Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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Die großdeutsche Staatsgewalt läßt wählen
WIR SIND IHR VOLK!
und dürfen JA sagen
- zu den Einheitsparteien des realen Kapitalismus
- zum Dienst am weltweiten Verdienst der deutschen Wirtschaft
- zu einer Bundeswehr mit weltweitem Kampfauftrag
Eben zu allen Vorhaben der Nation, die nicht zur Wahl stehen!
Für den 2. Dezember sind Wahlen angesagt. Die langersehnten er-
sten freien demokratischen gesamtdeutschen Wahlen mit lauter
freien Bürgern. Und alle Welt, Wähler wie Gewählte, tut so, als
stünde eine stinknormale Prozedur an, in der das Stimmvolk eben
aus einem überreichlichen Angebot nach seinem Geschmack kreuz-
weise das Herrschaftspersonal auswählt, aus dem dann die Regie-
rung kommt. Eine Pflichtübung, die diesmal auch noch besonders
unspannend ist, weil das Ergebnis schon vorher feststeht.
Das wird schon alles so sein. - Dabei ist es keinem Provinzjour-
nalisten und keinem Stammtischpolitiker entgangen, daß derzeit im
Anschluß an den Anschluß der DDR in unserem vergrößerten Vater-
land einige Weichen der Politik ziemlich fundamental umgestellt
werden. Lauter folgenreiche Entscheidungen sind da im Gange, die
freilich allesamt nicht zur Abstimmung stehen. Sie sind den Ma-
chern der Nation nach gutem demokratischem Brauch zu wichtig, um
sie vom Votum ihres Fußvolks abhängig zu machen. Als Führer, die
ja schließlich gewählt sind, halten sie es für reichlich über-
flüssig, das inkompetente Volk mit der vollen Wahrheit über die
anvisierten Projekte der Staatsmacht zu belästigen. Wer ein mün-
diger Bürger ist, wird schon rechtzeitig und am eigenen Leib er-
fahren, wofür er verplant ist. Andererseits: Verheimlicht werden
die neuen Perspektiven der großdeutschen politischen Vereinigung
von ihren Rädelsführern niemandem. Eingepackt in diplomatisch-
verlogene Parolen, aber durchaus bis zur Kenntlichkeit des Ge-
meinten mit Anschauungsmaterial versehen, werden sie dem Volk
frei Haus serviert. Damit es sich neben der gewohnten Arbeit und
sonstigen Pflichten schon mal gewöhnt an die "neuen globalen Her-
ausforderungen", vor denen sich die Nation künftig mit seiner
Hilfe bewähren will.
Für solch eine Einstimmung bietet der fällige Wahlkampf eine
willkommene Gelegenheit.
"Mehr Verantwortung" = mehr Kriegsbereitschaft!
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Ununterbrochen tönt es auf allen Kanälen, damit es auch jeder
mitkriegt: "Wir Deutsche" haben jetzt mehr "weltpolitische Ver-
antwortung"! Die tragen "wir" jetzt also. Und was tragen wir da?
Die deutschen Politiker beanspruchen ab sofort größere Zuständig-
keit für den Lauf der Welt. - War ihre kleinere BRDeutschland
denn nicht bisher schon überall auf dieser Erde kräftig vertre-
ten? Mit ihren Ware und Kapital exportierenden Geschäftsleuten
auf jedem Markt, der ein Mehr an klingender Münze versprach. Mit
ihrem Genscher und wechselnden Ministern in jeder Hauptstadt, wo-
bei sie stets auf offene Ohren stießen, wenn sie vorbeischauten
und klarstellten, unter welchen Bedingungen "wir" den diversen
Herrschaften schon mit der starken Deutschen Mark oder den be-
währten Polizeiausbildern nachhelfen würden. Was hat denn eigent-
lich noch gefehlt? Ja, da ist schon einiges passiert in Sachen
geschäftlicher Ausnutzung und politischer Einmischung. Aber all
das zählt plötzlich nicht mehr so recht, im Verhältnis zu den
Aufgaben, die auf das vergrößerte Deutschland warten. So verkün-
den es diejenigen, die aus zwei Staaten einen mit "mehr Gewicht"
gemacht haben. Was sind das für neuartige Aufgaben, die auf Kohl,
Genscher und Co warten? Wenn es auch an ehrlicher Auskunft fehlt,
die Botschaft kommt schon rüber:
Zum Beispiel "verrückte" Staatsmänner in aller Welt bändigen. Die
deutschen Machthaber bewerben sich um die Position von Irrenwär-
