Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Bonner Charaktere: Hans Jochen Vogel
       

OPPOSITIONSFÜHRER DER WENDE

Hans-Jochen Vogel ist das Angebot, das einem die SPD zur Zeit als Alternative zu Kohl offeriert. Charakterlich sicher kein gerin- geres Kaliber als sein Kontrahent, ausgestattet mit allen Quali- fikationen des Berufspolitikers, anderen Leuten vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Versehen mit der jeweils für opportun erachteten sozialdemokratischen Deutung. Vogel beherrscht das gesamte Instrumentarium von Heucheleien: Die eigene Karriere ist eine einzige Kette von im Namen der Pflichterfüllung erbrachten Opfern. Die im Wechsel von Amt und Politkonjunkturen vollzogenen Wendungen verbürgen Einsichten und Läuterung, und die den Bürgern jeweils verabreichten Pflichten sind Ausfluß unglaublich gemeinsamer und unglaublich gewissenhaft verantworteter Zwecke. Hans-Jochen Vogel geiert nicht nach der Macht, die er haben will - er läßt sich in die Verantwortung rufen. Trennt sich jeweils "schweren Herzens" von seinen "lieben Münchnern", von der "Lebensqualität" spendenden Arbeit als Minister für Bauwesen und Städtebau, von der ethisch höchst anspruchsvollen Aufgabe, als Justizminister den liberalen Rechtsstaat zum Zuschlagen gegen al- les links von der SPD auszurüsten, und schließlich von den "lieben Berlinern". Lauter "schwere Entscheidungen"! Wie er zu- letzt seinen "lieben Berlinern" versicherte, haben sie nichts so sehr nötig wie seinesgleichen in möglichst hohen Ämtern. "Und natürlich kann ich als Spitzenkandidat einen gewichtigen Beitrag dafür leisten, daß die deutsche Sozialdemokratie von neuem den bestimmenden Einfluß auf die Gestalt der inneren und äußeren Verhältnisse der Bundesrepublik erringt " Vogel verdankt seinen Aufstieg zum Kanzlerkandidaten der "Wende", dem Beschluß von FDP und Christen, die neue deutsche Großmachtpo- litik des Modell Deutschland um das entsprechend unverschämtere Gepräge und die noch radikalere Durchsetzung der nationalen In- teressen zu ergänzen. Zum Zuge gekommen ist er durch die Ent- scheidung von Helmut Schmidt, seinen Nimbus als Modellkanzler nicht in der Konkurrenz zu einer Birne zu verschleißen und der Partei einen zweiten grand old man zu erhalten. Und seit der ge- lungenen nachträglichen Akklamation der Wende durchs Volk resi- diert er als Oppositionsführer im Bundestag. Was ihn dabei im letzten treibt, ist einfach: der Ärger, der sozialdemokratisch wieder erreichten Größe Deutschlands nicht sozialdemokratisch vorstehen zu dürfen. Was er persönlich leistet, um dieses Unrecht - so sieht er das - wiedergutzumachen, ist ebenso einfach: Als Mann von "fundierter Urteilskraft und bestechender Formulierungsfähigkeit, intellektueller Brillanz und breitem Themenspektrum" (Die Zeit) "analysiert" er "die Lage der Partei ": "Wir sind zur Übernahme der Verantwortung fähig und bereit." Und mit derselben "fundierten Urteilskraft" hat er sich vom Erfolg der Wendepolitik stecken lassen, wie die Aufgabe der Opposition, der Regierung nachzuweisen, daß sie zum Regieren nicht fähig ist, heutzutage erledigt werden muß. In Sorge um Deutschland ----------------------- Wenn schon die rücksichtslose Indienstnahme des Volks für die Na- tion gefeiert und die Härten nicht länger mit einem sozialdemo- kratischen "leider" angeordnet werden, wenn schon die Souveräni- tät deutscher