Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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IRING FETSCHER BEI DEN JUSOS
Die SPD hat es nicht leicht. Seit die CDU regiert, kann sie die
Wähler nicht mehr mit dem schlagkräftigsten 'Argument' von ihrer
Politik überzeugen, das einer Partei zur Verfügung steht: Durch
souveräne Entscheidungen zu zeigen, daß ihre Politik gemacht wird
und sonst nichts. So schlüpft denn die SPD in die Rolle des Vor-
denkers und schickt sogar einen waschechten Professor mit natio-
nalem Ruf auf eine Unterbezirksveranstaltung der JUSOS.
Iring Fetscher, erprobtes Mitglied der SPD-Grundwertekommission
und in der Provinz immer noch vom Ruf des "Marxologen" zehrend,
war also zu Gast bei den hiesigen Jusos. Fetscher sollte zum
Thema "Ökologie und Sozialismus" vordenken, wozwischen er folgen-
den Gegensatz entdeckte:
"Im Godesberger Programm ging man noch davon aus, daß das ständig
steigende Wirtschaftswachstum die Voraussetzung für die Stei-
gerung von Profiten und Löhnen und eben für so ziemlich alls sei.
Doch es hat sich gezeigt, daß wir (!) durch ständige Steigerung
der Produktivität bei der Herstellung der Güter unsere Umwelt
zerstören."
Der Professor ließ keinen Augenblick Zweifel aufkommen, daß sich
in seinem Kopf die unübersehbaren Fortschritte des kapitalisti-
schen Produzierens hierzulande bruchlos übersetzen in die euphe-
mistisch "Wachstum" genannte optimale V e r s o r g u n g der
Bevölkerung mit "Gütern" zu deren Bedürfnisbefriedigung. Ganz so,
als seien die vom "Unternehmer" verausgabten Gelder zur Beschäf-
tigung seiner Arbeiter nicht K o s t e n, also Abzug von dem zu
erwirtschaftenden Gewinn, auf den es ihm ankommt. Als sei der
Lohn ausgerechnet dazu erfunden worden, um den Proleten den ge-
rechten Teil an dem von ihnen produzierten gesellschaftlichen
'Kuchen' zukommen zu lassen.
Die harmonisierende Betrachtung des gesellschaftlichen
G e g e n s a t z e s, auf den Fetscher sich bezog, ist das Re-
sultat einer Denkweise, die die ganze Gesellschaft nur mehr in
den Kategorien des n a t i o n a l e n Fortschritts wahrnimmt.
Und im Namen von d e s s e n Betroffenheit ging er mit "uns"
(damit meinte er natürlich "uns" alle gleichermaßen) umso schär-
fer ins Gericht:
Natürlich ist dem Wissenschaftler nicht entgangen, was unschwer
jeder Zeitung zu entnehmen ist: Daß die inkriminierten Dreck- und
Giftmengen, für die e r "unseren" Versorgungsanspruch mit Gü-
tern verantwortlich macht, weder auf Anweisung irgendeines
"Arbeitsplatzbesitzers" in die Welt gesetzt werden, noch auf das
Konto der Anwendung der Technik als solcher gehen.
Das wäre ja auch ein schöner Widerspruch: Eine Produktion, die
einzig dem Wohl der Produzenten diente - die damit zugleich deren
Leben und Gesundheit permanent gefährdete.
Tatsächlich handelt es sich um das Resultat einer möglichst ko-
stengünstigen betriebswirtschaftlichen Kalkulation, von deren
Standpunkt aus jede Mark, die für die Erzielung eines Gewinns
nicht unbedingt notwendig ist, einen A b z u g vom Gewinn dar-
stellt. Dieses Prinzip ist der Grund für die Rücksichtslosigkeit
gegenüber den natürlichen Voraussetzungen der Produktion (wozu
nicht zuletzt der Arbeiter selbst zählt). Da es ums Geschäft
geht, stellen sich zwangsläufig Wirkungen ein, die der Gesundheit
der Leute einigermaßen abträglich sind.
Doch mit dieser schlichten Auskunft ist natürlich kein Staat zu
machen: Schließlich ging es Fetscher darum, die stinknormale Ver-
seuchung von allem und jedem als ein P r o b l e m vorstellig
zu machen, für das sich die Politik im Namen der Höchstwerte
"Umwelt" und "Natur" zuständig erklärt. Opposition, das hat Fet-
scher kapiert, imponiert nicht mit K r i t i k oder auch nur
unter Berufung auf das Wohl von irgendwem. Vielmehr arbeitet sie
am selbstgefälligen Aufweis dessen, daß ihre Politik als Konse-
quenz einer langfristigen Orientierung an Grundwerten verstanden
wird.
In deren Namen hatte er denn auch ein paar süße Kompensationen
für den materiellen Verzicht, den er "uns" im Namen der SPD vor-
zuschlagen hätte:
"Für manche ist es schwerer, für andere leichter, sich damit ab-
zufinden, daß nicht mehr alles wachsen kann. Menschen können aber
auch glücklicher sein, wenn sie weniger konsumieren. Als Verbes-
serung des Lebens stelle ich mir vor: Verbesserung der Bildungs-
angebote, Bildung in Kunst und Geschichte, Erweckung von Natur-
verständnis. Insgesamt eine Ausweitung der kulturellen Teilhabe."
Und so landete man auf umständliche Weise doch noch beim eigent-
lichen Thema des Abends:
"Wo sind die Kräfte, die solche Vorstellungen durchsetzen können?
Es wäre zu optimistisch zu glauben, daß das Bewußtsein der Men-
schen so schon in Ordnung ist... Die SPD muß sich aber auf das
Bewußtsein der Bevölkerung beziehen. Durchsetzung geht nicht von
heute auf morgen..."
Wie man auf "Bewußtsein" einwirken "könnte", von dessen Verfas-
sung man sich gleichzeitig a b h ä n g i g erklärt, das ist die
Lieblingsdebatte in Jusokreisen. Als ideologischer Zutreiber der
Mutterpartei kann man sich so je nach Bedarf von ihr distanzieren
und in ihr zugleich er die weltliche Verkörperung der eigenen -
in diesem Fall reaktionären - Ideale finden.
Der SPD steht dies auch nicht schlecht: E g a l, was sie tut,
e i g e n t l i c h steht dies immer im Dienst von Idealen - wo-
ran man sie aber nicht messen darf.
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