tern, die "größenwahnsinnige" Kollegen unschädlich machen. Merk-
würdig. Durch wen oder was sind derartige Geschöpfe denn groß ge-
worden? Bekanntlich nicht zuletzt durch deutsche Waffen, deutsche
Chemie und sonstige deutsche Händel, dank derer "wir" es zum Ex-
portweltmeister gebracht haben. Ohne Exporteure kriegstauglichen
Geräts auch keine Importeure, die es bei Bedarf auf eigene
"Verantwortung" und nationale Rechnung verwenden. Das ist logisch
in der Welt der Staaten. Und was soll jetzt daraus folgen? Viel-
leicht mehr Zurückhaltung im Handel mit hochkarätigen Ge-
schäftsartikeln, die zugleich Machtmittel fremder Souveränität
sind? Ein Staatsfeind, wer solches fordert. Was würde da aus
deutschen Handelsbilanzen, und der ganze ausländische Respekt vor
unserem Genscher wäre mit einem Schlag dahin. Die gültige Schluß-
folgerung läuft genau andersherum:
"Wir Deutsche waren Weltmeister im Verdienen", und damit "wir"
das garantiert bleiben, dürfen "wir" auch "bei heraufziehenden
Gewittern nicht beiseite stehen." (Kohl) Wo Handel getrieben
wird, da muß also auch die Bundeswehr Gewehr bei Fuß stehen, um
die Macht der mächtig gemachten Kreaturen zu brechen, sofern
diese auf 'die Falschen' losgehen. Die deutsche Staats-Gewalt muß
so weit reichen wie die Geschäfte, die von ihrer Heimat ausgehen.
Vielleicht sind die "wirtschaftlichen Beziehungen" doch nicht von
der friedlichen Natur, die ihnen in 40 Jahren BRD so stolz be-
scheinigt wurde. Klar, sie stiften schon eine Menge einträglicher
Freundschaften und politischer Abhängigkeiten, aber für eine run-
dum gelungene Erpressung der fernen '3. Welt'-Staaten zu
folgsamem Regieren leisten Handel, Kredit und Diplomatie einfach
zu wenig. Da muß schon mit Bomben und Soldaten nachgeholfen wer-
den.
"Mehr Verantwortung" für Deutschland will also sagen, daß von nun
an ernst gemacht wird mit der Gleichung, daß der staatliche Auf-
trag zur Benutzung der Welt für den Profit des Kapitals ohne In-
terventionen überlegener Militärgewalt nicht zu beherzigen ist.
Das Programm ist: Weltherrschaft.
"Kein Hilfssheriff" mehr = eine Kampfansage an die USA!
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Eine solche gibt es schon. Und die USA wollen sie auch behalten.
Das haben sie gerade jetzt nachhaltig demonstriert mit ihrem
Kriegsaufmarsch am Golf und der Art, mit der sie alle Welt auf
ihre Linie gegen Saddam kommandierten. Doch aus der Zentrale des
neuen Deutschland werden neue Töne laut. "Wir sind nicht die
Hilfssheriffs der Amerikaner", heißt es. Und deswegen lassen
"wir" uns durch unser altes Grundgesetz noch einmal einen Bundes-
wehreinsatz jenseits unserer Grenzen verbieten. Komisch. War die
deutsche Rolle eines loyalen Verbündeten der westlichen Führungs-
macht nicht immer der Beweis, daß die Rechtsnachfolger Adolf Hit-
lers "ihre Lektion gelernt haben" (Kohl)? Und war es nicht gera-
dezu das pazifistische Gütesiegel der unschuldigen BRD, daß sie
der US-Army großzügig das Monopol auf Erledigung der
"Drecksarbeit" überlassen hat? Das ist vorbei und zu vergessen.
Jetzt, wo wir die Amis nicht mehr brauchen zum "Schutz" vor dem
bösen Feind aus dem Osten, hat die "westliche Wertegemeinschaft"
offenbar ihren Wert für die Bonner Machthaber verloren. Und die
alte "Arbeitsteilung" gilt nurmehr als ungebührliche Herabsetzung
deutscher Souveränität. Das ist eine Kampfansage an die Rolle als
zweite Geige im NATO-Bündnis und damit an die amerikanisch kon-
trollierte Weltordnung insgesamt. Die Parole heißt, daß Groß-
deutschland sich als Hilfssheriff zu schade ist, weil es sich zum
Sheriff berufen fühlt.
Wer fühlt sich eigentlich täglich aufs Neue bemüßigt zu dementie-
ren, daß es ihm um "mehr Macht" geht. Eben. Derjenige, der genau
das beansprucht und dabei weiß: das schafft "Ängste" bei der Kon-
kurrenz.