Politik als das oberste Postulat der Wende uneinge- schränkte Anerkennung genießt, dann konkurriert die Opposition mit der Regierung eben auch ausschließlich anhand dieser Maß- stäbe. Dann gebietet der Weg zur Macht die - auch in der Form - unbedingte Parteinahme für dieses Staatsprogramm. Dann erwirbt die Opposition Glaubwürdigkeit, stellt ihre Regierungsfähigkeit dadurch unter Beweis, daß sie der Regierung unumschränkt recht gibt. Und die Opposition besteht darin, daß sie ihr noch rechter gibt, als auszuhalten ist. Das "Ja, aber", die salbungsvolle Deklamation all dessen, wofür man ist und im Namen welcher allerhöchsten Güter die Regierung die vollste Unterstützung der Opposition genießt, um sich dann abgrundtief entrüstet zu zeigen angesichts dessen, wie sehr die Regierung vor ihren eigenen Maßstäben versagt - d a s ist Hans- Jochen Vogel. A l t e r n a t i v e r N a t i o n a l i s m u s h e u t e hat nach der jahrelang überparteilich geführten Kritik am gefähr- lichen Anspruchsdenken die alte sozialdemokratische Heuchelei, zum Nutzen der Bürger müsse man den Staat pausenlos verbessern, bereitwillig abgelegt. Vogel erklärt sich o f f e n s i v zur Volksgemeinschaft, und das selbstverständlich über die bestehen- den Grenzen hinaus. Zur Feier der "Gemeinschaft", die er und sei- nesgleichen den Deutschen verpassen, ist dem Oppositionsführer kein Studienratsschwachsinn zu blöd: "Die Entwicklung der letzten vier Jahre hat vier Elemente dessen gefestigt, was die Substanz der Nation ausmacht, nämlich die Ge- schichts-, die Kultur-, die Sprach- und die Gefühlsgemeinschaft." Alle reden immer deutscher, fühlen immer deutscher und haben im- mer mehr Geschichte. "In der Bundesrepublik hat die Frage nach der nationalen Identi- tät an Gewicht gewonnen." Genau, das fragen sich alle, beim Einkaufen und am Arbeitsplatz: Wer sind wir eigentlich? Und ein paar ganz falsche Antworten sind - laut Vogel - jetzt abgehakt: "Nach dem Kriege ist sie (die nationale Identität) lange zur Seite geschoben worden, man hat sich ersatzweise mit dem Grundge- setz und mehr noch mit dem Bruttosozialprodukt identifiziert." Das war häßlich - bzw. gefährlich: "Auch die beste Verfassung wird überlastet, wenn sie leisten soll, was für andere Völker das nationale Bewußtsein leistet. Wir müssen deshalb auch auf diesem Gebiet zur Normalität zurückkeh- ren. Das heißt, wir müssen uns wieder verstärkt unserer eigenen Geschichte zuwenden. Wir müssen uns wieder stärker als Gemein- schaft und nicht nur als eine zufällige Ansammlung mehr oder we- niger beziehungslos nebeneinander lebender Individuen begreifen, und zu dieser Gemeinschaft gehören eben auch die Menschen im an- deren deutschen Staat." Eine Rede an die Nation, wie sie beim besten Willen von der Kohl'schen moralischen Aufrüstung nicht zu unterscheiden ist, und ein flotter Abschied von der jahrzehntelangen Bemühung, sozialde- mokratisch auf der Verfassungswirklichkeit und ihrer Reform her- umzureiten - einer Bemühung, die schließlich außer der Parole 'Wir sind der beste Rechtsstaat!' keinen Nationalismus gelten lassen wollte. A l t e r n a t i v ist dieser geläuterte Natio- nalismus nur darin, daß er die falschen Führer über die großar- tige Volksgemeinschaft regieren sieht und sich dementsprechend im Lamentieren über die fehlende sachliche und moralische Qualifika- tion, Schwäche und Tatenlosigkeit der Regierung