Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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Korrespondenz
Sehr geehrter Verfasser des Artikels
"Becklein und Schönstein - was soll's?"
Bis jetzt habe ich der "Marxistischen Schulzeitung" nie besonders
viel Beachtung geschenkt: Eingesteckt; zu Hause ausgepackt und -
man nehme es nicht persönlich - in den Papierkorb geworfen. Die
letzte Ihrer Ausgaben (19.10.87) habe ich dann doch einmal etwas
näher betrachtet. Und ich war ziemlich schockiert.
Mal ehrlich: Sind Sie wirklich so naiv oder stellen Sie Sich bloß
so?
Ohne Zweifel. Der Posten des Oberbürgermeisters bedeutet viel
Verantwortung und wird deshalb auch gut bezahlt. Aber daß es
wenig Arbeit mit sich trägt, kann nur jemand behaupten, der von
der Realität eines Politikers wirklich nicht die geringste Ahnung
hat oder sich aus ideologischen Gründen extrem dumm stellt.
Meinen Sie etwa, es bedarf keiner Vorbereitung, auswärtige Gäste
zu empfangen? Meinen Sie etwa, die Politiker "dreschen
salbungsvolle Phrasen vor Kongressen und Vereinen" aus dem
Stehgreif? Meinen Sie etwa, daß Sitzungen zu leiten, Brücken,
Kindergärten und U-Bahnlinien einzuweihen für die Politiker
wirklich das ist, was "andere Leute leicht mit Vergnügen
verwechseln könnten"? Das "Beiwohnen von Freßgelagen" lasse ich,
mit Verlaub, einmal beiseite, da ich, ehrlich gesagt, trotz
langen Nachsinnens nicht darauf gekommen bin, was damit gemeint
sein könnte.
Noch etwas mit den Wahlplakaten: Anscheinend verfügt der
Verfasser jenes Artikels nicht über die Gabe eines guten
Wahrnehmungsvermögens. Sonst wäre ihm zweifellos aufgefallen, daß
sich das "Schönlein packt's an" zum Beispiel auf das Wohnen in
Nürnberg bezieht. Auch ich blieb nicht minutenlang vor einem
Schönlein-Wahlplakat stehen. Ebensowenig erreicht meine Sehstärke
die vollen 120%. Aber so viel habe ich schon mitbekommen. Da
zwängt sich einem doch die Frage auf ob der Verfasser blind ist
oder sich zumindest blind stellt.
Übrigens sind die drei vermeintlichen "Mannequins" auf dem
Beckstein-Wahlplakat keineswegs solche. Freilich, diese Folgerung
liegt nahe. Trotzdem sind sie aber mit ganz normale Mitglieder
der jungen Union. Jedoch sollte man sich, wie ich meine, bei dem
Verfassen eines Artikels, der veröffentlicht wird, nicht auf
Folgerungen verlassen. Bei Ihrem Artikel meint man, Sie hätten
sich des mehrmals statt auf Tatsachen auf Ihre Folgerungen
gestützt. Vorsicht! Irren ist bekanntlich menschlich; das gilt
auch für Marxisten. Ich bitte, diese meine Meinung zu akzeptieren
und nicht als das Denken "eines durch den Kapitalismus
Verblendeten" abzutun.
Für das Lesen meines Briefes danke ich Ihnen.
Lieber Markus,
Leider können wir diese Deine Meinung nicht akzeptieren; du
glaubst ja gar nicht, wie schockiert wir waren, in Deinem Brief
lesen zu müssen, daß nur derjenige beanspruchen kann, eine Ahnung
von der Realität eines Politikers zu haben, der das Einweihen von
Kindergärten und U-Bahnlinien für schwere Arbeit hält. Sogar
Respekt vor nicht aus dem Stegreif hergesagten salbungsvollen
Phrasen soll sich gehören, weil sogar so etwas der Vorbereitung
bedarf?
