Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 47, 14.12.1981
Wochenschau
IN DER SPD
ist letzte Woche der Streit darüber, ob die Partei "links" säu-
bern müsse um rechts wieder Boden gutzumachen oder ob wie bislang
stramm durch die Mitte regiert und bei Grünen und Alternativen
integriert wird, durch den Westberliner Professor Richard Lö-
wenthal auf akademisches Niveau gehoben worden: Der stellvertre-
tende Vorsitzende der "Wertekomission" hat die eine Seite des So-
zialdemokratismus betont, daß nämlich eine Staatspartei "in einer
arbeitsteiligen Industriegesellschaft" auf "die notwendigen
Zwänge des Arbeitslebens" nicht nur Rücksicht nehmen muß, sondern
ihre vornehmste Aufgabe gerade darin hat, ihrer "Basis in der Ar-
beitnehmerschaft" klar zu machen, daß diese f ü r s i e ein
"Fortschritt" seien, weil ohne sie nix Demokratie und Wirt-
schaftswachstum. Damit kehrte er sich polemisch gegen die
a n d e r e Seite, den sozialdemokratischen Reformidealismus,
der noch in jeder "Protestbewegung" die "gemeinsamen humanen
Ziele" entdeckt, die recht eigentlich in der SPD am besten aufge-
hoben wären und in Realpolitik "umgesetzt" werden müßten. Die
"Krise der Partei" = die Gefahr eines Regierungswechsels in Bonn,
bringt es mit sich, daß diese b e i d e n Seiten, die sich in
Schmidt und Brandt repräsentative Personifizierungen gegeben ha-
ben, nicht mehr "arbeitsteilig" so ohne weiteres funktionieren,
sondern jetzt z w e i Wege zum gemeinsamen Zweck Machterhalt
vorstellen und immer öfter aufeinander losgehen. Löwenthals "6
Thesen" konnten so nicht nur als Angriff auf Brandt aufgefaßt
werden, sie sind auch einer. Da die Partei aber zumindest in ei-
nem Punkt geschlossen ist, sich j e t z t keinen Personenwech-
sel leisten zu wollen, wurde die Kontroverse hochgespielt, um
dann einvernehmlich niedergebügelt zu werden. Etwas plump von
Willy Brandt, der einfach erklärte, Löwenthal greife "indirekt"
den Kanzler an, mit professoraler Heuchelei vom Gelehrten selbst,
der sich "überrascht" gab, daß er in den Verdacht geraten sei,
"in seinen Thesen eine Aktion gegen eine falsche Politik des Par-
teivorsitzenden zu starten" und souverän-hinterfotzig wie immer
von Herbert Wehner, der zuerst die Thesen unterschrieb, damit sie
Furore machen, um sich dann von ihnen zu "distanzieren". Ein blü-
hendes demokratisches Parteileben, das die Öffentlichkeit als
"Parteikrise" gespannt verfolgt, sich also mit der SPD den Kopf
darüber zerbricht, wie und wo sich am aussichtsreichsten das
Stimmvieh für den Machterhalt erhalten läßt.
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