Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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Noch 2 MAZen bis zur Einheitswahl:
WÄHLEN IST VERKEHRT!
Die Gründe sind ja wirklich kein Geheimnis.
Erstens, weil das Parlament ein Herrschaftsinstrument ist und
sonst gar nichts. Dort werden vor und nach jeder Wahl "die Ge-
schicke der Nation", wie das so vornehm heißt, unbehelligt vom
Volk und schon gleich von irgendeinem "Druck von der Straße" ent-
schieden. Aufs Volk wird sich berufen bei dem, was feststeht,
aber es wird doch nicht gefragt. Es erfährt rechtzeitig, was das
Parlament in seinem Namen beschlossen hat und was - "gewählt!" -
deswegen auch in Ordnung zu gehen hat. So einfach ist das. Die
Ostler haben ja gerade ihre erste Lehrstunde in Sachen Demokratie
hinter sich. Erst wird von Kohl und Lafontaine Deutschland ge-
macht, dann haben brave Deutsche die Alternative: Kohl oder La-
fontaine.
Zweitens, weil beim Wählen ein einziger Personenkult veranstaltet
wird. Wo garantiert nichts mehr von den einzelnen Figuren ab-
hängt, da präsentieren Kohl und Lafontaine, und wer sonst noch
gewählt werden will, sich und ihren Regierungsanspruch, als wenn
ohne sie Deutschland verloren wäre. Mit ihrer sympathischen und
zupackenden Führungspersönlichkeit aber ist der Wähler auf jeden
Fall unbesehen gut bedient. Warum sollten Politiker auch das Ar-
gumentieren anfangen, wenn es um das, was sie machen, sowieso
nicht geht, sondern darum, wer es am Ende macht. Da zählen eben
vor allem anderen sie und ihr politischer Erfolg. Auch das haben
Ex-DDRler ja schon gelernt: Jubelfeiern, "Ich für Deutschland -
Deutschland für mich", das überzeugt, wenn man nach der Politik
nicht mehr fragt, für die das steht.
Drittens, weil Wähler entsprechend trostlose Figuren sind. Sie
honorieren die muntere Konkurrenz, wer sie regieren soll, mit ih-
rer Stimme für den einen oder anderen und fragen nicht nach den
Folgen für ihre Lebens-, sondern nach den Mehrheitsverhältnissen.
Arbeitslose und Angestellte, Frauen und Studenten, Sozialfälle
und Besserverdienende - als Wähler sind sie alle gleich duldsame
Menschen, die sich mit ihrem Wahlkreuz nicht ein-, sondern ausmi-
schen. Erst bestätigen sie diejenigen im Amt, die ihnen ihre Um-
stände bescheren, über die sie sich sonst immer beklagen. Dann
denken sie sich ihren Teil dazu.
Von den Wahlen hängt also nichts ab. Im Grunde wissen das alle
haargenau. Niemand erwartet sich etwas, sogar den Wahlausgang
kennt jeder jetzt schon. Jeder rümpft die Nase - und legt sich
lauter Gründe zurecht, mit denen er doch zum Wählen geht. Und
wenn nicht, macht es auch nichts. Das Ergebnis ist dasselbe.
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