Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN WAHLEN - Wählen ist verkehrt!
zurück
BRIEFE ZUR WAHL
Unsere in hoher Auflage verteilten "Argumente zur Wahl", in denen
wir die Wahl, die Politiker und ihre Wähler angriffen und darleg-
ten, daß es keinen einzigen Grund gibt, den Herrschaften in Bonn
Respekt zu bezeigen, also auch keinen Grund, sie zu wählen, sind
nicht ohne Echo geblieben.
An dieser Stelle den Schreibern der vielen Briefe zu danken ist
uns aber nach ihrer Lektüre vergangen. Obwohl uns der Standpunkt
und das Bewußtsein des demokratischen Bürgers nicht ganz unbe-
kannt sind, sind wir doch erschrocken über seine Mündigkeit. In
den Artikeln zur Wahl hatten wir unter anderem auch erklärt, daß
Politiker die Menschen auf der Welt sind, vor denen man Angst ha-
ben muß. Nun, die Briefe haben uns gezeigt, daß man auch vor dem
mündigen demokratischen Bürger, der anständig ist und wählen
geht, Angst bekommen kann.
Der mündige Bürger meldet sich zu Wort
--------------------------------------
Schon die höfliche Anrede gibt dazu Anlaß. Derselbe, der vor
denen, die ihn regieren, in Respekt aufgeht und sich gegenüber
seinen Mitmenschen normalerweise - geheuchelt oder nicht - höf-
lich aufführt, läßt alle Hemmungen fahren, wenn er einen Gegner
seiner staatstreuen Haltung entdeckt, der lediglich ihn und
"seine" Politiker kritisiert hat.
"Schmierfink Theo Ebel... Sind Sie dem Bau entsprungen?...
Schmierjule... Beschmutze meinen Briefkasten nicht mit Deinem
Klopapier. Du alte Kommunistensau... Sie armer Irrer... Sie
Magsist. Sie armer im Geiste, übriggebliebener und verstaubter
Marxist. Was haben Sie aufzuweisen an Geistesblitzen, an Intelli-
genz, an Positivem??"
Wer dagegen ist, hat keine Kinderstube gehabt, wühlt in der
Scheiße, ist ein Irrer, den man nicht für voll nehmen darf, der
doch wohl eingesperrt gehört, während drüben unschuldige Regime-
Gegner in Nervenheilanstalten sitzen, oder? Die demokratisch ge-
bremste Gewalt des Bürgers läßt sich zumindest in Wort und
Schrift gehen, das ist dann sehr positiv gegenüber dem unanstän-
digen Kritiker des Staates und seiner anständigen und treuen Bür-
ger, die gerade mit dem, was sie gegen Kommunisten rausrotzen,
ihre gute Erziehung und daß sie die Politiker verstanden haben,
beweisen.
Da ist es nur konsequent, die westdeutsche allgemeine Volksweis-
heit "Geh doch nach drüben!" ganz persönlich an den Mann zu brin-
gen. Politisch gebildet, wie der mündige Bürger ist, weiß er, daß
die beste und einfachste Antwort auf Kritik das Zeigen gen Ost
ist, wo es von Dreckschweinen und Irren ja nur so wimmelt.
H i e r hat ein Gegner des Staates BRD sein Recht zu leben ver-
wirkt.
"Ein Wohnsitzwechsel nach der Sowjetzone oder gleich nach der So-
wjetunion würde ihnen gut tun. ... Sie können ja in die DDR, nach
Rußland, vielleicht nach Vietnam - wie wär's mit Kambodscha - ge-
hen!!... Ihnen, Marxist Ebel, rate ich, gehen sie in die UDSSR,
da gehören sie hin; wo man sogar im Winter Schlange stehen muß
vor einem Speiseeisladen! Mir passiert Nov. 1974 in Peters-
burg!..."
