Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Der Standortkommandant tritt zurück:
       

ÜBLER NACHRUF AUF EINE GLAUBWÜRDIGE CHARAKTERMASKE DER STAATSGEWALT

Bürgermeister v. Dohnanyi hat sich aus seinem Regierungsamt ver- abschiedet. Nach 20 Jahren engagierten Wirkens in den Etagen der S t a a t s m a c h t hat er, der Politik schon immer ein wenig anspruchsvoller als seine Politkumpane zur Herausforderung an seine hervorragenden Fähigkeiten umzulügen wußte, zunehmend die F r e u d e verloren. Die elitäre Arroganz eines Menschen, der seinen Beruf, anderen Leuten mit Rechtsgewalt ihre Lebensumstände zu diktieren, unter demselben privaten Erfolgsmaßstab wie die schöngeistige Lektüre eines Buches bilanziert, hat allen Mei- nungsprofis, die der Rücktrittsbegründung des Bürgermeisters an- dächtig gelauscht haben, sofort eingeleuchtet. So sehr, daß sie sich, von der TAZ bis zu Springers Volkspresse, umgehend auf die Suche gemacht haben, was genau ihrem Chef die Freude an der Macht verdorben haben muß. Angefangen von dem Wunderstück Hafenstraße, deren Befriedung noch nicht total genug ausgefallen sei, über die Betonfraktion in der Regierungsmannschaft, die den weittragenden Intellekt ihres Bürgermeisters nicht zur Wirkung kommen ließ, bis hin zur fehlenden Richtlinienkompetenz, an der die kritische Öf- fentlichkeit ihre Sympathie für unbehinderte Führerschaft eines überlegenen Politikers laut werden ließ - alle in die Öffentlich- keit beförderten Motive für seinen Abgang ließen Dohnanyi als Ab- schiedsgeschenk den hemmungslosen P e r s o n e n k u l t zu- teil werden, auf den diese Polittype die Selbstdarstellung seiner Person während und zur Ausübung der Staatsgewalt berechnet hat. Die Stilisierung zum Politiker mit Ausnahmequalitäten, in dem sich, durch seine Titel quasi amtlich beglaubigt, Bildung und Adel gelungen zum Machthaber von außerordentlichem Format verei- nen; der seine machtverwöhnte Arroganz als gebührliche Distanz des gewandten Staatsmannes zur einfacheren Menschheit ausspielte; der sich der protzigen Zurschaustellung des Reichtums der Stadt Hamburg als dezenter Repräsentant zur Verfügung stellte - das war der plumpe Trick, mit dem Dohnanyi seinem Wählervolk, alle Klas- sen übergreifend, sich und seine extraordinäre Persönlichkeit als Maßstab der politischen Meinungsbildung anbot. Mit Erfolg, wie nicht nur seine ununterbrochene Ermächtigung per Wahl zeigt. Alle Nachrufe, die nach der Verkündung seines Rücktritts öffentlich- rechtlich durchdacht oder spontan aus Volkes Mund verfaßt wurden, demonstrieren anschaulich, wie erfreut im demokratisch politi- sierten Verstand institutionalisiert ist, wo seine Zuständigkei- ten im Beurteilen des politischen Geschehens liegen: Seine Einmi- schung konzentriert sich auf die kritisch-routinierte Würdigung von Stil, Figur und Fähigkeiten eines Machthabers - und hält es für eine ganz andere Sache, nämlich für entschieden uninteres- sant, was der mit aller Herrlichkeit der Staatsmacht ausgestat- tete Politiker Dohnanyi an politischen Leistungen ---------------------- vollbracht hat. Die sind nämlich gar nicht ohne. Immerhin sind ein paar von Hamburg aus betreutes, die staatlich organisierte Verarmung der Bevölkerung, eine mit Massenentlassungen abge- wickelte Werftenkrise und die polizeistaatlich garantierte Freiheit des Demonstrierens von bleibenderem Wert als die Attitüden und Selbstinszenierungstouren einer Herrscherfigur, in die sich aufgeklärte Zeitgenossen so liebend gern eindenken. Eingeführt ins Amt hat sich Dohnanyi als personifiziertes Ende einer Debatte. Im Streit um den Ausbau der Kernenergie ---------------------- anläßlich des Reaktorbaus in Brokdorf hatten sich sein Vorgänger, der frühzeitig das laufende Atomprogramm mit einer längerfristi- gen Ausstiegsdebatte angereichert sehen wollte, die ausdrücklich keinen geplanten Bau verhindert oder ein laufendes Kraftwerk stillegt, und die Pro-Atom-ohne-wenn-und-aber-Fraktion, also die immer schon notorischen "Parteirechten", die es den weitblicken- den Geistern an der Macht so schwer machen, darauf geeinigt, daß die Klose-Karriere mit dieser brandneuen Perspektive lieber an anderer Stelle fortgesetzt werden sollte. Der neue Bürgermeister Dohnanyi bestimmte in seiner ersten Amtshandlung, daß die Hambur- ger - die in