Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
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Spitzenduell in ARD und ZDF
VIERMAL WERBUNG FÜR DIE MACHT
Das deutsche Fernsehen ist eine Bildungsanstalt. Jeder, der sich
am Donnerstag vor der Wahl das Duell "Mann gegen Mann" zu Gemüte
führte, konnte das feststellen, entweder seine Einbildungen be-
stätigt finden oder in seinem Ärger über das Gebotene wirklich
merken, worum es ging.
Information für Bürger
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kaum: sah man die vier, wie sie gewichtig auf ihren Stühlen saßen
und ernst aus der Röhre blickten - sie überlegten gerade, wie sie
es am besten anstellen sollten, die Ratschläge ihrer Wahlwerbema-
nager zu befolgen, gut auszusehen und die anderen schlecht ausse-
hen zu lassen -, da zeigten die beiden ausgewogenen Moderatoren
(von ARD und ZDF), daß sie sehr um eine gute Sendung für den Bür-
ger bemüht waren. Kein Mensch hatte d e s h a l b den Fernseher
eingeschaltet, sie aber sprachen von "Information für den Bürger"
und baten die Politiker, die beifällig nickten, dem Wähler mit
"Argumenten" wirkliche "Entscheidungshilfe" zu geben. Da aber
diese objektiven Berichterstatter nicht nur viel davon halten,
wenn es so aussieht, als würde "sachlich" argumentiert, sondern
auch wissen, was sich Konkurrenten im Wahlkampf sagen, informier-
ten sie gleich über die arschkriecherische Seite ihres hohen
journalistischen Anspruchs. Wahlkämpfe sind eben Wahlkämpfe,
meinten sie etwa in dem Sinne, wie ein Kollege von der Presse
anderntags schrieb:
"Wahlkämpfe finden nicht im Mädchenpensionat statt." (Frankfurter
Rundschau),
sondern in diesem Fall im Fernsehen, vor 30 Millionen Zuschauern,
die schon an dieser Stelle hätten merken müssen, was das Anliegen
von Journalisten, Moderatoren und sonstigen Kommentatoren ist:
Die Politiker sollen sich, egal was sie gegen das Volk beschlie-
ßen und wie sie sich dabei aufführen, so aufführen, daß der Bür-
ger weiter seine gute Meinung von ihnen behält, ihnen zumindest
weiter Respekt zollt.
Politsche Sachargumente
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Diesen Respekt verdienten sich dann vier Stunden lang die vier
Politiker, und zwar nach einem genau aufgeteilten timing, weil
Sachargumente nur dann eine reelle Chance haben, wenn sie von al-
len gleich lange geäußert werden. Nach der grandiosen und journa-
listisch gekonnten Einleitungsfrage, ob den Politikern in ihrem
harten Wahlkampfgeschäft auch m e n s c h l i c h e Erfüllung
zuteil geworden wäre - die überraschende Antwort: Jawohl, sehr!
Der eine war von Veranstaltungen mit über 15.000 bereitwilligen
Zuhörern sehr berührt; der andere von einem einzelnen, der noch
eine Frage hatte; der dritte überhaupt von dem Vertrauen, das ihm
überall entgegenschlug; der vierte von einem Humor, der ihm ein-
mal im Wahlkampf begegnete - nach dieser Demonstration der
Menschlichkeit auch der Machthaber ging es endlich ran an die Ge-
wehre, um dem Gegner Zacken aus der Krone zu schießen und selbst
Treffer zu landen. Hier war für den aufmerksamen Zuschauer die
Methode zu bemerken:
1. Es gilt, mit Lügen und Beleidigungen den anderen als schlech-
ten Menschen hinzustellen, der so ein "Sicherheitsrisiko" für die
Regierung ist.
2. Der Angegriffene hat mit denselben Mitteln zurückzuschlagen,
natürlich so, daß man ihm selbst mehr Glauben schenkt (Dafür
hatte jeder eine dicke Zitatensammlung mitgebracht).
3. Somit ergibt sich ganz von selbst die Möglichkeit, mit dem
Vorwurf des unlauteren und unsauberen Wahlkampfs Punkte zu ma-
chen, indem man sich selbst als den ehrlichen Politiker hin-
stellt, der sagt, was er denkt - natürlich auch mal irren kann,
um dem anderen, der das nicht sagt, Überheblichkeit unterzuju-
beln.
4. Wer von dort aus mit der Ausrede "Auf diese schmutzige, nie-
dere Ebene lasse ich mich nicht ein." sachlich zu sein vorgibt,
tut das mit Zahlen, Vergleichen, Beispielen aus dem Leben (als
wenn die im Staat gelten würden), also mit "Sachargumenten", die-
ser Wortschöpfung, die durch ihre Zusammensetzung schon zeigt,
daß es um richtige Urteile nicht geht. Das Argument soll ja erst
eines sein, wenn es sachlich klingt (Überhaupt sollte sich jeder
merken, daß das so sein muß, weil es für die Macht nun einmal
kein Argument gibt).
