Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 38, 09.06.1981
Die "vom Hauch jugendlicher Tragik umwehte Hamlet-Figur", "unser
Uli" KLOSE tritt ab:
RÜCKTRITT FÜR DIE FORTSETZUNG EINER KARRIERE
(Die SPD von morgen)
Womit der Kanzler drohte, um seiner "Verantwortungsethik" (das
ist das notorisch gute Gewissen desjenigen, der die Regierungs-
verantwortung trägt) gegen die "Gesinnungsethik" (das sind die
gewissenlosen Friedensappelle von kritischen Christen, Kommuni-
sten und linken SPDlern), in der eigenen Partei Nachdruck zu ver-
leihen - Hans-Ulrich KLOSE tat es völlig überraschend für seine
Senatskollegen und nach einer einsamen, nur durch seine Frau ge-
störten Besinnungspause: Er trat zurück, weil in seinem Fall die
bloße Drohung, den Kritikern und Kontrahenten die Regierungs-
spitze in seiner Person zu rauben, nicht ausreichte.
Es ist schon zum Kotzen: da entschließt sich ein M a c h t-
h a b e r von seinem Amt zurückzutreten - wofür er schon seine
Gründe haben wird - und alle Welt einschließlich derer, über die
er die Macht hatte, ist "überrascht", "entsetzt", "erfreut" oder
sonst was - mal ganz abgesehen von den schreibenden Hofschranzen,
die mit Kommentaren und Bildern - Uli mit Sohn Johannes (ganze 3
Jahre - mein Gott, ist der KLOSE nett!) auf dem Fahrrad usw. das
Material für diese Anteilnahme liefern.
Dabei könnte es den Hamburgern ja wirklich scheißegal sein,
w e r ihnen die nächste Strompreiserhöhung etc. beschert - aber
nein: d i e s e s Interesse an der Politik wollen sie sich
nicht nehmen lassen. W a s der und nächste mit ihnen anstellen,
haben sie offenbar geschluckt, und dazu paßt prima, daß sie sich
unbedingt eine Freie-Hansestadt-Meinung leisten wollen nach dem
Motto: "Was wird jetzt aus H a m b u r g und aus Hans-Ulrich
KLOSE?"
Ziemlich emanzipiert, diese Hamburger: Sie tragen genau die Ge-
schmacks- und Stilfragen als Maßstab ihres Für und Wider an die
Politiker heran, nach denen diese sich in der Öffentlichkeit be-
urteilt sehen wollen.
Elisabeth Strack (37): "Der hat kein Einfühlungsvermögen bei den
Einfachen Leuten. Er schwebt auf einer geistigen Ebene, die die
wenigsten verstehen."
Therese Schnitzer (42), Hausfrau: "Klose war einer der wenigen
Politiker, die Mut gezeigt haben. Er ist voll hinter seiner Mei-
nung gestanden, die er immer vertreten hat. Er war ehrlich und
intelligent."
Ein begnadeter Staats-Schauspieler
In gekonnter Ausnützung dieser Untertanenhaltung versteht es
KLOSE ganz hervorragend, die Selbst-Stimulierung seiner Person
als Mittel der Macht einzusetzen: In der Pflege des
S c h e i n s, sich von der Politik, die er treibt zu distanzie-
ren, hat er es weit gebracht:
Ständig ringt er öffentlich mit sich um Entscheidungen, die er
gefällt hat, und zweifelt an dem, was er macht, monatelang publi-
kumswirksam herum:
"Wenn in der Extremistenfrage der Begriff der freiheitlich-demo-
kratischen Grundordnung wieder umdefiniert würde als ein Begriff,
der einengen, strangulieren soll, dann wäre das für mich wohl
hart am Rande dessen, was ich (!) ertragen könnte. Dann würde ich
mir überlegen, ob ich das noch mittragen kann."
Bekanntlich konnte er - dem von ihm in die Welt gesetzten Gerücht
keineswegs zum Trotz - prima: Er wandelte sich vom Berufsverbots-
befürworter mit Augenmaß; genauso leicht wie vorn Kraftwerksmit-
beschließer zum Wärmekraftwerkenergetiker mit 50%igem AKW-Anteil.
Ständig ist er überhaupt die ärmste Sau auf der Welt, weil's ja
e r ist, der die Politik, die er gar nicht so recht machen
m a g, machen m u ß:
"Im Arbeitszimmer des Hamburger Bürgermeisters hängt... ein Bild.
Es zeigt: das Kreuz, Maria weinend, ein Engelsprofil, eine Wolke,
eine Sonne. Und das Gesicht von Hans Ulrich Klose. So sieht der
Wahlsieger und Malerdilettant sich selbst. Die Politik als Opfer-
gang."
Und ständig ist er der menschlichste Mensch, den die Politik je
gesehen hat:
Da erzählt er immerzu, daß auch "er immer mal Fehler macht", auch
als Bürgermeister "Anlässe habe, sich zu betrinken" und überhaupt
auch seine "Emos" brauche.
