Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Brandt geht - Vogel kommt - Die SPD bleibt bei ihrem "Arbeitneh-
mer"-Programm:
PATRIOTISMUS FÜR PROLETEN
Die SPD hat einen neuen Vorsitzenden gewählt: Vogel statt Brandt.
Bei Gelegenheit wurden vom alten und neuen Parteichef Reden ge-
schwungen - "große Reden", war hinterher zu lesen -, in denen es
hauptsächlich um so wichtige Anliegen ging wie "eine Stimme", mit
der die SPD in Zukunft sprechen soll. In diesem Zusammenhang kam
unter anderem auch der angeschissene "Berufsstand" vor, den man
hierzulande so vornehm "Arbeitnehmer" nennt. Deren Partei will
die SPD nämlich bleiben, so wie sie es - nach SPD-Geschichts-
schreibung - schon immer war; nun und immerdar und in Ewigkeit
Amen.
Noch bevor Zweifel aufkommen konnten, was mit diesen Beschwörun-
gen gemeint wäre, wurden sie ausgeräumt: Die SPD will "Arbeiter-
Partei" sein, weil sie sonst keine Chancen hat, in Wahlen an die
Macht zu kommen. Genauso wie sie andererseits die Partei der
"Aufsteiger", der "Jugend", der "Frauen", der "Rentner" und der
"Lehrer" sein will, weil sie ohne deren Wahlstimmen auch nicht an
die Macht kommt. Das war wirklich einmal Demokratie in ihrer
leicht faßlichen Grundform: Eine Partei deutet auf die Leute, von
denen sie gewählt werden will, damit diese Leute sie wählen.
Auf die Lohnarbeiter und Gehaltsempfänger der Nation wurde aber -
auf diesen Unterschied zu anderen Parteien hat die SPD wieder
viel Wert gelegt - ganz besonders heftig gedeutet. Es wurde glatt
so getan, als wäre die häufige Wiederholung des Wortes.
"Arbeitnehmer" schon ein ganzes Programm, das sich von dem der
anderen Parteifügel, die vor allem für andere Bevölkerungsgruppen
zuständig sein wollen, deutlich unterscheiden würde. Das war den
SPDlern so wichtig, daß sie es gleich überhaupt nicht mehr für
nötig gehalten haben, den "Arbeitnehmern" hierzulande groß zu er-
klären, was für ein Programm sie mit ihnen vorhaben.
Man muß allerdings zugeben: Eine solche Erklärung ist wirklich
überflüssig. Die Typen, die sich als geborene und verschworene
Anwälte aller "Arbeitnehmerfragen" aufspielen, sind tatsächlich
selber ein Programm, das nicht mißzuverstehen ist. Die Gewerk-
schaftsprominenz, die für die SPD im Bonner Parlament rumhängt -
Hermann Rappe von der IG Chemie als Musterexemplar an der Spitze
-, ist unzweideutig d a g e g e n, daß in der ordentlichen Bun-
desrepublik irgendwo herumkritisiert und herumprotestiet wird.
Für sie ist die Bundesrepublik nämlich nicht bloß furchtbar or-
dentlich, sondern schwer in Ordnung. Sie könnte allenfalls noch
etwas gründlicher in Ordnung sein, wenn Sozialdemokraten das
Wirtschaftswachstum betreuen, die Arbeitslosen nachzählen und die
Bundeswehr aufrüsten dürften. Das ist schon die ganze programma-
tische Botschaft der SPD ans "arbeitende" Volk.
Was das letztere davon hat, ist in weltlichen Gütern gar nicht
anzugeben. Es handelt sich da nämlich um eine etwas verzwickte
Errungenschaft: Die SPD steht dafür ein, daß auch das benutzte
oder als unnütz aussortierte Volk ein abgrundtiefes Recht darauf
hat, mit diesem Staat nur um so heftiger einverstanden und - ko-
ste es was es wolle - z u f r i e d e n zu sein. Der Lohn reicht
nicht, die Rente ist erst recht zu knapp? Macht nichts: Die SPD
paßt darauf auf. In der Stahlbranche und anderen Betrieben werden
Leute entlassen, die ihr Lebtag keinen Lohn mehr verdienen wer-
den? Macht nichts, die SPD "rettet" die übrigen Arbeitsplätze.
Die Arbeit, mit der die bundesdeutsche Wirtschaft so konkurrenz-
tüchtig ist, macht die dazugehörigen "-nehmer" gesundheitlich ka-
putt? Macht nichts, die SPD hilft der Regierung die Kosten im Ge-
sundheitswesen zu dämpfen. Die zum Betrieb latschenden Massen
werden als Menschenmaterial für immer neue "Wirtschaftswunder"
und Bundesdeutschlands Weltgeltung verschlissen? Macht nichts, im
Gegenteil. Die SPD sorgt dafür, daß der Dienst der Massen schul-
terklopfend anerkannt und daß ihr Verschleiß mit viel Ehre vergü-
tet wird. Für die kann man sich zwar nichts kaufen - aber das ist
ja gerade der Witz: Die SPD will die "Arbeitnehmer" nicht reich
machen, sondern zu stolzen Patrioten; zu Leuten, die die nützli-
chen Trottel der Nation s i n d und g e n a u d a s für
i h r e E h r e halten, auf die sie nichts kommen lassen.
Die "Arbeitnehmer"-Politik der SPD geht also denkbar einfach. Sie
verspricht nichts und will auch gar nicht darauf hinaus, daß die
einzufangenden "Arbeitnehmer" sich von ihr etwas Materielles ver-
sprechen. Sie besteht in der Hauptsache einfach aus dem Stand-
punkt, daß kein noch so beschissenes dasein ein Einwand sein darf
gegen das Recht, mit dem bundesdeutschen Kapitalismus zufrieden
zu sein, sich darin zu Hause zu fühlen und die D-Mark für großar-
tig zu halten, auch wenn man dauernd zu wenig davon hat.
Das sozialdemokratische Problem liegt bloß darin, daß CDU und CSU
h a a r g e n a u d i e s e l b e "Arbeitnehmer"-Politik be-
treiben. D e s w e g e n legt die SPD soviel Wert darauf, sich
mindestens dreimal so oft, also zehnmal so glaubwürdig als
"Partei der Arbeitnehmer" zu bezeichnen, wie die C-Gruppen es in
der gleichen Zeit hinkriegen. Deshalb zeigt sie auch so gerne die
Gewerkschaftsführer in ihren Reihen vor. Dem einzelnen
"Arbeitnehmer" erwächst damit die Freiheit, bei der Wahl zu ent-
scheiden, ob ihm diese Tour besser gefällt. Genau das ist es, was
er w i r k l i c h von der SPD hat.
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