5. Eine letzte Chance besteht darin, sich aus dem Hick-Hack der
Großen herauszuhalten, so zu tun, als führe man einsam und al-
lein, klein aber fein seinen eigenständigen Wahlkampf (mit der
Zweitstimme). Und schon berichten die Medien über den kleinen Li-
beralen:
"Genscher bot ansonsten eine gutdosierte Mischung aus Gelassen-
heit und sachlich-hartem Angriff." (Frankfurter Rundschau)
Zumutungen zum Wählen
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An die Feinheiten soll sich jeder selbst erinnern. So viel steht
jedenfalls fest. Es mag einige geben, die diese Tricks des Wahl-
kampfs meinen durchschaut zu haben; ja sogar eine ganze Menge,
die Entrüstung gezeigt haben über das "Spektakel", ähnlich, wie
es in den Zeitungen beurteilt wurde:
"Am Donnerstagabend kam es im Fernsehen noch einmal zu einer
mitunter blindwütigen Destruktion, zur unkontrollierten oder
(schlimmer) kalkulierten gegenseitigen Heruntermacherei. Zumal
Kohl, Schmidt und Strauß haben sich am Ende ins Gesicht geschleu-
dert, was sie vorher auf den Plätzen des Landes geschrien haben,
die Worte von Größenwahn, vom Kriegstreiber oder Friedensschwät-
zer, Streitverursacher, Sicherheitsrisiko, Unsicherheitsminister,
Sittenverderber, Affärenmann; die Unterstellung von Verrat und
Missetat, Dummheit oder Gemeinheit." (Süddeutsche Zeitung)
Aber daß das alles "unglaubliche Zumutungen an die Intelligenz
und das Stilgefühl der deutschen Wähler" (Süddeutsche Zeitung)
gewesen sein sollen, stimmt doch nur zur Hälfte. Ungeheuere Zumu-
tungen waren es schon, die sich die vier verantwortlichen Politi-
ker in nur vier Stunden geleistet hatten. Aber haben sie denn die
Intelligenz und das Stilgefühl der Wähler beleidigt? Keineswegs,
diese gingen drei Tage später wählen. Obwohl sie ohne die Intel-
ligenz der Politiker sofort hätten merken können, welche Beson-
derheit Politiker aufweisen:
Politiker können sich aufführen, wie es sich kein normaler Bürger
leisten kann! Das macht die Macht, die sie haben und die sie über
das gemeine Volk erhebt. Für diese Menschen erster Klasse ist
ihre Statur von der Visage bis zum Gang ein Beweis ihrer Vertrau-
enswürdigkeit, und ihre säuische Tour dient ihnen dazu, um Glaub-
würdigkeit zu werben.
Wählerbildung
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Nein, Abscheu gegenüber diesen hohen Menschen hat niemand empfun-
den, höchstens mal die Nase gerümpft über den einen oder den an-
deren: Sich von Schmidt "würdevolleres" Benehmen erwartet statt
der "schräg im Mundwinkel hängenden Zigarette" oder gerade diese
lässig herablassende Art souverän gefunden - der SPD-Wähler. Den
Strauß zu "zahm", das Sprüchelexikon Kohl aber ausgezeichnet -
ein CDU/CSU-Wähler an Kohl: "Sie waren einsame Spitze." Die bei-
den Großen wegen ihres S t i l s abgelehnt, von der angeblich
zurückhaltenden Art Genschers angetan gewesen - der FDP-Wechsel-
Wähler.
Man braucht nicht Gast gewesen zu sein in Deutschlands Fernseh-
stuben, um zu wissen, was den mündigen Bürger bewegt hat. Bis auf
die paar wirklichen Fans sahen die einen ohne große Begeisterung,
die anderen mit Langeweile zu. Aber dann doch gedacht oder geäu-
ßert, wen man besser oder "nicht schlecht" findet; sich als ent-
schiedener Wähler gefreut, wenn es der eine dem anderen gegeben
hat. Vielleicht auch einfach auf den nicht ohne Grund anschlie-
ßenden Niagara Marylin Monroe gewartet und - die Intellektuellen
immer mit eingeschlossen - seine dummen Kommentare über die Vier
abgegeben.
Zu beobachten, wer von den vieren in der Runde Punkte macht: von
dem einen oder anderen etwas eingenommen zu sein; dabei hin und
wieder Distanz zu zeigen gegenüber den dargebotenen Leistungen
der Politiker - das war und ist der demokratische Untertan, um
dessen Stimme auf ihre noble Art zu werben die Politiker keine
Schwierigkeiten hatten. Denn keiner der anständigen Zuschauer ist
auf folgenden Gedanken gekommen:
Daß die Politiker das, was sie leisten, sich leisten und wie sie
sich aufführen, nur so lange tun können, wie der mündige Bürger
trotz aller Vorbehalte so frei ist, den Politikern Vertrauen ent-
gegenzubringen und einen dieser Typen dann noch zu wählen!
Dabei wäre doch der Donnerstag vor der Wahl eine ausgezeichnete
Gelegenheit gewesen, das deutsche Fernsehen als Bildungsanstalt
zu nutzen.
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