Allen in allem: In KLOSE liegt eine recht gelungene Charakter-
maske der Macht vor, die mit ihrem Markenzeichen
"Glaubwürdigkeit" des Politikers als Mensch - Sicherung der Sym-
pathie bei den Untertanen eine ganze Menge Konkurrenten auspunk-
ten konnte.
...kalkuliert seine Chancen
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Ja, wenn der Kanzler noch unumstritten regieren würde, gerade
Wahlen anstünden, wo man kritische Wählern für die Regierung und
nicht die parteiinterne Opposition für sich zu gewinnen hat; wenn
nicht im nächsten Jahr in Hamburg gewählt würde, und sich KLOSE
in der Brokdorffrage soweit festgelegt hätte, daß ein Aufschub
der internen Auseinandersetzung bis nach den Wahlen ihn offiziell
in den Ruch gebracht hätte, normaler Parteitaktiker zu sein; wenn
ihn nicht der "Schulterschluß" mit seinen Parteigenossen zwecks
demonstrativer Einigkeit vor dem Wahlvolk die Stimmen zu kosten
droht, auf die er sich gerade stützt; wenn es einen Kompromiß ge-
geben hätte (und jahrelang gab es ihn ja!), der sich für ihn loh-
nend ausnimmt; oder wenn es nur die "Parteibasis" und nicht der
Landesvorstand und die Mitsenatoren gewesen wären, die eine an-
dere Linie verfolgen - Uli KLOSE, wie ihn Genosse, Freund und
Feind anerkennend schimpft, hätte es sich wohl noch einmal über-
legt, ob er gegen die "Gewissensentscheidung" seiner Hamburger
Parteimitoberen öffentlich seine "Systemfrage" gestellt hätte:
"Nach welchen Kategorien gestalten wir unsere Zukunft? Geht es um
den gesellschaftlichen Nutzen oder - den Gesetzen des Marktes
folgend - immer nur um die Realisierung des technisch Machbaren
und den (angeblich) wirtschaftlich Profitablen? Entscheiden wir
blind oder bewußt? Und wer entscheidet?"
Glaubwürdig bis ins zweite und dritte Glied
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So aber entschied sich der SPD-Bürgermeister dazu, im Bundesland
basiswirksam das weitsehende Opfer zu spielen und endgültig das
mit seinem Gewissen nicht mehr vereinbaren zu können, was er jah-
relang vereinbart hat. Das Ideal zukunftsorientierter, gesell-
schaftlich nützlicher, technisch machbarer und wirklich profi-
tabler, unbehelligter Politikerentscheidung formuliert er dabei
so systematisch in Richtung Parteimitglieder, daß das Jungvolk
auch gleich zu Solidaritätsdemos für den abgetretenen Jungmacher
aufbrach. Das Versprechen:
"Ich selbst werde jetzt dort weiterarbeiten, wo ich angefangen
habe: an der Basis.",
stimmt : Hier schafft sich einer, der zuwenig Macht besaß, um die
zu ihrer Erhaltung nötigen Arrangements schließen zu wollen, der
aber zuviel besaß, um nicht für seine Person mit ihrer Stärke zu
kalkulieren, systematisch die alternative Basis für eine Karriere
gegen die Führungskonkurrenten. Der schwäbische Landesvorsit-
zende, der ebenfalls die Kunst beherrscht, sich zum Fürsprecher
des Unmuts über die gegen alle SPD-Ideale rücksichtslose Regie-
rungspolitik zu machen und das bessere Zukunftsgewissen der SPD
zu verkörpern, hat gleich erkannt, daß hier ein "Eppler des Nor-
dens" an seine Seite tritt, und spricht die Erwartungen der 2.
Garnitur auf kommende Führungsaufgaben aus:
"Was immer im einzelnen der Anlaß war, die Partei wird Uli Klose
eines Tages dringender brauchen als die, die seinen Rücktritt
mitbewirkt haben."
Es stimmt ganz und gar nicht, daß "mit Kloses Schritt ein wei-
teres Stück (!) Glaubwürdigkeit aus der sozialdemokratischen Po-
litik verschwindet". Erstens verschwindet er ja gar nicht, und
schon gar nicht aus der SPD-Politik; zweitens stärkt er zumindest
seine Glaubwürdigkeit, bietet sich also - gerade weil er die
gegenwärtige offizielle Politik nicht mehr "mitverantworten kann"
- für die vielen Parteimitglieder an, die wieder besseren
Gewissens für die Führungsmannschaft stimmen wollen, dazu aber
natürlich die entsprechend sauberen Typen brauchen.
"Ich will gern wieder in einer Situation sein, in der ich mich
deutlicher und unvorbelastet von einem Amt zu manchen Fragen
äußern kann. Ich will häufiger wieder Nein sagen dürfen da, wo
man Nein sagen muß."
Damit hat KLOSE das Programm seiner zukünftigen Karriere (die
längst schon weitergeht - SPD-Landesvorsitzender?) ausgesprochen:
sich als der Wahrer genuin sozialdemokratischer Politik aufzufüh-
ren, der "das Notwendige" als hart umkämpftes ausgibt und so für
die E n t s c h e i d u n g s - F r e i h e i t der Politik
sorgt.
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