsten demokratischen Gutes gekommen zu sein. Weshalb sie von
gewissenhaften Demokraten, die das überhaupt nicht zynisch fin-
den, mit dem Wahlrecht noch unter 'ihren' Brücken belämmert wer-
den sollen. Man sieht: Die Demokratie kümmert sich noch um die
letzten outsider, selbst wenn diese es gar nicht wollen.
"Stadtstreicher unter Pasinger Würmbrücke erfroren
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Wahrscheinlich erfroren ist ein 34jähriger Stadtstreicher in ei-
ner Mauernische unter der Würmbrücke am Hermann-Hesse-Weg in Pa-
sing. Er hatte sich dort mit anderen Obdachlosen eine Bleibe ein-
gerichtet. Die beiden fanden den Toten dort am Samstag gegen 13
Uhr. Heute soll im Institut für Rechtsmedizin geklärt werden, wo-
ran genau der Mann gestorben ist. Die zwei Stadtstreicher erklär-
ten der Polizei, der Mann sei lungenkrank und völlig entkräftet
gewesen. dü
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