Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


       zurück

       Hamburg aktuell
       

EIN PAAR ANMERKUNGEN ZUR WAHL

1. Es darf wieder gewählt werden. Nicht, weil am 17. Mai das Halt- barkeitsdatum einer Wählerstimme abgelaufen ist. Abweichend vom Terminkalender demokratischer Freiheit haben sich SPD und CDU darauf verständigt, den Souverän erneut an den Wahlurnen antreten zu lassen. Sein Auftrag: die Nachbesserung der Wahl vom November. Wieder einmal darf sich der wahlberechtigte Hamburger mit seinem höchsten Recht bemerkbar machen: sein kompliziertes Wählergemüt erforschen, welchem der zur Auswahl stehenden Machtliebhaber er mehr Glanz, Stil und Könnerschaft bei der Darbietung der Lüge, die Ausübung politischer Gewalt wäre eine Kompetenz- und Verant- wortungsfrage der Macher, zutrauen möchte, um sich mit seiner millionstel Stimme an der demokratischen Klassenlotterie zu be- teiligen, in der der Machtproporz der konkurrierenden Parteien und ihres Personals entschieden wird. 2. Die reife Leistung, einer zukünftigen Regierung der Hansestadt die gebotene Freiheit beim Machtausüben einzuräumen und sich aufs Parieren zu verpflichten, haben die Wahlbürger auch schon das letzte Mal gebracht. Dummerweise mit einem Ergebnis, das die ge- wohnte Ordnung bei der Machtbestellung ein wenig durcheinander gebracht hat. So jedenfalls sehen es die Parteien. Die Summierung des Wählervotums hat glatt dazu geführt, daß die machtverwöhnten Herrschaften nicht umgehend auf den Regierungs- und Oppositions- bänken klar verteilt Platz nehmen konnten. Ihr Problem, die rech- nerisch unzweideutigen Stimmenprozente nicht für klare Machtbe- fugnisse und Führung beanspruchen zu können, haben sie noch am Wahlabend mit dramaturgischem Gespür in die "Unregierbarkeit Ham- burgs" übersetzt. Damit wurde dem Wähler nicht nur vor Augen ge- führt, worauf er mit seinem freiheitlichen Stimmzettel einzig rechnen darf, sondern drastisch unterbreitet, was er von seiner Unberechenbarkeit hat. 3. Der wurde Woche für Woche mit der Kontaktpflege vertraut gemacht, die CDU und SPD zwischen ihren Führungsfiguren in Gang brachten und von der öffentlichen Meinung zu einem schicksalsschweren Ge- schehen stilisieren ließen. Kein Rülpser von Dohnanyi, kein Furz von Perschau, die nicht als möglicherweise höchst wichtige Ver- lautbarung Beachtung fanden und nach allen Seiten hin kommentiert wurden. Als Indiz für Annäherung, Scheitern oder gar Abschluß der Koalitionsverhandlungen, in denen die Herrschaften schon einmal gegenseitig auscheckten, welche Posten und Positionen für den Fall einer gemeinsamen Regierung von wem beansprucht werden dürf- ten. Daneben haben es die Beteiligten nie versäumt, ihre exklu- sive Berufung und Befähigung herauszustreichen, für Hamburg ganz viel Verantwortung zu tragen, und der Konkurrenz vorzuhalten, ihr stünden Macht und Partei näher als das Wohl der Stadt. So wurde der Wähler schnörkellos über die Gleichung von Verantwortung und parteipolitischem Machtinteresse aufgeklärt. 4. Daß die Machtverhältnisse zwischen den Parteien vorerst nicht durch eine Große Koalition geklärt wurden, lag auf jeden Fall nicht daran, daß sich SPD und CDU in der gemeinsamen Sache, die sie verwalten wollen, uneinig gewesen wären. Das Regierungspro- gramm zum Wohl Hamburgs, das viel Atomstrom, entlassene Werftar- beiter, steigende Abgaben und tägliche Polizeieinsätze zwangsläu- fig macht, war völlig unumstritten. Das haben die Führungsspitzen der Parteien auch ein ums andere Mal hervorgekehrt, während sie eifrig mit den wahltaktischen Abwägungen beschäftigt waren, in welchen für sie günstigen Konsequenzen sich ihr parteipolitisches Machtkalkül in der Wählerstimmung niederschlagen würde. Die Berechnung hat sie zum Entschluß gebracht, in Neuwahlen die für ihre Karriere und die ihrer Partei beste Möglichkeit zu sehen, und den Wähler dazu antreten zu lassen, dieser Kalkulation er- folgreich zuzustimmen. Dargestellt haben es die Herrschaften dann doch ein bißchen anders, indem sie an Länderfinanzausgleich und niedersächsischer Müllversorgung die zum Greifen nahe Koalition scheitern ließen. Demokratisch wie sie sind, boten sie dem Stimm- kreuzsouverän auch noch einen Anhaltspunkt, an dem er sich einre- den kann, die Bedienung ihrer Machtinteressen sei letztlich doch irgendwie mit der Sache gerechtfertigt, um die alle wochenlang gerungen haben. 5. Anders wüßte der Wähler möglicherweise gar nicht mehr, daß es in freien Wahlen um ganz viel Verantwortung geht, um die die demo- kratischen Parteien konkurrieren, und nicht um den Totalitarismus von Machtansprüchen, wie es sie sonst drüben geben soll. Auf den klaren Unterschied legen die Parteien großen Wert. Sie bedienen ihr Wahlvolk mit einem Wahlkampf, in dem sie sich wechselseitig in der Kunst der Wählerverarschung übertrumpfen. Daß sie die Wäh- ler als willige Erfüllungsgehilfen ihrer Ansprüche einplanen, denen ihr Wunsch, im Rathaus regieren zu wollen und möglichst so, daß dabei nicht mit lästigen Machtverteilungen gerechnet zu wer- den braucht, umgehend Befehl ist, teilen sie ihm als die Wahlaus- sage mit. An der darf der Souverän dann selbständig ermessen, bei wem er den Willen zur Macht glaubwürdiger vertreten sieht. Die schwere Entscheidung können ihm die Parteien, so gerne sie es würden, nicht abnehmen. Aber ein bißchen erleichtern schon. Mit überzeugenden Parolen, die sich alle wie ein Kommando anhören. Stimmvieh! Hingehen! Wählen! 6. Bis es am Wahlabend des 17. Mai um 18 Uhr wieder heißt: Danke! Abtreten... zurück