Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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Am Wahlsonntag:
JEDER BREMER - EIN WAHLHELFER FÜR DIE KONKURRENZ DER MACHTHABER
Keiner hat sie bestellt, und doch finden sie statt: die Wahlen.
Kaum jemand wüßte zu sagen, was er sich von ihnen verspricht, und
doch gehen die meisten hin und malen ihr Kreuz. Angeordnet worden
sind die Wahlen von oben, und großartige Versprechungen muß sich
der Mensch nicht machen oder machen lassen. Um seine Interessen
geht es im Wahlakt ohnehin nicht. Er übt mit dem Gewicht seiner
Stimme eben sein Fünfhunderttausendstel an politischem Einfluß
aus, der ihm von oben angetragen wird. Welche Figuren der konkur-
rierenden Parteien die Regierung stellen, die dem Wähler sagt,
was er zu tun und zu lassen hat, darüber und nur darüber sollen
nach dem Willen des Stadtstaates die freien, gleichen und gehei-
men Studienräte und Hilfsarbeiter an der Wahlurne entscheiden.
In dieser Eigenschaft, als Wahlhelfer bei ihrer Konkurrenz um
Macht und Posten, kalkulieren die Parteien die braven Besitzer
einer Stimme, und zwar laut und öffentlich. Die SPD will die ab-
solute Mehrheit; die CDU will genau das verhindern und selber an
den Drücker; die FDP muß unbedingt ins Parlament, weil sonst eine
Partei fehlen würde; die GRÜNEN wollen rein, damit die Schwarzen
in der Republik nicht zu stark sind. Ganz unverhüllte Berechnun-
gen, die den Kreuzchenmaler als Mittel des Parteierfolges heran-
ziehen. Dergleichen gilt nicht als schamlose Ausnutzung von Leu-
ten, die von den verschiedenen Parteien am Ruder gar nichts haben
- außer dem Ärger, den diese ihnen als Regierung einbrocken. Um-
gekehrt, die Berechnung der Parteien. Mit Eurer Stimme wollen wir
an die Macht!' ist schon das ganze Argument für den Wähler, seine
Stimme locker zu machen.
Leider haben sich die Parteien in ihrem Wahlvölkchen nicht ver-
rechnet. Jedem guten B r e m e r leuchtet offenbar ein, daß
B r e m e n eine erstklassige Führung braucht, damit es mit
B r e m e n weiter (SPD) oder wieder (CDU) aufwärts geht. Der
Stolz der Leute auf ihren hanseatischen Heimatstall kommt dabei
ganz ohne jede Prüfung aus, worin der Erfolg des kleinsten Bun-
deslandes eigentlich besteht und was sie davon haben oder auch
nicht. So, mit dieser Dummheit des Lokalpatriotismus, treffen
sich an der Wahlurne jede Menge Leute, die s i c h von der Wahl
gar nichts versprechen und es gleichzeitig für wichtig halten,
daß die H e i m a t politische Anschaffer und Aufpasser der al-
lerersten Güte bekommt.
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