Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Von einem, der auszieht, um an die Macht zu kommen
JOHANNES RAU WILL WAS
Das drückt er so aus: Er überschreibt eine in großen Tageszeitun-
gen bestellte Anzeige erstens mit seinem gewichtigen Namen. Also
steht da schlicht und in 3 cm großen Lettern zu lesen:
J o h a n n e s R a u. Dann kommt ein sehr dicker Doppelpunkt
und zweitens der Wunsch, den der Kanzlerkandidat der SPD im Her-
zen trägt. Wir lesen ergriffen, daß dieser herzensgute Mensch
"d e n A n s t a n d b e w a h r e n" möchte. Das ist nun
wahrlich nicht mißzuverstehen, zumal über dem Ganzen 8 cm hoch
steht: "AUFRUF".
Wir nehmen zur Kenntnis, daß schon wieder einer daherkommt und
mit seiner Person ausgerechnet die "politische Kultur" retten
will. Wozu eigentlich? Was sollen sich denn die "Bürgerinnen und
Bürger" für Sorgen um den "politischen Anstand" machen? Haben sie
nicht genug damit zu tun, ihr Geld einzuteilen und sich zu fra-
gen, wer ihnen jede Menge Ärger einbrockt? Ein sozialdemokrati-
scher Kanzlerkandidat sieht das ganz anders. Wenn er "Bürger"
sagt, dann meint er Wähler. Und dem gesteht er nicht zu, aus sei-
nen Erfahrungen mit der Politik, die mit ihm und auf seine Kosten
veranstaltet wird, mißtrauisch zu werden und zu bleiben:
"Das leider allzuoft berechtigte Mißtrauen vieler Menschen gegen-
über dem Bonner Politikbetrieb darf sich nicht noch vertiefen."
Nein, ein anständiger Deutscher tut sowas nicht. Er prüft nicht
die Leistungen seiner Regierung und wird darüber zum Gegner des
"schmutzigen Geschäfts". Mit Johannes Rau macht er sich auf die
Suche nach alternativen Figuren, die Politik so richtig
g l a u b w ü r d i g betreiben. Dies nun nicht etwa durch Ta-
ten, welche den lieben "Bürger" weniger oder gar nicht beuteln -
so etwas hält ein gestandener Sozi für ziemlich abwegig. Er ver-
spricht den Wählern schlicht, d a s s e l b e zu tun wie die
jetzige Regierung, nur viel f o r m v o l l e n d e t e r. Er
will die bescheuerten Einwände, die er als Konkurrent um die
Macht an der Regierung hat, überflüssig machen. Und zwar durch
seinen höchstpersönlichen Einsatz - in der Regierung. So wirbt
der gute Mann für sich. Da kommen Vorwürfe zur Sprache, die man
sich merken muß. Nach Helmut Kohls Wunsch soll das Jahr 1986 "zum
bloßem Wahlkampfjahr werden". Und was tut Johannes Rau zu Beginn
eben dieses Jahres? Er läßt eine Wahlanzeige einrücken, in der er
die Politik vor ihren jetzigen Machern in Schutz nimmt und sich
empfiehlt. Das haben ihm seine PR-Berater und Werbefritzen gera-
ten - so daß er gegen die christlichen Machthaber von heute ver-
meldet:
"Nur wer nicht überzeugend politisch handeln kann, flüchtet gern
in die Welt der PR-Berater und Werbeagenturen."
Die "gefestigte Moral" dieses Kritikers besteht in der schlichten
Sorge darüber, daß die W e r k e der Politik durch
s c h l e c h t e n S t i l einen enormen Schaden leiden. Jo-
hannes Rau beklagt sich über nichts - außer über das zerstörte
Vertrauensverhältnis zwischen Regierung und Volk, das gerade
i h m einfällt und sich f ü r i h n auszahlen soll:
"Dieser Bundesregierung fehlt es offensichtlich an Kraft, zusam-
menzuführen."
Das ist vielleicht eine feine Wiederholung der Wende-Parolen, mit
denen die C-Politiker nun seit Jahren die Menschheit traktieren!
Deutschland verträgt keine Austragung von wirtschaftlichen und
politischen Gegensätzen - "übrigens auch des wirtschaftlichen Er-
folgs wegen" - und die Sozialdemokraten wären die letzten, die
P a r t e i e r g r e i f e n, wenn Politiker und Unternehmer
ihr Arbeitsvolk schädigen, daß es kracht. Ein Volk, eine Führung
- so lautet der politische Traum eines Tugendbolzen an der Macht.
Und diese Moral will er an Kohls Stelle verabreichen!
Was weiß Johannes über die Bundeswehr? Dieser flotte Gewaltappa-
rat der Nation in NATO-Diensten hat es ihm so sehr angetan, daß
er ihn als Opfer schlechter politischer Kunstgriffe bemitleidet.
"Daß beispielsweise unsere Bundeswehr durch unwürdiges Agieren
der politischen Führung dem Gespött in der Welt preisgegeben
wurde, ohne daß dies zu irgendwelchen ernsthaften Konsequenzen
führte, ist unvergessen."
Schwer zu erraten, was diese Konsequenzen wären: Zapfenstreiche
mit einem sozialdemokratischen Kriegsminister, der seine Generale
liebt und ehrt, statt sie der Homosexualität zu verdächtigen!
"SDI, Eureka, Waffenexporte Südafrika, Dritte Welt" - auch diese
Großtaten einer auf weltweite Einmischung stolzen Nation erwähnt
Bruder in Christo Johannes Rau. Aber nur, um sie als "wichtige
Fragen unserer Nation und der Weltpolitik" hochleben zu lassen.
Kritik hat er an diesen Sachen, die partout keine "Fragen" sind,
keine. Außer, daß in den Streitereien um die schönste Schönfärbe-
rei in bezug auf den innperialistischen Anspruchskatalog der Na-
tion etwas kaputtgehen könnte. Was?
"Das schadet unserem Ansehen im Ausland."
Schließlich noch der geläufige Wunsch nach einer s t a r k e n
F ü h r u n g, die sich durch nichts und niemanden in ihrer Ent-
scheidungsfreude behindern läßt. Rau will einen Kanzler und ein
Kabinett ablösen, in dem seiner Meinung nach
"fällige Entscheidungen und Erwartungen an den politischen An-
stand allzuoft durch Aussitzen erledigt werden."
Dieser Sozialdemokrat bietet also in Form und Inhalt ganz offen
eine Alternative an, die sich in nichts von den Wende-Politikern
unterscheidet. Deren Erfolgsrezept ist auch seines. Und mit die-
sem Rezept schleimt er sich bei den Wählern an:
"Ich vertraue auch hier Ihrem Urteil, zur richtigen Zeit."
Auch eine Art klarzustellen, daß Wählen verkehrt ist. Oder?
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