Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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18 Tage nach der Freiheitswahl
WAS HABEN DIE DDRLER DA EIGENTLICH GEWÄHLT?
Die gesamtdeutsche Öffentlichkeit hat die Prozente zum Sprechen
gebracht und erklärt, was die Kreuze sagen wollten:
"Kohl wählen heißt, das Geld wählen, die Hoffnung auf schnellst-
möglichen Wohlstand" (Süddeutsche Zeitung, 26.3.).
Wohlstand?
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Unter der SED hat doch jeder solche Versprechen gleich als Betrug
durchschaut. Und jetzt soll man Wohlstand plötzlich wählen kön-
nen? Seit wann kommt man denn da per Wahlkreuz dran? Das klappt
ja nicht mal mit sieben Kreuzen beim Lotto. Aber da hat die Hoff-
nung wenigstens eine klitzekleine Chance.
Klar, irgendwie an seinen Wohlstand denkt jeder. Aber ein Wähler
macht etwas ganz anderes als dafür zu sorgen, daß er ein Aus-
kommen hat: Er setzt schlicht eine neue Regierung ein. Kaum ist
die Entmachtung der alten SED-Herrschaft perfekt, haben die DDR-
Bürger ihre Freiheit gleich wieder dazu benützt, eine Führung zu
ermächtigen, die dem Volk Lebensbedingungen und Umstände dik-
tiert, nach denen sich alle zu richten haben. Diesen Freibrief
stellt ein Wähler der Herrschaft aus. Und dafür, daß die Le-
benspläne der Leute in Erfüllung gehen, daß womöglich jeder Wohl-
stand kriegt, dafür ist die Herrschaft nicht zuständig, die neue
demokratische schon gleich gar nicht.
Die DM?
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Haben die DDRler wenigstens das echte deutsche Geld gewählt - ein
Geld, das ihnen den Zugang zum Wohlstand eröffnet? Das kommt der
Sache schon näher, ist aber auch nicht die Wahrheit. Auch DM
stand nämlich nicht auf dem Wahlzettel. Das wäre ja auch noch
schöner, wenn die Bundesbank darüber abstimmen ließe - noch dazu
von Habenichtsen -, was mit ihrem guten Geld passiert. Geld wäh-
len, das können höchstens Bankiers und Spekulanten. Die verglei-
chen wirklich verschiedene Währungen und machen Geschäfte mit dem
Kauf und Verkauf von Devisen. Und das geht, weil sie kein Geld
brauchen, sondern längst welches haben und sich nur noch um seine
Vermehrung kümmern. Das können DDR-Wähler - genausowenig wie nor-
male BRD-Bürger - wirklich nicht von sich behaupten. Versprochen
war, daß die DM kommt. Daß sie Geld auf die Hand kriegen, war
nicht versprochen. Versprochen war die Einführung von Verhältnis-
sen wie in der BRD, wo sich alles nach dem Geld richtet. Der Gel-
tungsbereich der DM wird ausgedehnt, und das hat mit einer Ver-
sorgung der Leute mit DM nichts zu tun. Dafür ist echtes Geld
viel zu schade. Das muß man sich verdienen. Damit geht es jetzt
los.
Kohl?
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Haben die DDRler den gewählt? Irgendwie schon. Aber doch nicht
ganz. Denn erstens ist die DDR immer noch irgendwie so halbwegs
ein eigener Staat. Sie soll ja erst der BRD angegliedert werden.
Dafür braucht's schon noch eigene Machthaber, damit die DDR dem
echten Kohl geordnet übergeben werden kann. Und zweitens regiert
dieser Mann eine Großmacht. Der würde sich doch nie in ein Amt
wählen lassen, das nur dazu da ist, die Macht möglichst schnell
in andere Hände zu geben. Für diesen Job braucht es Aufsteigerty-
pen ganz anderer Art: Pfarrer und Rechtsanwälte, die klein mit
einer Großen Koalition anfangen, um zu richtigen demokratischen
Politikern des neuen Großdeutschland heranzuwachsen. Und
Das haben die DDRler wirklich gewählt:
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Neue Herren, die die Vergrößerung Deutschlands mit über die Bühne
bringen möchten und die darum konkurrieren, wer am meisten Gehör
in Bonn findet. Dafür haben die DDR-Bürger ihr Kreuz gemalt. Da-
von stand zwar auch nichts auf dem Wahlzettel; und schon gar
nichts davon, wie dieses Programm durchgezogen wird und was es
alles heißt. Aber, daß der Anschluß das felsenfeste Programm der
zu Wählenden war, das stand fest. Aber das sollten die Wähler ja
sowieso den Gewählten überlassen. Das haben die Wähler getan und
Das kriegen sie jetzt:
- Erstens neue Herrn, die
- zweitens die Entscheidungen der Herren in Bonn durchsetzen, da-
mit
- drittens nicht mehr der "sozialistische Plan" die DDR be-
herrscht, sondern die DM, also alle, die genügend DM haben, so
daß
- viertens auch in der DDR der Wohlstand wächst. Nämlich der der
bundesdeutschen Firmenwelt.
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