dem ganzen Streit selbstredend nichts zu melden hat- ten - der sozialdemokratischen Querelen ums Atom überdrüssig sind. Darum hat die Debatte auf den höheren politischen Ebenen nicht mehr geführt zu werden, sondern ist entschieden - zugunsten Brokdorfs und des gesamten unverzichtbaren Programms. Mit dem Austausch des Primus vom Senat war jede weitere Kritik an der friedlichen Kernenergienutzung verboten und ging höchstens noch zur Wählerbetörung an der Uni und ähnlichen Anstalten durch - bis Tschernobyl. Seitdem laufen auch mit Dohnanyi die AKWs, in den Hamburger Aktien stecken, mit der original sozialdemokratischen Perspektive dereinstiger Überflüssigkeit. Oberstes und ihm sichtlich Freude bereitendes Anliegen des Abge- tretenen war es, der Reichtumsproduktion des Privateigentums alias die Wirtschaft nicht nur billigen Atomstrom und nahelie- gende Abladeplätze für ihren giftigen Müll, sondern überhaupt ein rundum gesundes Klima, das den Geschäften gut bekommt, zu Verfü- gung zu stellen. Die mittelalterliche Hansestadt wurde zum moder- nen "Unternehmen Hamburg" --------------------- befördert. Daß ein prächtiger "Standort" für die unternehmungslu- stige Geschäftswelt, deren Laden läuft, gleichzeitig auch gut ist für den größeren Teil der Standortbesatzung, mit denen immerzu etwas unternommen wird, wird dauernd praktisch dementiert: neben kleineren und mittleren Massen in anderen Gewerben ist einigen Zehntausend Schiffbauern Arbeit und Lohn gestrichen worden, so daß sie sich mit einer sozialen Abfederung über Wasser halten dürfen. Ein gesichertes und reichliches Einkommen der Arbeiter gehört eben nicht zum grandiosen Programm der Wirtschaftsförde- rung. Für diese Mitwirkenden am großen Unternehmen ist aus- schließlich vorgesehen, daß sie bei Bedarf zu Diensten sind. Die Abhängigkeit vom Geschäftsinteresse gehört nicht zu den staatlich bekämpften Suchtkrankheiten; auf dieser harten Grundlage mit ga- rantiertem Sachzwangcharakter betreibt die Standortführung um- sichtige Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das verschafft den Op- fern der großen Unternehmerei eine gerechte Betreuung. Die Versorgung mit ideellen Gütern klappt bestens: Jedes neue und erweiterte Geschäft kommt als "Schaffung von Arbeitsplätzen" daher. Wenn die vom gelobten Standort abhängig Gemachten auf keinen grünen Zweig kommen, sind auf keinen Fall die maßlosen Ansprüche des großen Unternehmens schuld. Das fällt nicht in den natürlichen Bereich von Verantwortungsträgern. Eher liegt's am ungerechten Länderfinanzausgleich, den früher niemand kannte, bis er von Dohnanyi unermüdlich vorbuchstabiert wurde. So kann an den Truppen am Standort nur gespart werden. Die zu knappen Geldmittel, die bei Investitionen aller Art kein Problem sind, machen eine kleinliche Rechnung auf zwei Stellen hinterm Komma unumgänglich, wo es um Ausgaben geht, die der Bezieher nur unproduktiv ausgibt. Z.B. für ständig steigende städtische Gebüh- ren. So sorgt die Standortpolitik für Verarmung. Großzügiger im Ausgeben des knappen Geldes ist das Unternehmen Hamburg, wenn es um seine ureigensten Bedürfnisse geht: Überdachte Ladenkassen und mehrgängige Speisungen von Ausbeutern und Kulturaffen beim Bür- germeister im Rathaus gehören zur Grundausstattung. "Repräsenta- tionskosten" nennt man das, wenn die Politik mit i h r e m Reichtum ihre Macht zur Schau stellt und damit auch klarmacht, daß der "Wirtschaftserfolg Hamburg" zuallererst eine Potenz der Herrschaft ist. Die "Lieben Mitbürger", die für diese Potenz mit und ohne Arbeit einstehen, dürfen sich dafür nicht nur in ihrer Armut häuslich einrichten, sondern den Reichtum "unserer Stadt" auch noch bewundern und Anteil nehmen, wenn ihnen ihr na- delgestreifter Ober-Bourgeois einen waschechten Waliser Prinzen mit Ohren und Di präsentiert, daß jedem ordentlichen Sozialhilfe- empfänger ob des pompösen Geld-, Geist- und Charakteradels die Augen übergehen - darüber, wozu "wir" es allenthalben bringen. Zum Hafengeburtstag - nächstes Jahr gar zum 800. - ist dem Senat nicht nur nichts zu teuer, sogar das Volk darf das Herzstück des "Unternehmens Hamburg" ungetrübt genießen und beim abschließenden Feuerwerk über soviel Pracht zufrieden "Ahh!" rufen. Die verdienstvolle Aufgabe des gewöhnlichen Hamburgers ist es also, die Kosten des Standorts