Ein "europäisches Deutschland" = ein Superimperialismus!
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Dazu paßt, daß unsere freie Öffentlichkeit von "Bild" bis
"Spiegel" pausenlos das Publikum mit der Formel aus dem Kanzler-
amt berieselt, daß wirklich niemand Angst haben muß vor einem
neuen deutschen Nationalismus, weil Deutschland auf Europa setzt.
Das soll beruhigend wirken. Was aber will der Genscher damit sa-
gen, daß dieses "gemeinsame Europa" 350 Millionen Bürger zählt?
Wird ein öffentlicher Unterricht im Rechnen erteilt? Und was ler-
nen wir daraus? Daß "wir" als Europäer mehr sind!? Die Chinesen
haben drei mal so viele Menschen. Wie uninteressant. Interessant
ist, daß Europa mehr Leute zusammenbringt als die Amerikaner. Das
Gemeinte ist nicht zu überhören. Mit Europa ist die Änderung des
bisherigen Kräfteverhältnisses zwischen den Nationen der kapita-
listischen Welt angesagt. Im Bunde mit den anderen EG-Nationali-
sten haben "wir Deutsche" das Zeug - Menschenmaterial und Wirt-
schaftspotential -, den USA zu zeigen, wem künftig die Weltmacht
Nr. 1 gebührt. Die Zahl von 350 Millionen steht für das Recht der
deutsch-europäischen Staatsgewalt, die Aufteilung der Welt zu re-
vidieren. War die Europäische Gemeinschaft vielleicht von Anfang
an etwas anderes als jenes harmlose Idyll grenzenlosen Austauschs
zwischen Völkern und Käsesorten? Wie man sieht.
Mit Europa nimmt der deutsche Nationalchef Maß an der Vorherr-
schaft Amerikas. "Unsere europäischen Nachbarn" kommen dabei auch
vor. Zwar stellt ein großdeutscher Kanzler "bloß" ein Viertel des
Eurovolks, aber damit immerhin so viel, daß er aus seinem
80 Millionen-Mann-Einsatz jetzt erst recht seine Richtlinienkom-
petenz über die "Partner" ableitet. Die dürfen sich freuen, daß
sie nicht schon wieder unterjocht, sondern respektiert werden.
Als Mitmacher, die sich danach richten, was ihnen ihr stärkstes
Glied zu ihrem Wohle befiehlt. Und die resteuropäischen drei
Viertel Bevölkerung mit fremdem Paß sind als Manövriermasse deut-
scher Politik gegen Washington und Japan längst verbucht.
"Hilfe für Osteuropa" =
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Beförderung Osteuropas zum deutschen Hinterland!
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Wofür stehen all die Unschuldsbeteuerungen und Beschwichtigungs-
formeln des übers Jahr vereinigten Deutschland? Noch unklar?
Blicken wir Richtung Osten. Daß der sozialistische Ostblock zer-
brochen ist, durften wir schon feiern. Als Beweis für Güte und
Erfolg unseres menschlichen Kapitalismus. Jetzt sorgt die einge-
führte Marktwirtschaft dort für den Verfall des Rests an funktio-
nierender Wirtschaft, für die Verelendung der Massen und den öko-
nomischen Ruin der befreiten Staaten. Und die deutschen Volksver-
treter erklären ihrem Volk, daß das ein Grund zur Freude, weil
ein weiterer Fall für "unsere Verantwortung" ist. Der Zerfall
Osteuropas erhält seine Zukunftsperspektive in unserem vorbildli-
chen EG-Westen, denn der wächst gerade zusammen. Die Polen und
die Ungarn, die Tschechoslowaken und die Jugoslawen: alle wollen
unser Geld, damit wir ihnen helfen. Sonst verpassen sie den An-
schluß an unsere europäische Zivilisation, die doch auch die ihre
ist. Die Heuchelei ist zu dick aufgetragen, als daß irgendwem
verborgen bleiben könnte, was die Hilfsversprechen sagen. Die Ge-
legenheit ist günstig, der Zerfall macht empfänglich. Wer zahlt,
schafft an. Spendiert wird nichts, die DM will verdient sein. Wie
geht das? Indem man der DM dient!