Aber mal im Ernst: die Frage, was man von dem halten soll, was
manche Leute als ihre Arbeit verrichten, entscheidet sich nicht
danach, ob man sich darauf konzentrieren, vorbereiten und es
überhaupt tun muß. Müde wird man von allem, Dagobert Duck
bekanntlich vom Geldzählen - aber ob es deshalb Arbeit ist?
Jedenfalls vermehrt es nicht den Reichtum der Gesellschaft, macht
für niemanden das Leben leichter und nimmt keinem notwendige
Arbeit ab. Ebenso verhält es sich - wenn auch in unserer
Gesellschaft keineswegs nur - mit den Tätigkeiten des
Bürgermeisters: Er ist nur zum Repräsentieren von Nürnbergs
Macht, Geld, Kultur und Wichtigkeit da. Deshalb sieht seine von
Dir schön beschriebene "Arbeit" auch danach aus: die Freßgelage
übrigens sind Essen, die zu Ehren von irgendwem oder -was gegeben
werden. Dort wird gut gegessen - und viel.
Auch Du, lieber Markus, mit Deiner ganzen Hochachtung vor dem
verantwortungsvollen und schwierigen Job des Bürgermeisters weißt
ganz genau, daß Du ihn viel lieber machen würdest, als eine
leichte Arbeit am Band bei Grundig - schließlich bist Du ja auf
einer höheren Schule und strebst nach einem besseren Abschluß,
der Dir die Karriere als Arbeiter ersparen soll. Du kannst die
Arbeiten am oberen und am unteren Ende der Berufshierarchie also
ganz gut unterscheiden und weißt über die größere und kleinere
Verwechselbarkeit mancher Arbeiten mit Vergnügen viel besser
Bescheid als Du zugeben möchtest.
Dein zweiter Einwand gegen unseren Artikel verrät eine gewisse
Verbildung durch den Sozialkundeunterrieht. Dort lernt man, daß
es eine sehr kritische und prüfende Einstellung zu Zeitungen
aller Art sei, wenn man sich klar macht, daß nicht alles
Gedruckte wahr sein muß und es sich erst fragt, ob immer gut
recherchiert worden sei. Bei linken Kritikern ist man sich
besonders sicher, daß die sich von Vorurteilen leiten lassen
anstatt von einer unvoreingenommenen Betrachtung der Wirklich-
keit. Und da willst Du fündig geworden sein.
1. Du hast ein Schönlein-Plakat entdeckt, wo sein Spruch "Packt's
an" mit Wohnungsbau verbunden gewesen sein soll. Mag sein. Warum
schreibst Du dann "zum Beispiel"? Weil Du auch andere gefunden
hast und die meisten Anpack-Versprechungen überhaupt keinen Bezug
zu einem besonderen Thema hatten. Haben wir recht?
2. Du klärst auf, daß die Mannequins auf dem Beckstein-Plakat
keine bezahlten sondern freiwillige Girls aus der Jungen Union
waren. Woher weißt Du das nur? Bist Du in der Jungen Union? Wenn
ja, dann wird Deine Auskunft schon stimmen.
Auf solchen Schmarrn richtest Du Dein Interesse und daran prüfts
Du, ob wir etwas Richtiges schreiben!
- Daß die beiden Beispiele aus dem Wahlkampf bei uns als Material
für die Heuchelei der Charakterwerbung vorgekommen sind (Deren
Kritik ist völlig unabhängig davon, ob die CSU-Girls nun bezahlt
wurden oder nicht.);
- daß das einiges über die demokratische Wahl aussagt, in der die
Wahlbürger durch gekonnt gestylte Charakterinszenierungen
betrogen werden wollen, damit sie sich dann den schönsten
Charakterdarsteller heraussuchen, weil sie dem lieber gehorchen
als dem anderen, der das Gleiche macht - das alles, lieber
Markus, ist Dir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Das stört
Dich an unserem Deutschland offenbar nicht; wahrscheinlich hast
Du dazu gar keine Meinung. Sonst hättest Du Deinen Scharfsinn
nicht auf die Entdeckung der Herkunft der CSU-Girls geworfen.
Du sollst unsere Meinung nicht akzeptieren, sondern Dir
überlegen. Die Redaktion
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