Was soll man da noch sagen? Man will gar nicht rüber, hat nie be-
hauptet, am Realen Sozialismus etwas Gutes zu finden, sondern nur
gesagt, daß man den Laden hier Scheiße findet, und schon ist man
ein frecher Mitesser, den das freiheitliche Volk der BRD am lieb-
sten nach Sibirien abschieben möchte. Für einen guten Demokraten
ist das gerecht. Leute wie unsereiner verdienen nichts Besseres,
da sie selbstverständlich nie etwas geleistet haben und deshalb
körperlich gesehen unwertes Leben darstellen.
"Ich habe nur den Artikel 'von den Typen' über Schmidt gelesen,
das reicht mir! Voll von Polemik, voll Ungereimtheiten versuchen
Sie, den Politiker lächerlich zu machen. Vielleicht stellen
S i e mal I h r e n Lebenslauf dar, wenn Sie einen haben. Sie
Schmutzfink, gehen Sie doch dahin, wo der Pfeffer wächst, dann
können sie beweisen, ob sie was von der Landwirtschaft verstehen,
vielleicht von der Schweinezucht. ...
Ich nehme an, daß Du auch zu diesen unreifen, grünen und frechen
Lausern gehörst, die alles besser wissen und im Ernstfall doch
jämmerlich versagen würden. Wie sonst könntest Du über 2 Männer
wie Schmidt und FJS derartige Schmutzkübel ausleeren. Mit Sicher-
heit haben diese beiden Politiker im Leben schon mehr geleistet
als der größte Teil der Typen..."
Die Politiker leisten nichts, sie regieren und repräsentieren.
Der mündige Bürger sieht das als Höchstleistung an, während dem
Gegner dieser gestreßten Politiker selbstverständlich die Muskeln
fehlen. Bürger, die nichts zu sagen haben, ihre Knochen in der
Arbeit oder im Krieg hingehalten haben, verehren ihre Obrigkeit
und sind sich nicht zu blöd, ihre Opferbereitschaft den großen
Taten der Staatsmänner hintanzustellen, anderen aber, die Opfer
nicht einsehen wollen, der körperlichen Schwäche und geistigen
Krankheit zu überführen. Möge zum Abschluß der Vorstellung dieser
schönen Briefe der gekonnte Aufsatz eines promovierten Herrn il-
lustrieren, über welche Argumente der mündige, aufgeklärte und
demokratische Bürger verfügt.
"Viel dummes Zeug las ich in meinem 65 j. Leben. Ihnen verleihe
ich den Orden 'Dummheit der Weltgeschichte'. Geistige Onanie ist
mir immer ein Graus gewesen, aber bei Ihrer Sappelei wird mir
richtig übel. Haben Sie denn nichts Produktives zu tun, ich meine
Ihre verkorkste Kindheit wegzuräumen, damit Sie mal Ihre drecki-
gen Hemdsärmel hochkrempeln, um Ihre Muskeln (falls vorhanden) zu
betätigen? Sie müssen doch wissen, dass Ihr Hirn kaum zum denken
reicht, geschweige denn zum nachdenken. Denn sonst müßten Sie
doch wissen, dass Ihr Geschreibsel und Ihr wirklich unkontrol-
liertes Geschrei seit j a h r z e h n t e n völlig, aber völlig
sinnlos ist. Ihre Parolen nehme ich bewußt seit meinem 5 ten Le-
bensjahr (also 60 Jahre) zur Kenntnis und bin dann froh, dass Sie
bei Wahlen 0,002% nur erreicht haben. Niemand, bis auf Ihre
0,002% Vollidioten des deutschen Volkes käme auf die verrückte
Idee Sie zu wählen. Wenn Sie wenigstens einen Vorschlag hätten.
