Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen


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       Die SPD nach Brandt
       

FÜHRUNG, FÜHRUNG ÜBER ALLES!

So einen Abgang hatte "unser" Friedenswilly der einhelligen Mei- nung von "Bild" bis "Spiegel" zufolge wirklich nicht verdient, obwohl sein Abgang, darin waren sie sich mindestens genauso ei- nig, längst überfällig war. Mit seinem Rücktritt bewies der SPD- Vorsitzende zum bislang letzten Mal, was er seinem Stimmvieh ein Politikerleben lang vorgelebt hat: So ein edler Mensch ist ei- gentlich viel zu gut für diese Welt und die Niederungen der Poli- tik, die er jahrzehnte lang entscheidend mitbestimmte. Er stand immer für Glaubwürdigkeit in der Politik, in der es so "verlogen" zuging. So tat es seiner Popularität nie einen Abbruch, daß sozi- aldemokratische Wirtschafts- und Sozialpolitik der Wirtschaft weltweiten Erfolg, den Arbeitern nur höhere Leistung, Steuern und Arbeitslosigkeit beschert hat. I h m wollte neue Raketen, che- mische und außerirdische Aufrüstung nie jemand übelnehmen. Pers- hing II hat der Parteivorsitzende nie gewollt, sagt er - b l o ß der damalige stellvertretende Vorsitzende und Kanzler, Helmut Schmidt, hat die Raketenlücke samt folgender Nachrüstung erfun- den. Friedensnobelpreisgekrönt, von Breshnew geküßt und im War- schauer Ghetto auf die Knie gesunken, war Brandt immer der Mu- sterrepräsentant einer Republik, die sich in aller Bescheidenheit an sämtlichen militärischen Machenschaften ihrer Führungsmacht kräftig beteiligt hat, selbstredend ohne damit etwas zu tun haben zu wollen. Er galt immer als guter Mensch und als dieser perso- nifizierte Schein einer friedvollen Welt und Freund aller Neger und Unterdrückten war er der Werbeschlager der SPD noch in jedem Wahlkampf. Zu seinem Pech hat die SPD im Januar bei der letzten Bundestags- wahl allerdings wieder einmal vergeigt, und ein entscheidender Teil der Partei war der Ansicht, daß Brandt "seine wichtigste Fä- higkeit verloren hatte: Die Partei zusammenzuhalten, wenn unter- schiedliche Meinungen aufeinanderprallen". Das ist zwar ein ziem- licher Unsinn, denn das hätte er nach wie vor und genauso gut wie früher gekonnt. War es nicht ewig ein Schlager der Sozis, daß in ihren' Reihen die unterschiedlichsten "gesellschaftlichen Strö- mungen" ihre Heimat gefunden hätten, daß sie die Partei der Ar- beiter und des kleinen Mannes wäre und z u g l e i c h weite Teile der Studentenbewegung eingewickelt hatte; und vorne dran Willy als der Ehrenheini, der die Schmidts und Epplers auf einen Nenner gebracht hätte? Und das soll er verlernt haben? Dazu ge- hörte doch noch nie mehr als sich vor die surrenden Kameras zu stellen und zu bekunden: "Wir sind eine Partei des Dialogs und der politischen Auseinandersetzung." Was Willy Brandt und seine Persönlichkeit betrifft, die beiden hätten das sicher noch lässig bis zum geplanten "glanzvollen Abschied auf dem Parteitag 1988" gebracht. Bloß eins gehört eben noch dazu: Die Partei muß sich führen las- sen. Und ihr war der alte Willy nicht mehr gut genug. Die Demon- stration von "Führungsstärke" war ihr so wichtig, daß sie be- schloß, ihren alten Führer abzusägen und auf einen neuen zu set- zen. Mit dem Beschluß, Vogel zum neuen Brandt zu wählen, glaubten die SPD-ler vor allem e i n e n Schlager gelandet zu haben: Noch am Tag des Rücktritts konnte man den neuen Mann präsentie- ren. Wenn das nicht der unumstößliche Beweis ist, daß die SPD ihre "Führungskrise" beendet hatte, bevor sie richtig begonnen hatte! Vogels neues SPD-Programm lautet entsprechend: "Führung, Führung und nochmals Führung": "Was man dieser Tage da und dort über Strömungen und Flügelkämpfe in der SPD liest, erscheint mir außerordentlich übertrieben. Wenn es das gäbe, dann müßte sich das ja auch in der