Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Wochenschau
DER ABGANG HERBERT WEHNERS
enthält die Peinlichkeit, daß der Mann plötzlich wehleidig wird,
Journalisten nicht mehr anknurrt, sondern die Ausmalungen seiner
"persönlichen Tragik" durch die Hofschranzen der Journaille
sichtlich genießt. "Bitterer Abschied von der Kärrnerarbeit"
heißt eine Story der "Süddeutschen Zeitung" vom 20.1., in der die
Wehner-Legende als vorgezogener Nachruf aufbereitet wird. Was muß
dieser Mann gelitten haben! Erst 1946 wieder einen deutschen Paß
bekommen und gleich darauf von Kurt Schumacher in den Bundestag
genötigt! Dann mußte er gleich in den Parteivorstand und die SPD
zur Volkspartei machen. Zäh die Große Koalition ausgehandelt,
zierte sich Willy Brandt auf einmal, darin Vizekanzler zu werden.
Er hat es runtergeschluckt und die Notstandsgesetze mit durchge-
setzt. Was für eine Tortur für den gesamtdeutschen Minister des
Kabinetts Kiesinger, der für die Regierung Brandt/Scheel als
Fraktionsvorsitzender ins Parlament zurückkehren mußte, wo er
seitdem "die harte Bank ausdauernder als irgend ein anderer
drückte". Dann gezwungen, Brandt von Moskau aus abzusägen und die
Fraktion auf die "schweren Zeiten" einzustimmen, für Mehrheiten
zum NATO-"Doppel"beschluß und das "Sparprogramm" zu sorgen. Dann
der Koalitionsbruch, der ihn von Freund Mischnik trennte; und bei
der Kür Vogels ist er "gar nicht erst gefragt" worden. Jetzt geht
er und leidet still auf einer schwedischen Insel seinem Ende ent-
gegen "Schwer krank" ist er auch noch mit seinen 77 Jahren und
unter'm Pantoffel seiner Tochter. - Wir hätten uns lieber an
seine trockenen Gehässigkeiten erinnert. Aber es verwundert uns
nicht, wenn der Mann jetzt darauf besteht, seinen "Schmerz" über
den Abgang von der Macht uns mitzuteilen, angesichts ihrer Er-
folge vom letzten Arbeitslosen bis zur ersten Pershing II. Dafür
hat er seine "tiefsten Überzeugungen" öfters ausgewechselt als
seine Pfeife, seine "engsten Freunde" mindestens ebenso oft ge-
prellt wie seine Gegner, die "Arbeiterbewegung" für den "sozialen
Frieden" in die Pflicht genommen, die SPD zur anerkannten
"Volkspartei" gemacht, erst ihre "Regierungsfähigkeit" befördert
und sie dann als Regierungspartei gemanagt. Bei alledem hat er
den G e n u ß d e r M a c h t so in sich hineingefressen, daß
er die C h a r a k t e r m a s k e am Ende a l s
G e s i c h t vorzeigen konnte. Jetzt tritt er ab als die voll-
endet "glaubwürdig" gewordene G e m e i n h e i t. Mit einem
Wort: Herbert Wehner hat sich um das Vaterland verdient gemacht!
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