So vergibt die Nation einen weiteren Großauftrag an sich. Land
und Leute im Osten Europas bekommen eine neue Schutzmacht. Sie
sind fest eingeplant - für die Verwandlung in einen großen Hin-
terhof deutscher Wirtschaftsmacht. Auch der will dann natürlich
kontrolliert sein, damit niemand jemals wieder deutsche Interes-
sen bedroht. Wie das geht, ist von den USA zu lernen. Groß-
deutschland denkt längst vorwärts, was ein Kleindänemark und
"Militärexperten" offen sagen: Gebraucht wird eine eigene EG-Ord-
nungsstreitmacht mit mobilen Eingreiftruppen. Klar? Einige Um-
und Aufrüstung muß uns der neue Frieden schon wert sein, der von
deutschem Boden ausgehen soll.
"Deutsch-sowjetische Freundschaft" =
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in Rußland gibt es viel zu holen!
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Die deutschen Ambitionen machen an der Grenze zur Sowjetunion
nicht halt. Im Gegenteil. Jedes Kind weiß es inzwischen: Die re-
formierten Sowjets setzen auf nichts so sehr wie auf "DM-Hilfe".
Sie verhökern ihre Weltmacht gegen Devisen wie die Zonen-Landser
der Roten Armee ihre Kalaschnikoff gegen DM. Die Presse verkün-
det: "Panzer gegen Spaghetti". Das können wir gut leiden, wenn
die Russen so blöd sind, Nahrungsmittel für wichtiger zu halten
als militärische Macht. Dafür bekommt Gorbatschow einen
Freundschaftsvertrag geschenkt. Klar, aufpassen müssen wir immer
noch, weil man ja nie weiß, was aus dem Chaos wird, das Gorbis
Perestroika anrichtet. Aber immerhin beweisen die Russen ihre
Einsichtigkeit, indem sie aufs "europäische Deutschland" (Kohl)
bauen wollen und neidisch sind auf sein System. Ein Feind in dem
Sinn sind die Russen nicht mehr.
Was sind sie dann?
Sie haben außer einer Masse brauchbarer Menschen ein großes Atom-
waffenarsenal und eine Menge Bodenschätze in Sibirien, die auf
geschäftsdienliche Verwertung warten. Zugegeben -, daß der auf
deutschen Nachhilfeunterricht so scharfe Gorbatschow dem Bundes-
kanzler demnächst einen Zweitschlüssel für seine Raketensilos
aushändigen wird, ist nicht zu erwarten. Aber rechtzeitig und
möglichst exklusiv von deutschem Boden aus die Weichen zu stellen
durch das politische Stiften von Abhängigkeiten auf jeder Ebene,
um für die Zukunft alles Mögliche möglich zu machen, das hält
Großdeutschland schon wieder für ein würdiges und lohnendes Pro-
jekt. Daß der ehemalige Hauptfeind dank der Ruinierung des real-
sozialistischen Systems und der friedlichen Kapitulation vor den
deutschen Ansprüchen ein interessanter Geselle geworden ist, soll
inzwischen jeder gute Deutsche wissen. Egal, ob er Kapital zum
Investieren in Rußland hat und auf Russisch dolmetschen kann,
oder nicht.
"Solidarität" mit den Zonis =
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eine deutsche Weltmacht fordert ihre Opfer!
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Daß sind die Ziele der neuen Nation. Sie eröffnen lauter neue
Fronten. Wirtschaftliche, politische und militärische. Dafür ha-
ben die Machthaber der BRD sich die DDR genommen. Dafür richten
sie jetzt Land und Leute drüben her. Der Kampf um die Neuauftei-
lung der Welt setzt neue Maßstäbe im Inneren:
Deutschland braucht viel mehr Macht als bisher. Um zu wachsen,
braucht die Macht Reichtum, auch viel mehr als bisher -
100 Milliarden dafür gemachte Schulden dürfen der Kaufkraft der
DM nicht schaden, sondern müssen das Fundament von ihr stärken.
Und was braucht es für die Anhäufung zusätzlichen Reichtums bei
denen, die über ihn verfügen? Willige und billige Arbeiter, noch
willigere und billigere als bisher.
Dementsprechend lassen die Politiker keinen Zweifel aufkommen: 1.
daß die eingemeindeten Zonis die Opfer der "Vereinigung" sind,
und daß das in Ordnung geht, weil es sein muß. Und 2., daß die
anderen, die Normalmenschen/West, Opfer zu bringen haben, weil
das ebenfalls sein muß.
Den Dienst an der Mehrung der Schlagkraft Deutschland, den die
Regierenden jetzt von ihrer menschlichen Manövriermasse einfor-
dern, nennen sie "Solidarität" und die "Pflicht zum Teilen". Da-
mit jedermann weiß, daß kein Einwand erlaubt ist, wenn ihm die
Kosten serviert werden, die Deutschland fordert.
***
In diesem Sinne darf am 2.12. gewählt werden. Die Gewählten
freuen sich schon.
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