Bundestagsfrak- tinn widerspiegeln. Dann müßten ja in unseren Fraktionssitzungen ununterbrochen dramatische Auseinandersetzungen stattfinden. Da- von ist überhaupt keine Rede. Im Gegenteil: Wir sind viel einiger als die CDU und CSU." Natürlich wird die alte Masche der Massenbetörung nicht aufgege- ben. Die neue "Führungstroika" teilt sich die Arbeit. Vogel soll die "Nachdenklichen" beeindrucken: "Die Fragen an die Politik werden dringender. Mit den bisherigen Antworten werden wir nicht mehr lange zurechtkommen." Rau ist dafür zuständig, daß die SPD von den Arbeitern gewählt werden will. Er darf nämlich Nordrhein-Westfalen regieren, wo er bekanntlich nichts anderes tut, als den Kumpeln und Stahlarbei- tern Gutes. Drittens gibt's auch noch die Jugend und eine Menge kritisches Volk einzuseifen; dafür ist der dritte Mann da: "Oskar Lafontaine kümmert sich deshalb besonders um das Gespräch mit der jungen Generation und mit den Bürgerinnen und Bürgern, die sich in den neuen Bewegungen engagieren und die sich über ihn am ehesten mit sozialdemokratischer Politik identifizieren." (Vogel) Damit ist die neue SPD-Linie fertig. Ab sofort wird "gekämpft". Das heißt: Das neue Selbstbild der Partei wird der Regierung als Maßstab vorgehalten. Also: - Die Kohlmannschaft handelt aus oppositioneller Sicht "ohne Kon- zept". Wo der Kanzler und seine Crew täglich vermelden, daß die Rettung von Arbeitsplätzen nur über deren Abbau geht, daß man endlich mehr Kurzstreckenraketen in der BRD braucht, daß die be- stehenden Atomkraftwerke immer noch zuwenig sind und so weiter und so fort, da fällt der SPD ein, die Politik sei "mausgrau" (Hertha Däubler-Gmelin), ihr fehle es an "Geradlinigkeit" (Ehmke), eine "Orientierung wird nicht sichtbar" (Vogel). Mit ei- nem Wort: Führungsschwäche. Da kann die SPD schon mit anderen Konzepten aufwarten. - Wenn die Regierungskoalition auf Grund der anstehenden Land- tagswahlen nicht damit herausrücken will, daß sie die Kosten, die durch die Steuerreform entstehen, durch Erhöhung der Verbrauchs- steuern wieder reinholen will, weiß die SPD gleich, wie das zu machen ist: "Sagen Sie doch den Leuten, daß sie die Mehrwertsteuer erhöhen wollen!" oder auch anders: "Wenn beispielsweise der Ölpreis drastisch fällt, muß man über die Erhöhung der Mineralölsteuer nachdenken." (Lafontaine) - Wenn die Regierungskoalition befindet, daß im Bergbau 15000 Ar- beitsplätze überflüssig sind, dann weiß die SPD gleich, daß es dem Kohl und Genscher an Durchsetzungskraft gegenüber anderen EG- Ländern mangelt: "Es ist ein verheerender Fehler, daß die Bundesregierung die Wei- terzahlung von erheblichen Subventionen an die belgischen und französischen Stahlkonzerne zugelassen hat." (W. Roth) "Wir" sind doch schließlich der "stärkste Partner in der Gemein- schaft". Also hat doch die Regierung gefälligst auch hart gegen- über den anderen EG-Staaten aufzutreten und dafür zu sorgen, daß d o r t die Leute entlassen werden und weiter d e u t s c h e Kohle abgebaut wird. Ein "nationaler Energierat" soll her - das sind dann die Arbeitsplätze, die die SPD schafft. - Wenn die Regierung meint, deutsche Stärke am besten als Junior- partner der USA durchsetzen zu können, dann entdeckt die SPD einen Mangel an Eigenständigkeit dabei: "Vieles von dem, was Sie (Kohl) sagen, läßt Sie als Epigonen der Reagonomics, als Nachfahren einer konservativen Welle erschei- nen." (Vogel) Das ist doch wohl das allerletzte, immer nur auf die Amis zu set- zen, wo die SPD doch 13 Jahre lang gezeigt hat, wie gut man im Kielwasser der USA auf N a t i o n a l i s m u s machen kann. Ausgerechnet dem Europapolitiker Kohl werfen sie vor, zu wenig auf die Großmacht Europa zu setzen. So mausert sich die SPD zur nationalen Erweckungsbewegung, wo es wirklich keinen Nationali- sten mehr zu wecken gibt. zurück