ergeht. Ein schlapper Kohl verrät Deutschland ans Ausland - solche 'Argumente' kommen Vogel lässig über die Lippen: "Herr Bundeskanzler, welches Gewicht haben Sie eigentlich in Washington? ... Ich werfe Ihnen vor, Herr Bundeskanzler, daß Sie in Washington den Eindruck haben entstehen lassen, Sie seien zu fast allem bereit, was die gegenwärtige amerikanische Administra- tion will und fordert..." Sicher, es ist schwer, einer Regierung, die den militärischen Machtzuwachs der BRD ununterbrochen propagiert, durchsetzt und ganz offensichtlich genießt, Sünden wider die Größe der Nation anzuhängen. Aber für die Klarstellung, daß unser 'Deutschland über alles' keine falsche Bescheidenheit mehr kennen darf, weder als demokratische Säuberung noch in der Beschränkung auf die bloße Wirtschaftsmacht, läßt auch der Oppositionsführer keine Ge- legenheit aus. Und um die Verbreitung der auf die Friedensbewe- gung gemünzten und dort nur allzugern geglaubten - Überzeugung, an der Kriegsvorbereitung müsse einen nur eines stören, die US- Beschränkung deutscher Rechte nämlich, hat sich Vogel sehr ver- dient gemacht. Auch um die entsprechende Konsequenz: Waffen in deutschen Händen unter garantiert deutscher Befehlsgewalt kann es gar nicht genug geben. Selbstverständlich reist daher auch der Reserveführer Vogel, so oft es sich arrangieren läßt, nach Washington. Oder er erklärt in Moskau, Warschau, Prag und Ostberlin immer noch einmal zusätz- lich, was man dort um des lieben Friedens willen zugestehen soll, und nützt den dort verbreiteten Irrtum, mit Sozialdemokraten ließe sich besser leben, schamlos aus. Denn darin, daß der Ge- meinschaft der Deutschen im Osten viel zu viel Hindemisse entge- genstehen, ist er sich mit seinem Konkurrenten im Kanzleramt bruchlos einig. Anwalt der Gerechtigkeit ------------------------ Im Inneren bereitet ihm der Zustand der Volksgemeinschaft so schwere Sorgen, wie er sie immer nur mit seiner Leichenbitter- miene versinnbildlichen kann. Der Zustand der G e m e i n s c h a f t selbstverständlich. Die Berufung auf den geschädigten Bürger haben auch Sozialdemokraten längst auf den Stand heutiger Politik gebracht. Wenn die Opfer notwendig, ge- wollt und nur noch lobenswert sind, dann haben die, die sie brin- gen, nur auf e i n e s Anspruch, das aber mit Entschiedenheit: daß der ihnen verordnete Antimaterialismus auch von oben als "geistig-moralische Erneuerung" vorinszeniert wird. Und da kann ihnen der Vogel was bieten mit seiner Entrüstungspose, daß den braven Opfern von unten von oben so schmählich gedankt wird! Der Führer der Opposition hat seine pfäffischen Talente wieder- entdeckt und predigt tagein tagaus die Lüge, die Regierenden hät- ten diese Moral selbst zu befolgen und das Regieren sei eigent- lich überhaupt nichts anderes, als dem Volk besonders feine mora- lische Vorbilder vorzuleben. Als Angebot ans faschistische Ge- rechtigkeitsgefühl der gebeutelten Massen stellt er die Regierung auf die Tugendprobe: "Sie haben auf zu vielen Feldern das Nicht-Zurkenntnisnehmen und das Aussitzen zum Prinzip erhoben. Das ist das Gegenteil von gei- stiger Führung. Wo sind die persönlichen Beispiele für die gei- stig-moralische Kraft Ihrer Regierung? Wo Ihre Beiträge zu zen- tralen Themen unserer geistig-moralischen Entwicklung?" Kohl nach Afghanistan, Geißler zurück in den Grundkurs der Logik - darüber ließe sich ja