Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!


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       Europawahl
       

EINE REIFEPRÜFUNG FÜR DEMOKRATEN

Am Sonntag war wieder einmal der Wähler in uns allen gefragt. Zwei Leistungen waren diesmal an den Urnen verlangt: Ein Bekenntnis zu einer "Idee" Egal, was das heißen sollte: Es galt, f ü r und nicht etwa ge- gen "Europa" aktiv zu werden. In vorbildlich demokratischer Ma- nier durfte man sich über die schnöde Frage erheben, ob ein sol- ches Bekenntnis in irgendeiner Weise irgendwelche praktischen Auswirkungen für einen hat. "Europa ist wichtig! Europa ist un- sere Zukunft!" hatte man von den Politikern gehört und sich gut gemerkt. Großmütig sah man darüber hinweg, daß den nationalen Re- gierungen Europa viel zu wichtig ist - nämlich ihr Hauptprojekt in Sachen imperialistischer Konkurrenz -, um es einem daherge- wählten Parlament zu überantworten, in dem vorab schon feststeht, daß d i e A u s l ä n d e r die Mehrheit stellen werden. Dazu hatte man sich die Meinung zuzulegen, daß das EG-Parlament "leider immer noch viel zu wenig Befugnisse hat". Das konnte der Wähler aber schon einigermaßen verkraften, weil er noch nie auf Wahlzetteln Hinweise auf das vermißt hat, worum es überhaupt geht. Ihm ist bekannt, daß der Untertan sich in die praktischen Fragen der Politik nicht einzumischen hat. Dafür durfte er sich aber einbilden, mit seiner Stimme dem europäischen Parlament und der Völkerfreundschaft enorm den Rücken gestärkt zu haben. Ein Bekenntnis zu einer Partei ------------------------------ Es ging ja um "die Vergrößerung des Gewichts des Europaparlaments gegenüber der Neigung der Mitgliedsstaaten zum nationalen Egois- mus" (Süddeutsche Zeitung) - aber zur Wahl standen schon wieder nur die guten alten Parteien, die bei nationalen Wahlen die er- folgreiche Verwaltung des "nationalen Egoismus" versprechen. Und "Idee" hin, "Zukunft" her, die wollen vom Wähler immer nur das Eine: daß er sie und nicht die anderen zum Herrschen bestellt. So mußte man möglichst zahlreich erscheinen, um den Parteien bei der schwierigen Frage weiterzuhelfen, mit welchen Kandidaten sie in den für die Politiker wirklich wichtigen Wahlen am besten fahren. Andererseits fühlte sich der geübte Wähler auch hierdurch nicht unbedingt überfordert. Er ist schon länger mit Wahl"argumenten" der Sorte vertraut, daß er deswegen links wählen muß, weil sonst die Rechten drankommen, und umgekehrt. Es machte sich dabei nicht schlecht zu bedauern, daß "die Europawahl zum Abladeplatz degra- diert wird" und daß die Parteien über die Wahlkampfkostenerstat- tung auch noch ihre Kassen füllen (anstatt arm und anständig zu bleiben). Am Ende findet man ja doch die Frage spannend, ob der Kohl sich noch halten kann, die F.D.P. den Genscher-Bonus ausnut- zen konnte und wie die Rechtsradikalen abgeschnitten haben. Denn: Für ein großes europäisches Deutschland gibt es auch falsche Stimmen! Es ist ungerecht, aber damit muß man leben: Die Franzosen und Italiener dürfen ihre Neofaschisten in Straßburg sitzen haben - aber sobald die Republikaner "den Sprung schaffen", soll man sich als Bundesdeutscher zu Tode schämen. Dabei wollen die auch nur das Beste für unser Land. Oder ist denn irgendeine der anderen Parteien etwa f ü r den "Ausverkauf deutscher Interessen an Brüssel"? Hört man etwa sonst immer nur "Erst Europa - dann Deutschland"? Soll "Made in Germany" nun nicht mehr die Nummer Eins sein? Dennoch darf der Wähler ja nicht verpassen, daß es da welche gibt, die mit ihrer ü b e r t r i e b e n e n Deutschtü- melei "unserem Ansehen" in Europa schaden. Und das können "wir alle" nicht wollen - schon wegen D e u t s c h l a n d. Aber trotzdem unbedingt wählen - egal was! "Europa braucht jede Stimme" erklärten die Politiker gemeinsam. Jetzt hat es doch nicht alle bekommen. Und: W e m fehlt jetzt w a s? zurück