Nichts. Wozu auch, sage ich. Es geht uns doch allen gut. Sehr gut
sogar. Jeder Arbeiter (auch jeder Arbeitslose, die ja garnicht
arbeiten w o l l e n) hat seine Wohnung, sein gutes Essen, sein
Auto, seinen Kühlschrank, seinen Fernseher, seine Waschmaschine,
sein Bier, seinen Schnaps, seine 50-60 Zigaretten am Tag u n d
seine Langeweile. Und diese Langeweile haben Sie besonders, denn
sonst hätten Sie keine Zeit so einen Quatsch zu schreiben. Leben
Sie mal einen Monat wie der ärmste Inder, dann haben Sie nämlich
genug Geld gespart, um die Reise in Ihr gelobtes Land gen Osten
zu den anderen kommunistischen Chaoten anzutreten.
Ich wünsche Ihnen gute Reise!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
P.S.: Der weichseldeutschen Dichterin Elfriede Jobst bestätigen
wir den Zugang ihrer Erzählung "Damals in Lissewo". Da wir keine
Ansprüche auf ehemalige deutsche Ostgebiete haben, fassen wir das
Buch als Geschenk auf und schauen mal rein. Der zweitletzte Satz
ist auf jeden Fall gelungen, "Anna, sei nicht traurig, dich hat
zwar niemand im Leben wirklich geliebt, aber ich habe dich immer
geliebt."
Es gibt aber selbst 1980 und
Aus der BRD noch Positives
--------------------------
zu berichten. Wir meinen nicht den Brief eines Intellektuellen,
der zwar keine Probleme mit der Realität hat, wohl aber philoso-
phische mit derselben und doch tatsächlich meint, wir hätten in
unseren Blättern über die Realität hinweggeredet.
"Die einzige Realität ist nicht die Realität, sondern das Spre-
chen, Denken über diese Realität. D.h. man schießt einen Gedanken
ab, lotrecht in die Luft, und wenn der Wind nicht wäre...
Da ich selbst nicht dazu neige, mir unnötige Arbeit mit der Re-
alität zu machen, möchte ich mich bei Euch bedanken." - Laß
a u c h den Quatsch!
Wir meinen auch nicht das feierliche Telegramm mit Seidenblumen-
motiv: "Laßt uns nur an Jesus denken und ihm unsere Stimme schen-
ken Erntedankgrüße."
Ebensowenig die Aufforderung eines barmherzigen Samariters, der
schreibt:
"Statt solche schönen Blätter drucken zu lassen, könnte man viel-
leicht diese Energie verwenden, um Einsamen oder Kranken etwas
menschliche Wärme und Hilfsbereitschaft verspüren zu lassen." -
Wir helfen wann wir wollen, und auch Du solltest dein caritatives
Gewissen ablegen und lieber vom Staat verlangen, daß er sich ge-
fälligst um die Resultate seines segensreichen Tuns selbst küm-
mert!
Auch dem Liebesdienst, um den uns ein Mann namens Jens bittet,
können wir leider nicht nachkommen.
"Ich, Jens..., habe eine große Bitte an Sie. Am Samstag dem
4.10.80, einen Tag vor dem Wahlkampf (?), teilte mir eine ihrer
Zustellerinnen, ein Mädchen, mit dem ich sehr gerne in Kontakt
käme, eine Zeitung aus... Nach einem kurzen Gespräch verlief sich
unser Weg. Es war in Höhe von Kaufhof Schildgasse in Köln um ca.
16 Uhr. Sie, etwa 1,72 cm groß, trug grüne Cordjacke, Jeans-
hose?... schwarzes krauses Haar, etwas gelockt, schlank. Ich wäre
Ihnen sehr dankbar..."
Lieber Jens, Du kannst glauben, daß wir Verständnis für Deinen
Wunsch haben, zumal Mädchen mit schlanken Jeanshosen immer selte-
ner werden. Trotzdem mußt Du verstehen, daß wir die "Argumente
zur Wahl" anders gemeint haben und nicht deshalb geschrieben ha-
ben, damit Du Deine Wahl treffen kannst. Wie Du den Briefen unter
I entnimmst, bewahren wir Dich so nur davor, in die Fänge einer
schmierfinkigen armen Irren ohne Saft und Kraft zu geraten. Also
im Guten: Such Dir Deine Frau selber und laß unsere süßen Miezen
in Ruhe!