reden, würden nicht gleich wieder Ober- prediger vom Typ Vogel nachrücken. Es mag ja sein, daß er seiner- seits olympiareife Leistungen vorgelegt hat, was das Ableisten von Überstunden in der Politik, Anberaumen von Frühsitzungen, Flugblattverteilen vor Fabriken und Schlafen auf Feldbetten im Büro betrifft. Aber nicht umsonst hat er immer gleich Fotografen und Presse einbestellt und belästigt einen überhaupt ständig mit seinem penetranten Vogel-Vorbilds-Getue, um dessentwillen er sich von BamS auch noch bei den vorschriftsmäßigen Aufwärmungskniebeu- gen vor dem Langlauf ablichten läßt. Wenn er auch immer mal wie- der sich selber und seiner Umgebung mit der Demonstration den Nerv tötet, daß nur Politiker, die sich selbst etwas abverlangen, von anderen etwas verlangen dürfen, werden durch dieses berech- nende Selbstlob weder die Härten für oben und unten gleicher noch die Opfer gemütlicher. Was brauchen, laut Vogel, die "sozial Schwachen"? Etwas Opferähn- liches an anderer Stelle, damit sie sich am Schein der G e r e c h t i g k e i t gütlich tun können. Den klagt Vogel unbarmherzig von der Regierung ein, wenn sie sich anstelle der geplatzten Ergänzungsabgabe nichts Neues für die "soziale Symme- trie" einfallen lassen will. Da beschwert er sich bitterlich bzw. ist zufrieden, im Spiegel wieder einmal seinen Vorwurf mit der ausbleibenden "geistigmoralischen" loswerden zu können. "Das kann man nicht der Opposition anlasten. Das müssen Sie dem Zustand der Union im zweiten Jahr der geistig-moralischen Erneue- rung anlasten." Was im übrigen an den Methoden geistig-moralisch sein soll, mit denen die Wende-Regierung das Volk zur Kasse bittet, braucht man den Vogel nicht zu fragen. Er ficht seinen Konkurrenzkampf ums Kanzleramt ja gerade deshalb auf dem Feld der höheren Werte, des Glaubens an den Anstand in der Politik, also auf dem Feld der Techniken des Volksbetrugs aus, weil er sonst rein gar nichts auszusetzen hat an dieser wunderbaren Republik, als daß er sich das Verhältnis von Führern und Geführten, von Schröpfern und Ge- schröpften noch harmonischer und - unter seiner Führung - schlag- kräftiger vorstellen könnte. Saubermann ---------- Vogel wirft dem amtierenden Kanzler einen Mangel an "Sorge" vor, Sorge um "die Plage der Arbeitslosigkeit" und um den "geistig-mo- ralischen Zustand der Politik". Beide Sorgen gehen offenbar nur auf eins: Der Kanzler selbst, darin dem Staatsfeind Nr. 1 ver- gleichbar, zerstört mangels geistig-moralischer Führung das Kost- barste, was ein Volk besitzt: Vertrauen in seine Führer: "Sie haben außerdem durch ganz persönliche Entscheidungen die po- litische Kultur unseres Landes, die Glaubwürdigkeit der parlamen- tarischen Institutionen und das Vertrauen in die Integrität un- seres politischen Systems nachhaltig beschädigt (Kießling, Lambs- dorff, Flick...)... Da ist an Vertrauenssubstanz in Wochen mehr zerstört worden, als Extremisten in Jahren zerstören konnten..." Zu glauben braucht er diese Albernheiten selber nicht, schließ- lich ist er ein Gesinnungstäter, der den materiellen Gehalt all der beschworenen "Werte", die demokratische Machtausübung, für das Wichtigste hält, was sich ein Volk nur wünschen kann. Oberster Staatsanwalt --------------------- Nicht umsonst übernimmt Vogel in den Parlamentsdebatten regelmä- ßig den Part, die Autorität der Institutionen, der Verfassung, des Rechts - kurz: der