Quelle: Archiv MG - BRD DEMOKRATISCHES-LEBEN SPD - Von den noch besseren Deutschen
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Diskussionsveranstaltung
Das stimmt friedlich. Dohnani verzichtet auf Bürgerkrieg.
EIN SIEG DER VERNUNFT? VON WEGEN.
ALLES EINE FRAGE DER STAATS-GEWALT
v. Dohnanyi - ein ehrenwerter Staatsmann
"Jetzt macht die Demokratie zum ersten Mal für mich wieder Sinn."
(von der SZ einem Autonomen in den Mund gelegt)
So sieht er also aus, der demokratische Staatsmann, wie ihn von
"taz" bis "Süddeutsche Zeitung" der mündige Bürger schätzt und
ehrt. Kein Schreibtischtäter, der mit weißer Weste und bestem Ge-
wissen den Aufmarsch der Polizei befehligt und großzügig auf ih-
ren Einsatz nur dann verzichtet, wenn er bedingungslosen Gehorsam
erpreßt hat, sondern besonnen, mutig, ehrlich und entschlossen -
eine respektheischende Verkörperung der Macht.
Er ist eine durch und durch widerliche Inszenierung, dieser Mann.
Die Machtfülle staffiert er - unter Mithilfe seiner journalisti-
schen Kammerdiener - aus.
Bewundern soll man ihn, weil er der "Stadt den Frieden" bewahrt
hat. - Denn: in ihm und an sonst niemandem lag die Entscheidung
über den Einsatz der aufgefahrenen Bürgerkriegspolizei.
Sorgenzerfurchte Entschlossenheit - während Polizei und Bundes-
grenzschutz den Einsatz vorbereiten. Ihr Zuschlagen samt den pro-
gnostizierten Leichen fällt schließlich in seine "Verantwortung".
Sachlich und gelöst - nachdem er die Räumung der Hafenstraße für
vorerst überflüssig erklärt bat. Ihm hat es schließlich die Stadt
zu danken, wenn der Ausnahmezustand abgeblasen wird.
Den Journalisten erscheint letzteres umso großartiger, als sie,
ganz die Stimme ihres Herren, bereits propagiert hatten: Jetzt
muß zugeschlagen werden, und eine ganze Woche lang die Prognose:
Tote und Verletzte fallen an, mit dem zynisch-heuchlerischen At-
tribut "leider unvermeidlich" versehen war. Und da gibt Dohnanyi
der Hafenstraße eine "letzte große Chance". Wo sie keiner mehr
für nötig befunden hätte, und alle bereit standen, dem
"Unvermeidlichen" mit ernster Miene Beifall zu zollen. Das ist
Führungsstärke. Jedenfalls verlangt die Selbstherrlichkeit des
Mannes an den Schalthebeln der Macht Respekt.
Gerade der Zeitpunkt, zu dem er selbst sich zur Notwendigkeit der
Räumung bekannte und sich diese Position gesteigerter Beliebtheit
bei seinen Senatskollegen und Opposition erfreute, war die schön-
ste Gelegenheit, das Bild des Führers vollkommen zu machen:
"Hinweggesetzt" hat er sich über alle, die sich an seiner Direk-
tive orientiert und den Einsatzbefehl gefordert haben. "Allein"
hat er seine "einsame Entscheidung" getroffen. Was in diesem Fall
bei den sonst so eifrig wachenden Pressedienern nicht ihren be-
liebten Verdacht der Willkürherrschaft befördert, sondern ganz im
Gegenteil: Einer, der ganz ohne "Mehrheit", ohne Rücksicht auf
das demokratische Machtgerangel entscheidet, das ist einer, der
wirklich regiert. Und verständnisvoll wird kolportiert, daß er
einfach "keine Lust" mehr hatte, seine Kollegen zu überzeugen,
daß es überhaupt eine Schande ist, daß er auf solche Umständlich-
keiten Rücksicht nehmen muß und damit seine wertvolle Zeit ver-
tut. Andererseits: Genau das hat ihn auf eine Idee gebracht, wie
sie gelungener gar nicht sein kann. Jenseits jeder
"Legitimation", ganz auf sein "Ehrenwort als Bürgermeister" hat
er seinen Entschluß gegründet. Sein Amt wollte er "zur Verfügung
stellen", wenn dieser nicht akzeptiert würde. Was für eine Geste!
Hier ist kein Barschel am Werk, der mit dem Ehrenwort eines Poli-
tikers Schindluder treibt, weil er es für seine Karriere miß-
braucht. Hier besteht einer darauf, daß sich die Herrschaft an
ihm und seiner Gesinnung entscheidet, die über jeden billigen Op-
portunismus erhaben ist. Ein Mann, der nicht nur die Macht hat,
sondern auch den Charakter, auf seiner Herrschaft zu bestehen.
Prompt fällt den Hofschranzen ein, daß diese Berechnung aufgehen
muß: die Karriere dieses Mannes ist über jeden Zweifel erhaben.
Die ganze Person gehört mit den Insignien der Macht ausgestattet.
Der ungenierte Personenkult ist gerade gut genug, denn alles
fällt glaubwürdig auf die Demokratie unserer schönen Republik zu-
rück. Und SZ, taz, Mopo und die anderen bemühen sich, die Selbst-
darstellung des Staatsmannes in allen Details verständlich zu ma-
chen. Moral, Geist und Macht vereinen sich zu einer unwider-
stehlichen Mischung. Sein Schreibtisch ist nicht der eines Tä-
ters, sondern "ähnelt der Studierstube eines Kunstprofessors"
(SZ). Solcher Feinsinn adelt. Sein Geist ist ohnehin
"großbürgerlich" und über die "miefigen Hamburger Verhältnisse
und seine mediokren Senatskollegen" (taz) erhaben. Eine Zumutung
fast, daß er hier regieren muß. Seine Gesinnung aber verlangt
das, denn die ist durch und durch untadelig (Mopo und tutti
quanti) - einer, der zum Führen geboren ist - da will nicht ein-
mal die taz mehr die Arroganz der Macht entdecken, die sie sonst
immer so bedauernd feststellen mußte. Sie ist berechtigt, bei all
der Mittelmäßigkeit um ihn herum. Wer wollte diesen Mann auch
noch an seine Taten erinnern, gar ihn daran messen. Seine Gesin-
nung gibt ihm recht. Wozu, das teilt er mit. Für die Staatsauto-
rität steht er gerade: ohne und mit Polizei. Das kann er gar
nicht martialisch genug ausdrücken. Daß er sich überhaupt mit dem
Pöbel von der Hafenstraße beschäftigt, macht Nachfragen überflüs-
sig. Dafür diktiert er der Presse dann ins Notizbuch, daß er sich
herabläßt, in aller Bescheidenheit daran zu erinnern, welche Ge-
sinnung er im Lande verlangt. Man muß "begreifen, daß wir alle
von der Rechtsordnung abhängen", und er ihr oberster Diener ist.
Sogar für Fehler entschuldigt er sich: Daß er es überhaupt soweit
hat kommen lassen und nicht schon früher für Ruhe gesorgt hat.
Selbst für die Hafenstraße hat er ein Wort übrig: Sie sind die
"Schwächeren in unserer Gesellschaft", und sofern sie sich brav
aufführen, werden sie von ihm sogar toleriert.
Dieser Mann ist das vollkommene Bild eines demokratischen Füh-
rers. Die unumschränkte Souveränität darf bewundert werden, denn
was könnte überzeugender sein, als die ungekürzte Darstellung des
Selbstgenusses, den die Macht denen bereitet, die sie haben.
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