Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 35, 12.05.1981
       

DER VERANSTALTUNGSKOMMENTAR

Für das Teach-in des MSB "Wie weiter in der Friedensbewegung?" hatten wir zur Kommentierung reichlich Platz eingeräumt. Nun muß doch die folgende Lücke bleiben. Ob die Veranstaltung nicht stattfand, weil die BHZ Nr. 34 den Be- such zwecks inhaltlicher Auseinandersetzung wärmstens empfohlen hatte, oder ob sich die Großmutter des MSB-Referenten kurzfristig rechtzeitig das Bein gebrochen hat, sei dahingestellt. Im ASTA wurde ersteres nicht bestätigt, letzteres aber auch nicht demen- tiert. SPD-Friedensoffensive "Abrüsten -jetzt!" ---------------------------------------- Unter dem Motto: "Abrüsten jetzt!" führten am Freitag Abend in der Stadthalle kritische Sozialdemokraten, ebensolche Freidemo- kraten und der unausweichliche Anhang aus Pfaffen und Mensch- heitsfreunden vor, was es heißt, Friedensbewegung für die SPD '81 zu sein. Was bewegt Parteigänger der Bonner Regierungskoalition eigentlich, daß sie es notwendig finden, neben der Friedenspoli- tik, die in Bonn gemacht wird und mit den Beschlüssen zur Aufrü- stung der Nation nicht nur Schlagzeilen macht, noch auf eine Friedensbewegung zu setzen? Piecyk von den Jusos gibt darüber Auskunft: "Ich bin gegen die neuen Waffen, weil es bereits so viele gibt." Die Waffen reichen also schon, und Piecyk sagt auch gleich, gegen wen: "Gegen die Stationierung der sowjetischen SS20 Raketen bin ich allerdings auch, und ich würde es sehr begrüßen, wenn das anwesende DDR-Fernsehen diese Äußerung nicht rausschnei- det." Dieses freie Treuebekenntnis zum westlichen Bündnis hat er be- stimmt nicht abgegeben, um einem Parteiordnungsverfahren vorzu- beugen. Was hat er gegen die Abrüstungsgespräche einzuwenden, die der Kompanion des Kanzlers laut Urteil der Presse gegen die Amis durchgeboxt hat? "Ich halte sie für einen allseitigen Betrug." Betrug an wem und warum? An der SPD selbstverständlich, weil "die Amerikaner SALT II nicht ratifiziert haben." Juso Piecyk könnte also vollen Herzens für die Pershing eintreten, wenn die Amis nicht so frei gewesen wären, die von der SPD beschlossene "Geschäftsgrundlage des NATO-Doppelbeschlusses" zu ignorieren. Die "Geschäftsgrundlage", die ein JUSO so schätzt: erstmal die neuen Raketen als diplomatisches Erpressungsmittel gegen den Osten einsetzen, vielleicht erübrigt sich dann die endgültige Stationierung. Differenzen zum Kanzler: der hält diesen Erfolg für eine nicht direkt beabsichtigte, aber nicht unerwünschte Dreingabe zur beschlossenen Stationierung. Daß SPD-Bundeswehrhauptmann Hartwig auf einer Friedensveranstal- tung redete und nicht auf einem Traditionskränzchen der Hardt- höhe, merkte man an seiner Einleitung: "Ich bin natürlich dafür, daß die Bundeswehr abgeschafft wird". Solange es sie aber noch gibt, muß man alles dafür tun, daß man als dienender oder berufs- mäßiger Demokrat zu seiner Armee mit gutem Gewissen stehen kann. Waffen sind ungerecht und unmenschlich? Ja klar, überall dort, wo sie nicht die Demokratie verteidigen. Zum Beispiel die deutsche Wehrmacht als Waffenknecht des Faschismus, und, ein Beispiel des SPD-Hauptmannes aus der Gegenwart, die Armee des längst beschlos- senen Weltkriegsgegners: "Die nationale Volksarmee der DDR ist undemokratisch strukturiert.", gab Hartwig zu bedenken. Wäre das nicht einmal ein ganz unverdächtiger Grund, sie wegzuputzen? Zu dieser Friedenskundgebung, die angeblich gegen die w e s t l i c h e Aufrüstung Einwände hegt und diese ausschließ- lich als Hetze gegen den O s t e n vortrug, so daß der bundes- deutsche Militarismus in lieblichem Gewand dastand, paßte der pure Antikommunismus des Menschheitstheoretikers Bahro wie die Faust auf's Auge. Der Sauertopf mit dem Schülerkragen fand es "bedauerlich", daß der Kanzler die Aufrüstung "bejaht". Er plä- dierte stattdessen dafür, die DDR und ihre Brüder und Schwestern im Ostblock nach allen Regeln der Abrüstungsdiplomatie fertigzu- machen. Erste Erfolge seines großen Bündnispartners, des freien Westens, wollte Bahro darin sehen, daß dieser mit der Verhinde- rung der Reintegration Polens in den Ostblock seine eigenen be- scheidenen Versuche zur Aufweichung dieses Bündnissystems als Funktionär in der DDR weit effektiver fortgesetzt hat. Bahros Schlußwort umreißt das Motto der ganzen Veranstaltung: "Der Feh- ler der alten Friedensbewegung war, daß sie auf einem Auge (dem östlichen) blind war. Damit muß Schluß gemacht werden." Längst passiert. Nach dem unisono aller Podiumsdiskutanten nach der Melodie "Der Osten ist bis an die Zähne bewaffnet, undemokratisch, also ag- gressiv - der freie Westen und seine demokratischen Politiker können vor lauter Friedensliebe kaum laufen", steuerte Senator Scherf noch einen originellen Grund dafür bei, warum diese Frie- denspolitiker in verantwortlicher Position eine zielstrebige Auf- rüstung für den Sieg im beschlossenen Ernstfall betreiben: "Das Sicherheitsbediirfnis der Bevölkerung." Gerade so, als hätten die Vegesacker und Schwachhauser unermüdlich an handgeschnitzten Pershings für ihre Vorgärten gearbeitet - und dann doch den Kanz- ler in Petitionen gebeten, die Sache gleich selbst und ordentlich in die Hand zu nehmen. Hätten nicht umgekehrt Schmidt und seine Wasserträger die Nachrüstung beschlossen, wüßte kein Mensch, daß er im Moment gerade eben dies unbedingt braucht, weil es ihm seine Politiker so sagen. Daß sich der Normalverbraucher von die- sen Mordwerkzeugen ausgerechnet S i c h e r h e i t versprechen soll, dementieren inzwischen die Spatzen auf den Bonner Dächern: die einzige Sicherheit westlicher militärischer Überlegenheit, die heute verkündet wird, liegt in der damit hergestellten ziem- lich sicheren Erfolgsaussicht für den K r i e g s f a l l. zurück