zu tragen und keine Kosten zu ver- ursachen. Die Bekundung abweichender Meinungen im Reich der Demonstrations- freiheit ist eine Angelegenheit der Inneren Sicherheit: ------------------- Wer irgendeinen Protest anmeldet, begibt sich in den Zuständig- keitsbereich der Polizei. Mit seinem Wunder der Staatsgewalt, die frei disponiert mit ihren Möglichkeiten der verhandlungsmäßigen und so überaus friedlichen Drohung oder des brutalen Abräumens, hat Dohnanyi den Anhängern alternativen Wohnens in der Hafen- straße vorexerziert, wie auf Protestkundgebungen eingegangen wird: entweder geht Alternativwohnen gemäß den Vertragsbedin- gungen Dohnanyis, oder gar nicht - und das bedeutet eine bürgerkriegsmäßige Übung zur Widerherstellung der Ordnung. Der gar nicht wundersame Erfolg der friedlichen Erpressung mit den nachdrücklichen Polizeieinheiten dahinter verschafft dem Ordnungsstifter Dohnanyi jede Menge Anerkennung für Nicht-Räumung der Hafenstraße auch und gerade bei denen, die staatlicherseits als "Protestpotential" definiert und entsprechend besichtigt und behandelt werden. Die Wunder-Linie gilt ohne größere Aufregung hervorzurufen bei sämtlichen Demonstrationen auf Hamburger Boden. Ein eindrucks- volles Polizeiaufgebot stellt jeden Protest vor die Wahl, frei- willig abzudanken oder im anderen Fall das Zuschlagen der Staats- gewalt nötig zu machen. Das erspart in bester liberaler Manier zu lange währende Einkesselungen. Daß ihm die eindrucksvolle Herrscherbilanz in den 7 Jahren Bür- germeisterei von irgendeinem Hamburger in Senat, Partei, Opposi- tion oder auf der Straße übermäßig schwer gemacht worden wäre, läßt sich nicht behaupten. Dohnanyis Ansprüche an die Führungskultur sind darüber nicht kleiner geworden: als Enge des Amtes, die auf die Entscheidungsfreudigkeit drückt, beklagt er rückblickend, daß er sich immer mit Parteifreunden, Koalitionspartnern, und sonsti- gen besserwissenden Gremien herumärgern muß, die überall ihren Senf zugeben und gewürdigt sehen wollen. Insofern ist der ganze demokratische Zirkus eine einzige Behinderung des eigentlichen Entscheidungsträgers, und die dauernde Versicherung von Mehrhei- ten fürs Zuschlagen eine moderne Form von "Ausbeutung" des bedau- erten Politiktreibenden. Kleinliche Hausmachtinteressen aus Bergedorf-Süd kommen der Weitsicht des Oberhaupts zwar nicht in die Quere, sind aber einfach da und stören deshalb. Das ver- schleißt den Chef der Kommandohöhen. Daß er sein Haus bestens be- stellt hat, zeigt das ausnahmslos positive Echo, das sein Lamento eines amtsmüden Herrschers findet. Eine führerunwürdige Behand- lung hat dieser "große Mann" nicht verdient, den alle je nach Vorliebe verehren - "macchiavellistisch" (SZ), "wie Weizsäcker" (Heidi Kabel), "wie Klose" (TAZ) -; kein Wunder, wenn er sich jetzt lieber selbst kennenlernen will, statt anderen vorzuschrei- ben, wo's langgeht. Trotz der unmenschlichen Beschränkung der Macht durch das Bürger- meisteramt - es hat sich freiwillig sein Nachfolger Voscherau ge- funden, die bewährte Politik wird weitergeführt. Was verlorengeht, ist die typische Dohnanyi-Tour der herrschaft- lichen Selbstdarstellung. Werden wir je wieder eine Führungs- stärke erleben, die ohne jede Kompetenz für Richtlinien die "Chefsachen" nur so an sich zieht? Einen Demokraten, der trotz aller Vorbehalte gegen diesen schwierigen Entscheidungsweg es auf nicht weniger als 4 Wahlen in 7 Jahren bringt? Eine Entschei- dungskraft, die immer den richtigen arroganten Ton gibt, wenn es abschlägige Bescheide zu erteilen gibt? Und doch so sensibel hin- ter den Nadelstreifen, wenn z.B. ein Amtsbruder baden geht? Wird je wieder ein Bürgermeister die Arme so unnachahmlich vor dem Brustkorb verknoten können? Sich so staatsmännisch ans grabschen unter Zuhilfenahme eines Blicks, von dem einen die Bildunter- schrift aufklärt, daß es sich um einen nachdenklichen solchen handelt? Obwohl er für diese Geistestätigkeit nachweislich gar keine Zeit hatte! Werden wir nochmal mit einem Tatendrang ver- wöhnt, der ein Buch pro Woche schafft und noch ein paar anbricht? - Voscherau liest nur sein Lieblingsbuch "Käpt'n Hornblower", stammt aber immerhin aus einer Künstlerfamilie, spielt Hockey, wandert auf Sylt. Und fordert gleich vorweg weniger Enge im Amt. Auch für Unterhaltung bleibt gesorgt. zurück