Herrschaft, zu "verteidigen". Nicht weil nennenswerte Angriffe darauf stattfinden würden - ihm sind die diesbezüglichen BRD-Jubelfeiem offensichtlich immer noch zu matt. In der Stationierungsdebatte, anläßlich einer blitzschnell zusam- mengeknüppelten Demonstration in der Nähe der Bannmeile: "Lassen Sie mich an den Eingang meiner Rede eine Bemerkung aus aktuellem Anlaß stellen. Das Recht des Parlaments und des einzel- nen Abgeordneten auf ungehinderte Beratung und Willensentschei- dung ist ein Kernstück unserer politischen Ordnung. Schon der Versuch, dieses Recht anzutasten, muß mit Besonnenheit, aber auch mit Entschiedenheit zurückgewiesen werden, ganz gleich, von wem und warum dieser Versuch unternommen wird." Als wollte er jedes Mißverständnis darüber ausräumen, wie das Nein der SPD zur Raketenstationierung gemeint war, verlegte er sich in seiner Oppositionsrede erst einmal auf Klarstellungen, die ausschließlich die unumstößlichen Rechte des Rechtsstaats hervorhoben: 'Nein' - Ja!, 'Widerstand' - Nein! Als Fanatiker des rechtmäßigen und dadurch unangreifbaren Gebrauchs der Gewalt be- lehrt Vogel den Kanzler über die daraus hervorgehenden Pflichten - Gehorsam zu erzeugen: "Haben Sie nicht die Kraft, Herr Bundeskanzler; diesen Mitbürgern und Mitbürgerinnen - und das bleiben sie doch - ein Zeichen des Verständnisses, wenigstens ein versöhnliches Wort zukommen zu lassen? Nicht zuletzt weil das unterbleibt, kommen manche auf den Gedanken, hier müsse es ein Recht auf Widerstand geben..." Und er belehrt die Untergebenen: Gehorsam leisten ist das einzige Recht, das ihnen zusteht: "Ich möchte keine Zweifel daran lassen: Ein solches Recht zum Wi- derstand gibt es nicht, weder individuell noch kollektiv. Das gilt auch für gewaltlose Gesetzesverletzungen. Wer sie zum Zeichen der besonderen Ernsthaftigkeit seines Protestes auch gewaltlos begeht, der muß die Folgen auf sich nehmen." Nichts schöner als eine gerechte Strafe. Der legendäre Intellekt, der Vogel als "Einserjuristen" auszeichnen soll, ist eben auch nur ein solcher: Die Betrachtung der gesamten Welt vom Standpunkt der Gewalt und die Sortierung in Rechte und Pflichten ist sein Geschäft. Und die langjährige Übung, Macht, Recht, Moral und So- zialdemokratie als ein und dasselbe zu behandeln, läßt ihn weitaus mehr Prinzipien und Rechte entdecken, als die Gesetzbü- cher aufführen: "Sie (Herr Bundeskanzler) vertiefen Gräben und Klüfte, die ein- zuebnen, zumindest aber zu überbrücken, Ihre Pflicht gerade als Bundeskanzler wäre." Beleidigte Leberwurst --------------------- Vogel hat keine Einwände gegen die Ostlandpolitik der Regierung, außer, daß die Ehre dafür eigentlich der SPD gebührt. Aber Vogel entdeckt ein Vergehen: Rufmord an der SPD. "Der Fraktionsvorsitzende der SPD hat Bundeskanzler Kohl am Mitt- woch aufgefordert, dem Begriff 'Verzichtspolitiker' entgegenzu- treten." Und er beschwert sich nicht einfach beim Bundeskanzler, sondern er erklärt diesem wiederum seine Pflicht im Kampf gegen böse "Begriffe". D i e schaden nämlich wiederum nicht bloß Vogel und seiner SPD, sondern gleich der ganzen Demokratie, was der Opposi- tionsführer mit einer neuen Variante der inzwischen so beliebten Faschismusvergleiche "beweist": "Damit wird einer der übelsten Kampfbegriffe der Weimarer Repu- blik, mit dem Nazis und Deutschnationale die demokratischen Kräfte diffamiert haben, wieder zum