Also, diese Briefe reihen wir nicht unter "positiv" ein. Ein we-
nig schon den folgenden, dessen Absender sich zumindest über un-
sere Blätter gefreut hat:
"Jetzt habe ich zwei Blätter von Euch 'Argumente zur Wahl' und
habe beim Lesen vor Freude mit der Faust auf den Tisch gehaut.
Ihr seid mir Spaßvögel! Das habt Ihr wirklich gut geschildert.
Abgesehen davon, daß Ihr Schlawiner es mit uns auch nicht gut
meint, hättet Ihr schon recht. Man sollte gar nicht wählen. Denn
wer mag schon die Böcke in Bonn. Jeder aber denkt, wenn er auch
nicht geht, gehen die anderen. Und dann kommen die noch schlech-
teren dran. Weil jeder die anderen für die noch schlechteren
hält, klappt der Schwindel, der sich Demokratie nennt."
Die Demokratie ist nur kein Schwindel, sondern läuft genauso, wie
Du es beschreibst. Also zieh die Konsequenzen!
Der Brief von Augustin Souchy kann leider nur in seinem ersten
Satz unseren ungeteilten Beifall finden.
"Genossen,
die 'Argumente zur Wahl' finden meinen Beifall. Dennoch möchte
ich Euch auf einen Irrtum aufmerksam machen. Seit den Anfängen
der Internationalen Arbeiterbewegung waren es gerade Karl Marx
und seine Epigonen, die sich für die Wahlen einsetzten und die
Wahlgegner, die damals vor allem Bakunisten waren, bekämpften.
Auch der Marxist Lenin hat sich für die Beteiligung der Kommuni-
sten an den Wahlen eingesetzt. Die auf Marx eingeschworenen Kom-
munisten beteiligen sich gleichfalls an den Wahlen. Sowohl die
gemäßigten als auch die radikalen Marxisten sind parlamentarisch,
wie es ihr Meister und Gott selbst war. Wenn Ihr konsequent sein
wollt, müßt Ihr Euern Namen ändern. Wie wär's mit:
'Antimarxistischer Sozialistengruppe'?
Ein 88jähriger Veteran der internationalen Arbeiterbewegung grüßt
Euch
Augustin Souchy"
Genosse Augustin! Wir sind uns sicher, daß Marx und Lenin Gegner
des bürgerlichen Staates, der Demokratie und damit auch von Wah-
len gewesen sind. Wegen der Güte demokratischer Abstimmungen ha-
ben sie sicher nie für die Teilnahme an einer Wahl plädiert, wenn
doch, so war das Mist. Wir nennen uns nämlich MARXISTISCHE
GRUPPE, weil wir die Kritik von Marx am Kapitalismus für richtig
halten. - Trotzdem: Wir haben uns darüber gefreut, daß es noch
Genossen der internationalen Arbeiterbewegung gibt, die vom Staat
nichts halten.
Zum Schluß sei die Karte zitiert, die uns am besten gefallen hat:
"Sehr geehrter Herr Ebel,
in Frankfurt wurde Ihre Information 'ARGUMENTE ZUR WAHL' (MG)
verteilt. Leider bekam ich nur 1 Exemplar. Ich habe es Wort für
Wort gelesen und bestätige Ihnen, daß ich in meiner 25jährigen
Zugehörigkeit zur Bundesrepublik noch keine bessere 'Wahllektüre'
gelesen habe. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, könnten Sie mir noch 5
Exemplare übersenden, zum Verteilen an meinen engsten Bekannten-
kreis. Ablichten ist wegen des Formats schwierig. Es ist aber so
gut, wie nichts zuvor!
Danke und freundliche Grüße!"
zurück