Leben erweckt." Ein Mensch, der immerzu sein Interesse mit einem Recht verwech- selt, was andernorts als ausgesprochen ungehörig gilt, läßt sich von den zu einem lebendigen Parteileben nun einmal gehörigen Schmähungen "kränken" und führt das vor: "Es ist nicht gut, nein - ich wähle das Wort -, es ist infam, diejenigen immer wieder als Sprachrohre Moskaus zu verdächtigen, die solche Warnungen, die solche Wahrheiten aussprechen." "Ich wähle das Wort" ist hier ein Argument! Zwar ein saublödes, weil das jeder beim Reden tut, aber es will sagen, daß da nicht irgendeiner irgendetwas sagt, sondern der Führer der nationalen Opposition; und daß er auch nicht einfach etwas sagt, sondern daß er sich das schwer überlegt hat, aber nicht umhin kann, dieser seiner Pflicht Folge zu leisten. Ob die dergestalt ausgemalte Kränkung mehr gespielt oder auch noch persönlich empfunden ist, ist bei so einem Charakter schwer zu entscheiden. Zuzutrauen ist ihm sogar das zweite. Fader Vogel ----------- Hans-Jochen Vogel streitet oder polemisiert nicht, er beschwört unentwegt die gemeinsamen verklärten Prinzipien der Macht, zi- tiert gegen den Christen Kohl aus dem Stand zehnmal mehr Bischöfe, Kirchenväter, Generäle und andere christliche Denker, als der jemals korrekt aussprechen könnte. Vogel tritt eben als Konkurrent um die geistig-moralische Führung an, mit Predigten und Reden zur Nation, mit dem Schein der Überparteilichkeit der Rechtsbelehrung und bestreitet das Oppositionshandwerk anhand des Kanon der verletzten Werte, Güter und Prinzipien sowie mit der Kundgabe seiner eigenen höchstpersönlichen Empörung über derlei Vergehen, insbesondere die Unanständigkeit der Skandalmacher in der Regierung. Wer öfter das Wort "unerträglich" mit der vollen Wucht der gekränkten Persönlichkeit in die Debatte wirft, Kohl oder Vogel, ist mittlerweile schwer auszumachen. Weil Vogel aber kein anderes Anliegen hat, als dem amtierenden Kanzler das Recht abzusprechen, den guten Deutschen die passende Moral zur ohnehin reibungslos organisierten Pflichterfüllung zu verabreichen, gerät er eben auch zur Inkarnation des quengelnden Jammerlappens. Sozi- aldemokratisches Opponieren, das außer den "Wende"-Idealen er- folgreichen Regierens keine anderen Maßstäbe kennen will, be- schränkt sich dann eben auch auf Beschwerdeführung, auf den Ge- stus der ewig nörgelnden Besserwisserei. Kein Wunder, daß dann angesichts einer unbestreitbar erfolgreichen Regierung im Urteil der Öffentlichkeit Enttäuschung über die "Blässe" der vormals so "brillanten" Persönlichkeit Vogel laut wird. Der Schluß von er- folgreicher Politik auf großartigen Charakter geht eben genauso schnell in umgekehrter Richtung. Und die früher gerühmte "Integrationsfähigkeit" riecht auf einmal nach "Führungsschwäche". Die schlichte berechnende Taktik, mit den Grünen da zu bündeln, wo ihre Stimmen die Regierungsverantwortung der SPD herstellen, und wo nicht, da nicht, vorgeführt als skru- pulöse Vogelsche "Analyse" von "Chance zu System-Innovation" bei gleichzeitiger "noch unentwickelter Politikfähigkeit" der Grünen - ausgerechnet dieses stinknormale Manöver soll jetzt wieder "Zweifel am Profil der SPD" hervorrufen. Das beste "Profil" verleiht eben immer noch der Besitz der Macht. Möglicherweise muß Vogel für seine Partei, wenn er sich dieses Profil nicht zulegt, wieder einmal "eine schwere Entscheidung" treffen. zurück